Martin Goldstein denkt über die subtilen Wirkungen des Utopischen im Alltag nach
Die Überschrift stimmt nicht so, wie sie zunächst klingt.
Denn ich meine, dass Visionen zur Wirklichkeit des Mensch-Seins gehören ebenso wie das, was wir Wirklichkeit nennen, immer nur die vorübergehende Manifestation eines viel größeren Feldes von Möglichkeiten ist.Offensichtlich ist im Moment die Wirklichkeit des isolierten Wohnens in festen Häusern vorherrschend. Darin wohnen viele Menschen, die lieber für sich bleiben wollen, als mit den anderen etwas Gemeinsames zu erfinden. Mich ödet das an, und meine Vision ist das Zusammenleben und Zusammenwohnen mit in etwa gleichgesinnten Menschen. Und meine Vision ist, dass dieses „Zusammen“ vieles erleichtert und auch verbilligt und miteinander Spaß macht. Sobald das Ganze „Gemeinschaft“ genannt wird, kommt der besondere Dreh. Ganz einfach deshalb, weil in einer wirklichen Gemeinschaft, die ich „belebte Gruppe“ nenne, die meisten Dinge, Begriffe und Aufgaben einen anderen Sinn bekommen als vorher im isolierten Leben. Zum Beispiel der Begriff „Sauberkeit“: Die gibt es im Miteinander nur so, wie wir sie miteinander sehen, und niemand schreibt sie uns vor und kontrolliert sie. Das ist der Abschied von Mutters oder eines Hausmeisters Ideal. Dafür öfter Kriegsrat, wie und ob wir das gemeinsam besser und leichter erledigen. Die Vision ist klar und einfach, das Verwirklichen nicht so sehr. Und nun lerne ich, dass das kein Nachteil ist, denn miteinander palavern lässt eine Form von Gemeinsinn entstehen. Und Gemeinsinn braucht Zeit. Diese Zeit braucht Neugier und Interesse, um sich zusammenzuraufen. Partnerschaftlichkeit ist eine ganz allmählich und langsam wachsende Sache. Ohne Vision wäre sie eine Qual und vertane Zeit. Die Entwicklung im Miteinander ist wichtiger als das Ergebnis nach Maß. Voraussetzung einer solchen Gemeinschaft ist zum Beispiel, dass mir aufgeht, dass die Sicherheit im Gemeinschaftlichen steckt. Was ich nicht kann, können andere tun – manchmal auf eine Weise, auf die ich nie gekommen wäre. In meinen Wohngemeinschaften war ich immer überrascht, dass z.B. Geschirrspülen nie ein Problem war. Irgendeiner war immer spülsüchtig oder spülwillig.
Das schöpferische Wirken der Vision
Mir ist aufgefallen, dass die Vision selbst nicht Wirklichkeit wurde, sondern dass sie mir die schöpferischen Kräfte gab, vom Leben anderes zu erwarten, als es mir bisher möglich war. Zu gern wäre ich an meiner Vision hängen geblieben. Nein, besser nicht. Besser ist es, zu erleben, wie sich etwas Neues einstellt. Andreas spült leise, während es bei mir immer scheppert: Welch ein Abenteuer! Alex spült nie, dafür saugt er täglich Staub. Aber die Vision, dass alles klappt, reicht nicht. Das bisher alltäglich Erlebte und die kleinen Tatsachen wollen in der Runde erwähnt werden. Das Selbstverständliche will zur wahrgenommenen Geschichte werden. Erst dann ist die Wirklichkeit vorhanden und erstaunlich, weil nämlich die kleinen Erfahrungen und Tricks, die zusammenkommen, zu einem geschätzten Gruppengefühl werden.
Nun gehört es sich auch, zu benennen, was schwerfällt. Dazu muss man eben dies loslassen. Was mir lieb und teuer war, wird zu Ballast. Erst wenn ich frei davon bin, werde ich stark genug für das Zusammenleben und Gemeinsinn. Dafür kann ich jetzt Menschen beachten und um Hilfe zu bitten, statt lange hervorkramen zu müssen, was ich brauche. Die Fixierung auf Besitz, Paarbeziehung, Familie und Beruf stellen sich als die deutlichsten Hindernisse auf dem Weg zur Gemeinnützigkeit heraus. Das klingt hart, ist aber so. Im Kollektiv werden etliche meiner geliebten mitgebrachten Aufassungen zu Ballast. Man sollte aber auch nichts einfach weglassen, sondern vielmehr alles neu gestalten, und zwar mit Stil und in gegenseitiger Vereinbarung. Das ist eine Art von Recycling.
Die Vision als nährende Quelle
Meine Vision war die einer perfekten Organisation: So und nur so muss es werden. Doch dabei kann sie leicht zum Hindernis werden, denn ich hatte nicht mit den Menschen gerechnet. Ich habe gelernt, die Vision als Quelle zu entdecken und das Wasser nicht in vorgefertigte Gefäße abzufüllen. Die Quelle fließt immer weiter. Es nutzt mir aber nichts, die unerschöpfliche Quelle zu bewundern. Das Wasser will Erde, Pflanzen und Menschen nähren. Das Genährtwerden ist Wirklichkeit, selbst in einer Dürrezeit. Dann ächzen und stöhnen wir gemeinsam und merken, was uns verbindet. Viele strömten mit ihrer Vision über unseren Platz und wollten alles wissen und erklärt bekommen. Und wir „Wirklichen“ haben uns im Beantworten erschöpft. Das tun wir nicht mehr. Wir fragen nicht: „Was sucht ihr?“ Dann kommt nichts als reine Vision. Wir fragen: „Was willst du beitragen?“ Damit kommen wir der Wirklichkeit näher. Auf dem Weg von der Vision zur Wirklichkeit hört man viele „Ach ja“, „Ach so?“, „Auweia“, „Ooch“ und „Aber“. Doch rückwirkend wird vieles zu Kitt, zu Kontakt, zu Allgemeingut und zum verbindenden „Weißt du noch?“.
All das vermag ein Visionär. Er ist manchmal verzweifelt, aber zweifelt nicht an der Vision, die ihn nährt und herausfordert. Auch das möchte ich nicht missen. ´
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