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Über uns
Impressum
Die Sehnsucht nach dem weiten Meer
erschienen in Ausgabe 129
Aufgewachsen bin ich noch in DDR-Zeiten im alten thüringischem Städtchen Thamsbrück, was so viel heißt wie „die Siedlung an der Brücke über den Sumpf“. Wir lebten auf einem Bauernhof in sehr einfachen Verhältnissen. Badezimmer, Wasserklosett und Waschmaschine gab es nicht. Dafür aber eine große Wohnküche, in der sich unser Leben abspielte. Drei Generationen lebten in einer Dreizimmerwohnung und tagsüber kamen auch die Urgroßeltern dazu.

Ich liebte das alte Sofa, auf dem ich hüpfen konnte und den großen Tisch in der Mitte, an dem abends alle saßen und erzählten. Hier wurde gelacht, geweint, gestritten, getanzt und Musik gemacht. Jede/r wurde ernst genommen. Jeden Tag kam Besuch von Nachbarn und Freunden. Es war ein offenes Haus voller Lebensfreude. Als ich sechs Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir nach Salzwedel, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Das war zunächst eine große Umstellung. Meine Freiheit in der Natur und den alten Dachboden musste ich eintauschen gegen diese Neubauwohnung. Doch nur wenige Tage später lernte ich meine beste Freundin kennen, die es bis heute noch ist. In unserem Haus lebten 10 Familien und Paare. Nach näherem Kennenlernen wurde daraus eine tolle Hausgemeinschaft. Wir waren alte und junge Menschen, die zusammen feierten – vor dem Haus auf der Wiese oder im eigens dafür hergerichteten Keller, Menschen, die sich gegenseitig halfen und ihre Fähigkeiten in die Gemeinschaft einbrachten. Meine Mutter frisierte allen die Haare. Einer konnte gut mit Holz umgehen, ein anderer war Polsterer und kannte sich mit Lederarbeiten gut aus. Eine/r holte samstags für alle frische Brötchen. Hatte das Unwetter mal den Keller überflutet, so standen alle zum Schippen bereit. Hinterher gab es ein Fest. Wenn ich von der Schule kam, half mir immer jemand bei den Hausaufgaben oder kochte für mich. Es war ein Geben und Nehmen ohne Berechnung. Jeder wusste vom anderen auch seine Schwächen. Wo es nötig war, wurde geholfen und nicht weggeschaut. Es war keine Gemeinschaft der großen Worte, sondern eine der vielen kleinen Taten. Ich studierte in Rostock und arbeitete drei Jahre in Magdeburg an einer Schule, lehrte die Kinder Deutsch, Musik und wie man Brücken baut zwischen Menschen.

Die Anonymität der Großstadt im Westen

Mit der Wende zog ich dann nach Dortmund zu meinem jetzigen Mann. Zunächst war ich sehr glücklich in unserer neuen Kleinfamilie, aber mir fehlte die Wärme der Menschen außerhalb unseres Nestes. Nachbarschaftliches Miteinander erlebte ich hier eher selten. Die Menschen waren sehr verschlossen und gaben wenig von sich preis. Es gab kaum jemanden, bei dem man unangemeldet auftauchen konnte. Teilweise war das bei Menschen möglich, die in binationalen Partnerschaften lebten und bei den Freunden meines Mannes. Aber deren Lebensinhalte waren nicht immer auch meine. Mir fehlte diese Leichtigkeit und Fröhlichkeit, die ich von meinen Freundschaften gewohnt war. Mir fehlte die Offenheit, sich etwas von der Seele zu reden, zu weinen und der Mut zu einer freundschaftlichen Umarmung. Mir fehlte das ehrlich gemeinte Mitgefühl. Hier tauchten auf einmal Probleme auf, die für mich bisher kein Thema waren, wie Gewalt, sexueller Missbrauch, Drogen, Arbeitslosigkeit, Emanzipation der Frau, Isolation, Single-Dasein, Ausländerfeindlichkeit usw. mit denen ich mich auseinandersetzen musste.

Ein neuer Aufbruch

Während der Auseinandersetzung mit diesen Themen lernte ich vor allem Frauen kennen, mit denen ich Gemeinschaft leben möchte, zusammen mit meiner immer noch recht glücklichen Kleinfamilie. Will man mit anderen ein Schiff bauen, sollte man zu allererst die Sehnsucht nach dem Meer wecken. Ich fand fünf andere Menschen, die sich mit mir diese Sehnsucht erfüllen wollen: Gabi, 55, Grundschullehrerin, hatte bereits Erfahrungen mit Wohngemeinschaften aus früheren Zeiten und möchte nun daran anknüpfen. Ingrid, 57, Justizangestellte a.D. und Single, lebt seit Jahren mit Mutter und Schwester im selben Haus in jeweils abgeschlossenen Wohnungen. Sie möchte jetzt mit einer selbst ausgesuchten Familie leben und sich weiterentwickeln. Christine, Lehrerin, 55, lebte früher ebenfalls in Wohngemeinschaften und möchte am liebsten eine multikulturelle Kommune. Eine zweite Gabi, 36, Altenpflegerin, alleinerziehende Mutter eines 9jährigen Sohnes, WG-erfahren, ist deshalb mit Hoffnung und Skepsis dabei. Rainer, Wissenschaftler, 64, mit zwei Kindern von 13 und 16 Jahren, freut sich aufs Zusammenleben mit ganz verschiedenen Menschen. Und ich, Trixi, 36, Erzieherin, habe zwei Kinder von neun und zwölf Jahren, bin verheiratet mit Engin, Architekt und Kurde, und mag diesen ganzen Haufen von Herzen gerne! Ja, wie sieht es aus, unser Meer? Für jeden von uns etwas anders, aber uns eint vieles. „Leben einzeln und frei wie ein Baum und geschwisterlich wie ein Wald“, das ist unsere Sehnsucht. Konkret heißt das, alle wollen eine abgeschlossene Wohneinheit in einem Haus mit Garten aber auch einen großen Gemeinschaftsraum.

Ein Traum wird wahr

Und wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich einen großen Raum mit Holz an den Wänden, in warmen Farben gestaltet, lichtdurchflutet, in einer Ecke ein Klavier und viel Platz. Ein Raum zum Toben für die Kinder, zum Reden und zum Feiern und Kuscheln für die Jugendlichen. Ein Raum zum Meditieren, Tanzen, Singen, für Reiki, Qi Gong, Yoga, Massagen und Platz für Kunst. Ein Raum zum Lachen, Streiten, Reden und um Politik und Spiritualität miteinander zu verbinden. Im Raum steht ein festlich gedeckter Tisch mit Kerzen und alle sitzen daran, glücklich, und würde ein Fremder den Raum betreten, so könnte er die Wärme der Menschen spüren. Ihre Augen glänzen und sie fassen sich an den Händen und singen: „Trommle mein Herz für das Leben, singe mein Mund dem Frieden...“. Und wenn ich die Augen wieder öffne, dann sehe ich eine Gruppe von 6 Menschen, die nicht nur träumen, sondern auf den regelmäßigen Treffen – einmal im Monat – schon an der Umsetzung arbeiten. Dabei ist uns Organisatorisches und Zwischenmenschliches gleichermaßen wichtig. Wir sind nun auf der Suche nach einem geeigneten Objekt in Dortmund. Und die Suche nutzen wir, um das Miteinander schon etwas zu üben. Einmal erprobten wir unser Zusammenleben schon sehr konkret: im Ökodorf Sieben Linden! An drei Tagen übten wir dort in einer immer vertrauter werdenden Runde, unsere Konflikte auszutragen. Durch das enge Wohnen und Schlafen (wir schliefen und schnarchten zu fünft in einem Raum) wuchs die Nähe zwischen uns. Gemeinsames Arbeiten brachte ein Stück Alltag. Zum Abschluss fühlten wir uns viel stärker als Gruppe miteinander verbunden und waren wohl wegen unseres gewachsenen Vertrauens in der Lage, bestehende Konflikte wirklich auszusprechen. Geplant sind in der nächsten Zeit Ausflüge mit den Kindern, und spontane Besuche untereinander sind keine Seltenheit mehr. Ein gemeinsam zu mietendes Haus war schon in Sicht, ist uns aber wieder entgangen. Verhandlungen mit Wohnungsbaugesellschaften, die wir jetzt führen, stimmen uns aber hoffnungsfroh. Wir sind gestartet, um unsere Sehnsucht zu stillen und irgendwann anzukommen. Wo? Genau wissen wir es noch nicht, vielleicht auf einer Insel, vielleicht bleiben wir auf dem Meer, aber ankommen werden wir, und es wird gut sein, weil wir uns etwas zu geben haben… ´

  Autoren

Erasalan, Trixi

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