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Stadt-Gesicht
erschienen in Ausgabe 133
Holger Krüssmann porträtiert den Gesamtkünstler Robert Kaller.

Auf dem Weg zu einem Treffen mit Robert Kaller in Dortmund: Im Stau auf der Ost-West-Achse des Ruhrgebiets, die einmal "Ruhrschnellweg" getauft wurde und schnell den Spitznamen "Ruhrschleichweg" verpasst bekam, bleibt reichlich Zeit zum Nachdenken darüber, was denn letztendlich das "Gesicht" von Städten ausmacht. Sind es die Eiffeltürme, Buckingham-Paläste, Brandenburger Tore oder die Unterföhrings, Marzahns und Köln-Kalks, aus denen sich der Stadtraum definiert? Umso mehr, wenn die Stadt zur "Stadt-Landschaft" in die Breite zersiedelt ist? Spitze oder Fläche, Sekt oder Selters?

Auf dem Weg zu einem Treffen mit Robert Kaller in Dortmund: Im Stau auf der Ost-West-Achse des Ruhrgebiets, die einmal "Ruhrschnellweg" getauft wurde und schnell den Spitznamen "Ruhrschleichweg" verpasst bekam, bleibt reichlich Zeit zum Nachdenken darüber, was denn letztendlich das "Gesicht" von Städten ausmacht. Sind es die Eiffeltürme, Buckingham-Paläste, Brandenburger Tore oder die Unterföhrings, Marzahns und Köln-Kalks, aus denen sich der Stadtraum definiert? Umso mehr, wenn die Stadt zur "Stadt-Landschaft" in die Breite zersiedelt ist? Spitze oder Fläche, Sekt oder Selters? Ich bin auf dem Weg zu einem Menschen, mit dem man über dieses Thema so "handfest" und dabei so feingeistig sprechen kann wie selten sonst. Robert Kaller ist, so wurde mir schon im Vorgespräch klar, sowohl Künstler wie Handwerker, ein Denkender und Handelnder nach bester anthroposophischer Tradition also, die man umso weniger dort erwartet, je städtischer, je finsterer sich die Umgebung ausnimmt.
Im vormals finstersten Stadtquartier von Dortmund, dem Brückstraßen-Viertel, begegnet mir ein behutsam, dabei konzentriert sprechender Mittvierziger vom Typ "stämmiger Niederrheiner". Den farbbekleckerten Overall unter den Arm geklemmt und in der Plastiktüte die Gummistiefel, wirkt er wie ein Bauarbeiter auf dem Nachhauseweg. In der Art, wie er bei unserem folgenden Rundgang durch das Viertel den Blick über Straßen und Plätze streifen lässt, könnte man in ihm ebenso einen zufriedenen Dorfpfarrer vermuten, der in seinem Sprengel etwas bewegt hat. In der Tat kann Kaller für sich beanspruchen, mit Hilfe von Kunst – bei entsprechendem bürgerschaftlichem Rückhalt – einem ganzen Stadtquartier ein neues Gesicht gegeben zu haben.

Neues Licht in dunklen Vierteln

Das Brückstraßen-Viertel, ältestes Viertel der Dortmunder Altstadt, war noch in den 90er-Jahren ein quasi aufgegebener Innenstadt-Vergnügungskiez, in dem sich urbanes Elend in Form von Drogenstrich, Junkie-Elend und Straßenkriminalität ballte. Eine restbürgerliche Struktur – hier ein Elektroladen, dort eine Samenhandlung und ein Friseur – japste ums Überleben, als die Stadt Dortmund sich in einem geradezu verwegenen Schritt dazu entschloss, den Neubau ihres Konzerthauses mit 1550 Plätzen wie ein UFO im Viertel landen zu lassen. Es galt in Folge, Haus und Quartier miteinander zu verbinden, womit sich für Robert Kaller die einmalige Chance ergab, Erkenntnisse aus der Goetheschen und Steinerschen Farblehre nicht nur auf einzelne Häuser anzuwenden, sondern auf ein ganzes Bauensemble, mehrere Straßenzüge, letztlich ein ganzes Stadtviertel.
Kaller schaut eine in Lasurtechnik angelegte, vom Blau ins lichte Gelb changierende Fassade hoch, lächelt, sagt: "Meine Chance war insofern einmalig, als einerseits ein starker zeitlicher und auch gesellschaftlicher Druck bestand. Zum anderen lag das Viertel derart am Boden, dass sich auch über die Eigentümergrenzen hinweg die Bereitschaft zu einer übergreifenden und – aus Sicht der Eigentümer – mutigen, weil nicht erprobten Lösung ergab. Zu sagen: Ich fange hier blau an und höre dort hinten gelb auf, und dazwischen liegen noch drei Grundstücke von anderen Eigentümern, bedingt eine Menge Überzeugungsarbeit." Inzwischen – zwei Jahre nach Umsetzung des lichten, luftigen Konzepts – hat sich alle Skepsis verflüchtigt, und Kaller kann seine Fassadenwerke mit Lob aus der Politik, jubelnden Pressestimmen und krakeligen Dankespostkarten aus der dritten Grundschulklasse garnieren: "Unsere Straße is fiel schöner gewordn und auch der Parkplatz, Nicole." Szenenwechsel: In einem kühl-nüchternen Seminarraum einer Ruhrgebietsstadt finden wir Kaller vor einem teils interessiert, teils skeptisch dreinblickenden Auditorium. Vertreter/-innen einer örtlichen Bürgerinitiative sind da, Lokalpolitiker, Profis aus der Wirtschaftsförderung und von der IHK, Hausbesitzer, Handwerksmeister, ein Pfarrer. Je nach Informationsstand und Interessenslage folgen sie dem Vortrag aufmerksam oder mit grauschläfigem Bedenkenträgergesicht. Kaller, nun nicht mehr farbbekleckst, hat hinter sich plakatgroße Fotos an die Wand gepinnt. Sie zeigen Vorher-Nachher-Situationen aus dem öffentlichen Raum. Die "Vorher"-Variante ist jedem vertraut, der sich durch die B-, C- oder D-Lagen der Innenstädte bewegt oder in den Ecken unterwegs ist, die in der Sprachregelung der hier Versammelten euphemistisch "Bezirke mit besonderem Erneuerungsbedarf" heißen: Die Bilder zeigen ein graumausiges Gemenge aus blättrig-rußigen Fassaden, Klinkerriemchen-Verkleidungen der Parterregeschoße, Dönerbuden-Reklamen, Grafitti und Baulückenzäunen. Straßenfluchten dämmern vor sich hin und provozieren den von Reisereklamewänden gestützten "Bloß-weg-hier-Instinkt". Bestenfalls lässt sich hier in milder Resignation Frieden schließen mit den überfrickelten, noch immer sichtbaren Kriegsnarben, den 70er-Jahre-Bausünden und einem von vielen Baumärkten genährten, privaten Verschönerungsbedürfnis: Schließlich leben hier ausnehmend freundliche, verträgliche Menschen, und die Mieten sind auch bezahlbar. Im Ruhrgebiet gibt es noch eine Menge dieser Ecken. Noch immer ziehen mehr Leute von dort fort als dorthin, auch wenn schon lange die "Brikezz nich mehr durche Luft fliegen" und allenthalben eine Menge Fassadenfarbe verstrichen, verrollt und verspritzt wurde. Die "Nachher"-Variante zeigt dieselben Ecken und Häuserfronten, die sich jedoch nicht mehr gleichen. Die Häuser präsentieren sich in anderer Farbe, auf eine neue, eigene Weise leuchtend. Nicht etwa "angestrichen", sondern auf eine Art "strahlend", wie es der Redner seinem inzwischen aufmerkenden Publikum als einen nicht nur technischen Prozess erklärt. Die Bilder und Kallers ruhig-unprätentiöser Vortrag haben Wirkung. Auch die Innungsmeister haben jetzt ihre Kulis herausgeholt und schreiben mit. Bevor es im Einzelnen um die technische Ausführung, das politische Wollen und auch den Renditefaktor geht – Grundeigentümer haben zu entscheiden und zu zahlen –, spricht Kaller von "Leben". Dabei nimmt er Worte in den Mund, die an dieser Stelle selten bis nie zu hören sind. Auf vergleichbaren Veranstaltungen spricht es sich gemeinhin über Einzelhandelsperspektiven, Kundenströme, Verkehrsführungen, Gullydeckel und den demographischen Faktor – kurz, über die Stadtentwicklung in jenem technologischen bis ökozentrischen Verständnis, die uns die Städte, die wir bewohnen, fremd werden lassen.
Kaller redet stattdessen von "leidvollen Wahrnehmungen", psychischer Verelendung, dem Gefühl von Weg- und Ausweglosigkeit. Er nennt Grafitti "Lebens-äußerungen und Hilferufe im städtebaulichen Unraum". Bei den Hausbesitzern räuspert es sich, was Kaller mit der belegbaren Erfahrung kontert, dass gestaltete Flächen eine Art der persönlichen Aura vermitteln, die sie für die Sprayer (in ihrem rebellierenden Selbstverständnis auch Gestalter) "respect"-würdig machen. Kaller erzählt davon, dass auch die übelsten Angsträume so gestaltet werden können, dass sie ihre Angst- oder Aggressionsaura verlieren und fortan nicht mehr zerkratzt, besprayt, vollgekotzt oder sonstwie ramponiert werden: S-Bahnunterführungen, Schuleingänge, Pausenhallen. Er zitiert den zu Beginn einer Arbeit oft gehörten, resignierten Hausmeisterspruch: "Machen Sie sich doch nicht die viele Arbeit. Keine zwei Monate, dann sieht das wieder wie vorher aus." "Schauen Sie", wendet sich Kaller an die Hausbesitzer, "das Foto hier wurde zwei Jahre, nachdem ich fertig war, aufgenommen." Er reicht das Bild des Schuleingangs einer Gesamtschule herum, der zwar einige Gebrauchsspuren zeigt, doch keinen Hausmeister mehr granteln lässt. Kaller berichtet zur Illustrierung seiner sozialen Wirkung vom jugendlichen Macho-Chef einer Vorstadt-Gang, der sich fast in einen Tobsuchtsanfall hinein schimpfte und ihn – zur Verwunderung der Passanten und seiner halbstarken Kumpane – anschrie, er wolle diesen ganzen bunten Scheiß hier nicht, Kaller solle vom Gerüst kommen und verschwinden. Kaller blieb oben und reflektiert später den Ausraster des genervten Nachwuchs-Mobsters: "Er hatte instinktiv und weit vor seinen Kumpanen erkannt, dass seine Position in einer Verelendung ausstrahlenden Umgebung eine ganz andere und wesentlich stärker ist als in einer lichten und lebensfreundlich strahlenden Aura. Die Häuser wirken in den Platz hinein, an dem sie stehen, und damit fühlte er sich in seiner Stärke untergraben." Der Aspekt von "Wirkung" nimmt in Kallers Künstler-Selbstverständnis eine Schlüsselstellung ein: "Eine Schule, ein Kindergarten, ein Krankenhaus oder eine Hausfassade, ein Bürohaus oder Privathaus funktionieren nicht allein dann gut, wenn alle technischen Fragen gelöst sind. Sondern es stellt sich auch die Frage nach den Gefühlen der dort lebenden Menschen. Diese ‚Stimmung‘ zu gestalten, ist Aufgabe des Künstlers, der sich in soziale Zusammenhänge stellt.Um diesen Dienstleistungsanspruch von Kunst einzulösen, braucht es Künstler, die sowohl handwerklich als auch gestalterisch konkurrenzfähig und den Anforderungen im Bauwesen gewachsen sind." Fassadengestaltung ist, anders als Sanierung im Hausinneren, zunächst eine Investition, die gar nicht für die Bewohner des Hauses selbst wirkt, sondern in die Allgemeinheit hinaus. Wer einmal durch eine Stadt geht und daraus eine positive Erinnerung mitnimmt, wird in seiner Wertung entscheidend durch die Fassadengestalt dieser Stadt beeinflusst sein. Dabei geht es Kaller, der in den 70er-Jahren als Schüler von Heinz-Georg Häußler und als einer der ersten Absolventen die anthroposophische Akademie in Alfter durchlief, wohlgemerkt nicht um eine bildliche Darstellung auf einem Bauwerk: Letztere kann im Einzelfall Aufmerksamkeit erzeugen und – wenn stimmig – als solitäres Erkennungsmerkmal oder auch Wahrzeichen dienen. Sie lässt sich jedoch kaum auf einen ganzen Stadtteil übertragen. Die nicht an Bilder gebundene künstlerische Gestaltung von Hausfassaden greift demgegenüber viel tiefer in die Wohnumgebung ein und setzt über Farbe Prozesse in Gang. Das "neue Licht", in dem die Straßenzüge nun erscheinen, hat nachweislich Einfluss auf die dort lebenden Menschen, ihre Aggressionen, ihre Einstellungen und ihr Verhalten.

Farbenzauber

Wenn nun nach dem "Geheimnis" der strahlenden Fassaden gefragt wird, verweist Kaller auf die in der anthroposophischen Architektur beheimatete Methode der Lasurtechnik, die von ihm als technisches und gestalterisches Wagnis von der Verwendung in Innenräumen auf den großflächigen Einsatz im Außenraum übertragen wurde. Heute werden Lasuren als Wischtechnik, dynamisch in Farbverläufen etc. vielfach im modernen Bauen angewendet, völlig unabhängig von Weltanschauungen und Funktionen. Wände in Privathäusern, Fernsehstudios, Flughäfen, Industrieunternehmen, Krankenhäusern, Altenheimen oder Schulen sind durch einen bewegten Farbauftrag belebt, durchscheinend, weil lichtoffen. Das Verfahren geht auf Rudolf Steiner zurück, der es um 1910, angeregt von Malern wie William Turner, entwickelte. Bei der Lasurtechnik lässt sich ein zunächst scheinbar ähnliches Plagiat vom Original methodisch und technisch leicht unterscheiden. Eine mit deckenden Farben gestrichene oder auch gewischte Wand mit einem stumpfundurchsichtigen Oberflächencharakter wirkt immer wie von außen beleuchtet und wirft graue Schatten. Demgegenüber ist die lichtoffene Lasur in ihrem Aufbau der Aquarelltechnik verwandt, d.h. ihrem weißen Untergrund kommt als erstem Bildträger eine zentrale Bedeutung zu. Im sukzessiven Auftragen der wässrig-transparenten farbigen Lasuren auf dem weißen Bildträger kommt es zu einer schrittweisen Sättigung. Die Zerlegung des einfallenden Lichtes findet in allen Schichten des Farbkörpers statt, und das Licht dringt bis zum weißen Bildträger vor. Seine Helligkeit reflektiert dort durch das relativ lockere Pigmentgefüge zurück zur Lichtquelle. Der Blick des Betrachters folgt diesem Weg in die Bildtiefe und zurück. Der Farbauftrag geschieht in der Regel mit Flächenstreichen aus einer rhythmischen Bewegung. Es ergibt sich also keine homogene Flächigkeit, sondern eine fluide, im Licht oszillierende Struktur: Die Fläche scheint zu "atmen" und ist nicht mehr das Ende, die Begrenzung, sondern Teil eines Raums. Im Ruhrgebiet könnte die Nutzung dieses überall einsetzbaren Prinzips neben seinem unmittelbar "erhellenden" Aspekt zugleich ein Zeichen für einen möglichen Paradigmenwechsel bedeuten: Die Vergangenheit im engen Verbund mit Kohle und Stahl ist in einer Vielzahl von grau-schwarz-braunen Fassaden zu bemerken. Die von harten und extremen Arbeitsbedingungen geprägte Atmosphäre hatte auch in der Gestaltung der Häuser einen "Überlebenscharakter" reflektiert. Im Zug der Entwicklung zu einer Dienstleistungsgesellschaft ist nun "Leben" zurückgekehrt. Der Künstler Robert Kaller steht für den Versuch, diesen Strukturwandel zu visualisieren.

Mit dem Leben verbundene Kunst

Das Brückstraßen-Viertel generiert ein "Erlebnis": Das Publikum, über das Konzerthaus zum Bleiben motiviert, hetzt nicht mit hochgeschlagenem Kragen in die Parkhäuser. Ein solcher Impuls wirkt nicht nur auf die Stadt selbst. Mit dem Slogan "Dortmund ist schön – Besuchen Sie uns!" vermarktete die Kommune die Gestaltung nun landesweit und generierte in Folge Kaufkraft und Publikum im Stadtzentrum – ganz gegen den allgemeinen Trend. Das Slumquartier ist inzwischen zu einem Vorzeigequartier gewandelt. Es entstanden neue Infrastrukturen und damit verbunden Wertsteigerungen der Immobilien. Damit wird der Künstler und Gestalter zum Homo politicus. Hat er damit Probleme, zugleich Künstler und so merkantil zweckdienlich zu sein? Kallers Credo: "Mein Kunstbegriff ist, dass ich wirklich auf dem Gerüst stehe, dass ich mit den Menschen wirklich rede, dass ich mich – in einer Leiden erzeugenden Umgebung – auch in dieses Leiden hineinbegebe. Die Deutsche Bahn hat einmal einen Auftrag an mich vergeben, drei Bahnhöfe zu gestalten bzw. zu charakterisieren, wie man sie weiterentwickeln kann. Und ich bin wirklich mehrmals 24 Stunden auf diesen Bahnhöfen gewesen. Ich habe festgestellt, dass die Oma, die z.B. auf dem Bahnsteig 1 eine Fahrkarte braucht, von dort aus den Fahrkartenschalter nicht findet. Das sind Dinge, die – wie man meint – fernab vom Gestalterischen liegen. Ich gehe mit einer Künstlerwahrnehmung dahin und erleide die Situation im Versuch, um Lösungen zu finden, die dann für die Menschen auch stimmen. Die Arbeitweise des Künstlers wird es in Zukunft sein, in diesen Kreis wieder einzusteigen, der früher selbstverständlich war: Man wird den Architekten beauftragen, die Handwerker, und man wird den Künstler beauftragen, der zeitgleich mit den anderen Funktionsträgern die Frage stellt: Wie wirkt das Gebäude auf die Menschen, wie sind die Emotionen, die von ihm und in ihm ausgelöst, blockiert oder unterstützt werden? Das Berufsbild, das ich habe, ist es, als Künstler ganz ‚normal‘ integriert zu werden in die Baulandschaft, so wie es jetzt eben auch schon stattfindet.

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Krüssmann, Holger

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