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Impressum
Heilung in Zeiten integraler Kultur
erschienen in Ausgabe 129
Jutta Gruber schildert die problematische Situation ganzheitlicher Therapien in Deutschland

Gesundheit: An kaum einem anderen Aspekt lässt sich das Weltbild einer Gesellschaft besser ablesen. Jutta Gruber folgt den Spuren alternativer Gesundheitsangebote am Beispiel der von der Medizinanthropologin Beatrix Pfleiderer entwickelten TARA-Arbeit.

Die Erde in uns kann heilen. Wenn wir uns das Gefühl der Verbundenheit mit der Erde erlauben, kann sie uns beim Heilen helfen. Unser Heilungsprozess ist auch der ihre. So oder so ähnlich lauten Kernaussagen ganzheitlicher Heilungsansätze und Therapierichtungen, die an der Beziehung zwischen Mensch und Erde arbeiten. Manche von ihnen sind aus der Ökologiebewegung entstanden, andere aus spirituellen Erkenntnissen heraus, wieder andere haben aus medizinischer oder therapeutischer Sicht erkannt, dass die Verbundenheit von Mensch und Erde Heilungprozesse fördert. In der TARA-Arbeit nach Beatrix Pfleiderer drücken sich diese Zusammenhänge in sehr klarer Form aus. Deshalb soll an ihrem Beispiel herausgearbeitet werden, was uns an diesen integralen Verfahren eigentlich so fasziniert und neu erscheint. Bei dieser Betrachtung zeigt sich z.B., dass sie unser Innen und Außen, das Subjektive und Objektive verbinden, ohne hinter die Errungenschaften der Individualisierung zurückzufallen. Im Gegenteil, sie ermöglichen uns die Erfahrung des Wir bei gleichzeitiger Anerkennung des Ich. Es scheint sogar, dass unsere persönlichen Eigenschaften im integralen Zustand der Verbundenheit in ganz besonderer Weise aufblühen können. Wie kann das sein? Was geschieht hier? Bisher waren wir doch immer entweder Ich oder Wir … Was für ein Zustand ist das, der die Trennung von Ich und Wir jenseits aller Religionen, jenseits aller Dogmen zu einer faszinierenden und heilsamen Synthese zu transformieren scheint? Neuere integrale Konzepte geben Hinweise auf den Hintergrund der anfänglichen Unsicherheit, die solche Erfahrungen auslösen. Denker wie Jean Gebser, Aurobindo Ghose und Ken Wilber sahen und sehen die Notwendigkeit einer „zweiten Aufklärung“: Die während der Aufklärung der Renaissance auf der Strecke gebliebene (da an Dogmen gebundene) Spiritualität soll jetzt im Zeitalter der „integralen Kultur“ in lebendiger und authentischer Weise neu in unser Leben integriert werden. Gemeinsam ist diesen Entwürfen eines künftigen Bewusstseins, dass sie sich von der modernen Wiederbegegnung des westlichen Denkens mit östlichem Geist inspiriert zeigen. Die Aufgabe des „neuen Menschen“ besteht nach dieser äußere und innere Perspektiven vereinenden Weltsicht nicht mehr darin, das (böse/unwirkliche) Irdische zugunsten des (guten/eigentlichen) Himmlischen zu überwinden. Vielmehr soll der Mensch sich ganz mit diesen beiden Qualitäten verbinden und zu ihrem Mittler werden. Auf diesem Weg erfahren auch die im Zug der ersten Aufklärung getrennten Bereiche der körperlichen Heilung und des geistigen Heils eine Re-Integration. Wer sich aufmacht, tatsächlich den Erdenweg zu gehen, strebt wie von selbst nach Heilung von sich selbst und allem was sie/ihn umgibt. Und wie jeder zukunftsweisende Ansatz, insbesondere wenn ihm ein alternatives Welt- und Menschenbild zugrunde liegt, erregt auch derjenige der integralen Kultur nicht nur Zustimmung.

Umstrittene „Ganzheitlichkeit“

Gerade die therapeutischen Verfahren, die Heilssuche und Heilung in neuer Weise verbinden, erfahren berufsrechtliche und gesetzgeberische Reglementierungen. Die VerbraucherInnen sollen vor denen geschützt werden, die Medizinisches mit Geistigem verbinden. Wieso? Eine im Gefolge einer einseitig rationalitätsfixierten Aufklärung entstandene Sichtweise vermag eine solche Wiederverbindung nur als Rückschritt in vorwissenschaftliches Denken wahrzunehmen. Geschah die einstige Trennung doch aus gutem Grund: Sie hat wesentlich zur Befreiung des Menschen geführt. Doch die Spiritualität wurde dabei mit dem Bade ausgeschüttet, und trotz des hohen Werts, den wir seither der individuellen Eigenständigkeit zumessen, wird leider den Einzelnen heute nach wie vor keine wirklich eigene Urteilungskraft zugestanden. Mit anderen Worten: Die erste Aufklärung muss sich erst noch vollständig vollziehen, und die zweite Aufklärung muss das zu Unrecht auf der Strecke Gebliebene wieder integrieren. Fast könnte man zu der Ansicht kommen, dass die Förderung der eigenen Urteilskraft in Deutschland gar nicht gewünscht zu sein scheint. Warum wurde 1997 das „Selbstbestimmungsrecht des Patienten“ abgeschafft? Es erlaubte zumindest nach drei ergebnislosen Behandlungen durch anerkannte Verfahren auch die Finanzierung einer vom Versicherten selbst gewählten Behandlung durch nicht anerkannte Verfahren. Dies ist heute nicht mehr möglich. Und die Toleranz nimmt weiter ab. Aktuell droht dem gesamten ganzheitlichen Gesundheits- und Wellnessbereich die Reglementierung durch das so genannte „Lebensbewältigungshilfegesetz“ (LBHG), das die alternativen Angebote drastisch einzudämmen und in ihrem ganzen Ansehen zu schädigen droht. Ein Hintergrund dieser Reglementierungen und Schutzaktionen liegt sicherlich in den Befürchtungen bestimmter Berufsgruppen (u.a.
SchulmedizinerInnen, PsychologInnen, Kirchen, Pharmaindustrie), ihre KlientInnen, AnhängerInnen und KonsumentInnen zu verlieren. Diese existenziell begründeten Besitzstandswahrungsversuche sind nur zu gut verständlich, und es zeigt sich, dass der Gesetzgeber diese Interessensgruppen auf Kosten des Vertrauens in die Selbstverantwortung der Einzelnen favorisiert. In der Tat stehen sowohl den an ganzheitlichen Verfahren Interessierten wie auch deren kritischen BetrachterInnen zumeist nur unzureichende Qualitätskriterien bei der Beurteilung der Angebote zur Verfügung. Für Ken Wilber ist die von ihm hinlänglich ausgearbeitete Unterscheidung von „prä- und transrationalen“ Methoden maßgeblich für deren qualitative Bewertung. Prärationale Methoden führen den Menschen in die Regression, in ein Wir, in dem er sich verliert. Transrationale Methoden hingegen führen in ein Wir, in dem die Selbstbestimmtheit erhalten bleibt. Diese Unterscheidung sei jedoch nur mit einer gewissen Übung möglich: „Da prärationale und transrationale Zustände – beide auf ihre je eigene Weise – nichtrational sind, können sie dem ungeschulten Auge als ähnlich, wenn nicht identisch erscheinen … Damit werden unweigerlich alle höheren und transrationalen Zustände auf niedrigere und prärationale reduziert.“ (Ken Wilber, „Eros, Komos, Logos“)
Diese sozusagen systembedingte Unfähigkeit zur Unterscheidung steht auch Pate bei dem aktuellen Ringen um das Lebensbewältigungshilfegesetz. Doch es scheint, dass dieser und andere Versuche der Reglementierung über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt sind: „Die Diskussion um das LBHG hat gezeigt, dass die staatlich-juristische Notwendigkeit, die Kategorien von Heil, Heilung und gewerblicher Lebenshilfe gegeneinander abzugrenzen, angesichts der zunehmenden Überlappung dieser Bereiche in der Lebenswirklichkeit der Menschen kaum zu realisieren ist. Spiritualität wird zunehmend als ein Bereich erkannt, der, unabhängig von der Religionszugehörigkeit, als Teil des menschlichen Daseins akzeptiert und wohl darum vermehrt auch in den Bereichen der Psychotherapie und alternativen Medizin angesprochen wird“ (Sebastian Murken in „Religionen und Recht“, Religionswissenschaftliche Reihe Bd. 17, 2002, Diagonal Verlag, Marburg.)

Befreite Spiritualität
Werfen wir unter Berücksichtung des Gesagten einen Blick auf die TARA-Arbeit. Diese vor einigen Jahren auf Hawaii entstandene, körperpsychotherapeutische Methode ist Ergebnis der langjährigen Arbeit von Beatrix Pfleiderer, einer früheren Professorin für Medizinanthropologie und Ethnologie an der Uni Hamburg. Der TARA-Prozess umfasst sowohl das gesamte Wissen aus ihrer medizinanthropologischen Forschung (Außen/Objektiv) über die Bedeutung von Ritualen in traditionellen Kulturen, erweiterten Bewusstseinszuständen und den essenziellen Qualitäten heilender (heiliger) Räume als auch das Wissen aus ihrer persönlichen Erfahrung der Verbundenheit mit der Erde und allen ihren Elementen (Innen/Subjektiv): „Medizinanthropologie und -ethnologie haben unlängst zur Erkenntnis beigetragen, dass Konzepte von Krankheit und Heilverfahren nur unter Einbeziehung der jeweiligen kulturellen Faktoren verstanden werden können. So richtig erhellend wirkt sich diese Einsicht aus, wenn man den medizinanthropologischen Blick auch einmal auf die eigene Kultur anwendet. Er hilft, zu einem ganz neuen Verständnis der Ursachen von Krankheit und Gesundheit zu finden und damit verbunden auch für die Entwicklung entsprechend neuer therapeutischer Verfahren. Genau dieser relativierende, interkulturelle Blick hat mir dabei geholfen, zu erkennen, dass die Krankheiten und psychischen Leiden der westlichen Zivilisation wesentlich durch den Verlust gelebter Verbundenheit unter den Menschen und zwischen ihnen und der Erde mit all ihren Wesen bedingt ist. Diese Verbundenheit wiederherzustellen hat sich als innerste Aufgabe der TARA-Arbeit gezeigt.“ (TARA Handbuch 2003)
Wie alle neuen integralen Methoden zeichnet sich der TARA-Prozess durch die Unabhängigkeit von heiligen Orten wie Tempeln und Kirchen, von heiligen Zeiten (z.B. Gottestdienst) oder einer bestimmten Religionszugehörigkeit aus. Dabei löst sich auch die herkömmliche Unterscheidung von Therapie und spirituellem Erfahrungsweg. TARA-Arbeit ist kein therapeutisches Verfahren im üblichen Sinne („Wiederherstellung“ psychischer oder körperlicher Gesundheit durch Arbeit an Symptomen) und auch kein spiritueller Weg im üblichen Sinne (Hinwendung nach Innen und Öffnung für die geistig-spirituelle als „eigentlich wirkliche“ Dimension). „Der Öffnung für die geistig-spirituelle Dimension geht im TARA-Prozess immer die Verbindung mit den Energien der Erde voran. Dadurch wird die spirituelle Erfahrung auf diesem Weg niemals von der Erde wegführen, sondern die Verbindung mit ihr mit jedem Mal verstärken. Die TARA-Arbeit fördert von daher die Inkarnation im ursprünglichen Sinne: die Fleischwerdung des Geistes. Die therapeutischen Effekte der TARA-Arbeit wiederum lassen sich auf die Erlösung von Symptomen auf dem Weg des Erlaubens zurückführen. Deshalb werden die physischen oder psychischen Symptome, die sich während der TARA-Arbeit zeigen, niemals durch den Erwerb besserer Kontrolle oder gar durch ‚Wegschneiden‘ therapiert. Es wird ihnen vielmehr erlaubt, sich zu zeigen und ihre Geschichte ‚erzählen‘ zu dürfen. Interventionen wie ‚du darfst leben‘ und ‚erzähl’ mir deine Geschichte, wenn du möchtest, heilen Symptome immer durch die Wiedereinbeziehung von abgespaltenen Anteilen und niemals durch deren Kontrolle oder durch schieres ‚Wegmachen‘.“ (TARA-Handbuch 2003)
In diesem Sinne scheint es möglich zu sein, Therapie als Initiation zu einer alltäglichen Lebenspraxis der integralen Kultur zu begreifen. Vielleicht wird diese Praxis in Zukunft keine Besonderheit mehr darstellen. Vieles spricht dafür, dass sie bereits Ausdruck eines zunehmenden Lebensgefühls ist, eines neuen (Selbst-)Verständnisses des Menschen. Und eines der Merkmale der damit einhergehenden Kultur ist die neu geöffnete Zugänglichkeit des ehemals esoterisch gehüteten Potenzials menschlicher Selbstheilungs- und Selbstfindungskräfte. ´

Zur aktuellen Diskussion um das Lebensbewältigungshilfegesetz finden Sie weitere Informationen auf der Internetseite der „Frankfurter Gespräche“: www.frankfurter-gespraeche.de. TherapeutInnen, die sich in diesem Zusammenhang engagieren möchten, empfehlen wir, ihren Verband auf die Frankfurter Gespräche aufmerksam zu machen und sich in die Diskussion einzubringen.

  Autoren

Gruber, Jutta

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