Eberhard Hierse poträtiert Christiane Wilkening und ihren Weg von der Referentin für Migration im Hamburger Senat zur ökologischen Kräuterproduzentin
Sie sitzt am Esstisch im Garten und beklebt sechseckige Gläschen mit bunten Etiketten. „Joana Nigra“ steht drauf, und drin ist Johannisbeermarmelade, eines der Produkte vom Kräutergarten Pommerland – alle aus eigenen und wilden Kräutern und Früchten. Sie tragen blumige Namen wie die Kräutertees „Nachtfeuer“ und „Venusmond“, die Marmeladen „Miralissa“ und „Cucurbita“ oder die Sirupe „Melinza“ und „Hollerblüh“. Christiane Wilkening, eine reife Frau von Statur, lässt sich Zeit. „Möchtest Du einen Wein?“, fragt sie mich. Ich möchte. Wir stoßen an. Dann sind die Marmeladegläschen beklebt, es kann losgehen. „Was soll ich Dir denn erzählen?“, fragt Sie. „Mein ganzes Leben etwa?“ „In groben Zügen, ja.“, antworte ich. Christiane Wilkening, geschiedene, kinderlose Mitfünfzigerin, von Beruf Lehrerin, die nicht in der Schule, dafür in der Erwachsenenbildung gearbeitet hat, die sich gegen Rassismus einsetzte und im 50. Lebensjahr ein neues Leben begonnen hat: in einem kleinen Dorf in Vorpommern, Pulow, als Geschäftsfrau beim Kräutergarten Pommerland. Ein Leben mit Brüchen und Wandlungen, typisch für ihre Generation.
Aufgewachsen ist sie in einem Dorf in der Nähe von Stadthagen, einer Kleinstadt nicht weit von Hannover. Das Leben verläuft ruhig in traditionellen Bahnen, viele Frauen tragen im Alltag noch die Tracht mit den roten Röcken, manche Bauern arbeiten noch mit Pferden – als Kind und junges Mädchen lebt sie authentisches bäuerliches Dorfleben mit, bevor es in diesem Teil Deutschlands für immer endet und zur Folklore wird, zur Idylle städtischer Phantasien. Gleichzeitig erlebt sie die Einengung durch dörfliche Normen und Ansprüche des Elternhauses. Zwei Brüder hat sie, ihr Vater war evangelischer Pastor, ihre Mutter eine der letzten Pfarrfrauen vom alten Schlag. Weit und breit war sie das einzige Mädchen, das zum Gymnasium ging. „Das war eine Zeit, in der ich sehr isoliert und einsam war: Zu Hause war ich die, die in der Stadt zur Schule ging, und in der Klasse war ich die vom Dorf!“ „Natürlich bin ich christlich geprägt“, sagt sie. „Wie könnte es anders sein? Das ist einfach das Erbe, das ich in mir trage. Meine Eltern haben mich in eine bestimmte Richtung zu drängen versucht: Religion, humanistisches Gymnasium, Musik, Literatur usw., aber sie haben mir letztlich die Freiheit gelassen und mir auch den Mut gegeben, immer wieder das zu tun, was ich für richtig halte, und das Vertrauen, auch dazu zu stehen. Gerade meine Mutter hat mich darin bestärkt, als Frau ein eigenes, unabhängiges Leben zu führen.“ Zunächst folgte sie der Orientierung durchs Elternhaus und begann nach dem Abitur 1968 als junge Frau Germanistik, Theologie und Pädagogik zu studieren. Lehrerin wollte sie werden oder vielleicht doch Pastorin? 1968, das war die Zeit der Studentenrevolte, die Zeit des radikalen Bruchs mit den Traditionen, als wirklich alles in Frage gestellt wurde, auch von ihr. Spätestens im Referendariat kamen ihr massive Zweifel, ob sie als Mensch mit großem Freiheitswillen die Rolle der Autoritätsperson, die die staatlichen Interessen disziplinarisch gegen dreißig Kinder durchsetzen müsste, auch wirklich verantworten wollte.
Engagement für Integration
Nach dem zweiten Staatsexamen konnte sie nicht mehr einfach so weitermachen und ging 1977 für ein halbes Jahr nach London, zum Englischlernen und Jobben. Es wurden zwei Jahre daraus, in denen sie das Dasein als nicht-zugehörige Ausländerin erlebte und von Menschen aus anderen Ländern und von deren Blick aufs Leben und auf Deutschland beeinflusst wurde. Ende der siebziger Jahre kehrte sie nach Hamburg zurück, wo sie eine Freundin fürs Leben traf: Anke Caspar-Jürgens, die mit einer Frauengruppe im Hamburger Stadtteil Altona Deutschkurse für türkische Frauen organisierte. Auf einmal schien sich eine berufliche Chance außerhalb des Schulsystems zu ergeben – vielleicht war die Lehrerinausbildung zusammen mit ihren Auslandserfahrungen doch zu etwas gut? In einer Gruppe von Frauen aus verschiedenen Ländern baute sie das selbstorganisierte internationale Bildungsprojekt „INCI e.V.“ für eingewanderte Frauen auf, in dem sie zehn Jahre lang arbeitete und das noch heute existiert. „Wir haben Deutschkurse gemacht, Alphabetisierungskurse, Nähkurse, und zunehmend kamen junge Mädchen und fragten nach Ausbildungsmöglichkeiten.“ Der deutsche Ausbildungsmarkt hatte damals große Schwierigkeiten, sich an die Situation von Deutschland als Einwanderungsland anzupassen.„Das Projekt hatte Glück und konnte fünf Jahre lang einen Bundesmodellversuch durchführen, in dem etwa fünfzig junge Mädchen eine qualifizierte Ausbildung im Krankenhaus machen konnten. Später kamen andere Berufe dazu, INCI wuchs und konnte sogar ein altes Fabrikgebäude als Treffpunkt und Bildungszentrum kaufen.“
Das Projekt barg enorme Herausforderungen: „Wir hatten bei unserem Versuch, den türkischen Frauen zu helfen, nicht bemerkt, dass wir damit ein Über- und Unterordnungsverhältnis zwischen scheinbar bedürftigen und scheinbar guten, hilfsbereiten Frauen schufen, in dem wir als Deutsche von vornherein auf der sicheren Seite standen. Ungewollt hatten sich so die gesellschaftlichen Strukturen zwischen Mehrheit und Minderheit, die wir mit unserer Arbeit bekämpfen wollten, im eigenen Verein durchgesetzt. Zum Beispiel war es so, dass unsere türkischen Kolleginnen informell, wegen ihrer Zweisprachigkeit und ihrer Migrationserfahrung, faktisch qualifizierter waren, aber nur auf Honorarbasis bezahlt wurden, während wir Deutschen, die formale Abschlüsse vorweisen konnten, auf festen Stellen saßen und über das Budget und die Arbeitsaufteilung entschieden.“ Jetzt wurden die deutschen Frauen damit konfrontiert, dass ihre Kolleginnen die Uneigennützigkeit ihres Engagements in Frage stellten und das Thema Rassismus unter deutschen Frauen auf die Tagesordnung setzten. Nach zehn Jahren wollte sie die andere Seite leben und ging 1990 für ein halbes Jahr nach Ägypten, in die Familie ihres späteren Ehemanns. Jetzt war sie die Fremde, die sich nicht verständigen konnte und sich in unbekannten Regeln des sozialen Lebens orientieren musste. Und doch war es anders: Als gebildete, relativ wohlhabende Europäerin war sie privilegiert, während eingewanderte Frauen in Deutschland per Gesetz diskriminiert und benachteiligt werden.
Im Hamburger Senat
Nach ihrer Rückkehr hoffte sie, als Referentin für Migration im Hamburger Senatsamt für Gleichstellung mehr für die rechtliche und soziale Gleichstellung eingewanderter Frauen zu erreichen. Eine gut bezahlte Stellung, in der sie zu Gesetzesvorlagen Stellung beziehen und Projekte initiieren konnte. Trotz interessanter Aufgaben und Einblicke blieben die Ergebnisse insgesamt unbefriedigend, die gesetzlichen Grenzen wurden immer enger gezogen, und häufig kamen am Ende nur ein paar geänderte Detailformulierungen heraus. Doch es taten sich andere Wege auf: Mehr als zehn Jahre lang war sie Dozentin, u.a. in einem bundesweiten Fortbildungsinstitut. In ihren Seminaren ging es ihr um berufliche Selbstbehauptung von Frauen, um Vernetzung von Mädchen- und Frauenarbeit und darum, ihre Erfahrungen aus der Rassismusdiskussion für andere nutzbar zu machen, die in der pädagogischen Arbeit mit multikulturell zusammengesetzten Lerngruppen arbeiten. „Ich wollte besonders an jüngere Frauen weitergeben, was mir in meinem Leben wichtig geworden war: Zu beruflichem Selbstbewusstsein ermutigen, Netzwerke und Strukturen für Frauen schaffen und immer wieder auf rassistische (Denk-)Strukturen im Einwanderungsland Deutschland hinweisen.“ „Hamburg war in diesen Jahren „mein“ Hamburg geworden, ich war mit meinem Leben in der Großstadt zufrieden. Es war so bunt, so international. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, aufs Land zu ziehen“, sagt sie. Zwar fehlte ihr die Weite der Landschaft und die Natur, dafür genoss sie die geistige Weite und den Kontakt mit unterschiedlichen Menschen. Sie wurde allerdings stutzig, als ihre Kolleginnen in ihrem Alter von Vorruhestand und Altersteilzeit zu reden begannen. „Ich dachte: Das kann doch noch nicht alles gewesen sein!?“
Ihre Freundin Anke Caspar-Jürgens lebte mittlerweile in einer Lebensgemeinschaft von sechzehn Menschen in Klein Jasedow in Ostvorpommern. Bei ihren Besuchen dort erlebte sie nicht nur das Leben auf dem Lande von einer anderen Seite als zu ihrer Jugendzeit, sondern fand neben der Weite und Schönheit der Landschaft geistige Verwandtschaft. Sie erlebte, wie das Zusammenleben verschiedener Menschen, vom Baby bis zur alten Frau, sich zu einem Organismus entwickelt hatte, in dem die unterschiedlichen Persönlichkeiten wie in einem Puzzle ein neues Bild ergaben und zusätzliche Energien freisetzten.
Ein Sprung in eine neue Epoche
Im Jahr 1999 löste sich ihr bisheriges Leben auf. Ihre Eltern starben, sie gab ihre abgesicherte Position auf, trennte sich von ihrem Ehemann und zog nach Pulow, alles innerhalb von sechs Monaten. Hier tat sie sich mit einer befreundeten Familie aus Erfurt zusammen, um das Projekt „Kräutergarten Pommerland“ zu starten. „Wir hatten die Vision, als Gruppe zu einer Lebensgemeinschaft zusammenzuwachsen, in der wir auf unsere Weise zusammenleben und aus unseren unterschiedlichen Energien etwas Neues schaffen könnten.“ Heute ist sie Vorstandsmitglied der Genossenschaft Kräutergarten Pommerland eG, in der Kräutertees, Marmeladen und Getränke produziert werden. Sie kümmert sich um den Vertrieb. „Mütterlicherseits haben wir Händler und Unternehmer in der Familie. Mein Urgroßvater gründete vor mehr als 100 Jahren das Familienunternehmen, das noch heute existiert, und ich glaube, von seinem Elan und Unternehmergeist habe ich auch etwas in mir. Ich hätte früher nie gedacht, dass ich mich in meiner zweiten Lebenshälfte mit kaufmännischen Aufgaben beschäftigen würde!“ Das Leben in Pulow hat einen anderen Charakter als das Dorfleben ihrer Kindheit: Hier leben alte Menschen, die als Kriegsflüchtlinge herkamen, neben jüngeren, neu hinzugezogenen Familien. Alteingesessene Bauernfamilien gibt es nur wenige. In ihrer eigenen Wahl-Familie findet sie eine gute Mischung von Freiheit und Verbindlichkeit . „In einer Familie kann man sich seine Verwandten auch nicht aussuchen und muss mit ihren Macken zurechtkommen. Das ist hier genauso, und doch bin ich als Einzelne sehr viel autonomer“, sagt sie. Sie kann sich vorstellen, als alleinstehende Frau hier alt zu werden. „Es war eine Entscheidung für immer. Ich wollte nie nur auf der Durchreise sein, sondern auch dort bleiben, wo es mir gefällt. Es war eine große Umstellung, hierher zu kommen, und ich bin oft an meine Grenzen gekommen. Beruflich fehlte mir die frühere Sicherheit in meinem Arbeitsbereich. Persönlich vermisste ich am Anfang sehr die jahrelange Nähe und den vertrauten Umgang mit meinen Kolleginnen, Freundinnen und Freunden. Besonders herausfordernd war und ist es, mit den sozialen und persönlichen Umgangsformen hier im Osten zurecht zu kommen. Wir sind ja in zwei verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Vorstellungen über das Leben, was richtig und falsch ist, was man tut oder lieber lässt, aufgewachsen. Das vergessen wir leicht, weil wir dieselbe Sprache sprechen. Aber wie früher bei INCI kommt es darauf an, den anderen als Menschen zu begegnen, sie in ihrer Andersartigkeit zu lassen, die Schablonen aufzugeben. Immer, wenn uns das gelingt, wird Kreativität und Vitalität frei, entsteht eine neue Qualität unter uns.“ Sie arbeitet hier sehr viel, mehr als früher. „Das war auch eine Umstellung! Trotzdem, oder vielleicht deswegen, habe ich viel mehr Energie. Mein Leben hier ist jetzt so vielfältig: Das Zusammenleben mit vielen verschiedenen Menschen, der Kontakt zu den Freunden und in der Nachbarschaft mit den Älteren, die mir Freunde geworden sind. Die Nähe zur Erde und den Pflanzen, das eigene Unternehmen mit den neuen Aufgaben, die größere Verantwortung, das alles hat mich herausgefordert und gekräftigt. Manchmal kommt es mir so vor, als ob sich hier mein Lebenszyklus schließt und ich die Chance habe, auf einer anderen Ebene dort weiterzumachen, wo ich als junge Frau das Land verlassen und das Stadtleben vorgezogen hatte. Christiane Wilkenings Weltbild hat viele Wurzeln, die sie gar nicht alle benennen möchte. Der indianische Lehrer Art Reade ist darunter, die Atemtherapie von Ilse Middendorf, die Forschungen zum Matriarchat von Heide Göttner-Abendroth und die Bücher von Doris Lessing. Ein Ausspruch des indischen Religionsphilosphen Jiddu Krishnamurti hat sie sehr beeindruckt: „Sei dein eigenes Licht!“. Es hilft nicht, vorgefertigten Lehren und Ideologien oder Gurus zu folgen. Man kommt nicht darum herum, selber zu denken und zu forschen.
„Nachdem ich Krishnamurti in Brockwood Park erlebt hatte, war ich tief beeindruckt, hatte aber nicht wirklich verstanden, was er damit meint: „Sei dein eigenes Licht!“ Beim anschließenden Urlaub in Südfrankreich wanderte ich am Verdon in einem alten Kanalbett entlang, der früheren Wasserleitung für Marseille. Nach einer Weile wurden die Felswände immer steiler und der Weg immer enger. Schließlich stand ich vor einem langen, stockfinsteren Tunnel und musste mich entscheiden: Will ich den ganzen langen Weg wieder zurücklaufen oder diesen dunklen Gang ins Ungewisse wagen? Ich wusste nur: Ich wollte nicht zurück. Ich bastelte mir aus einer aufgeschnittenen Plastikflasche und einem Kerzenstummel eine Laterne. Mit dem Rucksack auf dem Rücken und der Laterne in der Hand tastete ich mich an den Wänden des Tunnels vorwärts, immer weiter, auch als mir die Knie weich wurden. Nach einer Weile merkte ich, in welcher Situation ich mich befand: In der absoluten Finsternis und Einsamkeit war ich in diesem Augenblick mein eigenes Licht. Das also hatte Krishnamurti gemeint, jetzt konnte ich es deutlich spüren.“ ´
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