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Impressum
Kommunikation mit Kindern
erschienen in Ausgabe 133
Otmar Preuß beschreibt das Kato-Prinzip als Möglichkeit, die Kommunikation von unterschwelliger Machtausübung zu befreien.

Bisher gibt es, wohin man schaut, kaum wirklich Kommunikation mit Kindern, wenn man das Wort ernstnimmt, denn Kommunikation hat etwas mit Gemeinsamkeit zu tun. Kommunikation mit Kindern verläuft in der Regel so:
- "Kannst du mir mal sagen, was das soll?"
- "Sitz gerade!"
- "Du musst noch ruhiger werden."
- "Streng dich an."
- "Sei doch mal vernünftig."
- "Wenn du so weiter machst …"
- "Kannst du nicht aufpassen?"
- "Was sollen denn die Leute denken?"
- "Solange du die Füße unter meinen Tisch streckst …"
usw. Ich habe diese wenigen Aussagen aus einer gesammelten Fülle wahllos herausgepickt, um ein bisschen zu illustrieren, worum es geht. Ab und zu habe ich meine Studenten nach den typischen Sprüchen ihrer Erzieher gefragt, und es wurden Jahr für Jahr dieselben zu Papier gebracht. Im Gespräch darüber machten wir dann Witze, weil wir alle dieses Elend kannten – bis uns der Witz im Halse stecken blieb, als ein einziges Mal ein Student sagte: Mein Vater hat einmal zu mir gesagt: "Du bist mein lieber Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe." Nachdem er das ausgesprochen hatte, hätte man eine Stecknadel im Hörsaal fallen hören können. Uns wurde schlagartig bewusst, was mit uns geschehen war, wie wir behandelt worden waren, was jeden Tag noch immer von morgens bis abends geschieht. Trauer war spürbar – und es dauerte eine Zeit, bis alles wieder seinen "normalen" Gang ging.

Alltägliche Kommunikation

"Normale" Kommunikation ist orientiert an Macht, und daraus entstehen die entsprechenden Einstellungen: Verantwortungslosigkeit, Angst, Misstrauen, Unverbindlichkeit, Werten und Vergleichen, Projektionen. Wahrscheinlich wird heute kaum ein Verb so oft benutzt wie das Wort "müssen". Es steht in den allermeisten Fällen für Verantwortungslosigkeit, denn wenn ich sage: "Ich muss …", oder: "Wir müssen …", dann sehen wir uns von außen gezwungen, etwas zu tun, das wir nicht von innen heraus selbst tragen. Das geschieht nicht, wenn wir sagen: "Wir werden das und das tun", oder sogar: "Wir tun das und das." Der Unterschied ist offensichtlich. Als uns (meiner Partnerin Stephanie Bergold und mir) das klar wurde, beobachteten wir unsere alltägliche Kommunikation sehr sorgfältig, und es stellte sich schnell heraus, dass wir keine erwachsene Kommunikation im Sinn von (Selbst-)Verantwortung und (Selbst-)Vertrauen führten. Und das gilt für die meisten Menschen und für alle Bereiche unseres Lebens: von der Wissenschaft über private Beziehungen und öffentliche Diskussionen bis zur Berichterstattung in allen Medien. Wir haben bei unseren Beobachtungen so etwas wie eine "Schlüsselformulierung" gefunden, die den defizienten Zustand des heute allgemein verbreiteten Denkens und seines sprachlichen Ausdrucks konzentriert wiedergibt: "Wir müssen versuchen, das Problem zu lösen." "Müssen" drückt aus, dass ich die Verantwortung abgebe: Ich sehe mich ja gezwungen. Ich bin Opfer. "Versuchen" steht für ein Denken, das sich und anderen nichts zutraut, das lähmt. Versuchen Sie einmal, ein Buch zuzuschlagen – Sie werden sehen, dass das nicht geht. Und "Problem" wiederum beschreibt etwas, das ich aus der Welt schaffen will – anstatt etwas in die Welt zu bringen, also schöpferisch zu sein. Damit bleiben wir permanent am Kämpfen, re-agieren nur, geben auf eine Herausforderung keine schöpferische Antwort, vergeuden unsere Energie – und erhalten so das Problem am Leben. Denn worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, das wird gestärkt. So können wir sicher sein, dass immer dann, wenn wir gemäß dieser Formulierung denken und handeln, sich nichts wirklich ändert. Von dieser Art ist unsere tägliche Kommunikation. Sie können das an sich selbst überprüfen, wenn Sie einmal nur mitzählen, wie oft Sie die Worte "muss" oder "müssen" täglich verwenden. Als uns klar wurde, was wir da täglich "tun", schärfte sich unsere Aufmerksamkeit immer mehr, und wir begannen, Beispiele aufzuschreiben, welche Formen und Variationen unverantwortetes, nicht vertrauendes und problemorientiertes Denken und Sprechen annimmt. Daraus entstand dann "Das Kato-Prinzip" (nach der Filmserie "Inspektor Clouseau", in denen der japanische Diener Kato den recht chaotischen Inspektor durch seine aufmerksamen Interventionen unterstützt), ein Büchlein, das es in spielender Weise ermöglicht, verantwortend, vertrauend und schöpferisch zu denken, zu reden und zu handeln. Wer sich darauf einlässt, kann die Wirkung erfahren – egal in welchen Zusammenhängen, ob in persönlichen Beziehungen oder in der Arbeitswelt. Ein Spiel deswegen, weil wir oft nichts ernster nehmen als ein Spiel, zum anderen, weil es um keine Ansprüche an sich selbst oder andere geht, die erfüllt werden müssen, sondern das Spiel mit sich selbst oder anderen vereinbart und deswegen auch gekündigt werden kann. Es geht auch nicht darum, das zu glauben, was wir sagen, sondern sich einmal darauf einzulassen, zu erfahren (die ursprüngliche Bedeutung von lernen!), wie es einem dabei geht. Dies können Sie auf zweierlei Weise tun: einmal, wie schon gesagt, indem Sie das Kato-Prinzip mit sich und anderen spielen, zum anderen durch die Methode der "direkten Intervention", die durch uns als "Spielleiter" überall stattfinden kann, z.B. bei Gesprächen zwischen Eltern und Kindern, in Sitzungen, Diskussionen, bei Gesprächen um wichtige Dinge. Wir intervenieren dann – natürlich mit der Zustimmung der Betroffenen –, wenn etwa jemand sagt: "Wir müssen das und das tun." Wir sagen: "Finden Sie für ‚müssen‘ ein anderes Wort, das (selbst-)verantwortliches Reden zum Ausdruck bringt." Dann wird nämlich deutlich, ob jemand wirklich hinter dem steht, was er sagt. Oder: Ein Lehrer sagt zu seinem Schüler: "Versuche einmal, diese Aufgabe zu lösen." Wir intervenieren: "Drücken Sie das mit einem Wort aus, das Zutrauen in die Fähigkeiten des Schülers bedeutet." Die Erfahrung mit solchen Interventionen zeigt, dass sich schnell die Qualität der Gespräche, Verhandlungen oder Beziehungen im Sinne von Vertrauen, Verantworten und schöpferischem Denken verändert. Und es wird deutlich, dass Menschen, wenn es einmal "gefunkt" hat, keine Intervention mehr brauchen, sondern selbständig weiter spielen – spielend leben. Sie haben dann ein Instrument in der Hand, das sie unabhängig macht von Coaching, Seminaren, Trainern usw.

Versteckte Machtausübung

Was bedeutet dies jetzt alles im Hinblick auf die Kommunikation mit Kindern? Eingedenk der oben aufgeführten Beispiele, wie Erwachsene mit Kindern reden, die beliebig ergänzt werden können, heißt das, dass sie auf – offene und versteckte – Machtausübung gegenüber ihren Kindern verzichten. Ein Beispiel für offene Machtausübung ist Erpressung: Wenn du das und das tust, dann wirst du belohnt oder bestraft. Oder: Solange du die Füße unter meinen Tisch streckst … Das können Kinder noch leicht durchschauen und sich eigene Strategien zurechtlegen, wie sie damit am besten umgehen oder selbst zu Erpressern werden. Schwieriger ist es mit versteckter Machtausübung. Dafür ein scheinbar harmloses Beispiel. Ort: Supermarkt. Eine Mutter nähert sich mit dem Einkaufswagen der Kasse, der Sohn blättert noch am Zeitungsstand in einer Autozeitschrift. "Dennis, kannst du jetzt kommen?" ruft die Mutter. "Ja", sagt Dennis, und liest weiter. "Dennis, komm sofort hierher!" schallt es herüber. Dennis kommt dann. Was Dennis "falsch" gemacht hat, ist klar: Er hat die Frage der Mutter ernst genommen und nicht als Befehl oder Aufforderung verstanden und richtig geantwortet. Er hätte auch nein sagen können und die Antwort wäre genauso richtig gewesen. Vielleicht hat Dennis auch genau verstanden, was seine Mutter wirklich wollte, und hat sie ausgetrickst, weil er das Spiel Erwachsener durchschaut hat und einmal ausprobieren wollte, wie weit er gehen kann. Sie sehen, es geht um Machtausübung. Von dieser Art Fragen ist unsere alltägliche Kommunikation durchsetzt. Man könnte nun sagen, dass doch jeder weiß, was gemeint ist, wenn er so gefragt wird: "Könnten Sie mir mal die Butter geben?" Das mag bei der Butter ja auch noch hingehen, wenn alle dies als Bitte und nicht als Frage verstehen. Aber wie ist das für Kinder, die mit solchen als Befehl gemeinten Fragen (mit der falschen Verwendung des Konjunktivs, was z.B. auch für Wissenschaftler gilt, die oft antworten: "Ich würde sagen …" und dann eine halbe Stunde reden) zum ersten Mal konfrontiert werden und eine ehrliche Antwort geben, aber erleben, dass das, was Erwachsene sagen, gar nicht so gemeint ist, so dass sie eine doppelte Botschaft zu entschlüsseln haben. Freilich finden sie dann wahrscheinlich schnell heraus, welche Botschaft gilt, weil sie die Macht am Leib und an der Seele kennenlernen, um die es bei der Erziehung geht: "Ich weiß, was für dich gut ist – du kannst dir nicht trauen und noch nicht selber entscheiden – du musst lernen, was, wie und wann Lehrer es von dir verlangen – ich mache aus dir einen ordentlichen Menschen" und so weiter. Fragen sind aber auch noch aus einem anderen Grund Machtinstrumente. "Wo warst du?" kann ganz harmlos und naiv gemeint sein. Es kann aber auch kontrollierende Machtausübung sein. Und in sehr vielen Fällen ist es das auch. Bei "Hast du schon …?" wird es schwieriger, wirkliches Interesse zu erkennen, und wenn gefragt wird: "Kann ich mich auch auf dich verlassen?" ist das Misstrauen eindeutig. Überprüfen Sie einmal selbst, wie oft Sie auf diese Weise fragen und Macht ausüben wollen – begründet in eigener Angst. Ironie, Zynismus, Urteilen und Vergleichen gehört fast wie selbstverständlich zu unserem Leben, und besonders Lehrer praktizieren das in vielfältigen Variationen. Wie oft bekommen Kinder auch zu hören: "Du nervst." Eine Projektion und Beschuldigung, durch die das Kind für meine Gefühle verantwortlich gemacht wird. Dabei geht das schon rein logisch nicht. Denn niemand anderes kann mich nerven, unglücklich machen oder enttäuschen, sondern nur ich selbst tue das mit mir durch die Bedeutung, die ich dem Tun eines anderen gebe. Dahinter stehen dann immer Erwartungen an die Kinder, zu denen wir überhaupt kein Recht haben. Besonders vertrackt in der Kommunikation zwischen Erwachsenen und Kindern ist es dann, wenn es ums Loben geht. "Hast du dein Kind heute schon gelobt?" kann man heute manchmal auf Autoaufklebern lesen. Aber auch loben ist Machtausübung, denn damit geht eine Absicht einher, die darauf abzielt, das Kind zu stärken. Damit gebe ich jedoch zum Ausdruck, dass ich das Kind nicht für stark halte, und dass es meiner Ermunterung bedarf – ich sehe es also als bedürftig an. Dies aber ist der Fehler, der aller Erziehung zugrunde liegt: andere als bedürftig anzusehen. Dann gibt es wiederum Experten, die diese Bedürfnisse definieren, und andere, die diese glauben, erfüllen zu können. So werden Menschen als abhängig gedacht und nicht als selbständig. Warum loben wir? Weil wir dem anderen nicht zutrauen, dass er Zufriedenheit in dem, was und wie er etwas tut, findet. Dass er etwas nicht aus eigenem Antrieb – selbstmotiviert – tut, sondern motiviert werden muss. Besonders perfide in der Kommunikation Erwachsener mit Kindern sind die in der Grundschule üblichen Gesichter anstelle von Noten: das lachende, das neutrale und das traurige Gesicht. Die Botschaften sind klar: Du hast mich fröhlich gemacht, du hast mich traurig gemacht. Hier erfolgen Ursachen- bzw. Schuldzuweisungen dem Kind gegenüber, die in meinen Augen kriminell sind. Ein Kind, das diese Botschaften internalisiert, kann sich dann schuldig fühlen, weil es seine Lehrerin enttäuscht hat, und sich selbst unter Druck setzen, seinen Lehrer unbedingt fröhlich zu stimmen. Es wird in jedem Fall abhängig (gemacht). Wo es Schuldzuweisungen gibt, gibt es auch Opferdenken. Lehrer, die diese Mittel anwenden, machen sich den Kindern gegenüber zu Opfern, die nur die Kinder erlösen können. Es sind Beispiele für einen respektlosen und bemächtigenden Umgang mit Kindern. Sie können sich vorstellen, was in einem Kind vorgeht, das den erzieherischen Absichten der Erwachsenen ausgesetzt ist, die in ihm ein zu bearbeitendes Objekt sehen, aber keinen Menschen, den man mit Achtung begleitet. Dass dadurch Selbstvertrauen unterminiert, Angst und Wut oder auch Verzweiflung und Widerstand hervorgerufen werden können, lässt sich nachvollziehen. Deswegen braucht sich niemand über das Verhalten von Kindern zu wundern, die sich wehren und dabei genau die Formen praktizieren, die sie am eigenen Leib erfahren haben und jeden Tag neu beobachten. Die Kinder sind unsere Spiegel. Eine andere alltägliche Form verdeckter Machtausübung steckt in der Aussage: "Aber ich habe es doch nur gut gemeint, ich wollte doch nur dein Bestes." Bei dieser Aussage, die zur (gemäß Kato-Prinzip nicht "erlaubten") Rechtfertigung dient, können wir sicher sein, dass ein Übergriff von einer Person auf eine andere stattgefunden und zu einer mehr oder minder schweren Katastrophe geführt hat. Bei der direkten Intervention kommt jetzt die Aufforderung, diese Aussage zu überdenken und keine Rechtfertigung mehr zu formulieren, sondern das eigene Handeln zu verantworten. Dies ist oft nicht ganz einfach, führt aber zu Klarheit und Wahrheit – und das entlastet und ermöglicht, Brücken zu bauen, wo sich ansonsten der Abgrund immer weiter auftut. Im täglichen Leben ist die direkte Intervention am wirkungsvollsten, so dass sie unmittelbar Auswirkungen auf deren Alltag hat – oft im Gegensatz zu Seminaren, zu denen Menschen an manchmal wunderschönen Orten zusammenkommen und danach das Erfahrene doch nicht anwenden können.

Die Kommunikation klären

Zwei Originalausschnitte aus den wenigen Beispielen, die bisher aufgezeichnet wurden dafür, wie die Intervention wirkt und Klärung stattfindet: In einem Seminar mit Lehrerstudenten ging es darum, dass eine Gruppe von Studierenden das Konzept der Sudbury Valley Schools vorstellen sollte:
(Teilnehmerin = T., andere Teilnehmerin = A. T., Intervention = I.)
T.: "Ich würde das sehr positiv finden, wenn wir in Deutschland …"
I.: "Stop, Intervention. Du hast gesagt: ‚Ich würde es sehr positiv finden‘."
T.: "Ich fände es sehr positiv …"
I.: "Das ist auch noch ein Konjunktiv."
T.: "Ich finde es positiv. Ich find’s schön … nein, kann ich auch nicht sagen, weil Sudbury Schools gibt’s hier nicht. Ich find’s Scheiße, wie es hier läuft, nein, nicht wie es jetzt hier läuft, wie es in Deutschland in den Schulen läuft. So meinte ich das. Ich würde es schön finden, wenn wir hier Sudbury Schools hätten, und das sollte ich ja nicht sagen wegen ‚würde‘ und so, und da wir keine haben, kann ich nur sagen: Ich finde es Scheiße, dass wir eben keine Schulen nach diesem Prinzip haben."
In der weiteren Diskussion um die Sudbury Valley Schools ging es um das Justizkomitee. An diesen Schulen wird nach demokratischem Prinzip ein Justizkomitee aus allen Beteiligten gewählt, Lehrern und Schülern.
T.: "Wenn ich jetzt diesen Punkt sehe hier, besteht das Justizkomitee hauptsächlich aus Schülern und verhängt Strafen … also, dass kennt man ja selber aus seiner eigenen Jugend, dass …"
I.: "Stop. Man oder ich?"
T.: "Also, das kenn’ ich ja – und ihr vielleicht auch – aus eurer eigenen Jugend, dass sich da immer so Grüppchen gebildet haben, die dann aus irgendwelchen Gründen, wie auch immer, irgendwelche anderen fertig gemacht haben, und ich kann mir gut vorstellen, dass das ein gutes Instrument ist, dieses Komitee … sagen wir: Heute muss die und die Strafe verhängt werden gegen die und die Person, und wir können die nicht ab, und deswegen benutzen wir jetzt mal dieses Instrument, um sie fertigzumachen, zum Beispiel."
I.: "Stop. Was du jetzt gesagt hast, sind deine Projektionen, die sind nicht ‚erlaubt‘."
A. T.: "Du hast Angst … hättest … es könnte, du … [Lachen] … du gehst davon aus, dass es zu Ungerechtigkeiten kommen kann."
T.: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir alle so gut sind."
I.: "Stop. ‚Ich stelle mir nicht vor‘ – wenn du das wirklich sagen willst."
T.: "Wir sind nicht so gut."
A. T.: "Ich bin nicht so gut."
T.: "Ich bin nicht so gut. [Lachen] … Aber ihr seid’s auch …"
I.: "Was willst du sagen?"
T.: "Na, ich kann mir … wie gesagt, ich … ich … kann … das darf ich nicht sagen."
I.: "Nein, das Wort ‚kann‘ ist eine Abgabe der Verantwortung dessen, was du sagen willst."
T.: "Ich gehe davon aus, dass diese Schule, über die wir sprechen, von guten Menschen ausgeht. Aber ich, ich bin nicht so gut." [Lachen]
I.: "Dazu sage ich nichts."
Noch ein Aspekt ist von Bedeutung: Wenn Sie sich selbst dafür entschieden haben, in ihrem Alltag das Kato-Prinzip anzuwenden, ohne andere dafür zu gewinnen, hat dies auch eine Wirkung. Denn Sie werden nun anders wahrgenommen. Es ist so ähnlich, wie wenn Sie von heute auf morgen entscheiden, kein Fleisch mehr zu essen. Auch dies wird von Ihrer Umgebung registriert. Es kommen dann oft Fragen, und Sie haben die Möglichkeit, zu erklären, warum Sie auf diese Weise sprechen, ohne andere überzeugen zu wollen. In Gesprächen werden Sie dann z.B. auch den (Gesprächs-)Partner, der sagt: "Ich versuche, mir heute für das gemeinsame Abendessen Zeit zu nehmen", ohne besserwisserische Süffisanz (die nicht dem Kato-Prinzip entspricht) fragen, ob er es auch tut. Denn Sie möchten ja eine Antwort, die Sie ernst nimmt. Auch dies kann Wirkung haben, ohne dass Sie diese beabsichtigen (wiederum nicht Kato-Prinzip-like).

Selbstvertrauen finden

Wir setzen das Kato-Prinzip auch zur Beratung und Supervision ein, beispielsweise auf dem behördlich anerkannten Jugendhof Godewin, einem gemeinnützigen Verein in Hitzacker. Dieser ökologisch betriebene Jugendbauernhof betreut junge Menschen in schwierigen Lebensphasen, die in Gefährdungssituationen leben oder – wie das üblicherweise bezeichnet wird – erhebliche Störungen im Bereich des Sozial-, Schul- und Leistungsverhaltens aufweisen. Die Jugendlichen, entscheiden selbst, auf den Hof zu gehen, "Zwangseingewiesene" nimmt der Jugendhof nicht auf, da das Prinzip der Achtung des anderen und der Selbstverantwortung des Menschen an erster Stelle steht. Pädagogische Zielsetzung ist es, durch das Leben und Arbeiten auf dem Hof Kindern und Jugendlichen Entfaltungschancen zu geben und sie pädagogisch und heilpädagogisch zu begleiten. Auf dem Hof arbeiten auch Praktikanten und von Zeit zu Zeit über internationale Gemeinschaften vermittelte Jugendliche, die in Workcamps mithelfen. Als besonderes pädagogisches Medium dient die ökologisch geführte Landwirtschaft. Sinnvolle Mithilfe und eigenverantwortliches Handeln führen zu einer selbstbewussten Persönlichkeit, die auch adäquate Konfliktlösungsmuster entwickelt und zur Reintegration in die Herkunftsfamilie bzw. zu einem selbständigen Leben fähig ist. Wir besuchen diesen Hof regelmäßig, sind jeweils einen Tag dabei, sprechen mit allen und wenden dabei das Kato-Prinzip an, in jedem Fall in unserer Kommunikation, und oft auch – mit dem Einverständnis der anderen – in der Form der direkten Intervention. Hinzu kommen Erläuterungen des Prinzips und seiner Begründung. Es zeigt sich dann, dass eine veränderte Kommunikation auch Veränderungen des Verhaltens zur Folge hat, und diese gehen immer in Richtung Selbstverantwortung und (Selbst-)Vertrauen. Im Grunde geht es immer um die Überwindung des so tief verwurzelten machtorientierten erzieherischen Denkens. An diesem Beispiel erleben wir, wie sinnvoll eine an der Stärke der Menschen orientierte und auf Vertrauen basierende Begleitung im Lebens- und Arbeitsalltag sein kann. Und zwar nicht nur für diejenigen, die wir begleiten, sondern auch für uns, die wir durch die anderen begleitet werden. Denn dieser Prozess ist polar, nicht einseitig. Das Kato-Prinzip kann dazu beitragen, Beziehungen zu heilen, die dann keine Be-Ziehungen mehr sind, sondern ein gleichberechtigtes Miteinander, aber nicht auf der Basis von Rechten, die einem zustehen, sondern aufgrund der Einsicht, dass es an der Zeit ist, die allseits dominante Machtorientierung in unserem Leben hinter uns zu lassen. Macht ist nicht mehr zeitgemäß. Zeitgemäß sind persönliche Stärke und Vertrauen.

  Autoren

Preuß, Otmar

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