Martin Stengel reflektiert seine Erfahrungen mit einer lebendigen Utopie im Spannungsfeld zwischen Ideal und Wirklichkeit
Florian ist das erste Mal im Ökodorf Sieben Linden. Er hat sich angemeldet zu einem einwöchigen Lehm- und Strohballen-Bauseminar im „Club99“, einer derzeit 15-köpfigen Lebensgemeinschaft mit eigenem Gelände innerhalb des Ökodorfs Sieben Linden. Seit mehreren Jahren weiß er von diesem Projekt, hat aber immer gezögert zu kommen, denn: „Die sollen da so esoterisch und weltfremd drauf sein, insgesamt ziemlich abgedreht“ hatte er ein paar mal gehört. Was er nun vorfindet überrascht ihn. In einer Gesprächsrunde während der Woche drückt er es so aus: „Bei aller Utopie in euren Vereinbarungen ist das, was ich hier an Alternativen erlebe, richtig real. Ich habe nicht erwartet, dass man seine Träume so konkret umsetzen kann. Ein wenig beneide ich euch darum, dass ihr euch hier mit eurem Experiment so ausprobieren könnt und euch die Zwänge der allgemeinen Realität so vom Leibe haltet.“ Von Utopie hat unser Besucher gesprochen. Schlagen wir im Brockhaus nach: Utopie kommt aus dem Griechischen und bedeutet „kein Ort“; übertragen: ein erdachter, noch nirgends realisierter Gesellschaftszustand; ein bewusst formulierter Idealzustand als Korrektur bestehender Verhältnisse… Ist der Club99 utopisch? Heißt das, dass wir unsere Ziele nie erreichen werden? Wozu denn dann das Ganze?
Utopie ist möglich
Der Club99 ist utopisch, und zwar mit Absicht. Hier soll ein besonderer Ort mit einem idealen Lebensmodell geschaffen werden, das sich bewusst nicht an dem von außen als realistisch Eingeschätzten orientiert. Die Mitglieder unserer Gemeinschaft verbindet die Motivation, auf die schier unlösbar gewordenen Überlebensfragen der Menschheit eine wirklich nachhaltige Lösung zu finden. Dazu können wir uns nicht mit kleinen Korrekturen begnügen. Wir glauben nicht, dass sich mit Mülltrennung, Energiesparkühlschrank und Solarmilchschäumer (noch dazu im Singlehaushalt) die fortschreitende Vernichtung unserer Lebensgrundlagen umkehren lässt. Die Krise der Postmoderne ist auch eine Chance, aus den Erfahrungen der Menschheit zu lernen und sich auf einen wirklich neuen Weg zu begeben. Wir möchten dazu immer besser verstehen, wie wir durch unsere Gedanken und Taten zu Unfrieden auf allen Ebenen des Seins beitragen, um bewusst friedenschaffende Gedanken und Taten an deren Stelle zu setzen. Unsere Forschung bezieht den gesamten Menschen und sein Umfeld ein, weil wir nur eine ganzheitliche Veränderung für nachhaltig halten. Wir fragen uns also bei einem schicken Hemd, welcher Mensch irgendwo auf der Welt für dieses Kleidungsstück unter welchen Bedingungen gearbeitet hat, wieviel Naturraum dafür wohl verschmutzt oder zerstört wurde und ob all das durch unser Bedürfnis nach mehr Attraktivität zu rechtfertigen ist. In anderen Situationen fragen wir uns, woher z.B. unsere innere Enge gegenüber Anderem, unsere Ängste, unsere Gier oder einfach nur schlechte Kommunikationsmuster kommen, wie und warum wir an ihnen festhalten und durch welche Werte und Gedanken wir sie auflösen können. Am meisten interessiert uns der Gedanke oder besser gesagt die Ahnung, dass das Leben, das wir uns aufbauen, sinnhafter, freudvoller und im tiefsten Inneren befriedigender sein wird als das, was wir hinter uns lassen. Um allerdings diese neuen Qualitäten entdecken und genießen zu lernen, halten wir einen dem „utopischen“ Lebensmodell vorbehaltenen Raum für sinnvoll, der dieses – wie ein Gewächshaus die noch jungen Pflanzen – schützt. Woher sonst soll ich wissen, was für ein Genuss z.B. eine Baustelle ohne Strom sein kann, wenn um mich herum ständig elektrisch gewerkelt wird? Utopie soll uns hier eine richtungsweisende Kraft für Veränderungen im Alltag sein, eine Inspiration für die Gedanken, die wir uns um die scheinbar kleinsten alltäglichen Handlungen machen. Sie soll uns täglich dem erträumten Idealzustand näher bringen, auch wenn wir dieses vielleicht im ganzen Leben nicht oder noch nicht einmal in dieser Generation erreichen. Utopie kann Lust machen auf das neue Leben, aber sie kann auch missbraucht werden, um eine permanente Unzufriedenheit mit der nicht akzeptierten Realität zu begründen. Utopie soll nicht als Raster oder Maßstab dienen, durch das man auf den Alltag blickt, und mit dem man die Dinge in gut und schlecht einteilt. In schwierigeren Situationen im Alltag geht es uns bei aller Utopie immer noch darum, sensibel dafür zu sein, was das Leben in diesem Moment von uns will: Sind wir wirklich schon bereit für den nächsten Schritt, oder brauchen wir noch ein Verweilen im Gewohnten?
Widerspruchsvoller Alltag
Betrachtet man den Alltag im Club99 vier Jahre nach seiner Gründung, so sieht man: Menschen auf der maschinenfreien Baustelle bei der Arbeit an ihrem Gemeinschaftshaus aus Rundholz, Strohballen und Lehm, alles aus der Region. Alles an diesem Haus haben die zukünftigen BewohnerInnen zusammen mit Gästen selbst gemacht. Nun ist es fast fertig, nachdem wohl 12.000 Arbeitsstunden, dafür aber nur etwa 7.000 Euro für Material notwendig waren. Eine überschlägige Energiebilanz für die Herstellung dieses zweistöckigen Hauses mit 100qm Wohnfläche ergab weniger als 5 Prozent des heute üblichen Wertes für ein ökologisches Haus vergleichbaren Stadards. Doch auch für die Recyclingmaterialien aus der Umgebung fuhren schwere Lastwagen, das Gerüst ist aus Sicherheitsgründen ganz konventionell, der Dielenboden im ersten Stock stammt aus dem Sägewerk. Wir sind also auf dem Weg, aber ist das Ziel erreichbar? Ute tischt ihr gerade geerntetes und zubereitetes Mittagessen auf. Die ersten Mahlzeiten vom eigenen Garten und Acker werden mit Begeisterung genossen, die Pflanzen sind gut gediehen, die Fülle des Lebens ist spürbar. Aber hat Harry nicht davor am Pferdepflug für den Kartoffelacker mit Schweißgerät und Bohrmaschine gewerkelt („keine Maschinen“)? Welche Mengen an Bratöl und Sojamilch werden wir uns bei echter Selbstversorgung noch leisten können („Wir verbrauchen nur das, was wir langfristig selbst herstellen können“)? Und überhaupt: Martin macht in Nebenbemerkungen die anderen für seine Überlastung verantwortlich („Jeder ist selbst verantwortlich für sein Leben, inklusive seiner eigenen Gefühle“); Volker kommt während des Plenums selten zu Wort („Wir lassen einander ausreden und hören das Gesagte“); Silke hat sich Arbeitsschuhe aus neuem Leder gekauft, (also nicht vegan); Jörg ist krank und ißt Schokolade und Bananen (nicht regional); und Kosha steckt neue Akkus ins Babyphon, sonst kann sie nicht zur Theatergruppe gehen („kein Einsatz industriell produzierter Güter“)…
Umgang mit Stolpersteinen
Nobody is perfect. Und ein chinesisches Sprichwort sagt: „Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt.“
Es gilt, aus diesen Ereignissen Erfahrungen zu machen, aus denen wir etwas lernen können für unser Umdenken. Die Kompromisse passieren nicht einfach oder werden gar geheim gehalten. Wer sich im Konflikt mit unseren Vereinbarungen sieht, spricht mit den anderen darüber, oder es wird gemeinsam im Plenum nach neuen Lösungen gesucht. Oft tauchen dadurch Möglichkeiten auf, die die/der Einzelne nicht gesehen hat: Eine fragt für alle im Bekanntenkreis nach ausrangierten Schuhen; endlich kommt einer auf die zündende Idee, wie wir unsere Fassaden ohne Kalk oder Kuhmist wetterfester machen können; eine scheinbar notwendige Autofahrt wird überflüssig durch das Engagement eines anderen…
Oft geht es aber eher um psychologische oder emotionale Konflikte mit den gemeinsamen Zielen. Hier kann manchmal das wöchentliche Forum Erleichterung (Erleuchtung?!) bringen. In solch einem Forum erhält jeweils eine Person für eine bestimmte Zeit die volle Aufmerksamkeit aller anderen, um sich zu zeigen und das aktuelle Fühlen und Denken transparent zu machen. „Wieso fällt es mir so schwer, mein Geld mit den anderen zu teilen?“ „Ihr schafft die Arbeit ja viel leichter, weil Ihr keine Kinder habt.“… Diese „Auftritte“ werden so gestaltet, dass das gegenseitige Verständnis gefördert wird und damit Vertrauen entstehen kann, vielleicht sogar eine Loslösung vom „Problem“ geschieht. Die anschließenden „Spiegel“ der aufmerksamen und wohlwollenden Betrachter sollen denjenigen, der sich gezeigt hat, bei der Selbsterkenntnis unterstützen und können manchmal bei der eigenen Weiter-Ent-Wicklung helfen. Leben in Gemeinschaft bietet damit Chancen, sich Aufgaben gewachsen zu fühlen, vor denen man alleine schon längst kapituliert hätte.
Und wie lebt es sich im Spannungsfeld zwischen einem anspruchsgeladenen experimentellen Raum und dem normalen Leben „draußen“? Ist es möglich, sich zu verändern, wenn man jederzeit das Gelände verlassen kann, um sich außerhalb den alten Gewohnheiten hinzugeben?
Experimentieren für eine neue Kultur
Nach meinem bisherigen Erleben geschieht die Veränderung am ehesten durch die positiven Erfahrungen mit dem bereits Erreichten. Erst seitdem in meinem Wohnraum die Stereoanlage nicht mehr vorhanden ist, habe ich die Qualität der Ruhe entdeckt und gleichzeitig das Improvisieren am Klavier. Nie vorher wusste ich, wieviel Freude es mir machen würde, mit dem Pflug barfuß hinter den Pferden herzugehen. Die Aufgabe, auf der Baustelle nur von Hand zu arbeiten, hat zu einer wahren Selbst-Ermächtigung geführt. Das Ergebnis ist ein schuldenfreies Wohnhaus, ein Kopf voller Ideen für weitere Bauprojekte und das Vertrauen, dass alle Kompetenzen zu deren Umsetzung in der Gruppe vorhanden sind. Wo ich vor vier Jahren noch allenfalls zum Schlafen in den Club99 gegangen bin, ist für mich dort ein anziehender Ort entstanden, an dem ich den größeren Teil des Tages verbringe. Das Experimentierfeld bietet mir die Möglichkeit, mich aus all meinen Prägungen des bisherigen Lebens wieder zu entwickeln. „Warum trinkt ihr Wein, wenn ihr Wasser haben könntet?“ soll Buffy St. Marie gesagt haben. Und sie hat recht, es schmeckt köstlich! Die eingeschlagene Entwicklungsrichtung gibt mir Zufriedenheit und ein Bild von einer Zukunft, die ich will. Das Engagement innerhalb dieses Lebensstil-Experimentes macht für mich in vielerlei Hinsicht Sinn, auch wenn Zweifel bestehen bleiben: Ich kann nicht sagen, wie zufrieden ich wäre, wenn ich nicht manche Bedürfnisse konventionell „draußen“ befriedigen würde. Es kann auch sein, daß sich hinter dem einen oder anderen unserer hehren Ansprüche (z.B. „ohne ausbeuterische Dritte-Welt-Produkte leben“) manchmal ganz persönliche Ziele verstecken (z.B. die Schokolade-Sucht loswerden-wollen). Ist es bei all unseren Widersprüchen nicht seltsam, auf das Erreichte stolz zu sein? Wo ist bei der Suche nach dem bescheidenen Leben, die Bescheidenheit im Geiste? Manchmal auch frage ich mich, was die Gesellschaft mit solch einem Extrem anfangen soll, dem keiner folgen kann. Das Private ist nach meiner Überzeugung politisch, aber inwiefern liefert unsere radikale Utopie Anstöße zu einer gesellschaftlichen Utopie? Unsere zahlreichen positiv berührten Gäste geben mir die Hoffnung, dass so manch eine/r daraus entscheidende Veränderungen im eigenen Leben vornehmen wird. Nicht jeder muss gleich so umfassend zur Sache gehen wie wir. Es braucht wohl für Zukunftsmodelle, die allgemein konsensfähig sein sollen, genauso Menschen, die sich für das 3-Liter-Auto einsetzen.
Anstöße zu einer gesellschaftlichen Utopie
Das Spannende am Experiment des Club99 ist sicher auch die gleichzeitige Existenz des Inneren und Äußeren. Vielleicht sollte ich für eine gesellschaftlich realisierbare Utopie die Grundgedanken unseres Experimentes erweitern und zu einer Synthese mit der äußeren Welt bringen, wie sie heute ist: Wieviel angepasste Technik braucht eine wirklich nachhaltige Selbstversorgung? Welche moderne Medizin braucht der gesunde Mensch? Wieviel Kommunikationstechnologie braucht eine erfolgreiche Antiglobalisierungsbewegung? Das Experiment ist noch lange nicht zu Ende. Es wird geleitet von einer lebendigen Utopie, die wir aufgrund von Erfahrungen, die wir auf unserem Weg machen, auch zu verändern bereit sind. Dazu ist es nötig, dass wir uns ganz auf die Vision einlassen, weil wir nur so herausfinden können, was von all dem möglich ist, was funktioniert, und was die Lebensqualität steigert. Unser eingangs vorgestellter Besucher Florian verlässt nach einer Woche den Club99 wieder. Zum Baubeginn für das nächste von Hand gefertigte Fachwerk aus Naturstämmen möchte er unbedingt eingeladen werden und für ein paar Monate mitarbeiten und -leben. „Wo sonst kann ich so etwas erleben?!“
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