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Lara Mallien und Johannes Heimrath porträtieren die Ärztin und Psychoanalytikerin Marion Gollwitzer
Sie ist eine erstaunliche Erscheinung: klein, zierlich, ein jugendlicher, kurzer Haarschnitt, ein lockeres, schwarzes Minikleid – das erwartet man nicht unbedingt von einer Frau von achtzig Jahren. Dr. Marion Gollwitzer lebt in München Schwabing. Die Treppen zu ihrer Wohnung im vierten Stock bringen uns ins Schwitzen, und wir staunen, wie sie mehrmals täglich diese kleine Bergtour bewältigt. Oben angekommen, empfängt uns Allegra, ihr kleiner, kluger Terrier, als wären wir lang erwartete Freunde. Wir setzen uns auf den Boden des Wohnzimmers, denn Marion Gollwitzer sitzt am liebsten ohne Kissen einfach auf dem Teppich. Die Wohnung schwingt in einer ruhigen, ernsten Stimmung – vor einem halben Jahr ist Marion Gollwitzers Mann Karl an Krebs gestorben. Von den Wänden blicken uns Kunstobjekte aus vielen traditionellen Kulturen der Welt an, Mitbringsel von den gemeinsamen Reisen, die das Ehepaar im Lauf eines halben Jahrhunderts unternommen hat. Im Hintergrund hängt ein ausnehmend schöner tibetischer Thanka. Marion erzählt von Karls Tod, wie es möglich war, nach tibetischer Tradition zwei Tage seinen Körper unberührt zu lassen, damit sich die Seele ungestört vom Leib lösen konnte. Er starb in der Nacht ihres Geburtstags, und sie hat das Gefühl, er habe ihr diesen Abschied zum Geburtstag geschenkt, nachdem sie sich schon lange bemüht hatte, ihm das Loslassen zu erleichtern. Sie macht keinen Hehl daraus, wie sehr sie ihren lebenslangen Gefährten vermisst – auch körperlich. Trotzdem wirkt sie nicht leer oder ihrer Identität beraubt durch die Tatsache, dass sie jetzt allein ist. Sie hat sich nie über die Rolle als Ehefrau definiert. Autonomie war für sie von Anfang an das zentrale Element ihres Lebens.
Medizinstudium im Krieg
Marion Gollwitzer ist 1924 in München geboren. Ihr Vater, ein Chirurg, praktizierte als Landarzt in Schwabmünchen in der Nähe von Augsburg. „Er hat nie eine Anstellung in einer Klinik angestrebt, ihm war seine Eigenständigkeit immer sehr wichtig“, erzählt sie. Wie ihre fünf Jahre ältere Schwester durchlebt sie ihre Oberschulzeit in München, zunächst im Internat der „Englischen Fräulein“ in Pasing. „Das war furchtbar für mich, ich war nicht geeignet, in einer Gruppe aufzuwachsen und bin bis heute kein Gruppenmensch. Das Internat war sehr, sehr konservativ, man musste noch mit dem Nachthemd in die Badewanne. In dem Zimmer, wo ich immer Klavier übte, waren Eisenstäbe vor dem Fenster, ich kam mir vor wie im Gefängnis.“ Die Briefe und Pakete, die ihre Mutter ins Internat schickt, sind ihr Lebenselixier. Ihre letzten Schuljahre verbringt sie im Internat des Max-Joseph-Stifts. „Da hatten wir einen Nazi-Direktor, das war ein Greuel. Wenn ich damals zufällig in Kontakt mit der Weißen Rose gekommen wäre, hätte ich wohl dazugehört, aber im Internat war ich ziemlich abgeschirmt. Ich erinnere mich, wie ich mit einer Freundin zusammen Latein-Nachhilfe genommen habe, aber statt Latein zu lernen, haben wir immer davon fantasiert, den Hitler umzubringen.“ Ihr Abitur macht sie 1942.
Beide Schwestern studieren Medizin. Das ist zu dieser Zeit alles andere als einfach. Marion erinnert sich an eine abenteuerliche Reise ins zerbombte Berlin, wohin sie mit einer Gruppe von Freunden fährt, weil die Universität dort noch relativ unzerstört sein soll: „Das waren immer männliche Freunde, mit denen ich unterwegs war, Frauen haben mich zu dieser Zeit überhaupt nicht interessiert. Besonders blonde Frauen waren völlig indiskutabel. Meine Schwester war blond, und ich wollte immer anders sein, vor allem nicht dem Frauen-Ideal dieser Zeit entsprechen. Meine Erscheinung war eher androgyn. Aber ich habe ich mich deswegen nie minderwertig gefühlt, denn ich konnte mich mit dem Frauenbild, das meine Mutter repräsentierte, identifizieren. Sie war auch eine kleine, zierliche Person, eine Südtirolerin, die wusste, was sie wollte, sehr musisch orientiert und nicht die typische, treusorgende Hausfrau.“
Einige ihrer engsten Freunde fallen im Krieg. Als München im Bombenhagel untergeht, bleibt sie in der Stadt, sie hat keine Angst. Die materiellen Verluste während der Kriegszeit scheinen für Marion Gollwitzer nicht so schwer zu wiegen. „Ich erinnere mich noch, wie wir in München ausgebombt wurden und wie wir aus der Wohnung liefen, während das Haus schon am Zusammenfallen war. Ich habe vieles bewusst dort liegenlassen, mein erstes Abendkleid zum Beispiel.“ „Lustigerweise“ sei auch das Ferienhaus ihrer Familie am Ammersee genau dann von marokkanischen Truppen in Brand gesetzt worden, als dort wichtige Wertsachen in vermeintliche Sicherheit gebracht worden waren, erzählt sie mit einem selbstironischen Unterton. Es dürfte nicht im Geringsten „lustig“ gewesen sein. Als die Amerikaner in Augsburg einmarschieren, liegt Marion Gollwitzer schwer erkrankt im Krankenhaus auf dem Operations-Tisch. „ Ich hatte Typhus oder Cholera, und zu allem Überfluss kam noch eine Ohrspeicheldrüsenentzündung und eine Infektion hinzu. Ich wäre fast gestorben. Mein Vater hat mich damals operiert.“ Als sie langsam wieder gesund wird, hat sie alle Haare verloren und leidet noch lange an einer Stimmbandlähmung. „Für mein Medizinstudium war das eine wichtige Erfahrung. Ein Mediziner, der nie schwer krank war, kann nicht wirklich einfühlsam sein.“
Das kleine Ferienhaus in Utting am Ammersee, das die Familie von einem „verrückten Künstler“ gekauft hatte, spielte in ihrer Jugend eine wichtige Rolle. Der Vater unternahm hier mit den beiden Schwestern alle möglichen sportlichen Aktivitäten. Marion lernt Segeln und ist im Segelclub, wo sie viele Freundschaften eingeht. Dort begegnet sie nach dem Krieg auch Karl Gollwitzer. „Er passte nicht so recht in das allgemeine Schema. Wenn die anderen zum Biertrinken gegangen sind, hat er ein Hausmusik-Konzert besucht … Als ich mein Staatsexamen machte, habe ich ihn bereits gekannt. Für Medizin habe ich mich in dieser Zeit nicht mehr sehr interessiert, viel eher für die Philosophie-Vorlesungen in Karls Studiengang für Architektur.“
Karl Gollwitzer bekommt ein Angebot für eine Beamtenstelle. „Aber auf dem Weg zu dem Büro, wo er den Vertrag unterschreiben sollte, ist er wieder umgekehrt. Er wollte sich nicht vereinnahmen lassen und wurde freier Architekt. Ich habe die Buchführung übernommen und habe dabei viel gelernt. Unsere Zusammenarbeit gab oft Anlass für Konflikte – wenn ich irgendeinen lächerlichen Fehler machte, war das für Karl gleich eine ‚Tragödie‘. Wir hatten keine Honeymoon-Ehe, ich wollte sogar oft weglaufen, aber Karl hat mich nie gehen lassen, und dafür bin ich ihm dankbar. Vor allem in der letzten Zeit mit ihm und auch in seinem Tod habe ich die Kostbarkeit dieser Beziehung noch einmal voll erlebt.“
Autonomie bewahren
Marion Gollwitzer gibt ihren Lebensweg als Ärztin aber nicht auf. Aus einem unbestimmten Impuls heraus beginnt sie eine Analyse bei dem bekannten Münchener Psychoanalytiker Fritz Riemann. Sie hat bald kein Geld mehr für die Stunden, fühlt aber, dass die Erfahrung für sie wichtig ist. Fünfzehn Jahre später absolviert sie selbst die Ausbildung zur Psychoanalytikern.
Was hat sie zu diesem Weg bewegt? „Ein Gefühl – es hat mich dort hingezogen, dahinter stand keine intellektuell bewusste Erkenntnis. Vielleicht hing es auch mit der Situation meiner Famile zusammen. Meine Schwester lebte in einer Ehe, die sie nach vielen Jahren zum Selbstmord führte, obwohl sie drei Kinder hatte. Ich selbst wollte absolut nie Kinder haben. Ich empfand auch Karl nicht als Partner, der ein Vater war … vielleicht auch, weil ich ihn für mich allein haben wollte.“ Wenn es um das Thema Mutterschaft geht, stehen Marion Gollwitzer die Bilder der schönen, blonden „Zuchtfrauen“ der Nazi-Zeit, die Nachwuchs fürs Reich produzieren sollten, schmerzlich vor Augen. Auch nach dem Krieg wehrt sie sich gegen das konventionelle, bürgerliche Frauenbild. „Die Art, wie Frauen in unserer Gesellschaft zu Müttern degradiert werden, habe ich immer als etwas Beleidigendes erlebt; damit werden auch die Kinder degradiert: Erstens muss man ein Kind haben, sonst ist man keine Frau. Zweitens muss das Kind ganz bestimmten Vorstellungen entsprechen, sonst ist es nicht in Ordnung. Dieser Leistungsdruck quält auch noch die heutigen Frauen. In Afrika habe ich den Umgang mit Kindern als etwas ganz anderes erlebt. Es gibt dort nicht dieses Sich-Aufopfern für das Kind, aber man wird dem Kind viel mehr emotional gerecht.“ Das Jahr 1955 verbringen Marion und Karl Gollwitzer in Westafrika, Nigeria, wo Karl beruflich zu tun hat. Seitdem wird die Erfahrung fremder Kulturen ein wichtiges Lebenselement. Bevor das Wort „Tourist“ erfunden wurde, unternehmen die beiden abenteuerliche Reisen in aller Herren Länder, sie fahren schon 1950 mit einem klapprigen VW nach Ägypten und übernachten neben archäologischen Stätten. Das junge Paar hat sich nach den Erfahrungen des Kriegs einem internationalen Studentenkreis angeschlossen, in dem man sich Gedanken macht, wie aus den Trümmern des Faschismus ein neues internationales Europa entstehen kann. Freunde laden die beiden nach Paris ein, zu einer Zeit, als man noch kein Geld ins Ausland mitnehmen darf. So ist der Hunger ständiger Begleiter auf ihren ersten Reisen. Marion erinnert sich, wie sie sich in Paris in feiner Gesellschaft mühsam beherrschen mussten, um nicht zu viele Kekse von den Kaffeetischen zu nehmen. Trotz ständiger Geldnot fahren sie immer wieder los, nach Rom, nach Frankreich und nach Afrika. „Diese Reisen haben dazu beigetragen, dass ich das konservative Bild der Frau mit Kind und Familie völlig abgelehnt habe. Da ist es fast Ironie des Schicksals, dass ich ausgerechnet in der Organisation ‚Pro Familia‘ gelandet bin.“
Familienberatung und Psychoanalyse
Anfang der 70er-Jahre bringt sich Marion Gollwitzer in den Aufbau der Ehe- und Familienberatungsstelle „Pro Familia“ ein und beginnt, Frauen in Verhütungsfragen und bei Kinderwünschen zu beraten. „Auch hier ging es um die Autonomie der Frau. Ich wollte Frauen unterstützen, selbst über ihr Leben zu entscheiden. Damals war ja der Abtreibungsparagraph 218 ein heißes gesellschaftspolitisches Thema, es polarisierte und radikalisierte die Leute. Ich bin bei so mancher linkspolitischen Diskussionsrunde dabeigewesen – schon damals als ‚Greisin‘ unter lauter jungen Leuten – einfach, um aus der Vorschrifts-Politik auszubrechen. Vor allem die katholische Kirche hat sich damals stark eingemischt. Ich war immer gegen die Kirche, gegen das Vorgeschriebene, Festgefahrene. In Ägypten hatten wir erstmals Kontakt mit dem Islam und waren sehr angetan. Später, als wir nach Asien gereist sind, begannen unsere Erfahrungen mit dem Buddhismus. Ich bin heute weder Buddhistin noch Christin, sondern ich habe eine autonome Einstellung zu dem, was göttlich ist.“ Bei Pro Familia erlebt Marion Gollwitzer erstmals, dass sie gerne und gut in einem Team arbeiten kann. Sie genießt den fachlichen Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen, die gegenseitige Kritik ebenso wie die Achtung und Wertschätzung ihrer Erfahrung
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Autoren |
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Heimrath, Johannes

Mallien, Lara
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Partner
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