Erhard O. Müller fragt, wie unsere Kultur ein neues Verständnis von „religio“ jenseits des Dualismus finden kann
Der erste ökumenische Kirchentag in Berlin verstand sich als ein Beitrag zum „Dialog der Kulturen“. Doch der Weg hin zu einer wirklichen Ökumene ist noch weit, solange die Kirchen ebenso wie die moderne säkulare Welt einem dualistischen Weltbild verhaftet bleiben. Was könnte ein neuer Weg sein?
Kulturelle Grundwerte und Wertmaßstäbe prägen das Vermögen einer Gesellschaft und ihrer Individuen zu jenem „Dialog der Kulturen“, der insbesondere nach den Geschehnissen des 11. September für notwendig erachtet wird. Nun ist aber das „kulturelle Kielwasser“, in dem sich unsere (post)modernen Gesellschaften bewegen, eine Mixtur aus ganz verschiedenen Weltanschauungen, deren Mischungsverhältnis über unsere Fähigkeit entscheidet, mit individuellen und globalen Konfliktsituationen umzugehen. Die Wurzeln unserer Kultur reichen weit zurück: Als Bonifatius die Donar-Eiche fällte, legte er zugleich die Axt an die gewachsene religiöse Tradition Europas. Der Einzug des christlichen Religionsprinzips hat im europäischen „Abendland“ über die Jahrhunderte ein Werte- und Denksystem hervorgebracht, das sich durch eine dualistische, eine monotheistische und eine heilsorientierte Betrachtungsweise der Dinge auszeichnet. Auch die Aufklärung hat diesen Zustand nicht grundlegend geändert, sondern das dualistisch-monotheistische Weltbild des Christentums nur säkular gewendet. Welche Auswirkungen haben diese kulturhistorischen Entwicklungslinien – Dualismus, Monotheismus, Heilsmythos – auf den heutzutage bitter notwendigen „Dialog der Kulturen“?
Die „Achse des Bösen“ hat ihre Ursache im Dualismus
Als Dualismus bezeichnen wir eine Form der Wahrnehmung der Welt, die von antagonistischen, d.h. vermeintlich unaufhebbaren Gegensätzen geprägt ist. Historisch entstanden ist dieser Dualismus aus der Übersteigerung einer an sich völlig richtigen Wahrnehmung unseres Bewusstseins: Es teilt die Welt in Subjekt und Objekt, in dunkel und hell, Mann und Frau, Plus und Minus usw. Die Wechselwirkungen zwischen derartigen Polaritäten bilden – etwas verkürzt gesagt – die Grundlage für die Entwicklung aller Dinge. Irgendwann in der Geschichte – zu nennen wäre hier vor allem die alte persische Religion – haben unsere Vorgängerkulturen diese wechselseitige, die Ganzheit konstituierende Polarität ins Absolute gesteigert: Nicht der Ausgleich, die gegenseitige Befruchtung der Pole, sondern ihre gegenseitige Unvereinbarkeit waren fortan der Maßstab des Denkens: Gott und Satan (im Alt-Persischen Ahura Mazda und Ahriman), Himmel und Hölle, Geist und Materie wurden strengstmöglich voneinander getrennt und als Gegensätze verabsolutiert. Dualistische Auffassungen spalten das Ganze unserer Wirklichkeit, um einen der Teile des Ganzen als minderwertig oder „böse“ zu brandmarken und abzusondern, wobei erst durch seine Vernichtung das ersehnte Heil erlangt wird.
Es konnte nicht ausbleiben, dass dieser Dualismus auch uns Menschen in gut und böse einteilte: Die „Kinder des Lichts“ hatten fortan die heilige Pflicht, die „Kinder der Finsternis“ zu bekämpfen, um auf diese Weise ihr Seelenheil im Reiche Gottes zu erlangen. Die Welt wurde in eine irdische und eine himmlische, eine materielle und eine geistige Hälfte separiert – und man hatte sich gefälligst auf eine der beiden Seiten zu stellen, wobei Gewaltanwendung gegenüber der jeweils anderen Seite nicht nur erlaubt war, sondern in der Regel als ein sittliches Gebot galt.
Es liegt in der Natur der Sache, dass in einem solchen Denken die möglichst umfassende Ausschaltung der gegnerischen Position als etwas Positives erscheinen muss – sowohl in der geistigen Welt als auch in den ganz realen Konflikten des irdischen Lebens.
Der Dualismus von Himmel und Hölle wurde im weiteren Verlauf der Geschichte von der jüdischen, der christlichen und schließlich auch der islamischen Welt im Wesentlichen übernommen – wobei es in allen drei Traditionen immer auch Positionen gab, die sich für seine Überwindung einsetzten: Nicht die Verstoßung oder gar Vernichtung des Sünders oder des „Bösen“, sondern eine offenherzige Kontaktaufnahme mit dem Ziel einer Integration und schließlichen „Heilung“ des Bösen stehen bei diesen Ansätzen im Vordergrund, die wir u.a. bei Hildegard von Bingen, Meister Eckart oder Franz von Assisi, nicht zuletzt auch in der biblischen Person Jesu finden. Ein weiterer Aspekt – im Grunde eine Folgeerscheinung des Dualismus – ist die Entwicklung zu einem männlich geprägten Monotheismus: Die zuvor aus beiden Geschlechtern zusammengesetzte Gottheit oder auch Göttervielfalt wurde durch eine einzige Gottvater-Figur ersetzt. Von nun an durfte es nur noch einen einzigen Gott geben – „und keinen anderen neben mir“. Der Glaube an weitere Götter, bis zu diesem historischen Punkt noch eine normale, sozusagen „pluralistische“ Erscheinungsform des religiösen Lebens, wurde in der Folge geächtet und gewaltsam verfolgt. Dieser männlich geprägte Monotheismus, verbunden mit einem absoluten Ausschließlichkeits-Anspruch, diente nicht nur als Grundlage religiöser Intoleranz und unerhört gewaltsamer Missionierungen, sondern wurde auch – das Geschlechterverhältnis betreffend – zu einem Rechtfertigungsfaktor für die Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft. Es liegt auf der Hand, dass sich auf der Grundlage eines derart geschlossenen – d.h. einerseits monotheistischen, andererseits dualistischen – Religionssystems als „Mainstream“ nur eine Kultur der Intoleranz gründen konnte, die einen gleichberechtigten Dialog unterschiedlicher Religionen und Kulturen eher verhinderte als ermöglichte, ja Versuche zu einem solchen Dialog geradezu als eine Gotteslästerung bestrafen musste, wofür es in der Geschichte genügend Beispiele gibt: Der radikale Islamismus ist nur eine jüngere Spielart jener Einstellung, die auch die „christliche Inquisition“ beherrschte.
Bemühungen zur Überwindung dualistischer Denkweise
Gewiss gab es gegenüber dieser Gesamttendenz christlich-abendländischer Geschichte auch Bemühungen eines Gegensteuerns – im folgenden nur drei Beispiele: Zum einen war es die historische Person des Jesus, der durch sein Wirken das moralische Koordinatensystem und die strengen dualistischen „Reinheitsgebote“ seiner Zeit deutlich in Frage stellte – und diese Haltung durch seinen unmittelbaren Umgang mit angeblichen „Sündern“, entrechteten Frauen etc. auch ganz praktisch unterstrich, bis hin zu einem allem Anschein nach auch freieren Umgang mit dem weiblichen Geschlecht. Dieser Ansatz einer Überwindung dualistischer Verhaltensnormen im ur-jesuanischen Gedankengut wurde allerdings bereits von den Schreibern der Evangelien erkennbar abgeschwächt bzw. von den späteren Kirchenführern, die den paulinisch-autoritären Christus-Mythos systematisch ausbauten, sogar auf massive Weise unterschlagen.
Eindrückliche Beispiele kennen wir jedoch auch aus der nichtchristlichen Welt, namentlich der buddhistischen, die mit der Dualität des Lebens auf eine andere Weise umzugehen vermag. Einen Eindruck dieses anderen Umgangs vermittelt uns u.a. die Symbolik von Yin und Yang, die ja in ihrer sehr einprägsamen Art einen Ausgleich der Pole symbolisiert. Eine der wenigen Ausnahmen im christlich-abendländischen Zusammenhang war die im Mittelalter wirkende Mystikerin Hildegard von Bingen, die von einer Art Komplementarität alles Seienden ausging, was ein wenig an die Symbolik von Yin und Yang erinnert, wobei zugleich eine Aufeinander-Angewiesenheit der Geschlechter mitschwingt. Hildegard von Bingen spricht von der „heiligen Gottheit“, die für sie „unbegrenzt alles in sich“ einschließt. In dieser Idee eines wechselseitigen Sich-Umschließens und Sich-Gegenseitig-Enthaltens liegt – unschwer erkennbar – ein ganz anderes Verständnis von der Akzeptanz des Andersartigen als in der offiziellen kirchlichen Dogmatik, die öffentlich zum heiligen Krieg gegen die Andersgläubigen aufrief. Der weitere Verlauf der „abendländischen“ Entwicklung ist hinlänglich bekannt: Das kirchlich geprägte Christentum wurde zum alleinherrschenden Religionssystem in Europa und prägte das Weltbild und die Kultur des „christlichen Abendlandes“ ganz entscheidend: Von dieser Prägung war auch – hier wird es spannend – der allmähliche Übergang zu einer eher wissenschaftlichen Sichtweise betroffen. Denn auf der einen Seite resultierte aus dem dualistischen Leib-Seele-Gegensatz eine sehr prinzipielle Natur- und Körperfeindlichkeit des Christentums früherer Jahrhunderte (die zum Teil, etwa in der Sexualmoral, noch bis heute anhält); auf der anderen Seite begann in der Neuzeit ein Prozess der naturwissenschaftlich-technischen Sezierung und Unterwerfung der Natur und ihrer energetischen Kräfte. Beide konnten sich dabei jedoch gemeinsam auf eine biblische Aufforderung beziehen, nämlich: „Macht Euch die Erde untertan!“Unter dieser Devise spielten sich die dualistische Religion und die auf demselben dualistischen Grundansatz fußende Naturwissenschaft sozusagen die Bälle zu: Es entstand jenes mechanistisch-rationale Weltbild, für das insbesondere der Name Descartes steht, und das uns Europäern von heute auf zweierlei Weise arg zu schaffen macht: Einerseits wurde es uns erleichtert, die Natur für unsere Zwecke auszubeuten und zu vergewaltigen (die heutige Öko-Bewegung ist ja ein Reflex gegenüber dieser Entwicklung). Andererseits wurde es uns ungeheuer erschwert, unsere Umwelt anders als nur analytisch-rational (d.h. auseinander-nehmend), nämlich auch intuitiv-spirituell (als eine zusammengehörende Einheit, in die wir selbst untrennbar verwoben sind) zu erfassen.
Das ambivalente Gesicht der Aufklärung
Bekanntlich trat ab dem 18. Jahrhundert die Aufklärung ihren Siegeszug an – und man möchte meinen, dass mit der Befreiung aus der absolutistischen Versklavung und aus den autoritären Denkkorsetten der für überkommen geglaubten Religion die Grundbedingungen für eine neue, eine freiere und gewaltärmere Gesellschaft erfüllt gewesen wären. Aber irgendwie scheint das Gegenteil der Fall zu sein:
Zwar nehmen die traditionellen Glaubensbedingungen spürbar ab, gleichzeitig aber sind neue, säkulare Glaubensmächte nachgerückt: etwa in Gestalt des Glaubens an die Wissenschaft, des politischen Messianismus der verschiedensten ideologischen Couleur, des Glaubens an die Allmacht der Vernunft usw. Und diese neuen Glaubensmächte bringen ihrerseits ein Unterdrückungspotenzial hervor: Nur in den schlimmsten Krisenzeiten der Spätantike und des ausgehenden Mittelalters ist soviel gefoltert, eingekerkert und gemordet worden wie in der wissenschaftlich geprägten Zivilisation des 20. Jahrhunderts.
Die extreme Ausbeutung unserer natürlichen und humanen Ressourcen auf der einen, die Vernichtungs-Praxis der Klassen- und Rassenideologien des 20. Jahrhunderts auf der anderen Seite belegen sehr nachdrücklich, dass die säkulare Rationalität der Wissenschaft (die von der Aufklärung auf den Thron gehoben wurde) uns weder vor solchen Vergewaltigungen schützen noch auch den ersehnten Fortschritt hin zu mehr Menschlichkeit erbringen konnte. Im Gegenteil: Die Rationalisierungstechniken, die die Wissenschaft entworfen hat, ermöglichten den Aufbau von Naturunterwerfungs- und Terrorsystemen, wie sie die Weltgeschichte zuvor nicht kannte. Nur in wenigen Phasen der Geschichte wurde die Freiheit so geknechtet, die Menschenwürde so geschändet, das Denken und Empfinden der Menschen so gnadenlos manipuliert wie in der religionsarmen Welt, in der wir heute leben. Es ist also offensichtlich ein Irrtum zu glauben, säkulare Strategien seien in der Lage, Religion und Mythen einfach hinter sich zu lassen. Im Gegenteil: sie sind sogar gezwungen, säkulare Imitationen der alten Religionssysteme zu entwickeln, die man gemeinhin als Ideologien bezeichnet.
Ideologien neigen bekanntlich dazu, eine diktatorische und gleichschaltende Funktion auszuüben: In ihren Methoden und Schematismen imitieren sie uralte Herrschaftsformen, die in den großen Religionen ausgebildet wurden. Es handelt sich um Ersatz-Glaubensmächte, von denen sich niemand freisprechen kann und die individuell unterschiedliche Inhalte annehmen können: als Glaube an einen Guru, an ein Parteiprogramm, an die Macht des Verstandes, an eine feindselige Verschwörung oder auch an das himmlische Paradies nach einem Selbstmordattentat. Das Problem unserer „aufgeklärten“, sich von Mythen und Religionen weitgehend unabhängig wähnenden Kultur besteht im Kern darin, dass wir die in diesen Mythen enthaltenen Verhaltensmuster in der Regel nur verdrängt haben. Wie wir aus der Psychologie wissen, bricht derart ins Unbewusste Verdrängtes früher oder später mit brachialer Macht – und in diesem Stadium nur noch wenig kontrollierbar – wieder in unser Bewusstsein ein. Das vergangene Jahrhundert hat dafür Beispiele geliefert, deren tragische Geschichtsmächtigkeit uns allen bekannt ist – und deren Gewaltpotenzial etwa dem der mittelalterlichen Religionsherrschaft in nichts nachsteht. Die beiden geschichtsmächtigsten dieser Heilsmythen haben dem vergangenen Jahrhundert jeweils ihren Stempel aufdrückt. Wie konnten die auf ihnen basierenden totalitären Systeme ihre fatale Wirkungsmacht entfalten? Ist die Autorität einer göttlichen Führungsmacht einmal verdrängt (oder im grellen Licht der Aufklärung nur noch schwer erkennbar), dann greifen die Menschen zu irdischer Führung, auf die sie ihr Glaubensbedürfnis projizieren können. Auf diese Weise war es paradoxerweise die Aufklärung selbst, die es den totalitären Systemen (neben diversen anderen Faktoren) erleichterte, ihre – gegen die Freiheitswerte eben dieser Aufklärung gerichteten – Heilsangebote einer Volksgemeinschaft bei quasi-religiöser Beziehung zu einer Führerperson (oder Ideologie) erfolgreich zu unterbreiten.
Im Klartext: Die Aufklärung hat mit ihrer Verdrängung der Glaubensbedürfnisse der Menschen (die ja zuvor in der Religion ihre Befriedigung fanden) jene fundamentalistischen „Rückstoßeffekte“ hervorgerufen, die den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts insgesamt ein nützliches Rückgrat lieferten. Die totalitären Ideologien haben – jede natürlich auf ihre eigene Weise – mit Erfolg versucht, dieses Vakuum weidlich für sich auszuschlachten: Für das jeweilige „große Ziel“ wurde Gewalt-Entgrenzung nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern auch wohlwollend unterstützt. Aufklärung mutierte zur „Feind-Aufklärung“.
Werteverlust und Gewalt-Entgrenzung in säkularen Demokratien
Wenn wir davon sprechen, dass die Säkularisierung in den Menschen ein „spirituelles Vakuum“ erzeugte und sie auf diese Weise den neumodischen säkularen Heilsmythen geradezu in die Arme trieb, so ist dieses Phänomen allerdings nicht nur auf die scheinbar weit von uns entfernten totalitären Systeme eines vergangenen Jahrhunderts beschränkt. Die Fehlfunktionen einer Säkularisierung auf dualistischer Basis zeigen auch in ganz normal funktionierenden demokratischen Systemen ihre Wirkung: Indem sie die Religion zurückdrängt, unterminiert die Säkularisierung auch die Basis eines verbindlichen Wertesystems, an das der Mensch sich halten kann und muss. Diese Verdrängung einer Wertebasis lässt sich nicht nur in den mittlerweile geächteten totalitären Systemen beobachten, sondern auch in unseren demokratisch organisierten Gemeinwesen; und zwar nach innen – im Hinblick auf die Umgangsformen, die wir unseren Mitmenschen entgegenbringen – als auch nach außen: in unserem Verhalten gegenüber der Natur, gegenüber anderen Völkern bzw. Weltgegenden; ein Verhalten, für dessen ökonomische Dimension es heute den vielbemühten Begriff der „Globalisierung“ gibt.
Das Problem, vor dem wir stehen, ist: Bei einem Verlust der letzten Reste von „religio“ (=Rückbindung) geraten notwendigerweise auch letzte Werte ins Wanken. Wenn Gott (als wertsetzende Instanz) nicht mehr da ist, macht sich der Mensch zu Gott. Wer aber kann dann noch verbindlich verbieten, beispielsweise Leben anzutasten? Warum sollte dann nicht auch das Gebot „Du sollst nicht töten“ beliebig überschreitbar sein? Welche höhere moralische Instanz aber kann heute Jugendlichen vermitteln, dass es falsch ist, Ausländer anzuzünden?
„Wer ethische Werte erhalten will, muss auch die Welt erhalten, aus der sie begrifflich stammen und ohne die sie nicht existieren können.“ (Frieder Lauxmann) Um uns an ein ethisches Wertesystem gebunden zu fühlen, brauchen wir Menschen entsprechende Glaubensinstanzen, die sie uns vermitteln. Aus diesem Grund sind auch alle säkular organisierten sozialen Systeme gezwungen, so etwas wie Imitate der früheren Religionen zu entwickeln – bis hin zu entsprechenden Menschen- und Organisationstypen: An die Stelle des Priesters tritt der Kulturmanager oder auch Universitätsprofessor, an die Stelle des Mittlers göttlicher Lehren das Mitglied der Grundwertekommission, an die Stelle des Propheten der medial geschulte Parteisprecher. Den Platz der göttlichen Wahrheit nehmen so genannte Leitbilder ein, die es ggf. gestatten, die gesamte Gesellschaft auf ein bestimmtes Ziel hin zu normieren. Die entscheidende Frage ist, welche Normen es sind, die unsere Gesellschaft bestimmen und aus welchem tieferen Fundament heraus sie letztlich in uns verankert werden. Reicht hierfür ein humanes Grundgesetz oder eine UNO-Menschenrechtskonvention – oder auch der schöne Spruch „Was Du nicht willst was man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu“? Oder brauchen wir eine tiefergehende Rückbindung an einen wie auch immer gearteten Ursprung der ethischen Werte, was ja die Religionen immer beanspruchten zu sein?
Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es nicht, eine These sei jedoch gestattet: Erst wenn die Menschheit auf einer neuen Grundlage zu einer „Rückbindung an das Ganze“ findet, ist die Basis für eine Eindämmung des Phänomens der Intoleranz gelegt.
Weltanschaulich-kulturelle Grundlagen zu verändern ist gewiss kein bescheidenes Unterfangen – aber wir kommen nicht darum herum, wenn ein Miteinander der Kulturen Wirklichkeit werden soll. Wie also müsste eine Kultur aussehen, die das Gewaltphänomen eindämmen kann? Und was müssten die religiösen und weltlichen Instanzen, die unsere Kultur prägen, dafür tun? Dazu abschließend einige stichwortartige Thesen:
1) Wir brauchen ein neue Art von „religio“. Gemeint ist eine spirituelle Rückbindung an das Ganze des Universums, ein Sich-Eingebundenfühlen in das Ganze, in den uns umgebenden Kosmos, in die Natur und die Gesellschaft. Erst aus dieser Eingebundenheit kann das Gefühl einer Verantwortung für das Ganze erwachsen. Die alte, hierarchisch und dualistisch geprägte Form der Religion, wie sie uns durch das paulinisch-kirchliche Christentum wie auch den (zur Zeit etwas rabiater auftretenden) Islam vermittelt wird, ist zur Schaffung eines solchen neuen Verbundenheitsgefühls ziemlich offensichtlich nicht mehr in der Lage – nicht zuletzt auch deshalb, weil sie sich einer Sprache bedient, die dem modernen Menschen in unserer aufgeklärten Zeit nicht mehr zugänglich ist: zweifelsohne eine große Herausforderung für jede Religion, der auch die etwas geöffneten Formen des Kirchentags bislang nicht gerecht werden konnten.
2) Wir brauchen ein neues Verständnis der Ganzheitlichkeit: eine Überwindung jener dualistischen Denkkonzepte, welche die Intoleranz gegenüber Andersdenkenden erst hervorrufen. Hier könnte, so meine Vermutung, der westliche Mensch einiges von dem eher komplementär angelegten Yin-und-Yang-Denken der östlichen Welt lernen, das ja schon in seiner Symbolik einerseits die in allem enthaltene Dualität anerkennt, andererseits aber das dualistische Dominanz- und Unterdrückungsstreben zu überwinden trachtet – im Sinne eines Ausgleichs der Polaritäten.
Neue Ökumene: Kultur der Anerkennung des jeweils anderen
3) Wir brauchen eine neue Ökumene, d.h. eine Überwindung der monotheistischen Grundeinstellung „nur mein Gott ist der Wahre“ – oder, weltlich gewendet: nur meine Partei (nur mein Denkansatz) hat Recht! Erst eine solche Ökumene wäre in der Lage, alle Kulturen und ihre Religionen untereinander zu verbinden und auf diese Weise ein Klima des gegenseitigen Lernens zu ermöglichen. Es geht also um eine Kultur der Anerkennung des jeweils anderen als eine unerlässliche Voraussetzung für jede Art eines Dialogs der Kulturen, den wir gerade nach dem 11. September so dringend brauchen.
4) Wir brauchen eine neue Koppelung der Erkenntnissysteme von Wissenschaft und Religion. Vieles spricht dafür, dass die Systeme der Wissenschaft und der Religion – wiederum in einer typisch dualistischen Gegeneinander-Manier – oft von denselben Dingen sprechen, wenn auch in sehr verschiedenen Sprachen oder „Codes“. Bekannt sein dürfte das Beispiel so großer Wissenschaftler wie Albert Einstein, Werner Heisenberg oder auch Fritjof Capra, die im Verlauf ihres Wirkens erstaunt zur Kenntnis nehmen mussten, dass einige ihrer größten Entdeckungen bereits in sehr alten religiösen Weisheits-Schriften vorweggenommen waren – allerdings in einer für uns heutige Menschen höchst unverständlichen mystischen Sprache. Hier geht es also unter anderem um eine Übersetzungsleistung, bei der die Menschheit heute noch am Anfang steht. Einer der ersten Übersetzer und Brückenbauer in diesem Zusammenhang war der bekannte Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung.
5) Wir brauchen eine neue Politik der Teilhabe: Bürgerinnen und Bürger müssen die Möglichkeit haben, auf die Bestimmung ihrer Lebensumstände wirksam Einfluss auszuüben, weil sie nur auf diese Weise ein Verantwortungsgefühl für ihre Umgebung entwickeln können. Erst eine solche Teilhabe fördert die Verantwortung für das Ganze, bewirkt eine Identifikation mit dem gesamten Gemeinwesen und damit letztlich auch den Abbau von Intoleranz und Gewaltanwendung gegenüber dem „Anderen“. Denn erst durch diese Teilhabe kann ein Mensch die Blickwinkel und Sichtweisen der jeweils anderen umfassend zur Kenntnis nehmen und im besten Falle in eine erweiterte eigene Gesamtsicht integrieren.
6) Wir brauchen eine Verteidigung der offenen Systeme gegenüber geschlossenen Systemen. Diesen Kampf geführt zu haben, bleibt – trotz aller kritikwürdigen Aspekte – das bleibende Verdienst der Aufklärung. Denn nur in offenen Systemen können sich unterschiedliche Kulturen und Herangehensweisen frei entfalten – und vor allem: sich gegenseitig durchdringen und voneinander lernen. Was die Verteidigung der offenen Systeme betrifft, so gibt es allerdings – besonders augenfällig nach dem 11. September – in unserer globalisierten Welt ein nur schwer lösbares doppeltes Paradox:
Wir sehen uns konfrontiert mit einem sehr rabiat auftretenden geschlossenen System (ich spreche von der Denkwelt des islamisch geprägten Fundamentalismus), das unumwunden eingesteht, offene Systeme wie jenes der freiheitlichen Demokratien zu zerstören und durch ein eigenes, geschlossenes System im Sinne eines „Gottesstaates“ ersetzen zu wollen (was historisch keineswegs etwas Neues ist, denken wir nur an die Kreuzzüge oder die Inquisition in der christlichen Tradition).
Das erste Paradox ist nun, dass gerade jene offenen Systeme, die es zu verteidigen gilt – ich rede von den „aufgeklärten“ Demokratien des Abendlandes – vielfach erst durch ihre enorme wirtschaftliche Macht und deren zum Teil recht rücksichtslose Anwendung zum Entstehen solcher fundamentalistisch-geschlossener Systeme mit beigetragen haben. Trotzdem – und dies ist das zweite Paradox – müssen eben diese (historisch nicht ganz unschuldigen) Systeme in der aktuellen Situation die Idee des offenen Systems verteidigen. Dies gilt auch dann, wenn die Umsetzung dieser Idee in den freiheitlichen Demokratien nicht immer vorbildlich verläuft – könnten wir doch ohne diese unperfekten Demokratien all diese Fragen gar nicht in weitgehend freier und offener Atmosphäre diskutieren!
Die genannten Anforderungen machen deutlich: Wenn es gelingen soll, den Dialog der Kulturen zur „Normalität“ unseres globalen menschlichen Zusammenlebens zu machen, dann steht insbesondere die Religion vor einer großen Herausforderung: Sie müsste bereit sein, den ihr in die Wiege gelegten Monotheismus und Dualismus zugunsten eines weniger persönlichen Gottesbegriffs und eines weniger geschlossenen Systems der Gut-Böse-Polarität von sich aus zu überwinden. Die Reformation der realexistierenden Kirchen wird grundlegender sein müssen als die bereits gehabte, die ins Auge zu fassende Ökumene weitaus umfassender als die des Deutschen Kirchentags. Ohne Hilfe von außen werden die Kirchen zu solcher Reform kaum in der Lage sein. Die Frage lautet offenbar weniger „Wollen wir ihnen dabei helfen?“ als vielmehr: „Lassen sie sich dabei helfen?“ ´
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