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Kinder wollen am Leben teilnehmen
erschienen in Ausgabe 127
Marlene Bumgarner sprach mit John Holt, dem Pionier der amerikanischen Homeschooling-Bewegung.Ein historisches Dokument aus dem Jahr 1980

Langjährige Erfahrungen mit dem Lernen von Kindern brachten den „Lehrerphilosophen“ John Holt über die fundamentale Kritik an der Schule zu einer Praxis, die heute von Gehirnphysiologen begrüßt – und in Deutschland kriminalisiert wird

Marlene Bumgarner (MB): Herr Holt, wie denken Sie über Lernen?
John Holt: Grundsätzlich ist das menschliche Tier ein lernendes Tier. Wir lernen gerne. Wir brauchen diese Fähigkeit, und wir sind gut darin. Wir brauchen nicht gezeigt zu bekommen, wie man das macht! Was den Lernprozess abtötet, ist, wenn Leute sich von außen einmischen, wenn sie versuchen, ihn zu regeln oder ihn zu kontrollieren.
MB: Warum dann Homeschooling?
Das ist eine wichtige Frage. Wesentlich ist hier die Geborgenheit, die Kontrolle der eigenen Zeit, Flexibilität in der Planung und die Fähigkeit, auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen. Ich denke, das Zuhause ist die passende Basis, um die Welt zu erforschen – was wir Lernen oder Bildung nennen. Das Zuhause ist auf jeden Fall der beste Ausgangsort, egal, wie gut Schulen sein können. Die optimale Beziehung zwischen dem Elternhaus und der Schule entspricht der Beziehung zur Bibliothek oder zur Eislaufbahn, sie kann eine ergänzende Ressource sein. Schule bleibt immer Institution, künstlich. Das Zuhause dagegen ist etwas Natürliches. Es gibt viele Gesellschaften ohne Schulen, aber nicht eine einzige ohne Zuhause.
MB: Wie kann man Homeschooling realisieren?
Damit beschäftige ich mich in meinem Buch „Growing Without Schooling“ (etwa: „Wachsen ohne Beschulung“). Was hier möglich ist, wird natürlich sehr von der Art des eigenen Lebens bestimmt. Sehr viele Familien haben einen kleinen Betrieb, oder sie haben Selbstversorger-Farmen, sie sind Handwerker, oder die Eltern sind in unterschiedliche Tätigkeiten eingebunden, in die auch die Kinder einbezogen sind. Die Kinder nehmen am Leben der Erwachsenen teil, wo irgend möglich, und dabei werden ihre Fragen beantwortet, gerade so, wie sie auftauchen. Andere Leute wohnen zu Hause und arbeiten außerhalb, vielleicht leben sie auch konventionell. Ich glaube zwar nicht an vorgeschriebene, fixierte Lehrpläne, aber es könnte schon sein, dass Eltern und deren Kinder, die zu Beginn des Homeschooling unsicher sind, wie das gehen könnte, sich mit einem kleinen Lehrplan wohler fühlen und sicherheitshalber für eine Weile mit einer Korrespondenzschule zusammenarbeiten. Auf diese Weise kann nichts schiefgehen, das ist die Basis, von wo aus sie starten können. Mein Rat ist immer: Lass das, was hier geschehen soll, durch die Interessen und Neigungen der Kinder bestimmen, lass sie am Leben der Eltern und an dem, was in der Welt um sie herum passiert, soviel teilnehmen wie irgend zulässig, so dass sie fast unbegrenzte Möglichkeiten haben, die Dinge mit eigenen Augen zu schauen und über sie nachzudenken. Finde heraus, welche Dinge das Kind am meisten interessieren, und begleite und unterstütze es auf seinem besonderen Weg. Wie sie das tun, hängt wiederum sehr von den familiären Umständen, von den allgemeinen Interessen der Umgebung und den speziellen Interessen der Kinder ab. Einige Kinder sind Leseratten, andere werken am liebsten, einige begeistern sich mehr für die Mathematik oder für den Computer, einige neigen mehr zur Artistik, zur Musik oder zu sonst etwas. Die Mischung jedenfalls ist niemals genau die gleiche.
MB: Müssen Eltern für das Wissen-Lernen ihrer Kinder im Homeschooling mehr Zeit einplanen?
Homeschooling bedeutet für die Eltern keinen besonderen Zeitaufwand. Je mehr es sich einspielt, umso weniger Zeit wird von den Eltern gefordert. Wieviel Zeit sie mit ihren Kindern verbringen, hängt ja immer von den Umständen ihres Lebens ab. Manchmal verbringen sie sehr viel Zeit in Gesellschaft ihrer Kinder, einfach weil es Spaß macht. Zu anderen Zeiten fällt ihnen das schwerer. Auch wenn die Kinder ihre Eltern den ganzen Tag gerne um sich haben möchten, ist das ab ihrem 7. oder 8. Lebensjahr nicht mehr notwendig.
MB: Sind Eltern ohne Erfahrung oder Ausbildung als Lehrer im Nachteil, wenn sie Homeschooling machen?
Ich möchte sagen, diese Eltern sind sogar sehr im Vorteil. Nicht dass eine Person, die eine Lehrerausbildung hinter sich hat, für diese Arbeit disqualifiziert wäre, aber ich finde doch, dass alles, was sie dich in deinem Lehrerstudium gelehrt haben, schlicht und einfach falsch ist. Du musst es vollkommen vergessen!
MB: Die exklusivsten und anspruchvollsten Privatschulen der USA stellen keine Personen mit Lehrerexamen ein. Wenn du dir die Examen ihrer Lehrer anschaust, dann haben sie Diplome für Geschichte, Mathematik, Englisch, Französisch etc., aber man wird kein Examen für Pädagogik finden. Es ist tatsächlich so: Wenn du bei den privilegiertesten Privatschulen mit einem Lehrerexamen ankämst, das zeigt, dass du all diese Trainings hinter dir hast, würdest du mit Sicherheit abgelehnt werden.
MB: Ich bin nicht sicher, ob „normale“ Eltern, ganz abgesehen von ihrem pädagogischen Hintergrund, genügend talentiert sind und das Wissen besitzen, um z.B. Physik oder Mathematik zu lehren.
Oh, die Kinder müssen Physik und Mathe ja nicht notwendigerweise von ihren Eltern lernen. Es gibt eine Menge anderer Leute, von denen sie das alles lernen können, und ein immenses Angebot von Büchern und Volkhochschulkursen. Auch die Gewerkschaft kann darüber informieren. So viele Menschen können die Fragen der Kinder beantworten. Sie müssen nicht alles von Mama und Papa erfahren.
MB: Wie steht es um das soziale Leben der Kinder?
Wie unter Freunden üblich, wirst du auch deine Kinder nicht ins Haus sperren. Ich denke, die Folgen der schulischen Sozialisierung sind um ein Zehnfaches gefährlicher als dass sie hilfreich sind.
Menschliche Werte wie Freundlichkeit, Geduld, Großzügigkeit usw. werden von Kindern in sehr persönlichen Beziehungen, vielleicht in Zweier- oder Dreiergruppen gelernt. Menschen in großen Gruppen, wie z.B. in der Schule, neigen dazu, sich schlecht zu verhalten. Dort lernen sie etwas ganz anderes: Popularität, Konformität, Hänseln, Mobbing – Verhalten von dieser Art! Freundschaften können sie auch nach der Schule schließen und aufrecht erhalten: während der Ferien, in der Bücherei, in der Kirche etc.
MB: Wie steht es mit der Möglichkeit dieser Jugendlichen, Menschen aus anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen zu begegnen?
Die meisten Schulen, die ich kenne, sind in Zweige aufgeteilt. Da gibt es etwa den Collegezweig, den Business- und den beruflich gebundenen Zweig. Untersuchungen über Jahre hinweg haben ergeben, dass diese Zweige perfekt mit den ihnen entsprechenden sozialen Klassen korrelieren. Ich denke, ich weiß genügend über die High Schools unseres Landes, um sagen zu können, dass es dort nur eine sehr geringfügige Mischung zwischen Leuten mit unterschiedlichem Hintergrund, mit unterschiedlichen religiösen Gruppen etc. gibt. Die reichen Kids hängen mit den reichen Kids zusammen, die Disco-Typen mit ebensolchen, die Überflieger (Intellektuelle) mit ihresgleichen, die Punks mit den Punks usw. Die Vorstellung, die Schule sei ein Schmelztiegel, der Leute mit unterschiedlichstem Hintergrund zusammenbringt, ist ein reiner Mythos.
MB: Was denkst du über den Leseunterricht?
Ich denke, der Unterricht zum Lesen ist das, was das Lesen am meisten behindert. Ich würde doch niemals einem Kind nur deshalb vorlesen, damit es lesen lernt! Du liest laut vor, weil es Spaß macht und gemütlich ist. Du hältst das Kind, es sitzt dicht neben dir oder auf deinem Schoß, und das Geschichtenlesen macht euch Freude. Und wenn daraus keine kuschelige, gute, warme, friedliche und liebevolle Erfahrung entspringt, solltest du es nicht tun. Es würde nichts Gutes bringen! Es ist gut, Kinderbücher zu haben, aber zu viele bestehen fast nur aus Bildern. Wenn Kinder nun in ihren Familien Bücher entdecken, die Seite um Seite nur mit Buchstaben bedruckt sind, wird ihnen bald klar: Wenn du herausbekommen willst, was in diesen Büchern steht, musst du lesen können.
MB: Welche Gedanken hast du zu Mathematik?
Meine Herangehensweise an die Mathemathik ist: Wofür verwenden wir Erwachsenen Zahlen? Wir benutzen sie, um Dinge zu messen. Und wir messen Dinge, um nach dem Messen etwas mit ihnen herstellen zu können, oder um bestimmte Feststellungen über sie treffen zu können. Das möchten Kinder auch tun können. Ich bin ein großer Anwender von Messinstrumenten aller Art: Maßbänder, Lineale, Skalen, Thermometer, Barometer, Metronome, elektrische Metronome mit aufblitzenden Lämpchen, die man schneller und langsamer einstellen kann, Stoppuhren, Zeitmesser. Noch so eine Sache ist das Geld. Ich denke, dass Kinder ein natürliches Interesse am Umgang mit Geld besitzen. Am besten wäre es, wenn die Familienfinanzen für alle Mitglieder offen auf dem Tisch liegen und als Übersichten an der Wand hängen: Ausgaben für Nahrungsmittel, Steuern, Versicherungen, Aufwendungen für die Gesundheit, wieviel kostet das jetzt und wieviel letztes Jahr? Für mich ist das Buchführen genauso wie das Maschinenschreiben eine faszinierende Fertigkeit, und wenn man schon über Grundlagenwissen spricht: Das sind Grundlagen! Manche Kinder bringen es vielleicht sogar soweit, dass sie als die Familienschatzmeister fungieren und die Familienbuchhaltung und das Scheckbuch in Obhut nehmen wollen. Selbstverständlich gehört das zu den absoluten „Erwachsenentätigkeiten“. Aber warum nicht das Kind die Schecks ausstellen, die Rechnungen begleichen lassen, wenn man dafür das altbekannte Bild des gestressten Vaters umgehen kann, der mit gelöster Krawatte vor seinem mit allen möglichen Papieren übersäten Schreibtisch sitzt? Warum sollte man nicht auch diesen Teil unseres Lebens den Kindern zugänglich machen? Die allerbeste Möglichkeit, auf Zahlen zu treffen, bietet immer noch das wirkliche Leben – auf dem Bau, im Geschäftsleben, in der Fotografie, in der Musik, beim Kochen. Zahlen sind auf natürliche Weise in die Realität eingebettet, aber in den Schulen versucht man, sie aus dem Kontext der Realität herauszureißen.
MB: Welchen Unterrichtsstoff betrachten Sie als unentbehrlich?
Darauf kann ich einfach sagen: Keinen.*
MB: Was ist mit Eltern, die nicht zu Hause arbeiten?
Eine oft gestellte Frage lautet: „Wie schaffe ich es, mein Kind täglich sechs Stunden zu unterrichten?“ Ich antworte immer mit einer Gegenfrage: „Wer unterrichtet denn heute Ihr Kind volle sechs Stunden?“ Ich war ein recht guter Schüler an verschiedenen Schulen von allgemein gutem Ruf, aber es kam nur selten vor, dass ich einen Tag hatte, an dem jemand wirklich fünf Minuten all seine Aufmerksamkeit meinen persönlichen Bedürfnissen, Interessen, Belangen, Schwierigkeiten und Problemen widmete. Wie die meisten anderen Schulkinder lernte ich schnell, dass man um Himmelswillen seinen Mund zu halten hatte, wenn man etwas nicht verstand. Homeschool-Lehrer sind zwischen drei und fünf Stunden wöchentlich vor Ort. Das hat sich als vollkommen ausreichend herausgestellt. Solche Kinder bleiben nicht mit dem Stoff zurück. Kein Kind braucht am Tag sechs Stunden Unterricht, und kein Kind sollte so etwas aushalten müssen, selbst wenn die Eltern das leisten könnten. Es würde sie wahrscheinlich verrückt machen!
MB: Wie können Homeschooling-Schüler abschätzen, ob sie die Prüfung zur Hochschulreife bestehen können? So wie alle anderen auch. Es gibt ja diese Tests, die auch sie machen können, zum Beispiel den College Boards-Test, den SAT-Test und so weiter. Tatsächlich absolvieren Homeschooling-Schüler diese Tests in der Regel ausnehmend gut, denn sie sind lernmotiviert und wollen wissen, welcher Stoff in der Hochschulreifeprüfung drankommen könnte und bereiten sich darauf vor.
MB: Was raten Sie Homeschooling-Eltern, deren Kind zur traditionellen Schule zurückgehen will?
Unterschiedliches. In manchen Fällen müssen die Eltern entscheiden (wir sind die Großen), dass es besser ist, ihr Kind nicht auf eine normale Schule zu schicken, und dann darauf bestehen. In anderen Fällen bedeutet der ausdrückliche Wunsch des Kindes, dass es immun gegenüber schulischer Manipulation ist, denn es kann anders als andere Kinder wählen, ob es die Schule besuchen möchte oder nicht. Schule verliert einen guten Teil ihrer beängstigenden Macht, wenn Kinder wissen, dass sie nicht hingehen müssen, wenn sie nicht wollen. ´


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Bumgarner, Marlene

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