Auf dem Weg zur Weltgemeinschaft einleitende Gedanken von Dieter Halbach und Wolfram Nolte
Wer hat wieder alles vollgemüllt? Und wer die Haushaltskasse geplündert? Wer besetzt fast die ganze Wohnung für sich alleine? Warum müssen die Familien in der Abstellkammer leben? Warum gibt es für sie nichts mehr zu essen? Und wer hat seinen Mitbewohner umgebracht, nur wegen seiner heiß begehrten Drogen? Ja, wir leben im brennenden Haus … und es gibt keinen Weg hinaus! Noch reden wir über neue Tapeten und die Erhöhung des Taschengeldes, aber nicht über ein neues Zusammenleben in einem neuen Haus. Die entstehenden vielfältigen Bewegungen für eine andere Globalisierung brauchen neben konkreten Forderungen auch gemeinsame Visionen und gelebte Beispiele für eine andere bessere Welt. „Gibt es einen Weg, die Menschen von dem Verhängnis des Krieges zu befreien?“, fragte Albert Einstein 1932 in einem Brief an Siegmund Freud. Dessen zentrale Antwort war: „Die Überwindung der Gewalt durch Übertragung der Macht an eine größere Einheit (damals der Völkerbund- die Redaktion), die durch Gefühlsbindungen ihrer Mitglieder zusammengehalten wird (…) Diese Bindungen können von zweierlei Art sein. Erstens Beziehungen wie zu einem Liebesobjekt, wenn auch ohne sexuelle Ziele. Die andere Art von Gefühlsbindung ist die durch Identifizierung. Alles was bedeutende Gemeinsamkeiten unter den Menschen herstellt, ruft solche Gemeinschaftsgefühle hervor … Alles was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg.“ Wie aber können wir eine gefühlsmäßige Beziehung zur „Menschheit“ aufbauen? Bisher war unser Gemeinschaftsgefühl immer durch Abgrenzung gegenüber anderen bestimmt – durch Identifikation und Einordnung in ein Kollektiv: den eigenen Stamm, die eigene Nation, Partei, die Familie. Der kollektive Mutterbauch – und darüber der drohende „Vater Staat“- boten Schutz und Selbstgewissheit gegenüber dem Rest der Welt. Diese vorbewusste, infantile Gemeinschaftsform ist der Nährboden für alle Formen des gesellschaftlichen Krieges – und historisch überholt. Die wachsende, erwachsene und erwachende Menschheit kann und muss jetzt erkennen: Wir sind die anderen! Wir sind eine Familie! Was ich anderen zufüge, füge ich mir selbst zu! Das ist eine zugleich erschreckende und wunderbare Erkenntnis, die zunehmend in jede Pore unseres privaten und politischen Lebens eindringen wird. „Weil wir alle auf diesem kleinen Planeten Erde leben, müssen wir lernen, in Frieden und Harmonie mit der Natur und miteinander zu leben. Das ist kein Traum – das ist eine Notwendigkeit“ (Dalai Lama)
Gemeinschaftsbildung als Leitlinie der Evolution
Wenn wir mit einem großen Blick auf die Evolution schauen, sozusagen vom Einzeller zum Menschen, vom isolierten Stammesrat zur UNO, vom Faustkeil zum Internet – dann könnte man mit Teilhard de Chardin sagen: „Höheres Sein ist umfassenderes Vereintsein.“ Dennoch fehlt der Menschheit bisher noch eine konkrete Vision, wie sie die großen globalen Herausforderungen gemeinsam anpacken kann. Im Zeitalter der „Globalisierung“ sind wir einer immer anonymer werdenden gesellschaftlichen Struktur unterworfen, die allzu bereitwillig dem Druck des internationalen Kapitals und staatlicher Machtinteressen folgt. Weltweite Superegos steuern die Entwicklung: sind gemeinschaftliche Lebenszusammenhänge also ohne Zukunftsaussichten? Der Evolutionsforscher und Jesuitenpater Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) kommt von einem tieferen Verstehen der Evolution her zu einer ganz anderen Auffassung: Gemeinschaftsbildung ist die Leitlinie der menschheitlichen Entwicklung, sie ist das eigentliche Ziel der Evolution. Er bezeichnet den Prozess der wachsenden Verbundenheit der Menschheit untereinander und mit dem Planeten als „Planetisation“. Er verwendet das Bild des Globus, um die Entwicklungsphasen der Menschheit deutlich zu machen.
Das Bild des Globus veranschaulicht die Entwicklung der Menschheit als Bewegung von Wellen, die an der Oberfläche eines imaginären Globus entlang vom Südpol zum Nordpol fließen. Es lassen sich drei Phasen unterscheiden: Die erste Phase, die Bewegung über die Südhalbkugel, ist die der Gemeinschaftsbildung im Stadium der Expansion. Die Menschheit breitet sich über die Erde aus und nimmt äußerlich von ihr Besitz. Immer weitere Ausdifferenzierung findet statt: Unterschiedliche Kulturen entstehen und innerhalb der Kulturen entwickeln sich Individuen. Es ist eine divergierende, auseinanderdriftende Bewegung. Die zweite Phase ist die Durchschreitung des Äquators. Der Wechsel der Hemisphären ist ein äußerst kritischer Kurvenabschnitt, die Bewegungsrichtung ändert sich von der Divergenz zur Konvergenz, und die des Denkens müsste ihr folgen: nicht mehr nach außen, sondern nach innen, von der Konkurrenz zur Kooperation. Die dritte Phase beginnt, nachdem der Äquator erfolgreich überschritten ist. Die Menschheit kann sich nicht mehr äußerlich ausbreiten, sondern die Gemeinschaftsbildung setzt sich fort als Zusammenfassung, als „Planetisation“. Das Wachstum geht nicht mehr in die Weite der Welt, sondern in die Tiefe. Die Menschheit hat die Chance und die Aufgabe, ein höheres Bewusstsein ihrer Verbundenheit zu entwickeln und zum Auge und Steuerungsorgan der Schöpfung zu werden. Diese Prozesse liegen in der Logik der Evolution, in ihrem Bestreben zu immer mehr Bewusstheit und höherer Komplexität. Aber die Menschheit kann ihre Verwirklichung auch verhindern und sich selbst ins evolutionäre Abseits manövrieren. Wir sind seit etwa 100 Jahren dabei, den Äquator zu überschreiten. Aber noch ist es so, dass wir mit der Haltung der Expansion der vergangenen 2 Millionen Jahre in die neue Phase der Konvergenz gehen wollen.
Die gegenwärtige zerstörerische Globalisierung kann aus dieser Perspektive verstanden werden als die trotzige und exzessive Fortführung des Individualismus gegen den Sog der Planetisation, als trotziger Abwehrkampf der Egos gegen die Realität der vernetzten Welt. Teilhard de Chardin vermittelt uns die Ahnung, dass das Universum uns freundlich gesinnt ist, wenn wir mit der Evolution kooperieren. Er entwickelt die Vision einer „universalen Liebe“ als einem Weg der Individuation, der uns mit dem Ganzen verbindet. „Nur die Liebe vermag durch Vereinigung die Wesen als solche zu vollenden – das ist eine Tatsache der täglichen Erfahrung (…). Verwirklicht die Liebe nicht rings um uns, in jedem Augenblick, im Liebespaar, in der Gemeinschaft, die magische Handlung, die angeblich widerspruchsvolle Tat der „Persönlichkeitsbildung“ durch Totalisierung? Warum sollte sie nicht eines Tages in Erddimensionen wiederholen, was sie täglich in verkleinertem Maßstab ausführt? Die Menschheit; der Geist der Erde; die Synthese der Inidividuen und Völker; die paradoxe Versöhnung zwischen dem Element und dem All, der Einheit und der Menge: damit sich diese Dinge, die man als utopisch bezeichnet und die dennoch eine biologische Notwendigkeit haben, in der Welt verwirklichen, genügt nicht vielleicht die Vorstellung, unsere Liebeskraft könne sich entwickeln, bis sie schließlich die Gesamtheit der Menschen und der Erde umschlingt?“
Eine gefühlsmäßige Beziehung zur Menschheit entwickeln
Wie aber könnte die gelebte Gemeinschaftspraxis einer „Planetisation“ heute aussehen? Wie können wir die Menschenwürde jedes Einzelnen unmittelbar empfinden und in praktische Solidarität und politisches Handeln umsetzen? Gibt es Modelle einer lokalen und globalen „Einheit in der Vielfalt“, die uns auf dem Weg in eine Weltgemeinschaft inspirieren können?
Eine soziale und spirituelle Antwort findet sich im konkreten Zusammenleben in selbstbestimmten, neuen Gemeinschaftsformen. Sie sind wie ein Mikrokosmos, in dem das gemeinsame Menschseins jenseits von traditionellen Bindungen täglich neu erfahren wird. „Wenn man in einer Gemeinschaft lebt, muss man alle vorgefassten Ideen fallen lassen. Nur eines ist wichtig: Am Inneren zu arbeiten. Man muss loslassen in jeder Hinsicht. Wenn man die Form hat fahren lassen, begegnet man einander erst in Wahrheit, im eigentlichen Grund. Das ist die Geschwisterlichkeit, denn eine Gemeinschaft kann nur bestehen, wenn sich alle wie Brüder und Schwestern kennen.“ (Archegemeinschaft/Frankreich). Das Entstehen dieser neuen Geschwisterlichkeit als erdumspannende Verbindung können wir heute in vielen Formen erleben. Zum Beispiel, wenn mich heute im Fernsehen eine junge Frau in einem afrikanischen Flüchtlingslager in die Kamera hinein fragt: „Was denken Sie, wer ich bin? Was denken Sie von mir?“ Von einem Tag auf den anderen wurden ihr die lebensnotwendigen Hilfsgüter gestrichen. Können wir in dieses Gesicht schauen, wie wenn wir eine geliebte nahe Verwandte vor uns sehen? „Einige von uns töten andere von uns“– könnte ein Mantra der ungeteilten, universellen Liebe sein.
Aber auch unsere eigene kleine Gemeinschaft und die uns nächsten Menschen erscheinen in einem anderen Licht: sie sind wie Stellvertreter der Menschheit. Ich kann das Fremde und die Weite in ihnen entdecken und lieben und unseren Problemen den richtigen Platz im Weltmaßstab geben. Diese Menschen sind mir im besonderen anvertraut, aber sie gehören mir nicht. Sie gehören sich selbst und der Menschheit. „Jenseits aller Glaubensfragen: Es ist eine Idee, der du dienst; diese Idee, die siegen muss, wenn eine Menschheit, dieses Namens würdig, überleben soll. Ein Traum, der dich nicht teilt mit anderem oder anderen: der Menschen größter – der Traum von der Menschheit“ (Dag Hammarskjöld – UNO-Generalsekretär 1953-61).
Wie würde eine neue Weltordnung aussehen, wenn wir sie aus diesem Geist heraus gestalten? Wer keinen Krieg will, braucht eine Vision für den Frieden – und Wege für seine Umsetzung! Sowohl in der Veränderung der persönlichen Lebensweise (zum Beispiel die Initiative „Aufbruch – anders besser leben“), in der ethischen Umorientierung (zum Beispiel die Erdcharta), in der globalen Ökonomie (zum Beispiel Attac) wie in der globalen Demokratisierung (zum Beispiel die Weltföderation). ´
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