Selbstbestimmtes Lernen ist in fast allen Demokratien möglich.Warum nicht in Deutschland? Ein Bericht über einen beispielhaften Fall.
Jemaina ist ein zu Hause geborenes Wunschkind. Sie ist erzogen – besser: nicht erzogen – in einer Weise, wie sie am besten in dem Buch -„Conversation withChildren“ (deutsch: „Gespräche mit meinen Kindern“) des englischen Psychiaters und Psychoanalytikers Ronald D. Laing dargestellt ist. Es geht im Wesentlichen darum, Kinder als intelligente Wesen zu respektieren und ihnen keinerlei beschränkenden Horizont aufzuerlegen. Es soll ihnen im Gegenteil alles eröffnet werden, was im jeweiligen Interessenbereich liegt, aber ohne dieses Interesse künstlich zu dehnen. Dieser Umgang der Eltern führte dazu, dass Jemaina mit vier Jahren von ihren Fähigkeiten her einem deutlich höheren Lebensalter entsprach, sowohl im sportlichen, im sprachlichen als auch im sozialen Bereich.
Ihre Erfahrungen mit Kindergärtnerinnen beschreibt Jemaina so: „Manches von dem, was sie mit uns machen wollten, hätte schon Spaß machen können, und man kann ja auch mal was tun, was einen nicht unbedingt interessiert. Aber merkwürdigerweise erwarteten sie, dass ihre Vorschläge uns ganz tollen Spaß machen sollten. Sie versuchten, das nett zu tun, aber ich -fühlte, dass wir Kinder eigentlich so sein sollten, wie sie es sich vorstellten. Damit machten sie alles uninteressant. Meine beste Freundin musste weiter in so einen Kindergarten gehen, obwohl sie nicht wollte. Nach wenigen Wochen war sie auch zu so einem lieben, kleinen Mädchen geworden, und wir konnten bald nichts mehr miteinander anfangen. Das machte uns beide sehr traurig.“
Jemaina wurde schulpflichtig. Ihre Bitte, ihr einen probeweisen Schulbesuch zu gewähren, wurde abgeschlagen. So verschaffte sie sich Einblick in schulisches Lernen, indem sie durch die Fenster in die Klassen schaute. Danach erlebte sie die Schüler auf dem Pausenhof: „Ich fand, das waren Kindergärten für Größere. Und ich mochte die Schule schon deshalb nicht, weil meine älteren FreundInnen sich auf dem Schulhof anders verhielten als nachmittags. Und wer sich nachmittags so verhielt wie auf dem Schulhof, die mochte ich gar nicht. Und weil ich schon vorher rechnen und lesen konnte, wusste ich nicht, warum man unbedingt in die Schule gehen muss. Das weiß ich bis heute nicht, obwohl ich es gut finde, dass die Schulpflicht entstanden war. Aber das war damals, und heute ist heute.“
In der Konsequenz vermieden es die Eltern, ihr Kind in die Schule zu zwingen, indem sie 1997 in das benachbarte Belgien übersiedelten, weil sie ihre Tochter dort legal selbst unterrichten konnten – eine Freiheit, von der viele Belgier nichts wissen.
Die Großeltern sponserten eine selbstkonzipierte Multimediaanlage und etliche Lernprogramme. Es gab einen Atlas, ein Geschichts-, ein Englisch- und viele Sachprogramme und eben die lehrplangerechten Schulprogramme, die Jemaina so sehr an die Kindergärten erinnerten: „Ich mochte sie nicht, aber meine Eltern meinten, das wäre das Mindeste, was wir tun müssten. Nachdem ich gemerkt hatte, dass es gar nicht schwierig war, konnte ich den Schulstoff nebenher lernen, wenn ich mochte, und musste nicht den halben Tag in der Schule sitzen und mich dort merkwürdig verhalten. Bei unserem Haus gab es eine Riesenwiese mit einem Bach, an dem ich oft mit meiner Freundin gezeltet habe, auf der meine Katze morgens jagte und auf der sich alles Mögliche tat. So war das, was ich sonst tat, und auch, was ich mit dem Computer machen konnte, interessanter als diese Schulprogramme. Schon nach zwei Jahren hin und wieder Lernen hatte ich den Stoff der ersten vier Schuljahre hinter mich gebracht. Und weil die Programme für die fünfte Klasse auch so aussahen, als wären sie für den Kindergarten gemacht, hab ich mir Lernprogramme aus dem Internet runtergeladen, die von älteren Schülern oder für Erwachsene geschriebenen worden waren.“
„Die Eltern meiner FreundInnen fragten nur so lange nach, bis sie meine Arbeiten kannten. Störend waren nur die paar Leute, die finster behaupteten, Kinder müssten inmmer zur Schule gehen. Gewundert hat mich, dass die Kinder in meinem Alter und auch mache Ältere Proble-me mit Fahrradfahren und Klettern und dem, was sie in der Schule lernen sollten, hatten. Manche Eltern wurden neidisch auf uns und auch ein bisschen feindlich.“
Freiheitliches Konzept gesucht
All dies erreichte Jemaina, ohne jemals zu irgendetwas gedrängt oder motiviert worden zu sein. Es handelte sich eher um ein Lernenlassen, das aus dem Zurverfü-gungstellen von Möglichkeiten und von Freiräumen, wo diese genutzt werden konnten, bestand. Am Wichtigsten schien den Eltern, ihrer Tochter unterstützend zur Verfügung zu stehen und ihr damit eine Sicherheit spendende Geborgenheit zu geben – ähnlich der von A.S. Neill beschriebenen Herangehensweise, die heute durch das Sudbury-Schulkonzept eine Renaissance erfährt. Umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass so erzogene Menschen intelligenter, friedfertiger, sozial- und selbstkompetenter und gebildeter sind als nach schulpädagogischen Vorstellungen erzogene.
Im Jahr 2000, Jemaina war jetzt 10 Jahre alt, entschied sich die Familie für die Rückkehr nach Deutschland. Jemainas Mutter wollte nach langer Pause in Wiesbaden ihr Studium beenden. Da die Eltern einerseits keinen Rechtsstreit wegen Schulvermeidung suchten, andererseits ihre Tochter aber auch nicht in die Schule zwingen wollten, suchten sie nach einer Alternativschule mit einem möglichst freiheitlichen Konzept. Die Schule in Erfurt versprach, ein guter Kompromis zu sein. Wenn auch Schule nach wie vor nicht Jemainas Wunsch war, so hatte sie schließlich nichts dagegen, es zu versuchen. Rückblickend meint sie zu dieser Zeit: „Die LehrerInnen verbreiteten die gleiche bedrückende Stimmung, wie ich es vom Kindergarten her kannte. Sie sagten zwar, dass meine Eltern alles sehr gut gemacht hätten, aber trotzdem gaben sie mir das Gefühl, dass ich alles Mögliche noch nicht können oder wissen müsse, z.B. das schnelle Lesen, das Schreiben im Zehn-Finger-System oder das flüssige Kopfrechnen. Ich fühlte mich ständig unbehaglich und wollte irgendwie lernen, so zu sein, wie die LehrerInnen mich haben wollten. Deshalb benutzte ich den Computer nicht mehr, hörte auf, schnell zu rechnen und las nur noch ‚für Kinder geeignete‘ kleine Bücher. Trotzdem funktionierte die Anpassung an die anderen nicht richtig. Dieses kindische Verhalten trennte mich auch so sehr von meinen Eltern, dass ich es lange nicht schaffte, ihnen von meinen Schwierigkeiten zu erzählen.“ Nach erfolglosen Versuchen der Eltern, die Lehrkräfte zu bewegen, ihre tatsächliche Praxis nach ihrem guten Schulkonzept auszurichten, beschloss Jemaina, es mit einer von ihrem Rhönrad-Trainer empfohlenen Regelschule, einer integrierten Gesamtschule, zu versuchen. Obwohl sie hier nach wenigen Wochen um zwei Klassen höher in die Sechste gestuft wurde, sah sie sich unterfordert und fand die Schule auch von der Athmosphäre her unerträglich. Die LehrerInnen schrien die Kinder an, und als ihr Vater deswegen in der Schule vorsprach, reagierten sie mit mit gezieltem Mobbing. Jemaina mied zunehmend den Unterricht und lernte schließlich nur noch zu Hause. Sie war so verunsichert, dass sie mit niemandem mehr etwas zu tun haben wollte. Sie ging nicht mehr zum Karate-Training, brach den Trommelkurs ab und fuhr auch nicht mehr Rhönrad. Sie verstand sich nicht mehr mit ihren Eltern und schließlich auch nicht mehr mit ihren FreundInnen.
Inzwischen hatte die Schule beim Ordnungsamt Jemainas Fernbleiben angezeigt, ohne die zwangsweise Schulzuführung zu fordern, worauf das Ordnungsamt rechtswidrig den Schulzwang selbst verfügte. Die diesbezügliche Klage der Eltern ist noch nicht entschieden.
Auf Vorschlag des Jugendamts beantragte der Vater nach diesem halben Jahr negativer Erfahrung mit Schule vor dem Hintergrund von vier erfolgreichen und friedlichen Jahren des Lernens im familiären Umfeld beim Kultusministerium einen Antrag auf vollständige Befreiung vom Schulbesuch – ohne Erfolg.
Belastung für die Beziehungen
Schließlich zerstritt sich Jemaina bei einem Stadtbummel mit ihrem Vater und meinte, in dieser Situation beim Jugendamt Unterstützung zur Streitschlichtung zu finden. Was ihr dort geschah, schildert sie so: „Die halfen mir nicht, aber sie redeten auf mich ein, weil ich nicht zur Schule ging. Als ich gehen wollte, ließen sie mich nicht weg! Und behielten mich sogar noch eine Nacht lang da. Sie redeten immer wieder auf mich ein, ich dürfe meinen Eltern nicht mehr vertrauen und müsse zur Schule gehen, bis ich schließlich völlig fertig war. Als mein Vater mich am nächsten Morgen sah, ließ er eine riesige Schimpfkanonade auf die Jugendamtsleute los. Aber obwohl er sich so sehr um mich kümmerte, konnte es zwischen uns nicht wirklich besser werden, denn ich hatte inzwischen fürchterlich Angst, dass ich mich immer falsch verhalte, es niemand recht machen kann. So, als wäre ich immer noch in der Schule. Und wenn ich mich dann mit meinen Eltern gut verstand, wurde die Angst nur noch größer.“
Das Verhältnis verschlechterte sich dramatisch, als die Anweisung an die Eltern kam, Jemaina zwangsweise in die Schule zu bringen, sonst drohe ihnen der Sorgerechtsentzug mit Einweisung Jemainas in ein Heim, um ihre Beschulung ordnungsgemäß sicherzustellen.
Die Familie geriet in Panik. Jemaina litt jeden Morgen unter starken Kopfschmerzen und war unfähig, zur Schule zu gehen. Die Ärztin schrieb sie zunächst krank und überwies sie an einen Kinderpsychologen. Der Vater bat einen Familientherapeuten um Mitarbeit. Der Versuch der Familie, das Jugendamt dazu zu bewegen, ihnen bei denen durch den Schulbesuch entstandenen Belastungen der innerfamiliären Beziehungen zur Seite zu stehen, blieb nicht nur erfolglos, die Belastungen wurden vielmehr ein weiteres Mal ausgenutzt – man steckte Jemaina für zwei Wochen in ein Heim, um sie für den Schulgang gefügig zu machen: „Eigentlich ließ ich nach diesen zwei Wochen alles mit mir geschehen. Ich weiß nicht, ob das gut war, aber alle wollten zu ihrem eigenen Zweck, dass ich so sein sollte, wie sie es wollten. Was ich selber wollte, interessierte niemanden, und meine Eltern waren nicht stark genug, um mich vor den LehrerInnen, den Jugendamtsleuten usw. zu schützen. Unter Druck hab ich damals sogar Sachen gegen meinen Vater gesagt, die nicht stimmten, nur um Ruhe vor diesen Leuten zu haben. Davon kriegte ich ein schlechtes Gewissen, von dem bis heute noch was übrig ist.“
Nach weiteren konfliktreichen Ereignissen holte ihre Mutter Jemaina aus der bedrückenden Situation zu sich nach Wiesbaden. Bereits alarmiert, steckten die Behörden Jemaina in eine Klasse für Kinder mit Sprachproblemen. Der Aggressivität dort, inclusive Messerstecherei, entging sie, indem sie mit ihrer Mutter wieder nach Erfurt zog und die Schule abermals wechselte.
Mittlerweile hatte Jemaina gelernt, sich so dumm zu stellen, dass ihre LehreInnen sie akzeptieren konnten. Dennoch war sie auch hier Klassenbeste, und das war für fünf ihrer Mitschüler Grund, sie zu verprügeln. Doch Jemaina hatte von klein auf mit ihrem Vater Selbstverteidigung geübt und konnte sich schützen. Ihr Versuch, eine Klasse zu überspringen, wurde ihr vom Schulamtsvertreter ausgeredet, bis sie den Mut dazu verlor.
Es bleibt nur das Gericht
Als sie endlich doch zum gymnasialen Zweig zugelassen wurde, hoffte die Familie inständig, dass dieser erzwungene Zeitvertreib nun interessanter sein würde. Jemaina besucht das Gymnasium seit drei Monaten. Ihr Eindruck ist, dass sie hier nicht mehr lernt als auf der Regelschule, dass aber die Lerninhalte wesentlich komplizierter dargestellt werden. Schlimm findet sie, dass die Lehrer Unterwürfigkeit erwarten – mit ihrer direkten Art „untergrabe sie die Disziplin“. Mit unbegründet schlechterer Benotung, vor allem im mündlichen Bereich, versucht man, sie zu disziplinieren. Der Unterricht geht an drei Tagen bis weit in den Nachmittag hinein, zusätzlich sind umfangreiche Hausaufgaben zu erledigen, so dass sich Jemaina vor die Wahl gestellt sieht, entweder die von ihr gewünschten sozialen Kontakte zu pflegen oder aber ihre Hausaufgaben pflichtgemäß zu erledigen. Sie entscheidet sich meist für die sozialen Kontakte. In der Schule hat sie Kopfschmerzen, die manchmal auch zu Hause noch andauern.
Nach ihren Erfahrungen mit dem Lernen in der Familie und in fünf öffentlichen Schulen hätte Jemaina eine angemessene Schule jederzeit dem häuslichen Lernen vorgezogen, denn sie liebt es, mit anderen Kindern etwas zu entdecken, und wenn sie etwas nicht genau weiss, fragt sie gerne Erwachsene. Aber eine Schule, die solch ein lebendiges Lernen in echten sozialen Zusammenhängen zulässt, gibt es derzeit nicht. Ein Weg dahin könnte die Einrichtung der Bildungspflicht anstelle des Schulzwangs sein.
Aktuell bleibt für die Familie – wie für etliche andere auch – nur der bisher aussichtslos scheinende Kampf vor deutschen Gerichten, wenn sie ihrer Tochter eine Bildung nach Maßgabe der Artikel 2, 4, 6 und 7 des Grundgesetzes ermöglichen will. Konsequent klagt Familie Söchting-Peters auf Befreiung von der Schulpflicht und ist entschlossen, die Angelegenheit bis vor den Europäischen Gerichtshof zu bringen. Die Behörden versuchen, den Prozess zu verhindern. Inzwischen steht aber ein versierter Rechtsanwalt im Team mit einschlägig erfahrenen Kollegen und mit Fachleuten aus dem Bereich der Gehirn- und der Lernforschung hinter der Familie. ´
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