Eine persönliche Reflektion über die Gemeinschaft der Findhorn Foundation
Die Findhorn-Gemeinschaft im hohen Norden Schottlands hat sich in ihrer gut 40-jährigen Geschichte immer mehr zu der Vision eines „planetarischen Dorfes“ entwickelt. Viele Kulturen und spirituelle Richtungen leben hier zusammen und schaffen so das Modell einer möglichen friedlichen Weltgemeinschaft. Jonathan Dawson führt uns in diesem Artikel auf einem Rundgang die ganze Vielfalt der Findhorn-Gemeinschaft vor Augen.
Kultureller Schmelztiegel
Willkommen im großen kulturellen Schmelztiegel, genannt Findhorn Foundation community! Lassen Sie sich ein bisschen von mir herumführen. Wir wollen im Garten anfangen, wo wir ein paar Leute bei der Arbeit treffen können. Da ist Claudia aus Brasilien, die mit den Zimmerpflanzen umgeht. Im Schnittblumenbeet weiter drüben können Sie Ariana aus Holland sehen. Gitama aus Kolumbien rupft Unkraut in den Rüben, während Kaori und Asako aus Japan Frühlingszwiebeln ernten. Penny aus den Vereinigten Staaten und Evelyn aus Deutschland bereiten ein Beet für den geplanten Salat vor, während Christopher aus England sich bemüht, das gesamte Geschehen zu koordinieren.
Hier wie in jedem anderen Arbeitsbereich der Gemeinschaft – Hausarbeit, Küche, Gästebetreuung oder Abteilungen, die sich mit Management und Verwaltung beschäftigen – zeigt sich ein ähnliches Bild: Leute aus allen möglichen Ländern und Kulturen, wie sie zusammen etwas schaffen. Diese Vielfältigkeit spiegelt sich auch bei unseren Gästen wider. Es sind rund 5000 Gäste im Jahr, die hier in der Findhorn-Gemeinschaft Kurse belegen. Und lassen Sie uns einmal in einer Kursbroschüre blättern, um eine Ahnung von der großen Bandbreite an spirituellen, ökologischen und künstlerischen Themen zu bekommen, die hier vor ganz verschiedenen kulturellen Hintergründen und Traditionen angeboten werden. Schließlich werfen Sie einen Blick auf die verschiedenen Veranstaltungen und wöchentlichen Zusammenkünfte, die auf den Anschlagtafeln angeboten werden – auch hier ist die Vielfalt schwindelerregend. Allein in der jüngsten wöchentlichen Ausgabe der Rainbow Bridge – die Regenbogenbrücke ist unser Communityblättchen – sind aufgeführt: Tägliches Taize-Singen (meditative, christliche, mehrstimmige Gesänge aus Frankreich), astroschamanisches Reisen, Sonnwendfeiern, Meditation in der Tradition des vietnamesischen buddhistischen Meisters Tich Nhat Han, Vipassanameditation, Tai Chi, Universale Friedenstänze, um nur einige Stichworte zu nennen
Friedensarbeit
Wenn wir einen Rundgang durch die Gemeinde machen, können wir ein paar der Betriebe und Projekte besuchen, die sich hier angesiedelt haben. Lisa Hollingshead im Büro des Ecologia Trust erzählt uns über dessen Aufgabe, sich selbst überlassenen Kindern in Russland zu helfen. Vor allem spricht sie über ihre Beziehung zu dem russischen Ökodorf Kitesh. Im Büro des Nepal Trust können wir erfahren, wie wir Freunde in Nepal unterstützen, die sich in ländlichen Entwicklungsprogrammen einsetzen. Mit größter Wahrscheinlichkeit werden wir Alan Watson Featherstone über den Weg laufen, dem Leiter des Wiederaufforstungsprojektes Trees for Life. Er ist gerade zurück von einer seiner internationalen Reisen, in denen er Erfahrungen austauscht mit Kollegen in der internationalen Restaurationsbewegung für die Erde. Dann schauen wir bei Katharina Brocke vorbei, die uns das Neueste von der internationalen Friedensgebetsgesellschaft berichten wird. Die International Peace Prayer Society hat sich zur Aufgabe gestellt, Friedensgebetspfähle mit der Aufschrift „May peace prevail on Earth“ international zu verteilen und in jedem Land der Vereinten Nationen mit meditativen Ritualen Frieden zu fördern. Danach gehen wir kurz zu May East, die weitgehend verantwortlich ist für die Schaffung unserer soliden Bande mit den Vereinten Nationen (die Findhorn Foundation Community ist eine von der UN akkreditierte NG -regierungsunabhängige Organisation). May East hat auch die vierwöchigen Ökodorf-Kurse ins Leben gerufen, die Menschen aus der ganzen Welt jedes Frühjahr für einen Monat nach Findhorn ziehen. Sie wird uns unter anderem von den Ökodorfkursen erzählen, die sie kürzlich gemeinsam mit ihrem Ehemann Craig in Costa Rica und ihrer Heimat, Brasilien, abgehalten hat. Und da gibt es noch unzählige Leute mehr, die Ihnen brennend gern über ihre Arbeit berichten würden, die sie mit vielen guten Menschen überall in der Welt tun – Gill Emslie möchte über ihre Arbeit mit den Zapatistas in Mexiko berichten, Barbara Faro hat viel zu sagen über die Gemeinschaften, die sie letztes Jahr in Südafrika besucht hat, Caroline Comberti freut sich darauf, Ihnen über die zahlreichen sakralen Reisen zu erzählen, die sie organisiert, eine Art spiritueller Tourismus mit Reisezielen, die so verschieden sind wie Nepal im fernen Osten oder die keltischen Landschaften im Westen. Ich kann nun freilich sehen, Sie brauchen eine Verschnaufpause – also, lassen Sie uns heimgehen in mein Büro, wo wir die Füße auf den Tisch legen können; das ist das Sekretatriat von GEN-Europe, und GEN steht für Global Ecovillage Network. Gleich werde ich Ihnen mehr über GEN erzählen – aber erst einmal lassen Sie mich mehr darüber sagen, wie es sich hier so lebt.
Die tragenden gemeinsamen Werte
Man könnte wohl mit einigem Recht vermuten, dass aus solch einer Vielfalt – national, geographisch, kulturell, spirituell, ideologisch und verhaltensspezifisch – in einer Gemeinschaft von um die 450 Seelen am Ende ein ziemlich ungeordnetes und unsauberes Mischmasch hervorgeht. In Wahrheit kann man jedoch sagen, dass es meistens ziemlich gut läuft. Nicht, dass sich alles immer nahtlos und kohärent abwickelte. Auch nicht, dass es nie wesentliche Meinungsunterschiede und Verschiedenheiten in Stil und Ansatz gäbe – und dies in nahezu jeder Facette unseres gemeinsamen Lebens! In einem wichtigen Sinne ist es aber gerade die Art, wie wir mit diesen Verschiedenheiten umgehen, die uns diese großartige Gelegenheit zu persönlichem und kollektivem Wachstum gibt. Unsere verschiedenen Kulturen haben nur allzuviel Erfahrungen mit Krieg und Konflikt gemacht. Allzu oft haben sich die Gräben des Konflikts über Religion, Nationalität, Rasse und Kultur aufgetan. Hier sind wir, bis zu einem gewissen Grad, in der Lage, neue und mitfühlendere Wege des Zusammenseins zu erforschen. Wir können unsere Konflikte in einer Weise lösen, die uns reicher macht, nicht ärmer.
Zugegeben, unsere Gesichter sind fast alle weiß: eine ganze Reihe von schwarzen und braunen Gesichtern durchlaufen unsere Kurse und Programme, aber es gibt ihrer nicht eben viele unter den längerfristigen Bewohnern. Zugegeben weiterhin, nur wenige unter uns sind im Feuer religiöser Intoleranz aufgewachsen (ich bin hier als protestantischer Nordire eine der Ausnahmen). Und doch kann in unserer Zeit die Relevanz eines lebendigen Experiments in friedvollem Miteinander in einer multireligiösen, multikulturellen und multinationalen Gemeinschaft gar nicht unterschätzt werden. Ich sehe drei miteinander verbundene Werte im Herzen des Experiments. Im Bereich des Spirituellen liegt der Schwerpunkt in der ewigen Philosophie, den großen Wahrheiten, die allen Religionen zugrundeliegen und sie vereinen.
Konflikte werden kreativ genutzt
Während die vielen spirituellen Traditionen, die hier vertreten sind, in einer Fülle verschiedenartiger Praktiken ihren Ausdruck finden, kommen wir doch regelmäßig in schlichten schweigsamen Meditationen zueinander. Erstaunlicherweise kann ich mich als Zeuge so vieler Dispute und Konflikte nicht an eine einzige Episode erinnern, in der es sich um Spiritualität gehandelt hätte. Zweitens wird in der Gemeinschaft die Absicht geteilt, Konflikte in bewusster und mitfühlender Weise zu ergründen. Viele der Kommunikations-Rituale, die wir hier praktizieren – regelmäßige Zusammenkünfte, wo man sich einander mitteilt, Meditationen, Arbeits- und andere Einstimmungen, Entscheidungsfindung durch Konsens und so weiter – zielen darauf ab, eine rücksichtsvolle und einfühlsame Form der Kommunikation zu fördern. Ein zentrales Element unserer Kommunikationsethik ist die Aufforderung, im Falle eines Konflikts nach dessen Ursache eher innen denn außen zu suchen: zuerst in der eigenen Lebensgeschichte nach der Ursache seines Leidens zu forschen als in der des anderen. In dieser Weise haben die meisten von uns aus praktischer Erfahrung gelernt, jene, mit denen wir in Konflikt geraten sind, als Lehrer zu erkennen und zu begrüßen, statt sie als Feinde zu sehen, die wir uns vom Leibe halten müssen. Drittens sind wir, in einem mehr oder minder großen Ausmaß, vereinigt durch den Wunsch, eine gerechtere und nachhaltigere Welt zu fördern. Hierum dreht es sich oft in unserer internationalen Tätigkeit. Und dies bringt mich wieder zum Global Ecovillage Network. Mein Büro von GEN Europe ist eine der drei globalen Zentralen innerhalb von GEN International. Die globale Bewegung vertritt weltweit so um die 20 000 Siedlungen – Kommunen, die ihre gesellschaftlichen, ökonomischen, ökologischen und spirituellen Aktivitäten so zu integrieren suchen, dass sie Glück, Gerechtigkeit und eine sich selbst tragende und erneuernde Wirtschaft unterstützen (siehe nebenstehender Artikel). Die Geschichte der Findhorn Foundation Community war eine Geschichte kontinuierlicher Evolution: in der Tat wurde ihr Erfolg auf einer Ethik aufgebaut, die sich Wandel wünscht. Die spirituellen Wurzeln der Gemeinschaft erfreuen sich weiterhin einer robusten Gesundheit, und gerade diese gesunden Wurzeln erlaubten innerhalb der Gemeinschaft die Entfaltung von großem Engagement: für globale Gerechtigkeit und die Förderung von zukunftsfähigen Lösungen.
Immer mehr Einheit inmitten von Vielfalt zu schaffen, ist unsere größte Herausforderung und zugleich das größte Geschenk, das wir zu geben haben.
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