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Mein Weg ist Karma-Yoga
erschienen in Ausgabe 129
Er sucht eine neue Geldordnung für eine gerechteWeltwirtschaft: Elisabeth Gründler porträtiert den Visionär Bernard Lietaer.

Geboren wurde Bernard Lietaer in einer Zeit großer Kälte. Der Februar 1942 war nicht nur einer der kältesten des 20. Jahrhunderts, sein Geburtsort Lauwe, im flämischen Teil Belgiens unweit der französischen Grenze war zu dieser Zeit, wie fast ganz Kontinentaleuropa, von den Nazis besetzt. Sein Elternhaus war beschlagnahmt, die untere Etage wurde von Wehrmachtsoffizieren als Kasino benutzt. Doch an diese sehr frühe Kindheit hat er nur noch wenige Erinnerungen. Wie denn sein Name richtig ausgesprochen würde, will ich wissen, weil ich immer wieder ins Stottern gerate. „Wie Sie wollen!“, antwortet er lachend: „‚Litar‘ auf Flämisch, ‚Litär‘ auf Deutsch, und auf Französisch ‚Litaire‘, die Spanier sagen …“. Der polyglotte Flame sieht das nicht so eng. Auch unser Gespräch führen wir teils auf Englisch, teils auf Deutsch, manchmal wechseln wir auch ins Französische. Mehrsprachigkeit hat Tradition in der flämischen Grenzregion nahe Kortrijk, in der die Textilindustrie und der Stoffhandel heimisch sind und die über die Jahrhunderte mehrfach die staatliche Zugehörigkeit wechselte. „Wenn meine Eltern nicht wollten, dass wir Kinder sie verstehen, unterhielten sie sich auf Französisch“, erinnert sich Lietaer. Mit zwölf Jahren wird er, wie es in seiner Familie üblich ist, nach Godinne in ein von Jesuiten geführtes Internat geschickt. In diese Eliteschule in der Nähe von Namur, im französischsprachigen Teil Belgiens, ließ das flandrische Bürgertum von jeher seinen Söhnen humanistische Bildung angedeihen. Hat ihn das geprägt, jesuitische Strenge und Disziplin? „Mit den alten Sprachen Griechisch und Latein habe ich Denken gelernt und wurde in allen logischen Disziplinen geschult“, sagt er rückblickend. „Gelitten habe ich nicht. Das Lernen fiel mir leicht, und als ich ins Internat kam, wurde gerade eingeführt, dass wir alle zwei Wochen nach Hause fahren durften.“

Frühe Reiselust

Der Jugendliche erfüllt die Erwartungen von Elternhaus und Schule und geht dennoch in den langen Sommerferien seine eigenen Wege. Mit 14 trampt er alleine los, um die Welt zu erkunden: zunächst Belgien und Frankreich, dann nach Deutschland, in die Alpen, schließlich nach Italien, Griechenland und in den Nahen Osten. „Anfangs war meine Familie nervös“, erinnert sich Lietaer, „doch als ich immer wieder heil zurück kam, haben sie mich gelassen. Am meisten habe ich von den Menschen gelernt, die ich unterwegs traf. Ich habe auch gearbeitet, in Österreich z.B. als Erntehelfer, und mir immer selbst ein Thema gestellt, das ich auf meinen Reisen intensiv studiert habe. In Italien habe ich mich mit der Renaissance beschäftigt. Ich habe mich in die Stadt Florenz verliebt und bin die ganzen Ferien dort geblieben, obwohl ich ursprünglich ganz Italien bereisen wollte.“ Als er fünfzehnjährig in den Sommerferien die französische Metropole erkundet, trifft er einen gleichaltrigen Spanier, der kein Wort Französisch oder Englisch spricht. „Wir verständigten uns zunächst mit Händen und Füßen und besichtigten die Stadt gemeinsam, ich wurde gewissermaßen sein Stadtführer und Dolmetscher. Zum Dank hat er mir jeden Abend Gedichte von Garcia Lorca vorgelesen. Das war der Grund, warum ich Spanisch lernte. Das ist die einzige Sprache, die ich wegen ihrer Schönheit gelernt habe.“
Stets ist er auf der Suche nach dem Schlüssel, der ihm hilft, Land und Leute zu verstehen. Über sein selbstgewähltes Thema schreibt er auch für das örtliche Blatt seiner Heimatstadt. „Als ich den Nahen Osten bereiste, studierte ich vorher den politischen Kontext. Nur dann kann man die arabischen Länder und Israel verstehen. Außerdem musste ich auswählen, ich wollte ja schließlich nicht alles lesen! Ich habe mich immer intensiv vorbereitet auf meine Reisen, denn nur wenn man etwas weiß, kann man auch verstehen.“

Spirituelle Suche in Indien

Der Schlüssel zur indischen Kultur, findet der junge Bernard Lietaer, ist die Religion. Im Sommer 1960 trampt der 19-jährige Abiturient auf den Subkontinent. In Benares lässt er sich von Raymondo Panikkar in die indische Raga-Musik einführen, dann zieht er sich in einen Ashram zurück, um Meditation zu lernen und sich in Sidhi-Yoga initiieren zu lassen. „Das ist nichts für mich“, erklärt er nach einigen Wochen seinem Lehrer. „Du hast völlig recht“, bestärkt ihn dieser, „Sidhi-Yoga ist nichts für dich. Du bist zum Karma-Yoga bestimmt!“ Karma heißt soviel wie „handeln“, und Karma-Yoga bedeutet, sich in die Welt einzumischen und sie zu gestalten. Der junge Mann beschließt, damit sofort anzufangen. Er verlässt das Kloster und wendet sich einem typisch westlichen Sport zu, dem Bergsteigen. „Das ist Aktionismus pur“, findet er heute, „eine typisch westliche Aktivität.“ Doch so ganz ohne Sinn sollte auch dieser Teil seiner Reise nicht sein – auch dieser Teil der Reise sollte einen praktischen Zweck haben. Lietaer sucht den Rat des legendären Sir Edmund Hillary, der als erster den Mount Everest bezwungen hat, welchen Gipfel er als relativ ungeübter Anfänger riskieren könne. Hillary schlägt ihm den Muktinath Himal im nepalesischen Himalaya-Massiv vor, zwischen Tibet und dem Annapurna. Dieser Berg war mit seinen etwa 7500 Metern bis dahin nicht attraktiv genug für Profi-Bergsteiger und infolgedessen noch nicht kartiert. Bernard Lietaer folgt dem Rat des berühmten Forschers. Auf dem Weg nach Nepal trifft er einen jungen Briten aus Rhodesien, mit dem zusammen er den Aufstieg wagt. Zwei Wochen später kehrt er, um zehn Kilo leichter, mit der Karte des Berges im Gepäck zurück. „Indien hat mich verändert“, urteilt er rückblickend.

Handeln in der Welt

Bernard Lietaer weiß nun, was er will: Ingenieur werden und die Welt gestalten. Doch ein humanistisches Abitur allein berechtigt ihn nicht zum Technikstudium. Er kehrt nochmal in eine Jesuitenschule nach Brüssel zurück, um eine Mathematik-Zusatzprüfung vorzubereiten. „Das war eines der beiden Jahre, in denen ich wirklich hart gearbeitet habe“, lacht er, „das zweite Jahr war das am Massachusetts Institute of Technology (MIT), als ich dort meine zweite Abschlussarbeit, eine Master’s Thesis, schrieb.“ 1961 schreibt er sich an der belgischen Universität Löwen ein, an der seit Jahrhunderten zweisprachig gelehrt wird. Hier wird der sprachenbegeisterte Student für zwei Jahre Vorsitzender der einzigen zweisprachigen Studentenvereinigung Belgiens, der Conférence Olivaint de Belgique COB. Hier konnten Studenten aller politischen Richtungen das Handwerkszeug des öffentlichen Lebens trainieren. „Jeder von uns konnte seine Thesen in beiden Landessprachen vortragen. Man konnte auf ein Französisch vorgetragenes Argument auf Flämisch antworten und umgekehrt“, erinnert sich Lietaer. „Dort habe ich reden, schreiben und meine Thesen mit Argumenten zu verteidigen gelernt.“
Zweimal organisiert er für sich und seine Mitstudenten in den Semesterferien Erkundungsreisen an die Elfenbeinküste und nach Venezuela. „Wir waren immer eine Gruppe von 35 bis 40 Studenten. Jeder von uns musste ein Thema vorbereiten, z.B. private Investition, Gesundheitssystem usw. Wir hielten Vorträge vor Experten des Landes. Dann fertigten wir gemeinsam einen Bericht an, der veröffentlicht wurde. Kurz nach unserer Ankunft gab es ein schweres Erdbeben mit vielen Toten, was das Programm völlig über den Haufen warf, doch die Lernmöglichkeiten in einer solchen Situation waren unendlich.“
1965 wird die Universität Löwen zweigeteilt. Die alte Universität bleibt flämisch, vor der Stadt wird eine neue, französischsprachige Hochschule errichtet. Für jemanden, der sich inzwischen mit Leichtigkeit in mehreren Sprachen ausdrücken kann, war das ein Rückfall in die finstere Vergangenheit. „Man hat die Universitätsbibliothek geteilt, indem man von Lexika die Bände 1, 3, 5, 7 in der flämischen Uni gelassen hat, und die Bände 2, 4, 6 in die französische gestellt hat. Das ist nicht nur Dummheit, das ist ein Verbrechen!“ Das Labor, das er für seine Experimente in Plasmaphysik brauchte, war an die flämische Universität ausgelagert worden. Es wäre für ihn kein Problem gewesen, seine Diplomarbeit auf Flämisch zu schreiben. Doch weil er am französischen Teil der Universität eingeschrieben war, durfte er nur die Einrichtungen der französischen Universität nutzen. Er musste sich ein anderes Thema suchen. „Und das Labor stand die ganze Zeit leer, niemand brauchte es“, erbittert er sich noch heute. „Das ist der Grund, warum ich Belgien verlassen habe. Soviel Engstirnigkeit wollte ich nicht ertragen.“ Und noch eine Erkenntnis nimmt er mit nach Amerika, wo er das nächste Jahrzehnt studieren und arbeiten wird: Wissenschaftler und Forscher sind nicht diejenigen, die entscheiden, wie die Welt gestaltet wird. Sie sind, das hat er schmerzhaft erfahren, Spielball von anderen Kräften. Das Karma-Yoga, das er sucht, kann er als reiner Techniker, soviel ist ihm klar, niemals verwirklichen.

Der Weg vom Ingenieurzum Wirtschaftspolitiker

1967 verlässt der junge Ingenieur Belgien, geht ans MIT in den USA und schreibt sich gleichzeitig in Harvard ein. Er wechselt die Fakultät und erwirbt zunächst einen MBA. In seiner Abschlussarbeit, seiner zweiten Master Thesis, beschäftigt er sich mit dem internationalen Finanzbusiness. Sie trägt den Titel „Finanzmanagement und Devisenhandel. Eine Anwendungstechnik zur Minderung von Risiken“. Das internationale Währungssystem von Bretton Woods mit seinen stabilen Wechselkursen zum Dollar befindet sich zu dieser Zeit in seiner Endphase, und Lietaer wendet all sein mathematisches und technisches Können auf, um ein computergesteuertes System zu entwickeln, mit dem schwankende Wechselkurse wirtschaftlich beherrschbar werden. Ein Know-how, das wenige Jahre später – 1971 werden die festen Wechselkurse aufgehoben – in der Praxis dringend gebraucht wird.
1969 steht Bernard Lietaer eine akademische Karriere in Harvard offen. Doch er will gestalten, nicht nur beschreiben, und findet, dass Beratung die effektivste Art ist, selbst weiter zu lernen. Weil er nach belgischem Gesetz als Ingenieur statt Militär- auch Entwicklungsdienst leisten kann, heuert er bei einer amerikanischen Beratungsfirma an, unter der Bedingung, dass er in ein Entwicklungsland geschickt wird. Es folgen mehrere Jahre Beratungsarbeit in Mexiko, Australien und Peru. In Peru berät er den verstaatlichten Bergwerkskonzern, wie dieser seine Deviseneinnahmen in Zeiten schwankender Wechselkurse erhöhen kann. Lietaer entwickelt dafür spezielle Computermodelle und ist damit sehr erfolgreich. „Etwa 70 Prozent der peruanischen Exporte wurden durch meine Computermodelle gecheckt. So erzielte Peru innerhalb kurzer Zeit eine Steigerung seiner Deviseneinnahmen um rund 20 Prozent.“ Lietaer sieht damals schon in der Verarmung der Länder des Südens ein gravierendes Problem und glaubt, durch seine Tätigkeit als Berater einen Beitrag zur Entwicklung Perus zu leisten. Doch die Realität der korrupten Machteliten holt ihn ein. Die peruanische Regierung kaufte mit den Devisenmehreinnahmen Mirage-Kampfjets. „Vollkommen sinnlos“, urteilt er, „es gab keinen Feind, und selbst wenn es ihn gegeben hätte, konnten die Militärs die Mirage gar nicht einsetzen. Ich musste mir eingestehen, dass ich am falschen Ort an den falschen Problemen gearbeitet hatte,“ bilanziert er diesen Abschnitt seines Lebens.

Ein Geldexperte entwickelt sich

Lietaer gerät in eine existenzielle Krise und beschließt 1975, eine Auszeit von der Beratungsarbeit zu nehmen. Da kommt es ihm entgegen, dass familiäre Gründe seine Rückkehr nach Belgien wünschenswert machen, und er nimmt einen Ruf seiner Alma Mater in Löwen für eine Professur für internationale Finanzwirtschaft und internationalen Handel an. Dort lehrt er bis 1978. Gleichzeitig wird er von einem Forschungszentrum in Brüssel mit einer Forschungsarbeit über Lateinamerika betraut. Es entsteht eine Studie über die Entwicklung Lateinamerikas, in der er die Schuldenkrise der 80er-Jahre prognostiziert und Lösungsvorschläge entwickelt, wie dem kreativ zu begegnen sei. Lietaer erkennt und formuliert zum ersten Mal, dass die Ursachen der wirtschaftlichen Misere im Geldsystem begründet sind. Die Realität entwickelt sich genau wie vorhergesagt: Mehr als 80 Währungskrisen folgen in den nächsten beiden Jahrzehnten weltweit. Der Wechsel zwischen Praxis und Forschung und Lehre soll ein Muster seines Lebens werden: Immer wenn er in seiner praktischen Arbeit an Grenzen stößt, zieht er sich zur Verarbeitung seiner Erfahrungen und zur Entwicklung neuer Modelle und Visionen an eine Hochschule zurück. Ein „umgekehrtes Sabbatical“, nennt er das. „Ich lehre immer das, was ich gerade selbst für meine Forschung lernen muss. Das ist für mich eine sehr effektive Art zu lernen.“

Bei der belgischen Zentralbank

Als Lietaer nach drei Jahren vor dem Abschluss seiner Forschung steht, erhält er den Anruf eines Headhunters, der ihn für die belgische Zentralbank gewinnen will. Er beschließt, in die Praxis zurückzukehren – vielleicht, so hofft er, hat er dort die Möglichkeit, an Lösungen für die Instabilität des internationalen Geldsystems mitzuwirken. 1978 wird er an der belgischen Zentralbank Leiter einer 200 Mitarbeiter umfassenden Abteilung für Organisation und Computeranwendung. Es ist die Zeit, als Helmut Schmidt und Giscard D’Estaing den ECU erfinden, um die europäische Wirtschaft vor den Wechselkursschwankungen des US-Dollars zu schützen. Diese Urform der gemeinsamen europäischen Währung ist damals noch ein reines Buchgeld, das ausschließlich zur Verrechnung im Außenhandel dient und wofür Programme entwickelt werden mussten. Es ist das erste Projekt, das dem frischgebackenen Abteilungsleiter Lietaer auf den Schreibtisch flattert, und einige Zeit glaubt er, hier in der Zentralbank die richtigen Gestaltungsmöglichkeiten gefunden zu habe. Doch seine Hoffnung, im Zentrum der Macht einen sinnvollen Beitrag zur positiven Weiterentwicklung des Geldsystems leisten zu können, erfüllt sich nicht. In einem Gespräch mit dem Leiter der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, faktisch der Zentralbank der Zentralbanken, erkennt er: Die Zentralbanken sind Teil dieses anfälligen Systems, das sie am Laufen halten, für Verbesserungen sind sie nicht zuständig.

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Gründler, Elisabeth

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