eine Begegnung mit Joanna Macy
Joanna Macy (74 Jahre) lebt mit ihrer Familie in Berkeley in Kalifornien und engagiert sich seit Jahrzehnten in der Bewegung für Frieden, soziale Gerechtigkeit und den Schutz unserer Mit-Welt. Im Oktober war sie zu einer Vortragsreise in der Schweiz und Deutschland. So konnte ich meine langjährige Lehrerin und Freundin wiedersehen, mit ihr arbeiten und etwas über ihre Sicht der aktuellen Weltsituation erfahren.
Joannas Weg zur Tiefenökologie
In einem Rückblick aus dem Jahr 2000 erzählt Joanna: „Es ereignete sich in den 70er-Jahren, als ich die Auswirkungen der Atomkraft begriff … Ich sah plötzlich, dass es wirklich möglich ist, uns und unsere Welt zu zerstören. Ich „sah“ es nicht nur mit meinem Geist, sondern auch mit meinem Bauch und meinem Herz. Dieses Ereignis stürzte mich in eine große Isolation, denn natürlich wollten die meisten Menschen nicht darüber sprechen, und auch ich versuchte, innerhalb meiner Familie nicht depressiv zu werden. Ich dachte: Ich kann nur abstumpfen oder verrückt werden! Um es nicht mehr fühlen zu müssen, kann ich versuchen es zu verdrängen, oder ich kann es zulassen, es fühlen und dann nicht mehr funktionieren. Aber vielleicht gab es ja noch einen dritten Weg?
In meinen jetzigen Vorträgen über Verzweiflungsarbeit gibt es einen Schlüsselpunkt, den ich den Menschen sage: Der Schmerz um die Welt gründet auf einer tiefen Sorge und Verbundenheit mit ihr und nicht auf einer persönlichen Verrücktheit. Das letztere ist die Botschaft unserer industriellen Wachstumsgesellschaft und der Großkonzerne, die davon profitieren, dass wir immer beschäftigt sind, immer neue Bedürfnisse haben, uns immer mehr ablenken lassen und gar nicht mitbekommen, was mit unserer Welt geschieht. Nicht vor diesen Gefühlen wegzurennen, sondern sie zu benennen, dabei halfen mir in der damaligen Situation die beiden spirituellen Traditionen des Christentums und des Buddhismus. Das war die Entstehung meiner ganzen öffentlichen Arbeit. Es geschah allerdings ganz ungeplant.
Während einer Periode, in der ich versuchte, mit meinem Kummer um die Welt umzugehen, wurde ich zu einer einwöchigen Konferenz mit Professoren und Verwaltungsbeamten eingeladen. Ich moderierte jeden Morgen eine Gruppe mit dem Thema „Die Aussichten für menschliches Überleben“. Die Menschen, die daran teilnahmen, kamen aus unterschiedlichen Disziplinen, von der Physik über die Sozialwissenschaften bis zur Ökologie. In akademischen Kreisen ist es ja üblich, aus einem sehr spezialisierten Blickwinkel heraus zu sprechen: „Ich verfüge über Informationen, die ihr nicht habt – also hört ihr zu.“ Stattdessen aber bat ich am ersten Morgen die etwa 40 Akademiker, sich selbst vorzustellen. Und zwar nicht mit ihrem Titel und ihrer Disziplin, sondern indem sie eine persönliche Erfahrung mit uns teilten. Ich fragte sie nach den Auswirkungen der Krise des Planeten auf ihr eigenes Leben.
Dieser Morgen veränderte mein Leben und auch das von vielen anderen Teilnehmenden, denn sie waren es zwar nicht gewohnt, so miteinander zu reden, aber sie gingen voll in diese Erfahrung hinein. Es war wunderbar! Einige sagten: „Mein Kind wurde geboren. Das veränderte meine Sicht auf die Gefährdung unseres Lebens.“ Oder: „Ich kam zu unserer Sommerhütte und fand die Fische tot angeschwemmt am Strand liegen.“ Plötzlich war reine Fürsorge im Raum, und alles akademische Gehabe war vorbei. Es gab eine Explosion von Energie, sogar von Ausgelassenheit. Wir konnten nicht mehr aufhören mit dem Gespräch. Wir blieben in dieser Verbindung und machten den ganzen Tag Pläne.
In der letzten Nacht nach der Konferenz ging ich alleine über den Campus. Ich fragte mich „Was ist passiert? Ist das Magie?“ Ich spürte, dass etwas Wertvolles geschehen war. Die Menschen würden es für nichts in der Welt eintauschen wollen. Und es war geschehen, weil wir unsere Gefühle beim Namen nannten und miteinander verbunden waren. Es ist wie bei der persönlichen Trauerarbeit, nur dass wir keinen unumkehrbaren Verlust im nachhinein beklagten, sondern einen, der möglicherweise passieren kann. Und das Entscheidende daran war, dass wir uns gemeinsam damit konfrontierten. Wir nannten es Verzweiflungsarbeit.
Über diese Erfahrungen schrieb ich einen Artikel und ging dann für ein Jahr nach Sri Lanka. Ich hatte den Text in der Annahme geschrieben, die Sache damit abzuschließen und zu dem Leben zurückzukehren, dass ich zu führen erwartete. Aber als ich nach Amerika zurückkehrte, war der Artikel vielfach publiziert worden, und ich erhielt von überall her Einladungen. Man wollte, dass ich komme und die Arbeit fortführe.“ (Übersetzt aus dem Newsletter des Spirit Rock Meditation Center, Februar 2000.)
Der Weg nach Deutschland
1983 wurde ein Artikel von Joanna erstmalig ins Deutsche übersetzt, der bald weite Verbreitung unter Friedens- und Umweltaktivistinnen und -aktivisten in West- sowie Ostdeutschland fand. In ihm ging es auch um die Verzweiflung als tiefe innere Reaktion der Menschen auf das atomare Wettrüsten und die fortschreitende ökologische Zerstörung. Sie schrieb, dass der Schmerz und der Zorn, den viele Menschen empfinden, nicht unterdrückt, sondern geachtet und wertgeschätzt werden sollte. Drei Jahre später wurde sie nach Deutschland eingeladen, um in Vorträgen und Seminaren ihre Arbeit vorzustellen. In den Anfängen unter „Verzweiflungs- und Ermutigungsarbeit“ bekannt, hat sich inzwischen immer mehr der Begriff der „Tiefenökologie“ durchgesetzt. Seitdem kommt sie regelmäßig nach Europa, um den Menschen „die Arbeit, die wieder verbindet“ und ihr Engagement für „den großen Wandel“ nahezubringen.
Mit Deutschland verbindet sie eine besondere Beziehung: „Ich gelangte zu der Einsicht, dass sie (die Deutschen) ihre Bereitschaft für diese Arbeit und ihre Wertschätzung zumindest teilweise dem Umstand verdanken, dass sie lernen mussten, mit dem Leid und der Schuld aus der Zeit des Dritten Reichs zu leben. Im Gegensatz zu dem weit verbreiteten naiven Optimismus meiner Leute verstanden die Deutschen, mit denen ich arbeitete, dass das Unvorstellbare sehr wohl eintreten kann. Mehr als einmal sagte ich: Es fällt mir leichter, einem Volk zu trauen, das weiß, dass es einen Adolf Hitler hervorgebracht hat, als einem Volk, das von sich glaubt, so etwas könne ihm nie passieren.“
Die Situation in Amerika
Seit dem 11. September wird unter dem Namen „Kampf dem Terrorismus“ Schritt für Schritt die Demokratie in den USA beschnitten. Joanna ist sehr besorgt, vor allem, was das Gesundheits-, das Schul- und Bildungssystem angeht. Rasant streicht die Regierung Errungenschaften, die nur sehr schwer wieder zu erlangen oder sogar unwiederbringlich verloren sind. Die Armut wächst und auch die Angst vor dem übermächtigen Militär.
Die großen Unternehmen sind immer stärker mit der Regierung und der Propagandamaschinerie verflochten. Hausdurchsuchungen dürfen ohne Hausdurchsuchungsbefehl durchgeführt werden – selbst in Abwesenheit von Zeugen. Menschen dürfen ohne Haftbefehl auf unbestimmte Zeit eingesperrt werden. In sehr vielen Staaten der USA ist man schon zu Wahlen am Bildschirm übergegangen. Es gibt keine Wahlzettel als Beweis mehr.
All das hat Joanna vorausgesehen. Ich erlebte, wie sie die Nachricht von Bushs Machtübernahme aufnahm. Ihre erste Reaktion war: „Ich schmeiße alles hin!“ Aber Joanna wäre nicht sie selbst, wenn sie die Herausforderung nicht annehmen würde. Auch das Gefühl, dass es trotz aller entstehenden globalen Bewegungen vielleicht schon zu spät sein könnte, steigt in ihr immer wieder auf. Aber sie sagt, dass die Arbeit mit der Tiefenökologie ihr hilft, nicht zu verzweifeln und nicht die Hoffnung in das Leben zu verlieren.
Joanna hat in dieser Situation oft das Gefühl, in zwei Welten zu leben: Einer, die durch Bush und seine Regierung kreiert wird, in der Angst und Gier vorherrschen, und in einer anderen, die aus den Menschen besteht, mit denen sie arbeitet und mit denen sie in Kontakt ist. Diese Welt lebt aus einer spirituellen Kraft, die entsteht, wenn Menschen sich einander zeigen und in Verbindung stehen. Beide Welten sind real und existieren nebeneinander. Joanna glaubt, dass es unsere Aufgabe ist, der Seite der Zerstörung aufmerksam zu begegnen, sie nicht aus den Augen zu lassen und die andere Welt ständig zu nähren bzw. von ihr genährt zu werden. Dadurch entsteht Mut und Kraft, wieder der herrschenden Realität zu begegnen und zu handeln.
Wege der Hoffnung
Auch Joannas letzter Workshop im Oktober in Bielefeld hat mich wieder spüren lassen, was für wunderbare Werkzeuge die Tiefenökologie zu bieten hat. In der Gruppe, die aus 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern bestand, ist in nur eineinhalb Tagen eine starke Verbindung und ein tiefes Vertrauen entstanden. Diese Arbeit, die Kopf und Herz, Gefühle und Wissen, das Innehalten und das Handeln zusammenbringt, kann alle Aspekte des menschlichen Lebens ansprechen. Sie basiert auf Dankbarkeit, räumt der Verzweiflung und dem Schmerz in jedem von uns einen Platz ein und führt uns durch verschiedene Übungen dazu, die Welt „mit neuen Augen zu sehen“. Am Ende steht immer eine Erneuerung der eigenen Lebensvision, die dann zu konkreten Handlungsschritten führt. Mit dieser Arbeit können wir wieder die Kraft und den Wert von Gemeinschaft spüren und bekommen eine Ahnung von universeller Liebe. ´
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