Eine Einführung in die Tiefenökologie.
In der Tiefenökologie geht es um alles, um die Verbindung von allem und um die universelle -Liebe, die alles umschließt. Tiefenökologie ist so alt wie die Menschheit. Wenn Menschen sich ganzheitlich auf ihre Mitwelt beziehen, wird tiefenökologisch gelebt.
Arne Naess, ein norwegischer Philosoph und Umweltaktivist, prägte Mitte der 70er-Jahre den Begriff „Deep Ecology“. Er wollte zeigen, dass es darum geht, tiefe Fragen an das Leben zu stellen. Im Gegensatz zur „oberflächlichen Ökologie“, wie sie im Umweltschutz und einseitig politischen Aktivismus zum Ausdruck kommt, soll keine Symptombekämpfung betrieben werden. Es geht darum, nach dem „Warum“ und „Wie“ zu fragen, z.B. welches Gesellschaftssystem am besten wäre, um im Einklang mit unserer Mitwelt zu leben. Tiefenökologie möchte Spiritualität wieder mit Politik und das Fühlen mit dem Handeln zusammen bringen.
Dazu sollten wir wieder mit uns selbst, unseren Gefühlen, Bedürfnissen und Visionen in Verbindung kommen. Und mit allem Lebendigen: Menschen, Tieren, Pflanzen, unserem Planeten Erde. Aber auch mit unseren Vorfahren, die durch uns weiterleben und mit den zukünftigen Wesen, die nach uns auf dieser Erde leben werden. Der Physiker Fritjof Capra drückt es folgendermaßen aus: „Die Verflechtung von Ökologie und Gemeinschaft ist einer der wichtigsten Aspekte für eine nachhaltige Zukunft. Für ihre bewusste Gestaltung müssen wir unsere ganze Aufmerksamkeit dieser Verflechtung widmen, um neue Zellen der Gemeinschaft zu entwickeln und neue Formen von Gemeinschaft mit der Biosphäre zu entdecken.“
Übungen und Rituale
Die zahlreichen Übungen und Rituale, die im Lauf der Zeit entstanden sind, dienen dazu, nicht nur zu wissen, sondern zu fühlen, dass alles miteinander in Verbindung steht, die Verzweiflung der Erde auszudrücken, den Schmerz, die Wut, die Angst und die Trauer. Aber auch die Liebe zu spüren, die Einmaligkeit und Einzigartigkeit eines jeden Wesens, die Schönheit in allem zu sehen. Die Übungen öffnen das Herz für alles, was ist, helfen, nicht zu verdrängen, was uns Schmerz und Leid bringt. Die Kraft, die wir sonst für die Verdrängung benötigen, steht uns zur Verfügung, um in der Welt zu handeln und zu wirken. Und da wir alle „Edelsteine“ in diesem Netz des Lebens sind, hat alles, was wir tun oder nicht tun, Einfluss auf das gesamte Netz.
Die Tiefenökologie spricht von drei verschiedenen Wegen, wie wir am großen Wandel teilnehmen können:
1. Durch Aktionen, welche die Umwelt- und Mitweltzerstörung behindern – wodurch Zeit gewonnen wird.
2. Durch Analyse von Fehlentwicklung und den Aufbau alternativer Strukturen, die einen anderen Umgang mit uns, den Ressourcen und der Erde ermöglichen.
3. Durch Bewusstseinswandel, den Wandel unserer Wahrnehmung, unseres Weltbildes und unserer Werte.
Nur durch das Zusammenwirken aller drei Ebenen wird sich der Wandel vollziehen. Sie sind Bausteine eines neuen ökologischen Weltbildes.
Die holonische Sichtweise
Wir sind alle „Holons“, ein eigenständiges Ganzes, das Untersysteme in sich einschließt und zugleich integraler Teil eines größeren Systems ist.
Bis in jüngste Zeit ist die klassische westliche Wissenschaft davon ausgegangen, dass man die Welt verstehen und kontrollieren kann, wenn man sie zerstückelt, den Geist von der Materie, die Organe vom Körper und die Pflanzen von ihren ökologischen Systemen trennt und jedes Teilstück für sich untersucht. Dabei wurde vernachlässigt, wie die Teile in Beziehung zueinander stehen und wie sie als Ganzes wirken. In den letzten Jahren begannen immer mehr Wissenschaftler das Ganze zu betrachten. Sie beschreiben es als aus dynamischen, komplex organisierten und ausgewogenen Systemen bestehend, die miteinander in Beziehung stehen und bei jeder Bewegung und jedem Energieaustausch wechselseitig voneinander abhängen. Jedes Element ist Teil eines größeren Musters, das sich nach erkennbaren Prinzipien verbindet und entwickelt. Diese Erkenntnisse sind eine gemeinsame Grundlage und finden Ausdruck in der Komplexitätsforschung (z.B. Chaos-theorie, allgemeine Systemtheorie und zunehmend auch übergreifend in allen Wissenschaftszweigen).
Verbindung statt Trennung
Diese Betrachtungsweise hat die Linse verändert, durch die wir die Realität sehen. Anstatt isoliert voneinander getrennte Einheiten wahrzunehmen, werden wir uns heute immer mehr der verbindenden Ströme zwischen den einzelnen Objekten bewusst – Strömen von Energie, Materie und Information. Dabei treten die einzelnen Objekte oder Individuen mehr in den Hintergrund, und die unsichtbaren Prozesse, die wir bisher eher für unwichtig hielten, treten in den Vordergrund.
Diese Sichtweise widerspricht zunächst unserem individuellen Selbstverständnis. Die moderne Welt vermittelt durch Erziehung und Alltagserfahrung, dass wir getrennte, isolierte Individuen sind, die in einer konkurrenzbetonten Welt leben. In dieser müssen wir uns behaupten, müssen stärker sein als die anderen, Macht erringen und ausüben und uns gegenüber der Macht und der Aggression anderer schützen. Dadurch machen wir uns zu einem geschlossenen System, das isoliert ist, starr wird und langsam abstirbt, da es nicht mehr von den verbindenden Strömen durchflossen wird.
In der Natur gibt es keine geschlossenen Systeme. Die neue Sichtweise trägt der biologischen Tatsache Rechnung, dass wir offene Systeme sind, die in ständigem Austausch mit ihrer Mitwelt leben und überleben. Erst durch die Ströme von Energie (Sonne, Licht, Eros), Materie (Sauerstoff, Wasser, Nahrung) und Information (DNA, Wissen, Erfahrung) entstehen offene Systeme und entfalten sich in ihrer Komplexität und Reaktionsfähigkeit. Durch Interaktionen formen sie Beziehungen, die ihrerseits wieder die Umwelt selbst gestalten. Jedes System – sei es Zelle, Baum oder menschlicher Geist – wirkt dabei wie ein Transformator, der verändert, was ihn durchfließt.
Der Mensch als Flamme
Der Systemtheoretiker Ludwig von Bertallanffy hat vorgeschlagen, Menschen wie eine Flamme zu sehen, durch die ständig Energie fließt, die sie am Leben erhält, während sie – so wie die Flamme – in Form und Struktur im ständigen Wandel immer gleichbleiben.
Was heißt das konkret, wie kann diese holonische Sichtweise in unser Leben, in den Alltag integriert werden? Im folgenden habe ich ein paar Punkte aufgeschrieben, die in einem Workshop mit Joanna Macy entstanden sind und als Anregung dienen sollen.
So können wir am holonischen Wandel teilnehmen:
1. Stimme dich ein auf eine gemeinsame innere Haltung und Absicht. Sie ist wichtig und gibt die Richtung an. Lasse bei jedem Schritt etwas Neues sich entwickeln. Es erleichtert, das Ziel nicht zu kennen.
2. Glaube niemanden, der sagt, er habe die endgültigen Antworten oder wisse, was zu tun ist.
3. Heiße Vielfältigkeit willkommen, sie ist erforderlich in der Selbstorganisation.
4. Nur das Ganze kann sich selbst heilen. Heilung verletzter Beziehungen in dir selbst und mit anderen ist ein wichtiger Schritt im Heilungsprozess.
5. Öffne dich dem Fluss der Informationen aus dem großen Ganzen – allem Schönen, allem Leidvollen.
6. Lerne zu vertrauen. Du kannst nichts vorhersagen, -sehen, kontrollieren. Vertraue dem Prozess.
7. Sage die Wahrheit über deine eigene Erfahrung. Sprich die Fragen aus, die in dir sind.
8. Arbeite zunehmend in Teams.
9. Je mehr du deine Fähigkeiten und Stärken teilst, um so mehr wachsen und entwickeln sie sich.
10. Indem du Stärken in anderen anerkennst, um so mehr hilfst du, sie hervorzubringen (Synergie).
11. Es ist nicht nötig, die Ergebnisse deiner Arbeit zu sehen. Dein Handeln hat möglicherweise nicht nur in deinem Leben Auswirkungen. Es ist eine große Erleichterung, sich nicht an Ergebnisse zu binden.
12. Lasse Heiterkeit und Gleichmut in allem, was du tust, sein – du bist im Netz und in die Ströme des Lebens eingebunden, die über dein Ich hinausgehen.
Für die Erprobung dieser Anregungen brauchen wir Übungsfelder. Das können Selbsthilfegruppen und Bewegungen wie „Aufbruch – anders besser leben“ sein. Aber besonders wichtig sind kontinuierliche und ganzheitliche Projekte, die im eigenen Alltag verwurzelt sind. Insofern sind Gemeinschaftsprojekte Experimentierfelder im Sinne der Tiefenökologie. ´
Literatur: Joanna Macy: „Die Reise ins lebendige Leben", Junfermann-Verlag; Geseko von Lüpke: „Die Alternative", Riemann-Verlag.
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