Ein Porträt von Walter Spielmann, dem Leiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunfstfragen in Salzburg
Der Begriff ‚Bibliothek‘ hat für viele etwas Antiquiertes, Verstaubtes. Eine Bibliothek – das sind Bücher, die im Regal stehen. Dazu gibt es einen verschroben schrumpeligen Bibliothekar, dessen größte Sorge darin besteht, dass er die Bücher irgend jemandem aushändigen muss. Ich verrate Ihnen: Weder meine Mitarbeiter noch ich sind ausgebildete Bibliothekare!“
Nein, Walter Spielmann vermittelt keine Verstaubtheit oder Engstirnigkeit. Hell und lustig blitzen die Augen, wenn sein Wissen sprudelt, und sein Verstand arbeitet scharf, ohne dass er abwertend seziert. Sein Lieblingswort ist „spannend“. Aber die Mitarbeiter dieser Einrichtung sind nicht nur interessierte Beobachter und Verwalter von Daten und Fakten. Hier wird selber aktiv Zukunftsforschung betrieben und Zukunft erprobt.
Ein Junge mit vielen Fragen
Seine aus Wien stammenden Eltern waren nach Kriegsende nach Vancouver in Kanada ausgewandert. Dort wurde er am 4. Januar 1954 als Jüngstes von drei Kindern geboren – mit einer spastischen Beinbehinderung. Während andere Kinder draußen spielten und die Natur eroberten, beschäftigte sich der verträumte, aber phantasievolle Walter mit Ilias und Odyssee. Er verschlang die Heldenabenteuer nordischer Epen ebenso wie die der österreichischen Geschichte. Als ihn eines Tages die Mutter zum Essen rief, antwortete er aufgeregt: „Ich kann jetzt nicht kommen. Ich muß Prinz Eugen ins Krankenhaus bringen. Er hat einen Autounfall gehabt!“ Nach ihrer Scheidung kehrte die Mutter 1962 mit den Kindern allein nach Österreich zurück, und seit dieser Zeit lebt er in Salzburg.
In der Schule stellten sich ihm immer neue Fragen, und wenn er nicht sofort Antworten fand, bohrte er ungeduldig nach, und die Schulkameraden maulten: „Da fragt er nun schon wieder! Wir wollen in die Pause …“
In seinem Leben hat Selbstmitleid keinen Platz, wenn auch seine Behinderung Grenzen setzt. Wie gern hätte er beispielsweise mit den Freunden Fußball gespielt! Nicht nur einmal kam er deswegen tränenüberströmt nach Hause. „Nun, das mit dem Fußballstar ist sich nicht ganz ausgegangen, das ist in Österreich aber ohnehin nicht das ganz große Geschäft,“ lächelt er.
In der Kindheit interessierte er sich auch für Archäologie, und er hörte viel und gern Musik. Schließlich verlegte er sich auf das „brotlose Unterfangen“, Literatur und Geschichte zu studieren. Nebenbei arbeitete er als freier Mitarbeiter für die Salzburger Nachrichten, zuständig für Filmkritik und Literatur. Für sein Studium ließ er sich zehn Jahre Zeit – „der Journalismus lockt zu Abschweifungen“ –, und es blieb völlig ungewiss, wie und wohin ihn der Weg führen würde. „Vieles ist nicht von heute auf morgen zu erreichen; es gilt, Geduld und Vertrauen zu haben, dass sich die Dinge so entwickeln können, wie sie sich entwickeln sollen. Auf dieser Basis kann Zukunft wachsen und reifen.“
Und wie wurde er nun Leiter dieser weltbekannten Bibliothek, und wie lernte er Robert Jungk kennen? „Zum Ende meines Studiums hatte ich genau hier im Haus, wo wir heute arbeiten, eine Art ABM-Stelle im Bereich Erwachsenenbildung. Eines Tages, als ich Robert Jungk im Stiegenhaus begegnete, sprach ich ihn an. Ich hatte gehört, dass hier seine Bibliothek mit vorerst einer Planstelle eingerichtet werden sollte. Natürlich war das eine Sache, die mich brennend interessierte! Was folgte, war ein Gespräch von kaum mehr als zehn Minuten Dauer, an dessen Ende mir Robert Jungk fest in die Augen geschaut und gesagt hat: ‚Ich habe den Eindruck, Sie sind der Richtige für diese Aufgabe.‘ Ich hoffe sehr, und bin davon auch überzeugt, dass ich seine Erwartungen nicht enttäuscht habe. Immerhin arbeiteten wir noch zehn Jahre zusammen, und über die Jahre entwickelte sich eine durchaus freundschaftliche Beziehung. War die Begegnung und die eher außergewöhnliche Form der Berufung Zufall – oder sind Ereignisse dieser Art vielleicht auch ein Stück weit Fügung? Ich weiß es nicht. Aber es war in jeder Hinsicht eine außergewöhnliche Situation, aus der sich meine nun seit achtzehn Jahren andauernde Begegnung mit der Zukunft entwickelt hat.“
Die Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen
Vergleichbare Einrichtungen gibt es kaum, im deutschen Sprachraum gar nicht. Robert Jungk (1913–1994), der die Initialzündung dazu gab, gilt als der prominenteste und profilierteste Zukunftsdenker und Atomkraftkritiker im deutschsprachigen Raum. Als er 1992 für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten kandidierte, bekannte er: „Mein Herz schlägt grün“. Aber es war ihm und ist seinen Nachfolgern sehr wichtig, für möglichst viele gesellschaftliche Gruppierungen Ansprechpartner in Sachen Zukunft zu sein.
Die Hauptaufgabe dieser Bibliothek besteht darin, Zukunftsentwicklungen breit gefächert und interdisziplinär vorzustellen: Von der Molekularbiologie und Technologie mit ihren Folgen über alternative Wirtschaftsmodelle, Politik, Gesellschaft, Stadtplanung, Ökologie, Klima bis hin zur allgemeinen Zukunftsforschung. Dazu wird alles wissenschaftliche Material gesammelt, gesichtet, aufbereitet und allen, nicht nur Entscheidungsträgern zugänglich gemacht.
Daneben werden Vorträge, Diskussionen und Seminare mit Experten ausgerichtet. Man bietet -Moderation, Beratung, Studien und Literaturrecherchen für Spezial-themen an. Autoren stellen in den Räumen der Bibliothek ihre Bücher vor. Gelegentlich tagt hier ein Workshop über Tücken und Raffinessen der Buchrezension, gehört doch die Vorstellung relevanter Literatur zum Kernbereich der Aufgaben dieser Einrichtung. Ihre zweimonatlich erscheinende Zeitschrift „Pro-Zukunft“ wirbt mit dem Slogan: „Navigator durch die aktuellen Zukunftspublikationen“. Einer der Mitarbeiter, Hans Holzinger, hat gerade selber ein Buch geschrieben, das im hauseigenen Verlag erschien: „Nachhaltig leben. 25 Vorschläge für einen verantwortungsvollen Lebensstil“.
Das Modell Zukunftswerkstatt
Unter der Ägide Walter Spielmanns wurde das Modell der Zukunftswerkstatt verstärkt weitergeführt, das Robert Jungk in den Sechzigerjahren entwickelte. Die Methode sieht vor, mit Politikern, Bürgern, Organisationen, Schulen und vor allem mit Jugendlichen – als künftigen Entscheidungsträgern – bestimmte Anliegen, Projekte oder Zukunftsszenarien in drei Phasen zu erarbeiten. Teil 1: Bestandsaufnahme, Kritik. Teil 2: Was wünscht man sich, unabhängig von Realismus, Machbar- oder Finanzierbarkeit? Teil 3: Was muss an konkreten Schritten geleistet werden, um die gemeinsam entwickelten Ideen und Visionen auch umzusetzen? Dabei soll immer wieder der Blick vom Einzelnen, der Gruppe oder der am Anliegen Beteiligten auf größere Zusammenhänge gelenkt werden. „Gerade heute ist es besonders wichtig, Netzwerke zu bilden, ‚generalistisch‘ (so Robert Jungk), zusammenschauend zu denken und zu handeln, auch wenn man dadurch in Kauf nehmen muss, in Detailfragen eben nicht Experte zu sein.“
Für ihn persönlich bietet Zukunft den Horizont, in dem er hofft, sich weiter zu entfalten und zu entwickeln, privat wie beruflich. „Das Spannende an der Zukunft ist ja, dass es sich dabei um einen offenen Raum handelt, der uns die Möglichkeit gibt, einzugreifen und ihn zu formen. Aus der Vergangenheit und dem, was hinter uns liegt, können wir, wenn es gut geht, lernen und Konsequenzen ziehen. Der Blick nach vorn aber legt theoretisch eine unendliche Vielzahl an Gestaltungsmöglichkeiten frei, die sich alleine oder auch im Zusammenwirken mit anderen arrangieren, organisieren, gestalten lassen.“ Idealtypisch gedacht, sei es Aufgabe „einer offenen und demokratischen Gesellschaft“, die verschiedenen Meinungen und Perspektiven in einem möglichst ausgeglichenen Verhältnis abzuwägen, um daraus die bestmögliche und vernünftigste Entscheidung für alle zu fällen. Dieses Vorgehen müsste in seiner friedlichen Form von den meisten Menschen zu akzeptieren sein. „Ja, so stelle ich mir das vor!“ Doch es bedarf noch vieler sozialer und kultureller „Erfindungen“.
In den letzten Jahren rückten für ihn zugleich zunehmend Fragen der persönlichen Lebensgestaltung mit in den Vordergrund: Wo stehe ich? Wo möchte ich hin? Wieviel Zeit nehme ich mir wofür? Wo verdienen meine Frau und Freunde mehr Aufmerksamkeit? Wo sind neue Konstellationen, in die ich mich einbringen will? „In größerem Kontext gedacht: Wie gestalten wir sinnvolles Leben, nicht ein von Dingen verstelltes, die uns im Grunde belasten und die wir, näher betrachtet, auch gar nicht brauchen.“ Wir sollten lernen, unseren materiellen Reichtum, ebenso wie verfügbare Zeit – einschließlich der Arbeitszeit – solidarisch zu teilen und sinnvoll zu nutzen. „Umverteilung“ heißt für ihn der zentrale Ansatz. Dabei wollen sein Team und er keineswegs mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt laufen. Doch würden sich dem, der seinen Blick darauf lenke, so viele „spannende“ Ansätze für Neuordnungen bieten, dass es für alle lohnend sei, sich engagiert einzubringen und mutig mitzumischen. Und er zitiert einen Zukunftsforscher: „Zukunft ist deswegen für mich so interessant, weil ich immerhin den Rest meines Lebens darin verbringe!“
Walter Spielmann strahlt Gelassenheit und Sicherheit aus. Trotz aller permanenten Gefahren und kataklysmischen Bedrohungen, auf die sich so mancher Forscherblick zu fixieren scheint, bleibt er eher optimistisch. Er sieht genügend Potenziale in der Kreativität der Menschen. Selbstverständlich werden z.B. einige Rohstoffe knapp, auf jeden Fall das Wasser, und das Prob-lem gewinnt geradezu existenzielle Dimensionen für alle Menschen. Wie schaffen wir rechtzeitig intelligente Alternativen? Doch dazu müssten wir mehr auf unsere Möglichkeiten schauen statt all zu sehr auf das Desaster. „Ist das Glas, das die Welt bedeutet, halb leer oder halb voll? So mancher hat mit guten Gründen und plausiblen Argumenten dargelegt, dass die Welt, salopp formuliert, den Bach ’runtergeht … Da plädiere ich einmal mehr für den Weg in die andere Richtung. Dabei gilt es wohl auch, gegen den Strom zu schwimmen, um zu neuen Ufern zu gelangen.“
Der „Katalog der Hoffnung“
So wichtig die warnenden, kritischen Stimmen auch seien, viel dringender bräuchten wir die guten Nachrichten, die Beispiele alternativer Lebensgestaltung in allen gesellschaftlichen Bereichen. Denn letztendlich erforderten die großen Probleme, dass Menschen viele ihrer Gewohnheiten änderten und Verzicht übten. Auch in dieser Hinsicht hatte Robert Jungk Pionierarbeit geleistet und bereits in den fünfziger Jahren in den USA ein „Good-News-Bulletin“ herausgebracht. Es legte den Schwerpunkt auf positive, praktizierte Projekte, die für gewöhnlich eben nicht bekannt werden, weil die Flut der negativen Schlagzeilen und der belanglos oberflächlichen Meldungen sie überdecken. In derselben Absicht veröffentlichten seine Salzburger Nachfolger 1992 den „Katalog der Hoffnung“. Er enthält 51 konkrete Projektbeschreibungen, 51 „Modelle für die Zukunft“. „Hinter der Zahl steckt keine mystische oder kryptische Zahlensymbolik. Der Verleger stellte uns nur so und soviel Seiten zur Verfügung, und mehr als 51 Projekte passten einfach nicht zwischen die Buchdeckel.“
Seine positive Grundhaltung zieht Walter Spielmann nicht aus Religion und Spiritualität. Diese Bereiche spielen keine bestimmende Rolle in seinem Leben. Aber ihre Werte achtet er durchaus. Schließlich sei es gerade das Christentum gewesen, das uns die Tugenden nahe gebracht hätte. Was wäre die Welt ohne solch grundlegende, zeitlose Richtwerte, nach denen wir uns orientieren sollten, wie z.B. Barmherzigkeit, Mitleid, Integrität und Ehrlichkeit? Selbst der Begriff des „guten Lebens“ habe auch eine ethische Dimension. Meist aber lebten wir nach wie vor in einer Art „Steinzeitmentalität“, ausgestattet mit Grundstrukturen, die auf „Beuteverhalten, auf archaisches Jägerverhalten“ ausgerichtet sind. „Wir haben Angst, zu kurz zu kommen. Das, was wir haben, wollen wir mit aller Gewalt sichern, und wir schauen uns fortwährend um, wo wir noch mehr bekommen können. Ob wir diese Fessel der Evolution tatsächlich sprengen können, ist die entscheidende – und eine offene Frage.“ Wie schaffen wir ein neues Bewusstsein?
Musik, klassische Musik vor allem, und Kunst beispielsweise komme im Blick auf die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft eine herausragende Rolle zu, findet er. Sie könnten in uns schlummernde Potenziale wecken. „Die Beschäftigung und der aktive Umgang mit Kulturen und künstlerischen Ausdrucksformen eröffnet neue Einsichten und Ausdrucksmöglichkeiten, fördert das Selbstbewusstsein und sensibilisiert für eine angstfreiere, offene Begegnung mit dem, was vor uns liegt. Damit aber wird Zukunft lebenswert(er), erhält weitere Dimensionen und Facetten.“
teuern oder im Schlepptau hängen?
Die Entwicklung hänge jeweils und vor allem davon ab, was wir wollen, was wir tun oder lassen, wohin wir steuern. „In vielerlei Hinsicht haben wir die Wahl und können entscheiden. Getriebene sind wir hingegen dann, wenn wir andere für uns entscheiden lassen und uns nicht aktiv an der Gestaltung der Zukunft beteiligen. Es liegt an uns, ob wir mitsteuern oder nur passiv im Schlepptau hängen!“
Nehmen wir an, die Welt hätte die Globalisierung verdaut und über Nacht einen internationalen Rat von Weisen geschaffen, und Sie Herr Spielmann, würden in diese Runde berufen. Welche erste Schritten würden Sie vorschlagen?
„Ich glaube, die größte Herausforderung, der wir gegenüberstehen, ist das sich verschärfende Ungleichgewicht von Lebenschancen auf der Erde. Etwa ein Fünftel der Menschheit verbraucht derzeit gut drei Viertel der Ressourcen. So würde ich z.B. massiv dafür plädieren, den Rüstungsaufwand in Friedens- und Entwicklungsaktivitäten umzuleiten. Es darf einfach nicht mehr weiter so aufgerüstet werden, nur in einem kleinen Maßstab. Allein die Mittel, die dadurch frei würden, reichten, um die dringendsten Probleme dauerhaft anzugehen. Außerdem würde ich propagieren, nicht alle Angelegenheiten in einem solch exklusiven Rat zu entscheiden, vielmehr dieses Gremium zu öffnen und zu einem wie auch immer zu strukturierenden großen Forum zu machen. Jeder Weisenrat, so attraktiv er auch sein möge, hat zugleich etwas Undemokratisches. Ich glaube aber, dass demokratische Entwicklung eine ganz entscheidende Option und Notwendigkeit ist. Und da sind wir, historisch gesehen, insgesamt auf einem ganz guten Weg, auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt.“
Kontakt: Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen, Robert-Jungk-Platz 1, A-5020 Salzburg, Telefon +43 (0662) 873206, Fax 87320614, jungk-bibliothek@salzburg.at, www.jungk-bibliothek.at
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