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Matriarchat und der Weltfrieden
erschienen in Ausgabe 133
Peggy Reeves Sanday berichtet über die Lehren der Minangkabau in Indonesien.

Dass Matriarchat „Frauenherrschaft“ bedeutet, ist ein großes Missverständnis, wie die Anthropologin Peggy Reeves Sanday belegt. Für eine friedliche Gesellschaft kommt es gerade nicht auf Herrschaft an, sondern auf Werte, die dem Frieden dienen. Die Sozialordnung der von Reeves Sanday erforschten matrilinearen Gesellschaft der Minangkabau in Indo­nesien basiert auf Werten wie Pflege des Lebens, Schutz der Schwächeren und Verhandlungsbereit­schaft. Es ist eine soziale Hochkultur, deren grundlegende Anschauungen den hohen Idealen der westlichen Demokratien entsprechen – weit entfernt von einem angeblich frühen Stadium der Mensch­heitsevolution, zu dem matriar­chale Gesellschaften häufig herabgewürdigt werden.

Die Minangkabau sind als eine der größten ethnischen Gruppen Indonesiens, die in ihrer Heimatprovinz in West-Sumatra ungefähr vier Millionen Menschen zählt, für ihr matrilineares Sozialsystem und ihre matriarchalen Werte bekannt, obwohl sie dem Islam angehören. In Indonesien sind sie außerdem für ihre Geschäftstüchtigkeit und ihr literarisches Flair berühmt. Sie haben Banken, Buchläden und Institutionen für höhere Schulbildung in den Städten sowie Schulen und Schulspeisung in den Dörfern. Das macht diese moderne Gesellschaft umso interessanter in einer Welt, die von Konflikten, Streit und männlicher Dominanz geprägt ist. Von 1981 bis 1999 besuchte ich West-Sumatra fast jedes Jahr, um herauszufinden, was die Minangkabau unter ihrem "Adat-Matriarchat" verstehen, ein Begriff, den sie für ihre matriarchalen Bräuche benutzen. Im Folgenden untersuche ich die Beziehung zwischen diesen Bräuchen und der Friedfertigkeit des gesellschaftlichen Lebens der Minangkabau. Ich möchte zeigen, dass sich matriarchale Werte aus einer Gesellschaftsphilosophie ergeben, in welcher der Schwerpunkt auf Kooperation liegt. Aus der Sicht der Minangkabau handelt es sich bei Matriarchat nämlich nicht um die "Herrschaft der Frauen", sondern um soziale Prinzipien und Werte, die in der Bedeutung der Mutter verankert sind. Beide Geschlechter machen sich diese zu eigen, um für das gemeinsame Gute und das gemeinsame Wohlergehen zusammenzuarbeiten. Genauso wie sie die empfindlichen Reissämlinge bei der Keimung in Gewächshäusern pflegen, bevor sie in die Felder ausgepflanzt werden, und wie sie die jungen Schösslinge dann sorgsam wässern und das Feld jäten, bis sie stark geworden sind, so pflegen die Minangkabau die Schwachen und Verletzbaren in ihrer Gesellschaft, insbesondere Mütter und Kinder, damit die Gesellschaft stark wird. Meine Analyse beruht auf meiner teilnehmenden Beobachtung ihres Lebens in Dörfern und Städten des Hochlandes, dem Herzland der Kultur der Minangkabau, und auf Interviews mit Intellektuellen und religiösen Würdenträgern in der Hauptstadt an der Küste. Diese Quellen erschließen eine einzigartige Vision einer Gesellschaft, in der matriarchale Werte sowohl in der Naturphilosophie wie in der sozialen Realität ihren Ausdruck finden.

Die Natur ist die Lehrerin

Die Sozialphilosophie der Minangkabau unterscheidet sich tiefgreifend von den westlichen Anschauungen, die den Wettbewerb und das Überleben der Stärkeren betonen. Das Werden und Wachsen in der Natur ist das Modell, auf dem die Minangkabau ihren Gesellschaftsvertrag gründen. Von diesem Modell leiten sie das Prinzip ab, dass Nähren und Pflegen das primäre Fundament der Gesellschaftsordnung ist. In einem wohlbekannten Sprichwort drücken sie dieses Prinzip aus: "Nimm das kleine Schnitzmesser und mache einen Stock aus dem Holz des Lintabuang-Baumes. Sogar die Hüllen der Pinang-Blumen werden wieder zu neuen Saaten. Genauso kann ein Tropfen Wasser zu einem Meer werden. Genauso kann eine Faust voll Erde zu einem Berg werden. Das Werden und Wachsen in der Natur ist unsere Lehre." Dieses Sprichwort führt die naturbezogene Grundlage sowohl für das Matriarchat als auch die Regel der Matrilinearität bei den Minangkabau ein. Als ich die Leute nach einer Deutung dieses Sprichworts fragte, antworteten sie gewöhnlich, dass sie die Regeln für Kultur den guten Aspekten der Natur entnehmen. Ibu Idar, eine leitende Frau und meine Gastgeberin in dem Dorf, in dem ich lebte, erklärte mir, dass die Nachahmung der Natur die Menschen nicht nur lehrt, was das Leben unterstützt, sondern auch, was es zerstört. Sie sagte: "Unser Adat (Stammesgesetz der Minangkabau) lehrt uns, das Gute aus der Natur nachzubilden und das Schlechte wegzuwerfen." Das Sprichwort sagt, dass alles, was in der Natur wächst, das Nötige für die elementaren Bedürfnisse von Nahrung und Schutz bietet (die drei ersten Zeilen). Das soziale Wohlergehen gründet auf der natürlichen Fruchtbarkeit und dem Wachstum, denn alles, was in der Natur sich entfaltet, blüht und wächst, lehrt zugleich, wie es in der menschlichen Gesellschaft sein soll (die drei nächsten Zeilen). Wie Pflanzen aus Keimlingen wachsen und Bäume aus eingepflanzten Zweigen, wie das Meer aus einem kleinen Rinnsal entstehen kann und Berge aus einem Erdklumpen, so sollen es auch die Menschen tun. Genauso wie die Keimlinge in der Natur müssen auch die Menschen und die menschlichen Gefühle geduldig gehegt und gepflegt werden, damit sie erblühen und zu ihrer vollen Stärke wachsen können. Daher ist Pflege das natürliche Gesetz, dem auch die Menschen folgen sollen, wenn sie die gesellschaftlichen Regeln aufstellen. Viele Adat-Gelehrte und Intellektuelle in den ländlichen und städtischen Gebieten West-Sumatras schreiben über die Bedeutung der Natur in der Adat-Sozialphilosophie. Pak Idrus Hakimy, ein religiöser und gesellschaftlicher Lehrer, dessen Sprichwort-Bücher weithin gelesen werden, schreibt: "Wir studieren alles, was uns umgibt: das menschliche Leben, die Tiere, die Pflanzen, die Berge, Hügel und Flüsse. Die Natur umgibt uns bei allen Ereignissen unseres Lebens. Wir ahmen das Gute in der Natur nach und werfen das Schlechte weg. Genauso wie die Natur umgibt uns auch das Adat." Taufik Abdullah, ein sehr bekannter Sozialwissenschaftler der Minangkabau, zitiert ein Sprichwort, das noch einen Schritt weiter geht, indem es das Adat als heilig bezeichnet, weil es einen primären Aspekt der Natur selbst darstellt: "Als noch nichts existierte, auch das Universum nicht, und es weder Erde noch Himmel gab, da existierte schon das Adat." Demgemäß ist das Prinzip der matrilinearen Abstammung ein Ergebnis davon, dass das Adat als in der Natur immanent angelegt gesehen wird. Pak Hakimy bestätigte es in einem Interview: "Das matrilineare Adat ist in Übereinstimmung mit der Pflanzen- und Tierwelt in der Natur. Denn hier kann man sehen, dass es die Mutter ist, welche die nächste Generation trägt, und dass es wiederum die Mutter ist, welche die Jungen ernährt und großzieht. Wie wir alle wissen, stammt das Adat der Minangkabau aus der Natur gemäß dem Sprichwort: Das Werden und Wachsen in der Natur ist unsere Lehre. In der Natur wird alles, was zur Welt kommt, von der Mutter geboren, nicht vom Vater. Vom Vater hat man nur dann Kenntnis, wenn die Mutter ihn nennt. Das Adat stellt ausdrücklich fest, dass die Mutter den Kindern am nächsten ist, sie ist deshalb bei der Prägung aller Generationen bestimmender als der Vater. Daher ist es unsere Aufgabe, die Frauen und ihre Nachkommen zu schützen, denn sie sind auch schwächer als die Männer. Doch so wie in der Natur das Schwache zum Starken wird, genauso müssen wir im menschlichen Leben das Schwächere zum Stärkeren machen. Wenn die Mutter ihr eigenes Kind verlässt oder es nicht anerkennt, dann gibt es das Adat, um die Abstammungslinie des Kindes anzuerkennen und sein leibliches Wohl zu sichern."

Die Rolle des Vaters

Eine ähnliche Gesinnung wurde von einem Adat-Lehrer in dem Dorf geäußert, in dem ich viele Jahre lang lebte. Dr. Nago Besar erklärte mir, dass das matrilineare System ursprünglich dafür erfunden wurde, damit Kinder immer eine Familie, immer Nahrung und angestammtes Land haben. Er stellte die rhetorische Frage: "Wenn ein Kind ohne einen Vater geboren wird, oder wenn wir nicht wissen, wer der Vater ist, wo findet es dann Nahrung, Land und Sippenhaus und später seine Würden? Wie beim Werden und Wachsen in der Natur wissen wir immer, von wem das Kind stammt: von der Mutter." Diese Gesinnung sollte man jedoch nicht als eine Bestätigung für die Annahme der Evolutionstheoretiker des 19. Jahrhunderts in Europa und den USA betrachten, nach denen die Matrilinearität sich nur aus Unkenntnis über die Rolle des Vaters bei der Empfängnis ergeben hätte. Das 19. Jahrhundert war eine Zeit, in der es zahlreiche Spekulationen über eine Epoche in der kulturellen Evolution der Menschheit gab, in der die Frauen geherrscht haben sollen. Ob diese Epoche nun "Mutterrecht" oder "Matriarchat" genannt wurde, spielte weniger eine Rolle als die allgemeine Überzeugung, dass die Herrschaft der Frauen früher existierte als das Patriarchat und allein auf der Unwissenheit über die Vaterschaft beruht haben soll. Ich bezweifle, dass das Unwissen über die Rolle des Vaters bei der Empfängnis die matriarchalen Werte in irgendeiner dieser Gesellschaften in Geschichte und Gegenwart erklären kann. Man kann sich nur darüber wundern, weshalb die westlichen Sozialwissenschaftler unfähig scheinen, die Bedeutung der Frauenzentriertheit anderer Gesellschaften in keinen anderen als den eigenen männlichen Begriffen zu verstehen. Die Minangkabau wissen sehr wohl über die biologische Rolle des Vaters Bescheid, aber sie ziehen es vor, sie zugunsten des Wohlergehens der Mutter-Kind-Bindung auszublenden. Sie sind der Auffassung, dass die Männer sich selber schützen können, Mütter und Kinder hingegen die Unterstützung der Gesellschaft brauchen. So erklärte es mir Pak Hakimy: "Bei uns erhöhen wir die Schwachen anstelle der Starken. Den Frauen müssen mehr Rechte gegeben werden, weil sie die Schwächeren sind. Die jungen Männer müssen vom Dorf weggeschickt werden, um ihre Männlichkeit zu beweisen, so dass keine Konkurrenz zwischen ihnen und ihren Schwestern entsteht." Das heißt nicht, dass es hier keine Rolle für den Vater gibt, sie ist nur nicht mit der Weitergabe der matrilinearen Eigentumsrechte verknüpft. In Übereinstimmung mit der Tendenz der Minangkabau, das Werden und Wachsen statt Konkurrenz und Aggression zu betonen, ist auch ihre Vorstellung von der Rolle des Vaters am Modell der Ernährung und Pflege in der Natur orientiert. Wieder vermittelt ein Sprichwort diese Botschaft: "Sei wie die Farnblattranke und die Balimbing-Nuss, schüttle die Schale der Kokosnuss, pflanze Pfeffer mit den Wurzeln, bette dein Kind und geleite deinen Schwestersohn, denke an deine Dorfgenossen, schütze dein Dorf vor Zerstörung und halte die Tradition aufrecht." Die Zeilen dieses Sprichworts beschreiben die Erwartungen, die an die Rollen des Vaters und des Onkels mütterlicherseits geknüpft sind. Wie die noch junge Farnblattranke nach innen hin eingerollt ist, so soll ein Vater schützend die Familie, die Bräuche und die Dorfangelegenheiten umgeben. Und wie das Farnblatt sich später in umgekehrter Richtung nach außen entfaltet, so soll der Onkel als Geleiter seine Schwesterkinder (Nichten und Neffen) führen. Als Vater wird vom Mann erwartet, seine Kinder "zu betten", d.h. sie zu lieben, und als Onkel soll er seine Schwesterkinder, insbesondere seine Neffen, erziehen. Pak Hakimy erzählte mir: "Der Onkel kommt, wenn seine Schwester ihn ruft, um ihre Kinder zurechtzuweisen. Denn eine Mutter sagt zu ihrem unartigen Kind: ‚Schau, dein Onkel kommt! Bitte sei brav!‘ Von Vätern und Onkeln wird erwartet, dass sie kooperieren, um die Familien ihrer Schwestern und ihrer Ehefrauen finanziell zu unterstützen."

Die große Bedeutung der Verhandlung bei Problemlösungen

Die Minangkabau legen größten Wert auf Schlichtung und Konsens bei der Lösung von Konflikten. Ein hervorragendes Beispiel, wie Schlichtung bei ihnen zustande kommt, ist die Geschichte, welche die Minangkabau über die historische Verbindung ihres matrilinearen Adat mit dem patriarchalen Islam erzählen. Auch diese Geschichte beginnt mit einem Sprichwort: "Das Adat kam herunter, der Islam kam herauf." Das heißt, das Adat entstand vor langer Zeit im inneren Herzland der Minangkabau-Kultur in den Bergen – manche sagen, lange vor Christi Geburt – und wanderte hinunter in die Küstenregion. Der Islam kam viel später, er wurde zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert von Händlern in die Küstenregion gebracht und wanderte hinauf in die Berge. Beide schlossen einen Kompromiss und lebten seitdem in friedlicher Koexistenz nebeneinander, bis einige wohlbekannte islamische Offizielle, die in Mekka ausgebildet worden waren, die Minangkabau-Kultur von den Adat-Bräuchen, wie beispielsweise der Matrilinearität, zu reinigen gedachten. Aber diejenigen, welche den ersten Kompromiss zwischen Adat und Islam als gültig betrachteten, bildeten eine Allianz zum Schutz ihrer heiligen Adat-Tradition gegen die puristischen Tendenzen dieses lokalen islamistischen Angriffs. Die Auseinandersetzung führte zum Padri-Krieg im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, und der gemäßigte Flügel gewann diesen Krieg mit Hilfe der Holländer. Der neue Kompromiss zwischen Adat und Islam schloss die Aufhebung einiger Adat-Praktiken ein, wie zum Beispiel Spiel um Geld, und stärkte dafür andere. So wurde die Matrilinearität, der Hauptpunkt des Adat, zur heiligsten Kategorie der Adat-Bräuche erklärt, gleichrangig mit dem Heiligsten im Islam. Sie ist nun der einzige Adat-Brauch, der so heilig ist, dass er – wie der Islam – nicht verändert werden kann. Weil beide als von der Gottheit gestiftet betrachtet werden, können sie sich weder widersprechen noch miteinander konkurrieren. Dieser neue Kompromiss zwischen Adat und Islam ist ein exemplarisches Beispiel für die Unterscheidung, die in der islamischen Welt häufig zwischen dem kulturellen und dem politischen Islam gemacht wird. Der politische Islam (auch Islamismus genannt) intendiert die völlige Zerstörung einer lokalen Kultur, um nach den Gesetzen des heiligen Buches, des Koran, herrschen zu können. Wegen des Ausgangs des Padri-Krieges und des Kompromisses zwischen Adat und Islam in West-Sumatra besteht dort stattdessen der kulturelle Islam, den man in jenen Teilen der islamischen Welt findet, wo lokale Kulturen die "fünf Säulen des Islam" anerkennen, diese jedoch synkretistisch mit ihren eigenen, älteren Traditionen verbinden. Die große Bedeutung dieses kulturellen Islam in West-Sumatra wurde mir noch klarer in den Stunden nach der Katastrophe vom 11. September 2001 in New York. Während meines Besuchs bei den Minangkabau im August 2002 kam das Thema Bin Laden mehrmals zur Sprache. Obwohl er für manche der islamische David war, der sich dem amerikanischen Goliath entgegenstellte, war er kein Führer, dem man folgte. Die Leute, mit denen ich sprach, sagten, dass der Islam, der sie gelehrt wurde, Gewalt und den Gebrauch von kriegerischen Mitteln verbiete. Sie betonten dabei die Praxis der Minangkabau, gesellschaftliche Ziele durch Verhandlung und Diskussion zu erreichen, aber nicht durch Gewalt. Ein Mann sagte, dass seine islamische Erziehung die Wichtigkeit betone, auch an andere zu denken. "Tue anderen das, was du wünschst, dass andere es dir tun!", so erklärte er mit vielen Worten. Das Thema Bin Laden und die Katastrophe vom 11. September 2001 gab den Anstoß für viele Kommentare über die Gefahren der Globalisierung. Ganz klar fühlten die Leute in West-Sumatra, dass diese Katastrophe ein Schrei gegen eine Globalisierung von der Art war, wie sie jetzt in der Welt stattfindet. Dennoch stimmten sie der islamistischen Lösung nicht zu. Es gibt zwei Arten der Globalisierung, die den Intellektuellen der Minangkabau Sorgen machen: der westliche Kapitalismus und der anti-westliche Islamismus. Die städtischen Fachleute und Intellektuellen lehnen beides gleichermaßen ab als "eine Kollision zwischen zwei Arten des politischen Universalismus". Sie drücken ihre Sehnsucht nach einem humaneren Modell der Globalisierung für ihr Land und die Welt aus, das auf kulturellen und spirituellen Werten im Sinn von Ausweitung der Demokratie und Schaffung guter Regierungen beruht. Mit gewissem Stolz erklären Intellektuelle der Minangkabau nämlich, dass die Sozialphilosophie und die Praxis des Adat die erste wahre Demokratie der Welt darstellen, denn sie hätten schon vor Jahrtausenden begonnen. Und sie fügen hinzu, dass Demokratie in der heutigen Welt auch heißt, lokale Kulturen vor dem Übergriff des westlichen Materialismus wie des militanten Islamismus zu schützen.

Matriarchat ist keine Frauenherrschaft

Auf der Grundlage meiner Forschung zum Adat-Matriarchat im dörflichen Leben der Minangkabau widerspreche ich der westlichen Definition von Matriarchat als "Frauenherrschaft". Matriarchat als das Spiegelbild des Patriarchats zu definieren, ist die Folge von zwei falschen Annahmen: Die erste ist, dass Frauen so wie Männer sein müssen, um eine zentrale Position in der Gesellschaft innezuhaben. Die zweite ist, dass gesellschaftliche Prominenz für jedes Geschlecht nur auf Macht – wie wir sie im Sinn von Macht über andere kennen – beruhen soll. Keine von beiden Annahmen stimmt mit der Wichtigkeit überein, die demokratische Werte und die Bedeutung der Mutter im täglichen Leben der Minangkabau haben. Wenn Matriarchat entweder als Frauenherrschaft oder nur als Kult von Muttergöttinnen verstanden wird, dann macht uns das blind für die gesellschaftliche Komplexität der symbolischen und tatsächlichen Rolle der Frau in solchen Gesellschaften. Weil sie keine Beispiele dafür finden, dass Frauen die Herrschaft auf Erden oder im Himmel ausüben, suchen die Mainstream-Wissenschaftler auch gar nicht weiter, sondern proklamieren die universelle männliche Dominanz. Das ist ein großer Fehler, denn er unterschätzt die vitale Rolle, welche die Bedeutung der Mutter in vielen Gesellschaften hat, um das Sozialgefüge und das menschliche Wohlergehen aufrechtzuerhalten. Wenn man an die gesellschaftliche Bedeutungsvielfalt der Symbolik der Minangkabau denkt, die einen weitverzweigten Webteppich von Werten bildet, dann treten als Hauptthema die sich gegenseitig unterstützenden Rollen von Adat-Matriarchat und Islam hervor. Der eine ermöglicht eine Verteidigung gegen die destruktiven Folgen des westlichen Kapitalismus, das andere schützt vor der Gleichschaltung mit dem vereinfachenden anti-westlichen Islamismus. Die gemeinsame Kraft dieser Verbindung wirkt wie ein Wall gegen den Verfall beider Geistesgüter. Denn gestützt durch die Religion kann das Adat der globalen kapitalistischen Formierung, die auch Indonesien überschwemmt, besser widerstehen. Und mit starken Wurzeln in der Adat-Praxis kann der kulturelle Islam besser den militanten islamistischen Tendenzen widerstehen. Die Adat-Zeremonien, die von den Frauen organisiert werden, spielen in diesem Kampf eine wesentliche Rolle, indem sie die jungen Männer, die sonst von der Anziehungskraft des politischen Islam verführt werden könnten, an ihre kulturellen Wurzeln und Verantwortlichkeiten erinnern. In einer Welt, in der die jungen Männer in vielen Ländern ihren kulturellen Rückhalt verloren zu haben scheinen und sich unterschiedsloser Gewalt zuwenden, stellt es eine Hoffnung dar, dass es Gesellschaften wie die Minangkabau gibt. Obwohl ich nach West-Sumatra ging, um dort die weibliche Macht zu erforschen, kam ich viele Jahre später mit einem viel differenzierteren Verständnis nach Hause, was matriarchale Werte in der Welt bewirken können. Es ist nicht die weibliche Macht an sich, die zählt. Der Schlüssel sind die Werte. Wenn sie konkurrenz- und kampforientiert sind – so wie die Cowboy-Mentalität, die sich in der Selbstdarstellung der nationalen Identität von Nordamerika in der heutigen Welt in beschämender Weise zeigt –, dann ist es egal, welches Geschlecht herrscht, weil das Ergebnis dasselbe sein wird: Anmaßung, Gewalt und Präventiv-Kriege. Wenn andererseits Werte das gesellschaftliche Denken bestimmen, die zugunsten von Gleichheit und Menschenrechten, für die Kinder und Armen der Welt sowie gegen die Zerstörung der Umwelt wirken, dann ist es ebenso gleichgültig, wer am Steuerruder sitzt. Denn wir wissen alle – Frauen und Männer –, dass dies der einzige Weg ist, eine sich allmählich zersetzende Welt für künftige Generationen zu bewahren. Unsere Sorge sollte daher nicht so sehr der Frage gelten, wer regiert, sondern der Frage, wer die Verletzbaren im Interesse des Friedens und des Wohlergehens aller schützt. Wenn dieses Ziel in der Welt Priorität hätte, dann würden wir in eine unvergleichliche Ära des Friedens hineingehen.

  Autoren

Reeves Sanday, Peggy

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