Komplementäre Währungen werden immer attraktiver. Elisabeth Gründler stellt alternative Geldmodelle vor.
Geld ist eine Vereinbarung, „etwas“ als Zahlungsmittel zu benutzen, um sich das Leben zu erleichtern – ein Fortschritt gegenüber dem unmittelbaren Tausch von Dingen. Eine industrialisierte Gesellschaft ist ohne Geldwirtschaft nicht vorstellbar. Wie unbequem das Leben wird, wenn die Geldwirtschaft zusammenbricht, kennt die ältere Generation in unserem Land noch aus eigenem Erleben.
Es ist noch keine zwei Jahre her, dass wir Europäer erlebt haben, wie die Vereinbarung „Geld“ geändert wurde. Sechzehn nationale Währungen wurden durch den Euro ersetzt. Das spart erhebliche Umtauschkosten, wovon vor allem die europäischen Unternehmen profitieren. Der Euro ist eine so genannte Fiat-Währung (fiat, lat. „es werde“), geschaffen durch die Autorität der nationalen Regierungen, die dafür die Europäische Zentralbank in Frankfurt gegründet haben. Für die meisten Menschen ist ein Leben ohne Geld unvorstellbar, aber oft hat man weniger, als man braucht. Wir gehen jeden Tag zum ungeliebten Arbeitsplatz, weil wir „Geld verdienen müssen“. Und wer fürchten muss, die Arbeit zu verlieren oder sie schon verloren hat, dem geht’s erst richtig schlimm. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten beginnen weltweit immer mehr Menschen damit, eigene lokale Währungen zu schöpfen, begrenzt auf bestimmte Regionen oder bestimmte Leistungen. Aufgaben sind zu bewältigen, für die aber „kein Geld“, d.h. keine Zentralbankwährung, verfügbar ist. In manchen Fällen ist auch der Wunsch nach besserer Nachbarschaft und mehr Lebensqualität der Grund, neue Tauschsysteme, d.h. neues Geld, zu erfinden.
Erfolgreiches Geldexperiment in Wörgl
Berühmt geworden ist die Gemeinde Wörgl in Österreich, die 1932 auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise ihr eigenes Geld schuf. In der 4200-Seelen-Gemeinde waren 500 Menschen arbeitslos. An Plänen für öffentliche Projekte als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen fehlte es nicht, auch nicht an Arbeitswilligen, doch die Gemeinde konnte nur den relativ geringen Betrag von 32000 Schillingen bereitstellen. Der sozialdemokratische Bürgermeister, Michael Unterguggenberger, hatte die Idee, diesen Betrag als Gegenwert auf der Bank liegen zu lassen und in gleicher Höhe eigenes lokales Geld zu schöpfen, das er „Arbeitswertscheine“ nannte. Er konnte die örtlichen Geschäftsleute, Gewerbetreibende und die Arbeiter überzeugen, dieses selbstgeschaffene Papiergeld gleichberechtigt zum Schilling zu akzeptieren. Nach den Ideen des Geldkritikers Silvio Gesell wurde das lokale Freigeld mit einer Gebühr als „Umlaufsicherung“ belegt. Am Ende des Monats musste jeder, der über „Arbeitsbestätigungen“ verfügte, ein Prozent des Wertes als Gebühr bezahlen – in Form einer Marke, die im Rathaus gekauft werden konnte und die auf die Arbeitszettel aufgeklebt wurde. Diese Arbeitsbestätigungen zu behalten, verursachte also Kosten. Daher war es günstiger, das Geld möglichst schnell auszugeben, was für seine schnelle Zirkulation sorgte. Um die Gebühr zu vermeiden, bezahlten die Bürger sogar ihre Steuern im Voraus – und die Gemeinde konnte neue öffentliche Projekte in Auftrag geben. Die Wasserversorgung wurde repariert, Straßen und Brücken wurden gebaut und sogar eine Skischanze. Die Arbeitslosenquote sank binnen weniger Monate um 25 Prozent. Die Arbeitszettel im Wert von 32000 Schillingen liefen innerhalb eines Jahres 463 Mal um, so dass auf diese Weise Güter und Dienstleistungen im Wert von 14816000 Schillingen geschaffen wurden. Inmitten der allgemeinen Krise entstand eine Insel der Prosperität. Mehr als hundert Gemeinden wollten das Wörgler Modell nachahmen. Das hätte ein Ende des Geldmonopols der österreichischen Zentralbank bedeutet, deshalb wurde das selbstgeschöpfte Geld von der Dollfuß-Regierung im November 1933 in ganz Österreich verboten. In Wörgl schnellte die Arbeitslosigkeit wieder auf 30 Prozent hoch. Ähnliche Versuche, mit lokalem Geld einen Ausweg aus der Depression zu suchen, wurden während der Weltwirtschaftskrise in vielen Ländern gemacht. In Deutschland und den USA wurden sie verboten bzw. unterdrückt. Erst die zentral gelenkten Aufrüstungs- und Kriegswirtschaften haben die Massenarbeitslosigkeit in den 30er-Jahren beendet, sowohl in Deutschland wie auch in den USA.
Und heute? Die Idee von Silvio Gesell hat überlebt, und vielerorts haben sich die wirtschaftlichen und sozialen Probleme so dramatisch entwickelt, dass die Menschen eigene Geld-Lösungen suchen. Die Bilder aus Argentinien, wo in Buenos Aires Dutzende von Märkten mit jeweils eigener Lokal-Währung funktionieren, gingen durch die Presse. Aber auch in wohlhabenden Ländern schätzen viele Menschen die Annehmlichkeit, vom staatlichen Geldmonopol weniger abhängig zu sein. In der Schweiz hat sogar eine landesweite Komplementärwährung aus den 30er-Jahren überlebt. Dort gibt es heute außer dem Franken noch den WIR. Das WIR-System wurde 1934 von 16 Personen gegründet; heute gehören 80000 Schweizer der „Wirtschaftsring“-Genossenschaft an. Sie setzen 2,5 Mrd. Franken, (= 1,5 Mrd. Euro) jährlich um. Es ist ein wechselseitiges Kreditsystem, das als reines Buchgeld funktioniert – d.h. es zirkulieren keine Scheine oder Münzen. Kredite werden mit einem sehr niedrigen Zinssatz (1,75 %) vergeben, was gerade für kleine Unternehmen ein großer Vorteil ist und sie von den großen Banken weniger abhängig macht. Mit dem WIR erhalten Unternehmen und Dienstleister Zugang zu einem bekannten, vertrauenswürdigen Kundenstamm. Der WIR verschafft neue Handlungsspielräume, weil die jeweiligen Akteure ihre Geschäfte nicht in Franken tätigen müssen.
Ithaca Hours
Ithaca ist eine kleine Universitätsstadt im Staat New York. Es war der Ort mit dem höchsten Anteil an armen arbeitenden Menschen im ganzen Bundesstaat. Viele Ressourcen wurden von der naheliegenden Metropole angezogen: Die Menschen arbeiteten in New York und gaben auch dort ihr Geld aus. 1991 beschloss Paul Glover, dagegen etwas zu unternehmen und gewann die Geschäftsleute und sogar die örtliche Bank zur Mitarbeit. Er kreierte ein Papiergeld, die „Ithaca Hours“, das analog zum Dollar, das Motto trägt: „In Ithaca we trust“. Eine „Ithaca Hour“ entspricht dem Gegenwert von 10 US-Dollar, etwa dem Mindestlohn für eine Arbeitsstunde. In einem regelmäßig herausgegebenen Magazin inserieren etwa 200 örtliche Unternehmen, wie z.B. der Supermarkt, Handwerker, Kinos, Ärzte und Rechtsanwälte sowie das beste Restaurant der Stadt, welche Leistungen in beiden Währungen, d.h. in Ithaca Hours und US-Dollar, angeboten werden. Ein Handwerker z.B. akzeptiert für seine Leistung eine Bezahlung von 60/40, also 60% in „Ithaca Hour“ und 40% in Dollar. Ein Kino z.B. ist bereit, für die Nachmittagsvorstellung den ganzen Preis in Ithaca Hours zu akzeptieren. Jedes Unternehmen, das mitmacht, erhält dafür Scheine der Lokalwährung im Wert von vier Ithaca Hours. Die Gültigkeit der lokalen Währung ist auf einen Radius von 32 Kilometern um das Stadtzentrum begrenzt. Die örtliche Bank führt kostenlos Ithaca-Hour-Konten und hat im letzten Jahr sogar für die Erweiterung ihres Bankgebäudes einen Kredit in Ithaca-Hours aufgenommen. Heute nutzen in Ithaca etwa 1000 Menschen die lokale Währung. „Mit unserem eigenen Geld wurden Tausende von Käufen getätigt und viele neue Freundschaften geschlossen. Durch den örtlichen Handel stieg unser eigenes Bruttosozialprodukt um Hunderttausende“, fasst Paul Glover die Erfolge zusammen. Weltweit wurde das System etwa 40 Mal nachgeahmt. Das Know-how ist für 25 US-Dollar bzw. für zweieinhalb Ithaca Hours zu kaufen.
Gesünder leben mit Time Dollars
Einfacher und ohne Ausgabe von Geldscheinen funktioniert der Time-Dollar. Er wurde in den 80er-Jahren von Edgar S. Cahn, einem Rechtsprofessor aus Washington, entwickelt. Die in gegenseitiger Nachbarschaftshilfe geleisteten Stunden werden publik gemacht. In überschaubaren Nachbarschaften, z.B. Wohnanlagen oder Altenheimen, genügt dafür ein schwarzes Brett und die Bereitschaft einiger Aktiver, ein Kontenbuch zu führen. Für größere Gemeinschaften wurde eine Software entwickelt, die unter www.timedollar.org aus dem Internet kostenlos heruntergeladen werden kann. In Gemeinschaften, deren Mitglieder mit Hilfe dieser „Zeitwährung“ Leistungen miteinander austauschen, wurde festgestellt, dass die Menschen zufriedener und gesünder waren, weil sie mehr sozialen Kontakt hatten. Eine Krankenkasse in Brooklyn, New York, akzeptiert 25% der Beiträge in Time Dollars und übernimmt außerdem die Kontenführung. Weil die Senioren durch mehr sozialen Kontakt gesünder sind, wird das Budget der Kasse deutlich entlastet. Heute arbeiten in den USA etwa 200 Gemeinden und Sozialdienste mit dem Time Dollar. Durch ein Bundesgesetz sind Leistungen in dieser Währung steuerfrei.
Schulhefte und Busfahrkarten
In der brasilianischen Millionenstadt Curtiba suchte der Bürgermeister Jaime Lerner nach neuen Wegen zur Verbesserung der Lebenssituation in den Favelas, den Slumsiedlungen der Armen. Es gab keine Müllabfuhr, Müllberge und Ungeziefer bedrohten die Gesundheit der Bewohner. Jaime Lerner erfand folgendes System: Am Rande der Siedlungen wurden Container zur Mülltrennung aufgestellt. Wer eine Tüte mit sortiertem Müll brachte, erhielt eine Busfahrkarte. Schon bald fingen die Kinder an, Müll zu sammeln und zu sortieren und gegen Busfahrkarten einzutauschen. Diese haben einen Wert, denn damit können die Eltern in die Stadt zur Arbeit fahren. Busfahrkarten konnten auch in Lebensmittel oder Schulhefte umgetauscht werden. Bald sammelten Tausende von Kindern Müll und hielten auf diese Weise die Wohnviertel sauber: 11000 Tonnen Müll wurden innerhalb eines Jahres gegen eine Million Busgutscheine und 1200 Tonnen Lebensmittel eingetauscht. Heute ist das Durchschnittseinkommen in Curtiba etwa dreimal so hoch wie im übrigen Brasilien.
Tauschringe
Der Tauschringe, die nach dem Vorbild des 1983 in Kanada geschaffenen LET-Systems funktionieren, gibt es in vielen deutschen Städten. Sie funktionieren nach dem Prinzip des wechselseitigen Kredits. Die meisten verstehen sich als organisierte Nachbarschaftshilfe und geben in regelmäßigen Abständen Publikationen heraus, in denen die Mitglieder ihre Leistungen anbieten: von handgestrickten Socken, Kuchenbacken, Fensterputzen bis zur Umzugshilfe und Computer-Know-how. Auch die soziale Zusammensetzung der Mitglieder ist vielfältig: Menschen mit und ohne Arbeit, Menschen mit viel und wenig Zeit, aus allen Berufen. Studentinnen und Senioren sind ebenso dabei wie Techniker, Hausfrauen oder Selbständige. Gerade wer viel Zeit hat und über wenige Euro verfügt, kann hier aktiv werden und Kontakte knüpfen. Tauschringe funktionieren erst ab einer gewissen Größe und Vielfalt, sonst stockt die Zirkulation der Leistungen und des geschöpften Geldes. Bisher haben die Tauschringe in Deutschland es vorgezogen, im Selbsthilferahmen und damit in der ökonomischen Bedeutungslosigkeit zu bleiben – aus Angst vor dem Finanzamt oder dem Geruch von Schwarzarbeit?
Praktaten in Gommern
In der Toreinfahrt des ehemaligen Handwerkerhauses mit weitläufigem Grundstück in Gommern gibt es seit sechs Jahren einen Markt, auf dem mit selbstgeschöpftem Geld gehandelt wird. „Praktaten“ heißt hier die Lokalwährung, geschöpft von Antje und Friedemann Barthels und den Marktleuten, die hier ihre Produkte und Fähigkeiten anbieten. „Schluss mit Gejammer!“, war die Devise des Ehepaars Barthels, als es 1996 den ersten Markt organisierte. Die Tanzpädagogin und der Landschaftsarchitekt wollten nicht warten, bis sich per Gesetz oder Richtlinie alles zum Besseren wendet. Aufgewachsen in der DDR, haben diese jungen Eltern den aufrechten Gang schon unter weit schwierigeren Bedingungen geprobt. „Praktisch“ und „Tat“ sind die Namensgeber der Währung. Die Initiative lockte andere Mutige, Neugierige und Kreative auch aus Berlin, Thüringen und Sachsen. Bis zu hundert Menschen drängen sich an den Markttagen in Einfahrt, Hof und Garten. Das Angebot ist vielfältig: Obst und Gemüse aus eigenen Gärten, hausgemachte Marmelade, Brot und Kuchen, handgebacken, Pflanzen, selbstgezogen, Kartoffeln zum Einkellern. Fahrradreparaturen und Haarschnitte werden angeboten, auch Schmuck, Kleidung und Kunst. Eine Gärtnerin, die den Sommer über in Island arbeitet, nimmt Aufträge für Isländer-Pullover entgegen. Ein Honigmann wird ungeduldig erwartet – und ist nach einer halben Stunde ausverkauft. Die Praktaten sind reines Buchgeld. Bei Markteröffnung um 12 Uhr werden die Konten ausgegeben: Jeder dokumentiert seine Einnahmen und Ausgaben und kann den Kontostand selbst ablesen. Die Preise werden ausgehandelt, eine Praktate, so der Richtwert, entspricht einer Zehntelstunde Lebenszeit. Schuldenmachen ist in einem gewissen Rahmen erlaubt. Auch die Praktaten sind durch eine Umlaufgebühr gesichert. Statt Zinsen zu tragen, kann das Geld „schlecht werden“. Guthaben verringern sich durch eine Gebühr zugunsten des Gemeinschaftskontos. Ihren Wert behält diese Währung nur, wenn sie zirkuliert. Eine Logik, die unserem System der Leitbankwährungen diametral entgegengesetzt ist. Zu anderen Zeiten war sie jedoch ganz normal: „Brakteaten“ gab der Magdeburger Bischof Wichmann im frühen Mittelalter aus, auch als zinsfreie Währung mit Umlaufsicherung. Die Dombauten des frühen Mittelalters funktionierten – in Magdeburg wie in anderen Städten – auf der Basis solcher Währungen, und Handwerker, Künstler und Kaufleute hatten Arbeit im Überfluss. Der Tauschmarkt Gommern steht in dieser Tradition. Er ist auch ein Umschlagplatz für Ideen. Man trifft sich und wagt es, alltägliche Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. „Kulturell Kreative“ nennt der amerikanische Soziologe Paul Ray solche Menschen. Die Marktregeln sind in der Diskussion: Was passiert, wenn wir unsere Fähigkeiten zu Euro-Marktpreisen tauschen, aber in Praktaten verrechnen? Wie wirkt sich die steigende Praktaten-Geldmenge aus? Was antworten wir, falls sich die Ämter interessieren? Wollen wir es bei Hobby und Selbsthilfe belassen oder die Grenze zur Ökonomie überschreiten?
Heute gibt es weltweit an die 3000 lokale Komplementärwährungen. Diese Geldschöpfungen basieren zum großen Teil auf wechselseitigem Kredit und erheben keine Zinsen. Lokale Komplementärwährungen schaffen soziales Kapital, so der Bankfachmann und Geldkritiker Bernard Lietaer. Die lokalen Währungen wirken gemeinschaftsfördernd und ermöglichen Aktivität an der Basis. Damit werden nicht nur die sozialen Kosten, die mit Arbeitslosigkeit unweigerlich verbunden sind, wie Krankheit, Sucht oder Kriminalität, vermindert. In den USA wurde lokales Geld auch deswegen mitten im Boom der 90er-Jahre gefördert, weil sich die Einsicht durchsetzte, dass die sozialen Probleme nicht mit herkömmlicher Zentralbankwährung lösbar sind. ´
|