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Perspektive eines Wahns
erschienen in Ausgabe 132  PDF-Version (267.1 KB)
Wie das Patriarchat aus der Negation des Matriarchats hervorging.Von Claudia von Werlhof

Wie finden wir Alternativen zur patriarchal geprägten Globaliserungsgesellschaft? Die Frauenforscherin und Politikwissenschaftlerin Claudia von Werlhof meint, dass wir dazu zunächst das Patriarchat als ein aus der Not geborenes, lebensfeindliches Konstrukt durchschauen müssen.

Meine These ist, dass das Patriarchat keine eigenständige, von den Gesellschaften des Matriarchats unabhängige Gesellschaftsordnung und Kultur darstellt, sondern sich aus der Negation des Matriarchats entwickelt hat. Patriarchat stellt insofern einen Wahn dar, als es nicht Wirklichkeit im Sinn seiner eigenen Definition werden kann. Denn Patriarchat bedeutet wörtlich „am Anfang der Vater“ bzw. „Vater-Gebärmutter“ (erste Bedeutung von archein). Das Patriarchat bleibt damit -Perspektive, Vorstellung, Utopie, Projekt einer im wahrsten Sinn mutterlosen und naturunabhängigen Gesellschaft. Beim Versuch, diese Utopie dennoch zu konkretisieren, entsteht „Vater-Herrschaft“ (zweite Bedeutung von archein). Vor allem in der Neuzeit wird außerdem versucht, Patriarchat nicht nur ideell, sondern auch materiell, „technisch“, zu realisieren. Dabei kommt es zu derartigen Zerstörungen von Mensch, insbesondere Frau, und Natur, dass das Patriarchat inzwischen sichtbar an seine Grenzen stößt.
Das Patriarchat ist also ein sich ausbreitender und vertiefender Prozess, der nicht abgeschlossen ist und im Prinzip auch nicht abgeschlossen werden kann. Seine bisher letzte Periode ist der Kapitalismus als Weltsystem, die so genannte Globalisierung.
Mit dieser These stehe ich im Gegensatz zu denen, die Patriarchat nur als „Vater-Herrschaft“ verstehen, und zu denen, die – genau umgekehrt – das Patriarchat nicht mit der Moderne verbunden sehen, sondern für eine vor- oder unmoderne, rückständige Gesellschaftsordnung halten, die heute – vor allem auch durch technischen Fortschritt – zunehmend als überholt erscheint.
Ich stehe generell ebenfalls im Gegensatz zu denen, die sich überhaupt gegen eine Periodisierung der Geschichte wehren, die über die Neuzeit, das Mittelalter oder auch die Antike weiter zurückgreift, und die daher die Existenz von Matriarchaten und die Entstehung von Patriarchaten leugnen oder für irrelevant halten. Und schließlich stehe ich ohnehin im Gegensatz zu denen, die im Patriarchat eine eigenständige, „notwendige“ oder gar „bessere“, „evolutioniertere“ und „zivilisiertere“, ja die einzig mögliche Gesellschaftsordnung sehen.
Interessanterweise werden heute feministische Matriarchatsforschung und Patriarchatskritik erneut angegriffen, wie schon einmal zur Zeit des Nationalsozialismus. Denn der Nationalsozialismus hatte durchaus ein Interesse an diesen Themen und verwendete sie für seine Zwecke, indem er die Matriarchatsforschung patriarchal vereinnahmte und die Patriarchatskritik insbesondere auf die Juden, nicht aber auf sich selbst, anwendete. Zur Zeit geschieht der Angriff auf Matriarchatsforschung und Patriarchatskritik insbesondere von links sowie auch von nicht feministischen Frauengruppen, wie einigen neoliberalen „Gender-Mainstreaming“-Vertreterinnen oder postmodernen Gender-Forscherinnen. Diese wehren sich überhaupt und vehement gegen die Begriffe Matriarchat und Patriarchat, weil sie dann ihre Politik des Mitmachens im globalen Patriarchat heute nicht mehr begründen könnten. Bestimmte linke Gruppen wiederum halten Patriarchatskritik und Matriarchatsforschung gar für rechts außen, weil sie als Linke zwar eine Art immanente Kapitalismuskritik entwickelt haben, aber dann an der daraus folgenden Kritik am Staat, dem technischen Fortschritt, dem Naturverhältnis und am Patriarchat als historischem Hintergrund bzw. „Träger“ des Kapitalismus kein Interesse mehr hatten.

Notwendigkeit zum Wandel

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der heutigen Globalisierung trete ich dafür ein, unsere Gesellschaftsordnung als inzwischen prinzipiell weltweites Patriarchat zu verstehen, das sich über eine Periode von ungefähr 5000 bis 7000 Jahren entwickelt hat und jetzt an seine Grenzen stößt. Damit steht historisch zum ersten Mal global die Frage auf der Tagesordnung, welche Alternativen zum Patriarchat gefunden werden können. Die Matriarchatsforschung ist heute aufgerufen, sich dazu zu äußern, inwiefern neo-matriarchale Verhältnisse eine solche Alternative darstellen (würden), denkbar sind und konkret gestaltet werden können.
Nehmen wir die Umkehrung der gängigen Perspektiven an und blicken durch ein wesentlich längeres „Fernrohr“ auch in die vorpatriarchale Zeit, treten zwei Phänomene, nämlich die einer Unter- bzw. Überschätzung des Patriarchats deutlich hervor:
1. Wenn erkannt wird, dass Patriarchat nicht bloß ein Herrschaftssystem insbesondere von Männern über Frauen ist, dann wird es nicht mehr unterschätzt. Denn Patriarchat will viel mehr als bloß Herrschaft.
2. Patriarchat hat einen Anfang und ein Ende. Es ist nicht „notwendig“. Ein Nicht-Patriarchat muss schon aus logischen Gründen existiert haben und kann, ja wird folglich auch wieder entstehen können. Inwieweit heutige Nicht-Patriarchate allerdings historischen Matriarchaten ähneln würden, ist noch offen. Lebende Matriarchate ebenso wie die alternativen Bewegungen weltweit können Hinweise geben.
Ein Blick in die Etymologie, in die Archäologie, in die Gesellschaften noch oder wieder lebender Matriar-chate und nicht zuletzt auf nicht-patriarchale Verhältnisse mitten im Patriarchat beweisen: Die längste Zeit menschlicher Geschichte gab es eine matriarchale Weltkultur.
Für mich persönlich liegt der Beweis für die Realität des Matriarchats darin, dass ich immer schon matriarchal gedacht habe und nur mit Mühe die patriarchalen Regeln für das Denken, Handeln, Fühlen und Sein überhaupt verstehe – von einer persönlichen Akzeptanz oder Aneignung ganz zu schweigen. Woher, wenn nicht aus irgendeiner matriarchalen Erfahrung, soll das kommen?

Patriarchale Prinzipien

Die Entstehung nicht mehr matriarchaler Verhältnisse ist, den bisherigen Forschungen gemäß, vor allem mit Notsituationen verbunden, die durch Klimaveränderungen und etwa dadurch in Gang gesetzte „katastrophische“ Wanderungen ausgelöst wurden. Dabei konnte es zum Verfall oder zur Verwahrlosung matriarchaler Verhältnisse bzw. deren Beseitigung kommen. Als matriarchale Verhältnisse verstehe ich zunächst einmal diejenigen, die dem Leben menschlicher Gemeinschaften am meisten angemessen sind und sich während einer langen historischen Entwicklung in verschiedenen Formen auf der ganzen Welt ausgebildet haben. Das Gemeinsame innerhalb matriarchaler Kulturen ist – nimmt man „Kultur“ wörtlich – „die Pflege des Lebens“.
Patriarchale Verhältnisse entstehen wahrscheinlich weniger aus einem innerhalb des Matriarchats vorhandenen Projekt gegen dieses, sondern eher als Antwort auf die Unmöglichkeit, matriarchale Verhältnisse so, wie sie gewohnt waren, fortzusetzen. Dies würde auch erklären, warum patriarchal werdende Gesellschaften, wie z.B. die Kelten, dennoch so viele matriarchale Traditionen bewahrt haben.
Im Zweifel entsteht aus der Not der Überfall auf andere. Dieser besteht z.B. in der Jagd auf Tiere, die vorher tabu waren, oder im Überfall auf andere menschliche Gemeinschaften, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Wahrscheinlich hat man sich in vielen Fällen auf die Dauer irgendwie geeinigt. Jedenfalls brauchten die Kurgan-Völker nach Marija Gimbutas 2000 Jahre, um von bereits organisierten Eroberungswellen bis zur Errichtung eines echten Herrschaftssystems zu kommen: z.B. Sumer im Zweistromland, Mesopotamien, dem heutigen Irak ca. 3000 v.Chr, das damit zur „Wiege“ des späteren westlichen Patriarchats wurde.
Auch nach Sumer ist die Logik der Entstehung von Patriarchat immer mit der anfänglichen Eroberung verbunden, also der Entwicklung von Krieg als erster genereller Methode des Patriarchats. In der Antike ist der Krieg bereits Normalität. Er ist es auch in der Neuzeit innerhalb Europas ebenso wie außerhalb zur kolonialen Unterwerfung, und er ist es bis hin zu den Welt-Kriegen, die bis heute andauern und in den neuen Kriegen der Konzern-Globalisierung ihre Fortsetzung finden.
Das zweite prinzipielle oder logische Element der Entstehung von Patriarchaten als Gesellschaftsordnungen ist die den Kriegen folgende Etablierung eines Herrschaftssystems. Der Staat entsteht. Erst mit patriarchalen Entwicklungen werden egalitäre, basisdemokratische Voraussetzungen des Zusammenlebens zerstört und an ihre Stelle Klassen, Schichten, Rassen und „Geschlechter“ gesetzt und zu einem immer komplexeren System verwoben: „Teile und Herrsche!“ ist die Devise. An der Spitze Männer als Götter, Herrscher, Priester und Krieger, darunter Bauern, Handwerker, Soldaten, darunter Sklaven, Leibeigene, Zwangsarbeiter und/als Frauen. Diese Herrschaftspyramide ist im Wesentlichen auch noch in der repräsentativen Demokratie realisiert.
Die dritte ebenso chronologische wie logische Stufe der Patriarchalisierung ist eine „politische Ökonomie“ der Ausbeutung, immer beginnend mit der von Frauen. Sie sorgt dafür, dass die jeweilige Herrschaft sich fortpflanzt und im Überfluss versorgt wird und insbesondere auch andere parasitäre Schichten, wie z.B. die Soldaten für die fortgesetzten Kriege, ernährt bzw. verdiente Helfer der Herrschaft belohnt werden können. Plünderungen, Enteignungen – Entstehung von Privateigentum als geraubtem Eigentum – sowie erzwungene Arbeitsleistungen setzen den Krieg damit auch im Inneren der Gesellschaft fort. Es braucht „Erzwingungsstäbe“ und Gefängnisse, insbesondere werden auch die Frauen eingesperrt, sei es durch Harems, durch die Trennung von öffentlich und „privat“, von „Patrimonien“ usw. „Teile und Herrsche“ wird zur Grundlage des Alltags. Heute wird sie zur allgemeinen Konkurrenz aller gegen alle.
Das Anhäufen von Reichtum an der Spitze wird in der Neuzeit zur „Akkumulation“ von Kapital bzw. zum „Kommando über Arbeit“ und beruht auf einer fortgesetzten ursprünglichen oder „primitiven Akkumulation“. Diese sorgt dafür, dass die Ausgebeuteten sich das Ausgebeutet-Sein gefallen lassen, weil sie nur über ihre Arbeitskraft und über keine weiteren Mittel der Produktion bzw. Versorgung verfügen. Und wo ein derart versorgender Sozialstaat entstand, wird er heute abgebaut.
Was die Frauen angeht, so sind sie im Lauf der Patriarchalisierung in ihrer Leiblichkeit, Geistigkeit und Seelenhaftigkeit (Seligkeit) zum allgemeinen Basis- oder Rohstoff für die patriarchale Gesellschaft gemacht worden. Die Plünderung, die „Extraktion“ der „Gynergie“, der weiblichen Energie, ist Grundlage des Patriarchats. Insofern ist es so abhängig von den Frauen wie sonst keine Gesellschaftsordnung und bleibt es, solange es Frauen nicht durch eigene Erfindungen tatsächlich „substituieren“ kann. Andererseits sind Frauen durch direkte und indirekte Gewalt von Männern abhängig gemacht worden und können ohne Männer zumindest ökonomisch heute meist nicht überleben.
Das vierte Prinzip patriarchaler Entwicklung besteht in ihrer Legitimation durch Ideologie, sei es in Form von Religion oder Philosophie bzw. Wissenschaft. Sie erklären, warum das Patriarchat angeblich die beste aller Gesellschaftsordnungen ist. Die patriarchale Utopie verspricht darüber hinaus die Vollendung des Patriarchats zu einem neuen Paradies, in dem Frauen und Natur nicht nur unter Kontrolle gebracht, sondern in ihrer „Gefährlichkeit“ – sprich Eigen-Mächtigkeit, Schöpferkraft – überwunden sind.
Die Ideologien des Patriarchats, die immer auf einer grundsätzlichen Abwertung von Frauen und Natur beruhen, haben immerhin dazu geführt, dass Frauen ihre tatsächliche Macht meist nicht mehr erkennen und/oder angefangen haben, ihr Geschlecht von sich aus zu verleugnen und abzulehnen („Gender“-Bewegung).
Das fünfte Prinzip oder Element patriarchaler Entwicklung ist die Erfindung von neuen Technologien, insbesondere der Kriegführung ebenso gegen äußere wie innere „Feinde“. Zu diesen gehören immer und vor allem auch die Natur und die Frauen. Der Umgang mit Pflanzen und Tieren, Landwirtschaft und Tierhaltung ist im Patriarchat von ausgesuchter Gewalttätigkeit. Medizinische Experimente, chemische Gifte und Zwang stehen dabei im Vordergrund so genannter Naturbeherrschung, insbesondere in der „Züchtung“.
Auch die „Energiefrage“ soll mit Gewalttechnologien wie der Kernspaltung oder -fusion „lösbar“ sein. Es ist kein Zufall, dass z.B. die Computer-Technologie als neuestes High-Tech des Patriarchats einerseits aus der Rüstungsindustrie stammt, andererseits Grundlage der neuen Biotechnologien ist, die uns u.a. eine „fortschrittliche“ mutterlose Welt bescheren sollen. Die Maschine als Prinzip ist zum Inbegriff des Patriarchats geworden. Sie repräsentiert den „Ersatz“, der im Patriarchat für alle Naturerscheinungen gesucht wird.
Eng verbunden damit sehe ich die patriarchale Individuation oder Identitätsbildung, die man das sechste Element der Patriarchalisierung nennen könnte. Es geht dabei immer darum, den Pater, Herrn, Vater, -Schöpfer oder Gott, Helden und „Mann“ zu bestimmen, der alles kann, was eigentlich eine Frau kann, -insbesondere „schöpferisch“ sein, ohne zuzugeben, dass seine angeblichen Fähigkeiten im Grunde die der Frauen sind. Denn den Frauen wird dieser schöpferische und aktive Charakter im Patriarchat gerade abgesprochen.
Mann und Frau werden also neu definiert, und in der Neuzeit, mit und nach der Hexenverfolgung in Europa, die den überlebenden Frauen praktisch jede etwa noch vorhandene Identität und Tradition nahm, als Herr und Frau noch einmal neu bestimmt und verallgemeinert im Schema von Herr und Knecht. Dabei steht dem Knecht allerdings eine Individualität und Identität zu – der Frau nicht, sie ist als quasi ausgelagerter Uterus des Herrn definiert. Sie bleibt Objekt und kann höchstens zum „aktiven“ Objekt werden, das an der eigenen Unterworfenheit mitarbeitet. Am deutlichsten tritt uns die moderne patriarchale Variante der Frau als „Hausfrau“ entgegen, die – ob im Haus, also „privat“, oder in der Öffentlichkeit – gleichförmig identitätslos und patriarchalen Wünschen und Projektionen angepasst zu erscheinen hat. „Teile und herrsche“ zwischen den Geschlechtern: Dem Herrn, zu dem nun demokratischerweise fast alle Männer aufsteigen durften, untersteht mindestens je eine Frau als allgemein verfügbarer Rohstoff. Die neuzeitliche Frau wird zum Ersatz für den Boden oder die Produktionsmittel, die auch die Männer seit der „ursprünglichen Akkumulation“ verloren haben. Der patriarchale Zusammenhang von Frauen und Natur wird damit in neuer Weise negativ zugespitzt.
Die patriarchalen Prinzipien münden in ein gemeinsames Projekt. Ich nenne es Patriarchat als „alchemistisches System“. Darin fließen alle Elemente der chronologischen und logischen Entwicklung des Patriarchats zusammen zum „Geheimnis“ des patriarchalen Projekts. Es besteht darin, dass all die Kriege, Herrschaft, Ausbeutung, Rechtfertigung, Technik und Pomp in einem zusammenarbeiten: dem Versuch, die matriarchale Orientierung an Leib und Leben, an der Natur, am Mutterrecht, an der Egalität, an der Besonderheit jedes Lebewesens, an der Verbundenheit allen Seins und der darin gipfelnden schöpferischen Fähigkeit der Frauen, neues Leben hervorzubringen, durch „Patriarchat“ zu ersetzen.
Der Gedanke, solches zu versuchen, ist alchemistisch. Das gilt auch für die Methode der in allen Bereichen angewandten gewaltsamen Teilung „Teile und herrsche!“ (alchemistisch solve et coagula, „löse und binde“) und Transformation des Vorhandenen in eine männlich gemachte, neu erfundene, abstrakte und gänzlich verkehrte Kunstwelt, in der es der Frauen, der Natur, der Mütter, der Göttinnen, der Pflanzen und Tiere am Ende nicht mehr bedürfen soll und in der es gelungen sein soll, sich vom Leben selbst unabhängig zu machen. Damit soll dem alten Paradies ein neues, selbstgemachtes entgegengesetzt werden – und dies global. Das wäre die Vollendung des Patriarchats, seine endliche Verwirklichung für die Unendlichkeit. Patriarchale Religion ist der alchemistische Wunderglaube an dieses Projekt. Ihm dürfte eine große Mehrheit der männlichen Weltbevölkerung – unbewusst – anhängen. Dadurch wird bisher verhindert, dass die katastrophalen Auswirkungen des Patriarchats ernst genommen werden, obwohl sie auch das patriarchale Projekt selbst bedrohen.
Die 5000-jährige Geschichte der patriarchalisierten Alchemie, die sich zuletzt in Gentechnologie und künstlicher Intelligenz wiederfindet, ist aus meiner Sicht ein noch kaum erkannter transdisziplinärer und transhistorischer Schlüssel zur Periodisierung der Patriarchatsentwicklung. Wahrscheinlich wird gerade deshalb die Alchemie generell für überwunden erklärt, genauso, um – bewusst oder unbewusst – zu verhindern, dass die genannten Zusammenhänge erkannt werden.

Erfindungen des Patriarchats

Aus dem Versuch einer allgemeinen Periodisierung des Patriarchats von der asiatischen Produktionsweise oder orientalischen Despotie über die Antike, den Feudalismus und den Kapitalismus/Sozialismus folgt, dass patriarchale Erfindungen sich vor allem auf verschiedene Formen von Gewalt beschränken. Die Systematisierung von Gewalt durchbricht am allermeisten die matriarchalen Tabus und führt zu einer allgemeinen Kultur der Gewalt. Sie wird gerechtfertigt und man anverwandelt sich ihr auf mimetische Weise, internalisiert sie als Ideal.
Kein patriarchales System möchte im Prinzip auf den Krieg verzichten, gar auf Herrschaft bzw. den Staat, die Herrschaft als System. Eine Rückkehr zur Egalität oder Direktdemokratie erscheint als utopisch oder naiv. Die Diktatur gilt als verständlicher denn die Herrschaftslosigkeit (A-kratie). Unterdrückung ist in allen Patriarchaten Normalität, ebenso wie Ausbeutung in ihren verschiedenen Formen und Kombinationen, für die sich besonders die bisher letzte Phase, der Kapitalismus, geeignet hat, vereint er doch in seiner Geschichte und Entwicklung alle Formen der Ausbeutung.
Die Hausfrau als Erfindung des kapitalistischen Patriarchats ist gewissermaßen eine Kombination aus allen Scheußlichkeiten, die das Patriarchat je erfunden hat. Die Frauen sind immer an unterster Stelle zu finden, ja konstituieren das erste „Privateigentum“, das erste geraubte, „eingehegte“, isolierte, abstrakte Eigentum, das bei der Eroberung anfällt und sich als geraubtes Eigentum dadurch auszeichnet, dass man mit ihm machen kann, was man will. Alle Erfindungen des Patriarchats sind von Gewalt durchzogen. Das gilt insbesondere für die Erfindung der Maschine, die dem technischen Fortschritt des Patriarchats entsprang. Die Erfindung der Maschine ist insofern typisch für das „Patriarchat als System“, als hierin alle diese Aspekte der Gewalt wiederkehren, insbesondere die des „Teile und herrsche“, also der Abstraktion, der Herauslösung aus dem sonstigen Lebens-Geschehen. Wie in der Alchemie kommt es zunächst zu einer Abtötung (alchemistisch „Mortifikation“) der Einzelteile, dann ihrer Bearbeitung und schließlich „reinen“ Konstruktion, ihrer Neuzusammensetzung als Maschine. So soll es zu einer „Schöpfung“ kommen, die aus Zerstörung entsteht. Dieses Denken und Handeln hat sich mit der Patriarchalisierung der Alchemie entwickelt und mündet heute in den globalen Neo-Totalitarismus der Globalisierung.

Formen der Negation des Matriarchats

Patriarchalisierungsprozesse in ihrer chronologischen und logischen Abfolge und ihr Zusammenwirken ebenso wie die jeweiligen Gewalt-Erfindungen des Patriarchats als „Kultur“, zeigen den Kulturverlust gegenüber den matriarchalen Verhältnissen auf:
!Patriarchat verleugnet Matriarchat und setzt sich selbst als Ursprung voraus.
!Patriarchat versucht, die Errungenschaften matriarchaler Kultur zu usurpieren, d.h. sich selbst zuzuordnen, insbesondere die schöpferischen Qualitäten der Frauen wie auch allgemein die der äußeren Natur, die nun nicht mehr als selbstschöpferisch und eigenmächtig gilt. Der Herr, Gott und Vater stellt sich entsprechend als die bessere Mutter, Göttin, Herrin oder Naturmacht dar.
!Dem folgt die Verkehrung des Matriarchats. Es wird auf den Kopf gestellt. Nun sollen Väter statt Mütter die Lebensproduzenten sein. Weisheit und Lebenserfahrung der Alten, insbesondere der Frauen, gelten nichts mehr. Der Herrscher stellt sich als durch einzigartige Schöpferqualitäten legitimiert dar. Der Krieg wird zum Initiationsritual der jungen Männer und erscheint als „Vater aller Dinge“, so wie generell die Schöpfung nun aus mutwilliger Zerstörung zu kommen scheint und nicht aus der Kooperation zwischen Leben und Tod.
!Dabei geschieht eine weitgehende Destruktion des Matriarchats. Muttermord, Göttinnenmord, Frauenmord und genereller Kulturverlust gehen mit der Patriarchalisierung systematisch einher. Wildnis- und Naturnähe, spirituelle Naturverbundenheit und Natur als Vorbild für Kultur sowie die entsprechenden alten (ökologischen) Wissenschaften werden vernichtet. Das gilt auch für die matriarchale Ökonomie der Subsistenzwirtschaft und die matriarchale Sozialorganisation sowie Genealogie.
!Alles zusammengenommen wird versucht, das Matriarchat durch sein eigenes Gegenteil zu substituieren. Eben daran wird das Patriarchat scheitern. Denn es operiert aus einer Sphäre so genannter Transzendenz, die ein abstraktes Jenseits von Leben und Tod als Ort eines exmanenten patriarchalen Gottes postuliert. Von daher sieht sich der Patriarch als Handelnder und über die Welt Verfügender. Dieses Jenseits ist jedoch allein der Phantasie der Patriarchen entsprungen, so dass das patriarchale Projekt mit all seinen realen Zerstörungen letztlich in der Vorstellung, im Wahn stecken bleibt. Es mündet in einen allgemeinen Nihilismus, in dem Zerstörung als notwendig und nicht als Übel gesehen wird, weil der alchemistische Wunderglaube an die Errichtung einer patriarchalen Utopie des Welt-Ersatzes und Männer-gemachten Kunst-Paradieses weiter wirkt.

Die Verbundenheit allen Seins
Von Matriarchaten können wir lernen, dass die Verbundenheit allen Seins als eine Art Spiritualität der Wildnis ebenso wie eine solche der matriarchalen Kultur wieder zur Grundlage des Fühlens, Denkens, Handelns und Seins der Menschen werden kann und muss. In allen alternativen Entwürfen, selbst wenn sie sich nicht als matriarchal bezeichnen, wird weltweit von matriarchaler Egalität, Subsistenz, Gegenseitigkeit und Lebensbejahung ausgegangen und die Kooperation untereinander und mit der Natur in den Mittelpunkt neuer gesellschaftlicher Verhältnisse gestellt. Die Alternativen zum globalen Patriarchat sind weltweit verschieden, folgen aber ähnlichen Grundregeln. Der Wahn des Patriarchats wird wie ein Spuk von der Erde verschwinden.
Die Frage ist nur, wie der Übergang so gestaltet werden kann, dass nicht noch mehr zerstört wird, materiell, seelisch und geistig, als es jetzt schon der Fall ist. Die Matriarchatsforschung kann dabei helfen, der Perspektive einer herrschaftsfreien Existenz wieder den Weg zu ebnen. Wir erinnern uns der matriarchalen Kulturen. Es hat sie schließlich seit unvordenklichen Zeiten überall auf der Welt gegeben. Und wir suchen sie auf, wo wir sie immer noch oder wieder entdecken.
Eine matriarchale Zivilisation heute würde sich kennzeichnen lassen durch ein friedliches Zusammenleben, ein matriarchales Natur-(Technik-), Geschlechter- und Generationenverhältnis, durch matriarchale politische bzw. ökonomische gesellschaftliche Verhältnisse sowie ein matriarchales Verhältnis zur Transzendenz, das in Wahrheit das alles verbindende Sein ist und nicht der abstrakte Jenseits-Ort des Patriarchats, den es niemals gab. Wenn wir von daher mit einer Art „archäologischem Blick“ auf die Zeit des Patriarchats zurückschauen, werden wir uns nur noch wundern, wie so etwas überhaupt möglich gewesen sein konnte. ´

Der Artikel beruht auf einem Vortragsskript vom ersten Weltkongress für Matriarchatsforschung im September 2003 in Luxemburg. Ein entsprechender Beitrag erscheint im Buch: Heide Göttner-Abendroth (Hrsg.): „Gesellschaft in Balance", Kohlhammer-Verlag (in Vorbereitung).

  Autoren

von Werlhof, Claudia

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