Neue Wege der Konfliktlösung in Gemeinschaft
In Gemeinschaft zu leben – das bedeutet zu lernen, wie wir solidarisch und mitfühlend kommunizieren. Eine Methode dafür ist die von Marshall B. Rosenberg entwickelte „gewaltfreie Kommunikation“.
Viele Gemeinschaften wollen ein möglichst hierarchiefreies Zusammenleben und -arbeiten entwickeln. Unterschiedlichkeiten sollen toleriert und verschiedene Herangehensweisen und Erfahrungshintergründe als Herausforderung gesehen werden. Das zu realisieren gestaltet sich jedoch im Alltag mitunter sehr schwierig, sind wir doch meist stark vom herrschenden hierarchischen Gesellschaftssystem geprägt.
Denk- und Verhaltensmuster, die man für das Überleben in solchen Strukturen braucht, haben wir alle stärker verinnerlicht, als uns lieb ist. Dies sind z.B.:
-Moralische Urteile: In Konfliktsituationen geht es in der Regel sofort um die Frage: „Wer ist schuld und wer hat recht?“ Statt zu zeigen, was in mir vorgeht, sage ich dir, was an dir nicht stimmt. Damit erzeugen wir Abwehr und Widerstand. Die Chance, wechselseitig unser Anliegen wirklich hören zu können und das zu bekommen, was wir gerne hätten, sinkt rapide.
lGewinner-Verlierer-Denken: Wir sind es gewöhnt, in Kategorien des Mangels zu denken. Wir glauben, Bedürfnisse könnten nur auf Kosten anderer durchgesetzt werden. Auf dieser Grundlage greifen wir zu Strategien wie Forderungen, Manipulation und Abwertung, statt Bedürfnisse gleichberechtigt auszuhandeln.
-Leistungsdenken: In dieser Gesellschaft werden wir ständig dazu angehalten, uns mit anderen zu vergleichen, darüber nachzudenken, wie wir sind, und vor allem, wie andere über uns denken.
-Leugnung von Verantwortung: Mit Formulierungen wie: „man sollte, ich muss, das wurde schon immer so …“ verschleiern wir die Verantwortung für unsere eigenen Gefühle, Gedanken und Handlungen.
Diese Denk- und Verhaltensmuster stehen uns oft bei dem Versuch im Wege, in die konkrete Praxis umzusetzen, wovon so viele Menschen träumen: Eine Welt, in der niemand sich über den anderen erhebt und in der Konflikte friedlich und gleichberechtigt gelöst werden. Fragt sich also, wie wir die Fähigkeiten entwickeln können, die nötig sind, um ein hierarchiefreies Zusammenleben und -arbeiten zu gestalten.
Methoden der gewaltfreien Kommunikation
Mit Hilfe der gewaltfreien Kommunikation (GfK) können wir lernen,
-statt andere (und sich selbst) zu bewerten und ihnen zu sagen, was mit ihnen nicht stimmt, eher davon zu reden, was mich bewegt und was ich wünsche.
lstatt anderen die Schuld für unangenehme Gefühle zu geben oder uns für die Gefühle anderer zu belasten, die Verantwortung für unser Leben zu übernehmen.
-die eigenen Bedürfnisse genauso wichtig zu nehmen wie die der anderen.
-meine Anliegen so konkret zu formulieren, dass sie nicht verletzen und dass sie erfüllbar sind.
-die hinter verletzenden Worten liegenden Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen und entsprechend konstruktiv zu reagieren.
Entwickelt wurde die gewaltfreie Kommunikation von Marshall Rosenberg, Psychologe und Schüler von Carl Rogers. Er ist in den 40er-Jahren in Detroit aufgewachsen und war schon früh hautnah mit Rassenkonflikten konfrontiert. Er fragte sich, wie man in Konfliktsituationen das Gewaltpotenzial verringern und die Kooperationsbereitschaft fördern kann.
In seiner Forschung wurde ihm mehr und mehr die Bedeutung von Wörtern und Sprache in diesem Zusammenhang deutlich. Dabei beschäftigten ihn vor allem folgende Fragen: „Was geschieht genau, wenn wir die Verbindung zu unserer einfühlsamen Natur verlieren und uns schließlich gewalttätig und ausbeuterisch verhalten? Und umgekehrt, was macht es manchen Menschen möglich, selbst unter den schwierigsten Bedingungen mit ihrem einfühlsamen Wesen in Kontakt zu bleiben?“ (Marshall Rosenberg, Gewaltfreie Kommunikation, Verlag Junfermann, 2001, S. 17) Er gründete 1984 das Zentrum für Gewaltfreie Kommunikation und ist seither in vielen Krisengebieten auf der ganzen Welt unterwegs, um in ethnischen und politischen Konflikten zu vermitteln.
Das macht für uns die Faszination dieses Modells aus: Es ist dazu geeignet, Frieden zu schaffen, und zwar auf ganz persönlicher, zwischenmenschlicher und politischer Ebene. Dabei geht es nicht um das Einüben von Floskeln, sondern darum, eine grundlegend andere Haltung sich selbst und anderen Menschen gegenüber zu entwickeln. Eine Haltung, die auf Selbstbestimmung, Aufrichtigkeit und gegenseitiger Wertschätzung beruht. Es geht um einen Prozess der Selbsterkenntnis und Entwicklung. Gleichzeitig ist die GfK auch ein im Alltag direkt umsetzbares Handwerkszeug, das sehr einfach (aber nicht immer leicht) und sehr wirkungsvoll ist.
Ein anderes Menschenbild
Grundlage der GfK ist ein Menschenbild, das davon ausgeht, dass wir im Grunde kooperative Wesen sind, denen die einfühlsame Verbindung mit anderen Menschen wichtig ist. Um gewaltfrei zu kommunizieren, müssen wir keine völlig neuen Fähigkeiten und Kompetenzen lernen, wir müssen lediglich etwas freilegen oder wiederentdecken, was schon in uns ist. Das Ziel der GfK besteht darin, eine Art der Kommunikation zu entwickeln, die auf gegenseitiger Wertschätzung unserer Bedürfnisse beruht. Wenn uns das gelingt, steigt die Wahrscheinlichkeit sehr stark, dass wir selbst in sehr herausfordernden Konfliktsituationen friedliche Lösungen finden. Wir alle kennen sicherlich Situationen, in denen das ganz einfach ist. Häufig ist die Umsetzung allerdings sehr schwer, tragischerweise besonders mit Menschen, die uns nahe sind und mit denen wir uns eigentlich eine liebevolle Verbindung sehr wünschen.
Was verhindert einfühlsame Kommunikation, und wie können wir dafür sorgen, dass sie immer öfter gelingt? Wie können wir Kommunikation auch in herausfordernden Situationen so gestalten, dass wir – statt herauszufinden, wer etwas falsch gemacht hat oder mit wem etwas nicht stimmt – uns gegenseitig mitteilen, wie es uns geht und was wir brauchen?
Die vier Elemente der GfK
Der Prozess der GfK besteht aus vier Elementen, an denen wir jeweils neu die Entscheidung treffen können, ob wir uns einfühlsam oder gewaltsam verhalten. Dabei beginnt in der GfK die Gewalt nicht erst mit körperlichen oder verbalen Attacken, sondern überall dort, wo ein Mensch versucht, die eigenen Bedürfnisse durchzusetzen, ohne die Bedürfnisse anderer zu berücksichtigen. Die vier Elemente der GfK sind:
-Beobachtungen: Wir beginnen mit einer ganz konkreten Beobachtung, ohne sie mit unserer eigenen Bewertung zu vermischen: Wir sagen der anderen Person, was sie konkret getan oder gesagt hat und nicht, was wir darüber denken. Das erhöht die Chancen beträchtlich, dass die andere Person offen bleiben kann für unser Anliegen und sich nicht beleidigt und gekränkt zurückzieht. Wir sagen z.B. statt: „Du platzt hier einfach so herein“ (Bewertung) lediglich „Du kommst herein, ohne anzuklopfen“ (Beobachtung).
-Gefühle: Statt durch unsere Bewertungen der anderen Person zu vermitteln, dass uns ihr Verhalten nicht gefallen hat (z.B.: „Das war ganz schön unverschämt von dir!“), sagen wir, welche Gefühle es in uns ausgelöst hat: z.B.: „Ich bin irritiert, sauer, traurig...“
-Bedürfnisse: Statt die anderen für unsere Gefühle verantwortlich zu machen, sagen wir dem Gegenüber, welche Bedürfnisse hinter den Gefühlen stehen, z.B.: „Mir ist wichtig, in meinem Zimmer ungestört zu sein.“
-Bitten: Im letzten Schritt geben wir die Information, was wir uns vom andern wünschen – in Form einer Bitte. So konkret wie möglich sagen wir der anderen Person, was sie tun könnte, um unser Leben schöner zu machen, z.B.: „Wärst du bereit, das nächste Mal anzuklopfen, wenn du zur Tür herein kommst?“
Mit diesen Schritten teilen wir ehrlich und aufrichtig mit, wie es uns geht und was wir brauchen.
Kommunikation und Gemeinschaft
Wir nutzen in der Kommune Niederkaufungen sieben Autos gemeinsam, wobei es immer wieder Anlass für Unzufriedenheit gibt. Hier ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich eine solche Unzufriedenheit wirken kann, wenn sie in einer bewertenden Haltung ausgedrückt wird, oder in der Haltung der GfK:
Bewertende Haltung: „Schon wieder hast du den Wagen abgestellt, ohne ihn aufzutanken. Ich finde das ganz schön unsozial und rücksichtslos von dir. Ich bin doch nicht dein persönlicher Tankwart!“ In der Haltung der GfK wäre das anders gesagt worden:
-Beobachtung: „Ich wollte mit dem Wagen losfahren und die Tankanzeige stand auf Reserve.“
-Gefühl: „Ich war frustriert und genervt,
-Bedürfnis: „Ich wäre gerne in Ruhe losgefahren.“
-Bitte: „Wärst du bereit, den Wagen nächstes Mal aufzutanken, bevor die Tankuhr Reserve anzeigt?“
Wir lebten in einer ganz anderen Welt, wenn wir unsere Kommunikation auf das konzentrierten, was wir brauchen, statt auf das, was mit unserem Gegenüber nicht stimmt. Es ginge uns besser, wenn wir hinter den Botschaften von anderen – und seien sie noch so aggressiv – lediglich heraushörten, wie es diesem Menschen geht und was er braucht, statt zu hören, dass mit uns etwas nicht stimmt.
Gerade im Gemeinschaftsleben kann diese Haltung zu einem wertschätzenden Miteinander beitragen, in dem unsere Unterschiedlichkeiten akzeptiert und als Herausforderung gesehen werden. So können Bedürfnisse wirklich gleichberechtigt ausgehandelt werden und Konsensentscheidungen entstehen, die auch langfristig tragfähig sind. Wir leben in der Kommune Niederkaufungen mit einer hohen sozialen Verbindlichkeit, denn wichtige Grundsätze der Kommune sind gemeinsame (Vermögens- und Einkommens-) Ökonomie, Entscheidungen im Konsens und kollektive Arbeitsstrukturen. Damit diese Grundsätze umgesetzt werden können und zur allgemeinen Zufriedenheit führen, braucht es einen achtsamen Umgang miteinander.
Die Gewaltfreie Kommunikation ist in den letzten Jahren für uns persönlich ein immer wichtigeres Element im Zusammenleben geworden, das wir sowohl in das Gemeinschaftsleben einbringen als auch in unserer Partnerschaft leben. Wir erfahren mehr und mehr, wie durch diesen Ansatz eine grundlegend neue Herangehensweise an Konflikte möglich wird, die auch unser eigenes Leben sehr stark verändert hat.
Info: Tel. (05605) 80070, www.kommune-niederkaufungen.de
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