Die Utopie vom würdigen Leben im Alter. Von Birkhilde Nicolai
Birkhilde Nicolai entdeckt in einer Gemeinschaft neue Möglichkeiten, auch im Alter noch zu lernen und zu lehren. Was bedeutet es, zu altern? Wie können wir in einer Gesellschaft der Jugendlichkeit in Würde, mit Lebenslust und aus unserem Erfahrungsschatz schöpfend alt werden?
Die natürliche Einbettung des Menschen ist die Gemeinschaft. Die Liebe braucht Gemeinschaft, damit sie wachsen kann. Es ist mein Wunsch, auch im Alter in einer Gemeinschaft zu leben. Ich möchte mein Leben mit den jüngeren Generationen in Freiheit gestalten. Freiheit heißt für mich, frei lieben zu können und frei zu sein von Ideologien und Dogmen. Freiheit bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen für die Verständigung zwischen den Generationen, Vertrauensräume schaffen, damit in unserem sozialen Umfeld Liebe wachsen kann.
Der Kosmos verbindet Jung und Alt
Kinder kommen aus dem kosmischen Raum und wir Älteren nähern uns dem Kosmos. Das ist die natürliche Verbindung zwischen Kindern und Alten. Als Ältere achten wir darauf, dass Kinder ihre kosmische Verbindung erhalten können und schützen sie, damit sie neugierig und angstfrei in die Welt gehen können. Wir sind lebende Geschichte und eine Brücke zur Vergangenheit.
Die Wahrheitssuche der Jugend entspricht in ihrem Kern oft auch meiner Lebenserfahrung, dem, was ich als wahr und wesentlich erfahren habe. Jugendliche brauchen unverlogene Informationen und eigene Experimentier- und Erfahrungsräume, um selbstverantwortlich denken und handeln zu können. Wir können ihnen als Ältere geistige und materielle Unterstützung bieten, ohne sie belehren oder bevormunden zu wollen.
Der Verwirklichungs- und Expansionsdrang der mittleren Generation ist eine wichtige Überlebenskraft menschlicher Gemeinschaft. Wir stellen unser Wissen und unsere Erfahrungen gerne zur Verfügung für die Entfaltung dieser Kraft. Dort, wo diese Kraft die Gestalt der Vernichtung der planetarischen Ressourcen und der gegenseitigen Zerstörung annimmt, haben wir als Ältere die Aufgabe, dem überzeugend entgegenzutreten und unsere Stimme zu erheben. Als ältere Menschen sind wir dann attraktiv, wenn wir ein menschlicher Pol für die Jüngeren sind und unsere Lebenserfahrung unterstützend weitergeben. Ruhe und Gelassenheit und das Wissen darum, was wichtig ist im Leben, ist eine Qualität des Alters. Die Älteren erinnern und empfangen manchmal Botschaften aus scheinbar anderen Welten, formen sie zu Worten und Gesten und geben ihnen Sinn. Eine Ältere beginnt zu sprechen, und der Wind hält inne, um zu lauschen, das Wasser und der Alltag legen eine Atempause ein.
Verschüttetes Wissen
In uns schlummert noch das Wissen über die Rolle der Älteren, die mit Weisheit, Strenge und Humor Rat geben und letzte Entscheidungen fällen konnten. Sie waren unabhängig. Ihr Wort galt in der Gemeinschaft und wurde von allen befolgt.
Ein schönes, aber auch anstrengendes Bild, wenn wir es über unsere zerstrittene westliche Gesellschaft mit ihrer Spaltung der Generationen legen. Mit Jugendlichen, die in der mittleren Generation oft kein Gegenüber finden und ihre Ausbildungschancen dahinschwinden sehen. Mit der Ausgrenzung der „unproduktiven“ Älteren in Alten- und Pflegeheimen.
Seit 1993 lebe ich in einer größeren Gemeinschaft (im ZEGG bei Berlin). Ich möchte Antworten finden auf diese Generationsfrage. Meine gleichaltrigen Freunde leben in der Ehe, alleinstehend, mit Kindern oder in lebendigen Freundeskreisen. Von wem lernen wir, in Würde alt zu werden? Oder müssen wir das ganz neu erfinden? Das waren unsere Fragen schon mit Mitte 50. Wir fragten nach dem Sinn der Wechseljahre von Frau und Mann. Wir steckten oft noch mitten in den „schwarzen Löchern“, die periodisch auftauchten. Wir hatten uns die Distanz und den Humor gegenüber den eigenen Macken und Krisen bewahrt. Die gegenseitige Unterstützung gab uns zusätzlichen Halt, denn die jüngeren Freunde in den Vierzigern standen ratlos neben uns, so wie wir früher gegenüber den Älteren.
Meine Vision
Während einer Trance-Reise wurde mir eine Vision geschenkt: Ich lebe mit einer Gruppe von Älteren in einer größeren Gemeinschaft. Einmal bin ich mittendrin in der Gemeinschaft, dann wieder mehr unter uns Älteren oder allein an Kraftorten. Wir sind eine kreative und humorvolle Gruppe mit all unseren liebenswerten Seiten und Schrullen. Einige von uns nehmen sich die Freiheit, unsere Wahrnehmungen künstlerisch zu gestalten oder für ein Projekt der Gemeinschaft zu arbeiten. Andere von uns reisen in andere Gemeinschaften und in Krisengebiete, um zu lehren und zu lernen. Ich bin in beiden Bereichen zu finden und werde politische Großmutter genannt. Die Wege zwischen unserem Platz und den Orten der Jungen sind kurz. Auf Anfrage sind wir gerne Zeitzeugen und geben unsere Fähigkeiten in der Musik, im Theaterspielen usw. weiter. Einige von uns hüten den Platz. Bei uns finden die Jungen ein offenes Ohr, Inspirationen für Abenteuer, und für die Kinder gibt es manchmal auch etwas Süßes. Anstrengende Problemdiskussion mögen wir nicht mehr, aber wir können um Rat und Unterstützung gefragt werden. Manchmal gibt es Reibungen, weil wir uns belehrend eingemischt haben, bevor die jüngere Generation ihre eigenen Erfahrungen machen konnte. Solche Situationen werden in unseren gemeinschaftlichen Foren respekt- und humorvoll aufgelöst. Wir schauen auch zu, wenn Riskantes ausprobiert wird und bauen spirituell einen Schutzraum auf. Manchmal kommt das erst später heraus, wenn alles sich zum Wohle des Ganzen entwickelt hat oder wenn das Scheitern verarbeitet wird. Einige sind ausgebildete Heiler und geben ihr Wissen weiter. Andere gestalten Rituale und leiten Heilungszermonien. Ganz in unserer Nähe gibt es einen Ort für Retreats. Ich bin in einer Gruppe älterer Frauen zu Hause und mit jüngeren Frauen und Männern freundschaftlich verbunden. An meiner Seite sind gleichaltrige Männer als meine Gefährten. Liebe und Sex werden als reife Frucht genossen. So weit die Vision. Mein Leben in der Gemeinschaft war Anfang 50 noch bestimmt durch meine Arbeit in einer ökologischen Firma. Mit 55 war ich ausgelaugt und musste mir eingestehen, dass ich auf vielen Ebenen bankrott war. Meine Freunde liebten mich für diese Wahrhaftigkeit, weil das Theater um mein Image aufhörte. Für eine Architektin, die immer alles im Griff hatte, fühlte sich das ziemlich leer an. Manchmal konnte ich aber auch die Freiheit spüren, die das ermöglichte. Für mich und meine gleichaltrigen Freunde ereignete sich in dieser Zeit vieles zugleich: Es war eine abgeschlossene Berufstätigkeit zu verarbeiten, Abschied zu nehmen von der aktiven Elternrolle, mit schwindender äußerer Attraktivität zurechtzukommen. Auch in der Liebe schien sich alles zu verändern. Aus der Partnerschaften brachten wir viel Unverarbeitetes und auch Resignation mit. Sollten wir noch Hoffnung haben oder uns mit all dem abfinden? In tiefe spirituelle Erfahrungen flüchten und den Sex vergessen?
Die Wiederentdeckung der Spirtualität
Spirituelle Lebenspraxis wurde immer wichtiger. Wir sahen, wie wir in unserer äußerlich aktiven Lebensphase den Kontakt zu unserer heiligen Quelle verloren hatten und diese Verbindung dann bei unseren Liebespartnern oder in der Karriere gesucht hatten. Das war eine schmerzhafte Verwechslung. Behutsame Kontakte und Kommunikation waren jetzt heilsam, um herauszufinden, was ich zu dem wiederkehrenden Desaster in der Liebe beigetragen habe und was meine Liebesfähigkeit und meine Attraktivität ausmacht. Neues auszuprobieren gibt Hoffnung und Kraft. Und wir stellten fest, dass unsere alten 68er-Freunde auch in die Jahre kamen und sich zunehmend Gedanken machten, wie sie ihre Lebenszeit im Alter gestalten wollten. Nicht mehr nach Abgrenzung, sondern nach Verbindung, Versöhnung und Kreativität stand uns der Sinn. Die Aussöhnung mit den alten Geliebten, den Eltern und dem vergangenen Leben öffnete mein Herz. Die Suche nach alten und neuen ungelebten Träumen wurde viel interessanter und wendete den Blick in andere Welten. Wir taten, was bisher in unserem Alltag immer zu kurz kam. Das ist für mich Kunst: In den kreativen Fluss kommen, Malen ohne Wertung, einfach weil es mir Spaß machte. Ich konnte ja immer wieder neu anfangen. Ich konnte meine Wut malend ausdrücken, die Frustration in den Fluss der Kreativität werfen. So begann eine interessante Verwandlung in mir, die ich langsam auf mein übriges Leben übertragen konnte.
Unterstützung durch die Gemeinschaft
Im Alltag der Gemeinschaft bestand ein Teil meiner Heilung in einfachen, dienenden Tätigkeiten. Ich machte über längere Zeit jeden Tag das Frühstück für die Gemeinschaft und unsere Gäste, pflegte und begleitete Kinder, unterstützte Freunde mit meinen Managementfähigkeiten, damit sie ihr Projekt wie z.B. die der Vernetzung von Gemeinschaften starten konnten. Im Zusammenleben wurde es für mich schwierig, mit „meiner Erfahrung“ nicht belehrend aufzutreten. Leben in Gemeinschaft bedeutet auch, sich alltäglich auf einen inneren Wertewandel einzulassen. Privates in gemeinschaftliches Denken und Handeln umzuwandeln, Anteilnahme zu lernen, anstatt sich zu profilieren. Unterstützung zu geben, Kontakt aufzunehmen und zu kooperieren statt zu konkurrieren. Meine Konflikte mit den Jüngeren konnte ich als „Mutterprojektionen“ abtun oder sie als eigene Lernaufgabe annehmen, indem ich mich fragte: Wie gebe ich den Jüngeren mein Vertrauen und den Raum zum Ausprobieren? Welche inneren Turbulenzen die eigenen Krisen und das zeitweilige Chaos beim Aufbau einer Gemeinschaft erzeugen, konnte ich vorher nicht ahnen. In meiner Vorstellung habe ich einige Male die Koffer gepackt. Heute bin ich dankbar für das Wachstum, die Unterstützung der Gemeinschaft, das wachsende Vertrauen und die vielen Erfolge, die wir feiern konnten.
Die Erweiterung des Liebesbildes
Auf geistiger Ebene ist es für mich befreiend, mein Liebesbild über den Fokus der Geschlechterliebe hinaus auszuweiten auf die Frage nach dem Weg in eine liebende, aktive Anteilnahme. So kann ich nicht „tatenlos“ zusehen, wenn beispielsweise eine Mutter ihren kleinen Sohn anschreit, der heulend bettelt, auf den Arm genommen zu werden. Doch sie muss die Wäsche aufhängen, hat gleich einen Termin usw. „Kann ich dir den Jungen für eine Zeit abnehmen?“, frage ich dann. Eine gestresste Mutter atmet auf, der Junge geht mit mir auf eine kleine Entdeckungsreise zu den Männern und den Maschinen. Früher hätte ich an dieser Stelle die Mutter belehrt. Oder ein/e FreundIn verrennt sich ins Drama: Heute leihe ich ihr/ihm mein Ohr, damit alles Aktuelle ausgesprochen wird, und morgen sage ich dazu meine Wahrheit, wenn der Dampf abgelassen ist und sie/er für eine andere Sichtweise offen ist. Das bedeutet auch, mich bald zu entschuldigen, wenn ich jemanden verletzt habe, meine Freunde rechtzeitig zu informieren, wenn ich innerlich nicht mehr weiter weiß. Die Palette der Beispiele ist groß. Um bei diesen alltäglichen geglückten und misslungenen Wendungen nicht in die alten Gewohnheiten von Schnelligkeit, Urteil und Ungeduld zu geraten, brauche ich meinen morgendlichen Lauf in den Wald, pflege mein Kraftgebet und horche auf Eingaben. Den Dank genauso auszusprechen wie die Bitte, den Eingaben zu folgen, das sind meine Lernaufgaben. Ich nehme mir Zeiten der Ruhe und spiritueller Besinnung in der Gemeinschaft oder auch allein.
Ich lebe mit meinen Freunden in dem Bewusstsein, dass wir alle auf der Suche sind, Fehler machen, uns korrigieren und Neues finden. Ich bin ein Mensch im Übergang, ich liebe meine späte Freiheit und möchte sie auch mit gleichaltrigen Gefährten erforschen und genießen. ´
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