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Arche Nova
erschienen in Ausgabe 128  PDF-Version (146.5 KB)
Vor mancher globalen Bewegung stand eine verrückte Idee. Jochen Schilk berichtet von der Arche der neuen Zeit, die demnächst zu ihrer Jungfernfahrt aufbricht

SPUREN EINER NEUEN KULTUR
In ganz Europa wird immer öfter von der neuen Bevölkerungsgruppe der „Kulturell Kreativen“ gesprochen – sie sollen ein Viertel der westlichen Gesellschaften ausmachen (Mehr im Internet: www.kulturkreativ.net). Kulturell Kreative gibt es in allen Schichten. Ihr aktiver Kern schafft die Bausteine einer neuen, „integralen“ Kultur, die konsequent auf Nachhaltigkeit setzt. Rationale Vernunft und selbständiges Denken finden darin zur Synthese mit transmateriellen Dimensionen des Menschen wie Spiritualität, Hinwendung zur Gemeinschaft und Verbindung mit der Natur. Noch ist diese auftauchende Kultur keineswegs manifest. Mit dieser Artikelreihe gehe ich deshalb der Frage nach, wie eine Welt aussehen könnte, die von den Kulturell Kreativen mitgeprägt wird. Ich beschreibe Initiativen, die im Sinne dieses kulturellen Wandels handeln, und deute Spuren, die mir wegweisend erscheinen.
Diesmal stelle ich die "Arche Nova" vor, ein Projekt zur Vernetzung der immer noch sehr zersplittert agierenden Vielzahl von Initiativen und Bewegungen, die an der Schaffung einer nachhaltigen Kultur arbeiten.


"Da harrte er noch weitere sieben Tage und ließ abermals eine Taube fliegen aus der Arche. Die kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug’s in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, daß die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden.“ (1. Moses 8, 10-11)

„Noch immer meine ich, dass es einen Sinn hat, alles wachsam aufzunehmen, was um einen herum geschieht, das Einzelne wie das Gesamte... bis die schwerste Gefahr überstanden ist. Es könnte ja sein, dass sie wirklich einmal überstanden ist, dass es nämlich weitergeht, auf eine unbekannte und für uns noch unergründliche Weise.“ (Elias Canetti)

„Wir sollten lieber über das Unmögliche sprechen, denn über das Mögliche wissen wir ohnehin schon zuviel.“ (Silvio Rodríguez)


Als ich im Internet zufällig auf die Seite der „Ark of the New Time“, der „Arche des neuen Zeialters“ gestoßen bin, war mir sofort klar, dass ich dieser Website nicht nur schleunigst eine deutschsprachge Version hinzufügen sollte, sondern dass sie auch das Thema meines nächsten Artikels in „Andere Welten“ sein wird. Denn die Arche ist der Versuch, sämtliche zukunftsweisenden Initiativen, Phänomene, Techniken, Bewegungen, Organisationen und kulturell kreativen Vordenker dieser Welt zu etwas Ganzem zusammenzufügen, damit sie sich gegenseitig verstärken und ihr ganzes Potenzial entfalten. Ein schlüssiger, hoffnungsvoller, sympathischter und zugleich verrückter Plan für die gemeinsame Überwindung der globalen Krise.

Die Vision einer neuen Arche

Die Arche des neuen Zeitalters ist aus dem Weltsozialforum hervorgegangen, einem regelmäßig stattfindenden internationalen Treffen von Initiativen und Einzelpersonen, die an der Transformation der heutigen Kultur hin zu einer nachhaltigen, friedlichen Gesellschaft arbeiten. Während ihrer Reise von Forum zu Forum soll die Arche Häfen auf der ganzen Erde anlaufen; wo immer sie festmacht, will sie die Städte durch Farben, Magie, Kunst und Freude verzaubern und vor allem zum fruchtbaren interkulturellen Dialog und zum intensiven Austausch über Ideen und Techniken für den planetaren Wiederaufbau einladen. Außerden soll die Arche eine Bibliothek entstehen, sozusagen als schwimmendes Archiv des Zukunftswissens der Menschheit. Die Arche möchte den Geist des nur temporären Weltsozialforums kontinuierlich aufrecht erhalten und dabei die verschiedensten Möglichkeiten für die Erschaffung einer möglichen anderen Welt sammeln und erproben. Ein großes Schiff mit Platz für bis zu eintausend Passagiere wird auf seiner Jungfernfahrt zunächst von Brasilien nach Indien segeln. Seine Crew setzt sich aus hunderten bewussten und aktiven Utopisten zusammen sowie aus den Erfindern und Praktiker all jener neuen sozialen und ökonomischen Formen, die geeignet scheinen, die gegenwärtige neoliberale (Un)Ordnung der westlich geprägten Gesellschaft zu ersetzen. Die Arche wird dann von Südamerika nach Asien segeln, um dort das vierte Weltsozialforum zu erreichen. Während dieser Fahrt soll das Projekt des globalen Wiederaufbaus diskutiert und schließlich ein Generalplan zu seiner Umsetzung erarbeitet werden, der dann dem Weltsozialforum 2004 in Indien vorgelegt werden wird. Nach dem Aufenthalt in Indien wird die Arche auf ihrer weiteren Reise von Forum zu Forum das ganze Jahr über unterwegs sein. Urheber dieser kühnen Idee sind zwei Aktivisten der bunten globalisierungskritischen Bewegung: der Brasilianer Thomas ist u.a. Mitglied des Planetary Art Networks und war Koordinator des Jugendcamps beim diesjährigen Weltsozialforum. Sein Freund Didac aus Barcelona ist Experte für Tauschkreise und andere alternative sozio-ökonomische Formen und zudem ein großer Verehrer Gandhis. Dass das Projekt unter dem Leitgedanken von „Ahimsa“ – Gandhis Weg des gewaltlosen Kampfes – steht, ist wohl auf Didacs Initiative zurückzuführen. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war, dass heute überall und in praktisch allen Entwürfen für das menschliche Zusammenleben starke Widersprüche zutage treten. Dennoch sind eine Fülle an wertvollem altem Wissen und an neuen Ideen vorhanden und auch die notwendigen alternativen Technologien und Praktiken, um die bestehenden Disharmonien wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Abgesehen vom guten Ansatz des Weltsozialforums, so fanden die beiden Visionäre, mangelt es jedoch noch stark an Bemühungen, all die hoffnungsvollen Kräfte und Ideen zu vereinen und ihnen eine gemeinsame Stimme zu geben. Die Realisierung dieser Träume ist das große unausgeschöpfte Potenzial dieses Planeten und das Ziel der Arche des neuen Zeitalters.

Der ursprüngliche Zauber der Welt

Dass heute überhaupt noch derart viele gravierende Probleme bestehen, obwohl sie theoretisch längst lösbar sind, erklärt sich für die Macher der Arche in erster Linie (jedoch nicht ausschließlich) aus den „absichtlich und völlig bewusst vorangetriebenen Bemühungen bestimmter politisch-ökonomischer Kräfte des weltbeherrschenden Kapitalismus transnationaler Konzerne.“ Jeder Versuch, in offenem Kampf gegen dieses Bollwerk anzurennen, hätte wohl kaum eine längerfristige Aussicht auf Erfolg und so geht die Arche den Weg des Aufbaus einer funktionierenden Alternative. Die Arche lässt deshalb das „Ende der Geschichte“ hinter sich, um sich fortan den faireren und harmonischeren Zeiten zuzuwenden, die sich bereits am Horizont abzeichnen und möchte der Welt ihren ursprünglich eigenen Zauber zurückgeben. Seit Jahrtausenden bis zum heutigen Tag legen Schiffe zumeist in der Absicht ab, entweder Reichtümer zu suchen und fremde Kontinente auszubeuten oder aber um vor Hungersnot, Armut oder unerträglicher Unterdrückung zu fliehen.
Die Arche des neuen Zeitalters macht sich in der gegenteiligen Absicht auf den Weg: das erklärte Ziel lautet, die Völker einander näherzubringen, sie zu bereichern und vor kultureller Auslöschung zu bewahren. Die Arche will einen Beitrag dazu leisten, die jahrhundertealte Ungerechtigkeit zu beenden und das natürliche Gleichgewicht des Planeten wiederherzustellen. Soviel zur Ausrichtung und Motivation dieses groß angelegten Unternehmens. Die Initiatoren werden bei seiner Umsetzung sicherlich vor außergewöhnlichen organisatorischen Aufgaben stehen. Wieviele Menschen sich bereits für die Realisierung des Traumes engagieren, ist unbekannt, jedoch wird in den Stützpunkten in Sao Paulo, Rio de Janeiro und in Curitiba eifrig nach einem geeigneten Schiff gesucht. Zur engeren Auswahl gehört dabei anscheinend ein in Deutschland liegendes ausgedientes Boot der norwegischen Marine mit dem schönen Namen „Destruktor“…

Die ultimative Netzwerkarbeit

Die Arche hat sich tatsächlich die nicht geringe Herausforderung gesetzt, sämtliche Initiativen und Beiträge für den planetarischen Wiederaufbau zu bündeln. Sie wird ständig die Gemeinsamkeiten verschiedener lokaler und globaler Netzwerke suchen, und neue Kontakte organisieren. Die Arche möchte für all diese Hoffnungsträger zugleich eine verbindende Brücke und Ort der Zusammenkunft und Klausur sein. Durch permanente kreative und systematische Arbeit sollen die Initiativen im ständigen Dialog neue globale Antworten finden. Um die bislang eher getrennt vorgehenden sozialen, künstlerischen, kulturellen, spirituellen und wissenschaftlichen Aktionsgruppen und Forschungsfelder zu verbinden und ihnen so zu einer synergetischen Wirkung zu verhelfen, ist der Aufbau von „Laboratories for the New Times Technologies“ geplant. Diese Forschungswerkstätten spielen eine wichtige Rolle für die Netzwerkarbeit des Schiffes. Während die technische, künstlerische, kulinarische, medizinische und auch spirituelle Versorgung von Schiff und Crew speziellen „Arbeitsgruppen“ übertragen wird, findet die eigentliche Beschäftigung mit der Mission der Arche in den „Forschungswerkstätten“ statt. Hier wird altes und neues nachhaltiges Wissen in fächerübergreifend studiert, diskutiert und ausprobiert. Die Website der Arche erwähnt eine Reihe von wahrscheinlichen Themen für Forschungswerkstätten, beispielsweise die Einführung der Tobin-Steuer (das große Thema von Attac), Permakultur, Spiritualität und ganzheitliche Medizin, solidarische Wirtschaftsweisen, Neuformierung der UNO und anderer internationaler Organisationen, Lernen, Bildung und Erziehung im neuen Jahrtausend, Überwindung der Umweltproblematik, Leben in Gemeinschaft, die Fülle der Ressourcen der Erde und ihre gerechte Verteilung, neue Formen weltweiter Ökonomie und Politik, neue politische Formen der lokalen und globalen Administration, alternative Modelle zur Energiegewinnung, die soziale Rolle der Kunst usw.
Jede Forschungswerkstatt und jede Arbeitsgruppe wird in einer besuchten Stadt die entsprechend ähnlich gelagerten Netzwerke, Bürgerinitiativen, Nichtregierungsorganisationen, Kooperativen, Universitäten etc. kontaktieren, um ihr Wissen, ihre Fragen und ihre Hoffnungen auszutauschen und zu teilen. So sollte es zum einen zwischen den lokalen Gruppen und der Arche zu einer dauerhaften Zusammenarbeit kommen und zum anderen auch zwischen diesen lokalen Initiativen und den ähnlichen Netzwerken weltweit. In jeder angelaufenen Hafenstadt können alle Bewohner, die sich für die Arche interesissieren, sich über die auf dem Schiff zusammengetragenen und neu entwickelten sozialen oder ökolgoischen Lösungswege sowie die bereits geknüpften Netzwerke informieren. Der örtlichen Gemeinde soll aber auch das innovative Potenzial ihrer eigenen Region bewusst gemacht werden, indem die Arche mit den örtlichen Initiativen Kontakt aufnimmt. Dieser Austausch der Erfahrungen kann während eines Hafenaufenthalts von einer Woche oder einem Monat geschehen –Hauptsache, die einzelnen Werkstätten und Arbeitsgruppen haben ausreichend Zeit, um die für jedes Studienfach notwendigen Gespräche, Workshops und Konferenzen durchzuführen. Jede Forschungswerkstatt wird zudem ihre eigene Agenda erarbeiten, um mit den jeweils anderen Werkstätten und den verschiedenen Arbeitsfeldern der Arche interagieren zu können. Dies dient der Etablierung einer transdisziplinären Zusammenarbeit, die eine ungeahnte Eigendynamik entwickeln könnte. Wer vermag z.B. vorauszusagen, was entsteht, wenn ein Yoga-Wissenschaftler, ein Schamane und ein Ökonomieprofessor über neue Währungsformen beraten? Hier klingt ein weiterer wichtiger Punkt des Konzeptes an: Der Besuch aller relevanten Persönlichkeiten der Kultur der globalen Erneuerung an Bord für jeweils mindestens zwei Wochen. In dieser Zeit sollen sie Gelegenheit haben, ihr Werk und Wissen in die Sammlung der Arche zu integrieren, indem sie Seminare, Vorträge und Experimente vor den betreffenden Arbeitsgruppen abhalten und der Schiffsbibliothek eine Kopie ihres Gesamtwerkes überlassen. An jenem Ort werden die Ergebnisse der Forschungs- und Arbeitsgruppen sowie die Aufzeichnungen von Vorträgen und Versammlungen zusammengetragen, aufbereitet, archiviert und schließlich veröffentlicht. Das auf diese Weise während der Mission der Arche anwachsende „Archiv der Menschen“ ist das angestrebte Vermächtnis an die Menschheit. Die Schiffsbibliothek dient auch dem Austausch von Medien mit lokalen Bibliotheken. Die Resultate der Arche sollen diesen als Kopie überlassen werden, genauso wie das lokal vorhandene Wissen umgekehrt in das globale Archiv der Arche integriert wird.
Das Archiv wird so mit der Zeit zu einer annähernd vollständigen Sammlung der neuen Wege zur Überwindung der globalen Krise. Überall wo die Arche haltmacht, haben die Menschen Zugang zu diesem Wissen – und natürlich über das Internet.

Die Macht der Ausstrahlung

Wenn man die Texte der Webseite liest, so findet man Hinweise darauf, dass die Macher der Arche darauf vertrauen, durch eine besondere Gestaltung der Atmosphäre jede noch so große Herausforderung zu bewältigen. Sie wissen, dass der Erfolg des ganzen Unterfangens in besonderem Maße von der „Magie“ abhängt, die die Arche ausstrahlt. So sollen alle Aktivitäten, die dem Aufbau von Netzwerken dienen, in die Magie von Parties, Konzerten, Open-Air-Theatern, Jonglage und anderen künstlerischen Formen einzutauchen. Bei jedem Halt wird versucht, die auf der Arche vorhandene Magie und Kunst in die Stadt und möglichst in das ganze Land zu tragen. Eine regelrechte Invasion von Künstlern wie Jongleuren, Clowns, Musikern und Zauberern wird die Städte erobern. Können die Initiatoren der neuen Arche schaffen, was sie sich vorgenommen haben? Das Beispiel Greenpeace zeigt, dass auch eine anfänglich kleine Gruppe mit einem wichtigen Auftrag ‚ in der Lage ist, große Dinge anzuschieben, bzw. – um bei diesem Bild zu bleiben – große Schiffe zu Wasser zu bringen. Greenpeace startete vor 30 Jahren in einem ganz ähnlichen Geist und hat mittlerweile Millionen UnterstützerInnen weltweit. Die Arche wird sicherlich nicht so lange benötigen, um die von ihr angestrebte Crew von 50000 Mitgliedern an Land zu gewinnen, denn sie segelt schon jetzt auf einer Welle des globalen Bewusstseinswandels.
Wir werden den Weg der Arche des neuen Zeitalters begleiten. Fortsetzung folgt irgendwann …




Das Weltsozialforum

Das Weltsozialforum ist eine Plattform für alle Menschen, die sich für die Entstehung einer planetaren Gesellschaft einsetzen, in der fruchtbare Beziehungen der Menschen untereinander und zur Erde gelebt werden.
Anfang 2001, 2002 und 2003 trafen sich zuletzt über 100.000 Menschen aus 156 Nationen in Porto Alegre/Brasilien, um Alternativen zur augenblicklichen Form der Globalisierung zu diskutieren. Die deutschsprachigen Medien haben bisher nur in kleinem Umfang darüber berichtet. Auch im Internet ist die Berichterstattung in deutscher Sprache zum Teil nur schwer auffindbar.
Das Weltsozialforum bietet einen offenen Raum für die demokratische Diskussion neuer Ideen, Raum auch für tiefgehende Analyse und Reflektion überkommener Wege, für die Formulierung von Vorschlägen und die Entstehung neuer Pläne. Es ist offen für alle Bewegungen der Zivilgesellschaft und Einzelpersonen.
Die auf dem Weltsozialforum vorgeschlagenen Alternativen stehen in Opposition zu einem Prozess der Globalisierung, der befohlen wird von den großen multinationalen Konzernen und von den Regierungen und internationalen Institutionen, die den Interessen jener Konzerne zu Diensten sind, unter der Mittäterschaft nationaler Regierungen. Diese Alternativen sind so gestaltet, dass eine Globalisierung in Solidarität als vorherrschendes neues Stadium in der Weltgeschichte sicher gestellt wird. Dieses wird die allgemeinen Menschenrechte respektieren, die Rechte aller Bürger - Männer und Frauen - aller Nationen, die Umwelt, und sie wird gestützt sein auf demokratische, internationale Systeme und Institutionen im Dienste sozialer Gerechtigkeit, Gleichheit und der Selbstbestimmung der Völker.

http://www.weltsozialforum.de
http://www.arca-ahimsa.org.br




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Schilk, Jochen

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