Michael und Justine Toms sprachen mit Sir Laurens van der Post.
Das ungewöhnliche Leben des Laurens van der Post erschließt sich einem nicht leicht. Er war Autor von dreiunddreißig Büchern, wovon zwei als Spielfilme produziert wurden, und zwei weitere als Grundlage für zwei preisgekrönte Serien im öffentlichen Fernsehen über die Kalahari-Buschmänner dienten. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war er Journalist, Soldat, Kriegsgefangener, Berater englischer Staatsmänner und anderer politischer Größen, Pädagoge, Gesellschaftswissenschaftler, Philosoph, Forscher, Naturschützer und noch einiges mehr.
Er wurde 1906 im Landesinneren Südafrikas geboren, lebte unter den Kalahari-Buschmännern und wurde der wichtigste Chronist dieses Volkes. Zudem war er zwei Jahrzehnte lang einer der engsten Freunde von Carl Gustav Jung. Van der Post verbrachte einen großen Teil seines Lebens damit, auf die Bedeutung und den Wert von Urgesellschaften in der modernen Welt aufmerksam zu machen. Sir Laurens, der 1981 in den Ritterstand erhoben wurde, war einer der wenigen Menschen, in dessen Leben eine bemerkenswerte Übereinstimmung zwischen Worten und Taten erkennbar war. Der folgende Beitrag stammt aus einem dreiteiligen Interview, das Justine und Michael Toms im Jahr 1994 mit Sir Laurens van der Post für den Sender „New Dimensions“ aufgenommen haben.
Michael Toms (MT): Als kleines Kind waren Sie sehr an Ihren Träumen interessiert.
Laurens van der Post: Oh ja, sehr. Wenn ich bei meinem Großvater war, las er mir immer aus der Bibel vor. Ich erinnere mich an die Träume von Jakob und Joseph und auch an andere Träume, die in der Bibel eine wichtige Rolle spielen. Als Kind wusste man, dass man die Bedeutung seiner Träume die ganze Zeit über wahrnahm. Ich habe nie vergessen, wie mein Großvater las: „Als Joseph einen Traum hatte … hassten sie ihn dafür.“ Jung und Freud machten den modernen Menschen auf seine Träume aufmerksam, und sie wurden dafür gehasst. Und sie werden es noch immer – besonders Jung. Ein Traum ist wahr, und ein Traum ist das Mittel kreativen Wandels.
MT: Sie schrieben von einem Buschmann, der sagte, „es gibt einen Traum, der uns träumt“.
Laurens van der Post: Ja. Er war Jäger. Wenn ich ihn sehr bedrängte, sagte er zu mir: „ Ich kann dir nicht mehr sagen, aber es gibt einen Traum, der uns träumt.“ Ja, ich erinnere mich noch an seinen Gesichtsausdruck und daran, wie bewegt ich war.
MT: Sir Laurens, können Sie uns erzählen, wie Sie das erste Mal Kontakt mit C.G. Jung und seinem Werk hatten?
Laurens van der Post: Ich lernte Jung über meine Frau kennen. Zur Zeit des zweiten Weltkriegs war C.G. Jung der einzige Mensch, der etwas für mich Sinnvolles über Hitler sagte, indem er meinte, dass Hitler ein Mythos sei und kein Mensch, dass er ein Lautsprecher sei, der all das unhörbare Gemurmel der archaischen deutschen Seele hörbar machte. Ich dachte, „mein Gott, diesen Menschen, der so über Geschichte sprechen kann, sollte ich kennenlernen. Das ist die neue Sprache, in der wir über uns und das Geschehen in der Welt sprechen müssen“. Und auch jetzt, mehr als je zuvor, ist es wichtig, dass wir über Geschehnisse in dieser Art sprechen.
MT: Glauben Sie, dass wir in der modernen Welt in vieler Hinsicht diese Verbindung zur Seele verloren haben?
Laurens van der Post: Ja, natürlich haben wir das. Wir leiden an einem unglaublichen Verlust an Seele. Obwohl unsere Macht über die Natur in der Menschheitsgeschichte noch nie größer war, haben wir uns doch nie so unwohl gefühlt. Die Buschmänner in der Kalahari, die keines der Dinge, die wir haben, besitzen, wo das Leben das ursprüngliche Jägerdasein war, unvorhersehbar und gefährlich, fühlten sich sicherer als wir uns fühlen, inmitten unserer Fülle. Der moderne Mensch fühlt sich allein und elend, und er fragt sich, was das denn alles soll. Er hat keinen Sinn für die wahre Bedeutung. Dieses überall präsente große Unbehagen hat dazu geführt, dass die gesamte Welt spirituell und politisch heute in einem Krisenzustand ist. Das rührt aus dem Verlust an Seele her. In Russland z.B. wurde dieser Verlust an Seele durch 75 Jahre Totalitarismus herbeigeführt. Das totalitäre System von Hitler dauerte nur sechs oder sieben Jahre, aber in Rußland währte es 75 Jahre. Stalin metzelte fast 30 Millionen seiner eigenen Landsleute nieder, und die Leute merkten es nicht! Sie sprachen von ihm als „dem netten Onkel“! Er hatte ein hübsches Gesicht. Alle sagten, „was für ein nettes Gesicht er hat“. Die Schlächter sehen einen eben oft sehr freundlich an. Erst in den letzten fünfzig Jahren konnten wir Dank der neuen Tiefenpsychologie erkennen, was für eine schreckliche, destruktive Macht Projektion ist und wie sie in Menschen wirkt, die alles in einen Führer hineinprojizieren. Wenn wir in einer Projektion aus einem Menschen einen Gott machen, wird ein Teufel heraufbeschworen. Stattdessen müssen die Menschen dahin kommen, einander als fehlbare Wesen zu sehen, und sich gemeinsam auf den Weg machen. Wo immer ein Ungleichgewicht herrscht, sucht die Natur nach einem Weg, wieder in Balance zu kommen. Derzeit fragen viele Menschen fassungslos, „warum haben wir keine großen Führer mehr? Warum haben wir keinen neuen Churchill, keinen neuen Roosevelt?“ Das ist einfach deshalb, weil die Natur uns sagt, dass es Projektion ist. Die Zeit für Führer kam und ist vorbei. Jeder Mensch muss jetzt sein eigener Führer sein. Wir wollen uns von diesem Zeitalter emanzipieren und dabei unsere Regierungssysteme und alles andere neu bewerten. Das wird lange dauern. Aber zu allererst müssen wir die Gefahr der Projektion, die in uns selbst beginnt, erkennen. Sie kommt nicht vom Teufel oder von außen. Sie wohnt in unserem eigenen Wesen. Und wir müssen wirklich das menschliche Wesen erkunden, so wie wir es noch nie getan haben. Als ich nach dem Krieg mit meinen Erfahrungen mit der so genannten Emanzipation aus den Staaten in Südostasien nach Südafrika zurückkam, insbesondere beeinflusst durch meine Erlebnisse beim Aufstand der Javaner und der Indonesier gegen die holländischen Imperialherren, erkannte ich, dass diese kollektiven Kräfte auch in meinem Land noch vorhanden waren. Ich hielt es für überaus wichtig, dass sich meine Landsleute in Südafrika bewusst wurden, was sie da im Griff hatte. Ich schrieb das Buch „The Dark Eye in Africa“, das nur von sehr wenigen meiner Landsleute gelesen wurde. Heute sagen sie, „ach, dieses Buch war prophetisch“. Ich aber befasste mich mit dem Jetzt, mit Projektionen, die damals vorhanden waren. In dem Buch zog ich als ein Beispiel die Legende vom heiligen Gral heran. Sie handelt von einem Ritter im Dienste seiner Herrin, der nach dem heiligen Gefäß des großen, des heiligen Geistes sucht. Was bedeutet „heilig“? Es ist die Ganzheit; nicht „ein Teil“, sondern Gesamtheit. Es gibt einen weißen und einen schwarzen Ritter, die sich in einem dunklen Wald treffen, und sie verwechseln sich mit ihrem Gegenspieler und kämpfen. Sie kämpfen beide so gut, dass sie am Ende beide sterben. Sie nehmen ihre Helme ab, sehen sich an und erkennen, dass sie Brüder sind. In dem Buch sagte ich also, „das müsst ihr lernen, nämlich euren Bruder vor und nicht nach dem Kampf zu erkennen!“
MT: Das erinnert mich an Ihre Aufzeichnungen über die dreieinhalb Jahre, die Sie in einem japanischen Gefangenenlager verbrachten, und daran, wie so viele der Männer ohne großen Hass auf die Japaner daraus hervorgingen.
Laurens van der Post: Ja, darüber habe ich viel geschrieben. In meinem Buch „The Night of the New Moon“ beschreibe ich diesen Mechanismus. Wir haben erkannt, dass wir es im Krieg nicht mit den Japanern selbst zu tun hatten, sondern mit ihrer Projektion, mit einem Irrsinn. So wie Christus von den Leuten sagte, die ihn kreuzigten: „Sie wissen nicht, was sie tun.“
MT: Als Sie aus dem japanischen Straflager freikamen, gingen Sie nicht gleich direkt zurück zu Ihrer Familie. Sie gingen in den Busch.
Laurens van der Post: Nach der Gefangenschaft verbrachte ich drei weitere Jahre als Soldat in Indonesien. Aber als ich von dort zurückkehrte, wollte ich in der Tat nicht sofort nach Hause. Der Geruch dieser friedvollen Welt war schrecklich. Ich witterte diese Welt und sagte, „mein Gott, sie machen weiter wie bisher“. Viele der Menschen, die mit mir in Gefangenschaft waren, hatten mir schon geschrieben und berichteten: „Als wir zurück nach England kamen, wurden wir in Wiedereingliederungslager geschickt. Aber uns erschien das falsch, denn diejenigen, die die Wiedereingliederung brauchten, waren unserer Meinung nach die damit Beauftragten, nicht wir.“ Die ehemaligen Gefangenen wollten nicht nach Hause, denn sie fühlten, dass sie das, was sie zusammen in derGemeinschaft der Gefangenschaft entdeckt hatten, verlieren würden, und das wollten sie nicht. Ich kenne Offiziere, die, heimgekehrt nach London, noch drei oder vier Wochen zusammen in der Stadt blieben und nicht zu ihren Familien gingen. Einer schrieb mir sogar, wie er einen Polizisten bat, ihn festzunehmen und nach Hause zu bringen, denn alleine schaffe er es nicht. Jeder aus meiner Generation hat diesen Krieg durchlebt, aber wir Gefangenen hatten noch diesen Extrakrieg auszustehen – ein Krieg innerhalb eines Krieges, ein Krieg innerhalb des menschlichen Geistes. Wir erkannten diesen Krieg, und ich glaube, keiner von uns will jemals wieder in eine Projektion verwickelt sein.
MT: Eine Weile, nachdem Sie das Militär verlassen hatten, gingen Sie in den Busch. Welchen Wert hatte dieser Buschaufenthalt für Sie, um damit umgehen zu können?
Laurens van der Post: Ich ging einfach zurück zu meiner eigenen Natur, zurück zur Natur, denn ich hatte das Gefühl, genug von den Menschen gesehen zu haben; ich hatte sie wieder bei ihren alten Spielen gesehen. Dabei folgte ich einfach meinem eigenen Instinkt. Nehmen Sie Jonathan Swift, einen großen Rationalisten und Satiriker, und seine Satire „Gullivers Reisen“. Zuerst machte er seine Erfahrungen in Lilliput, wo er ein Riese unter Pygmäen war. Dann kam die Erfahrung als Zwerg unter Riesen. Dann erlebte er die schwimmenden Inseln und schließlich das Königreich der Pferde. Anschließend konnte er den Geruch seiner eigenen Frau und Kinder nicht mehr ertragen und musste in den Ställen bei den Pferden leben. Anfangs kam er jeden Tag nur für eine kurze Zeit aus den Ställen heraus,um sich an den menschlichen Geruch zu gewöhnen, was ihm langsam auch wieder gelang. In dieser Geschichte liegt, so glaube ich, das Verhaltensmuster, dem auch ich folgte. Gulliver musste zurückgehen, um mit dem Pferd verwandt zu werden, das, zusammen mit dem Hund, eine große Rolle in der westlichen Mythologie spielt. Der Hund stellt mit seinem hochentwickelten Geruchssinn das Intuitive dar und leitet immer mythologische Prozessionen von Göttern und Menschen. Und dann der Pferdegott – obwohl das Pferd eigentlich wenig Intelligenz und ein kleines Gehirn hat, hat es doch das größte Herz, den größten Geist. Gulliver musste durch diese Welt aus Mitgefühl, instinktiver Verständigung und Geist gehen, bevor er sich wirklich und ganz auf die Menschheit einlassen konnte. Er folgte dem Künstler in sich, und ein Künstler kommt immer dorthin – wie Dante sagt –, wo die unendliche, mitfühlende Liebe ist. Jung sagt am Ende seines Lebens und seines Werks: „Was gibt es sonst außer dem Eros?“ Der heilige Paulus sagte im 13. Kapitel der Korintherbriefe, „Glaube, Hoffnung, Liebe – aber die Liebe ist die größte unter ihnen“. Letztendlich läuft es darauf hinaus.
MT: Sir Laurens, Ihre Erfahrungen bei den Buschmännern hat Sie zu folgender Aussage inspiriert: „Kunst, Poesie und Musik sind Überlebensweisen. Sie bewahren und erschaffen die fortlaufende Kette aus dem Ältesten und dem Ersten im menschlichen Geist.“ In mancher Hinsicht haben wir unsere Verbindung zu unserer Kunst und Poesie verloren, die Fähigkeit verloren, Geschichten zu erzählen.
Laurens van der Post: Unser Hunger nach Geschichten ist enorm, die Menschen sind geradezu ausgehungert. Warum man sich heute nicht mehr um Geschichten kümmert, liegt daran, dass das Geschichtenausdenken kein rationaler Vorgang ist. Man kann nicht in der Schule lernen, wie man eine Geschichte schreibt. Man kann es nicht lernen, weil es aus der Gesamtheit des menschlichen Geistes kommt. Bewusstsein kann nicht mit Verstand gleichgesetzt werden. Moderne Menschen glauben, dass das Bewusstsein rational ist, aber der größte Impuls für das Bewusstsein kommt aus nicht-rationalen Quellen. Und hier wird die Kunst so wichtig. Man kann nicht sagen, dass Kunst oder Musik oder Malerei rational sind, aber all diese Dinge bereichern und erweitern das menschliche Bewusstsein. Sogar Aristoteles, der große rationale Philosoph, sagte im Alter: „Je älter ich werde, desto mehr bedeutet mir der Mythos, desto mehr nähere ich mich ihm an.“
MT: Ich möchte zu den Buschmännern in der Kalahari zurückkommen. Einen großen Teil Ihres Lebens und Werks haben sie dem Erhalt ihrer Lebensweise gewidmet. Warum sind die Buschmänner heute für uns wichtig, warum ist es wichtig, ihre Lebensweise zu verstehen und ein Gefühl dafür zu haben, was sie für ein Volk waren?
Laurens van der Post: Selbstverständlich ging es mir darum, die Buschmänner zu bewahren. Ich wollte nicht unbedingt, dass sie als dieselben in genau der gleichen Form und Weise weitermachten. Aber schon seit ich ein Kind war, verstand ich nicht, warum die Leute die Buschmänner nicht als besondere und wertvolle Menschen empfanden, gerade wegen ihrer Andersartigkeit. Seit meiner Geburt war ich immer überaus glücklich gewesen mit meinem Buschmann-Kindermädchen und mit den Buschmännern, die ich traf und die mir Geschichten erzählten. Sie schienen mir ein so bemerkenswertes Volk zu sein. Ich konnte nicht verstehen, warum wir die Buschmänner zerstört haben – die schwarzen und die weißen Menschen unter ihnen. Einer der Gründe, warum ich die Geschichte von Südafrika weiterhin erzähle, ist, dass sie ein Spiegel ist, in den sowohl Schwarze wie auch Weiße sehen müssen, damit sie erkennen, wie schlecht sich beide benehmen können. Aber je älter ich wurde, desto mehr gewann ich die Einsicht, dass in jedem ein Buschmann steckt und dass wir zu dieser Seite unseres Selbst den Kontakt verloren haben. Wir müssen wieder von diesem Buschmann-Wissen in uns lernen, um etwas über diese Seite zu erfahren. Ich fand es so befremdlich, dass die Archäologen in alten Ruinen herumsuchten und Ausgrabungen machten, um etwas über die archaischen Menschen herauszufinden – dabei waren sie doch mitten unter uns. Warum fragten wir nicht sie? Zu dem natürlichen Menschen in uns, den die Buschmänner verkörpern, haben wir zunehmend den Kontakt verloren. Das hat uns verarmen lassen und bedroht uns. Als ich mit Jung darüber sprach, sagte er, „oh, das ist gar kein so außergewöhnlicher Gedanke. Jedes menschliche Wesen hat einen zwei Millionen Jahre alten Menschen in sich, und wenn er zu diesem alten Selbst den Kontakt verliert, verliert er seine wirklichen Wurzeln.“ Also hatte die Frage, warum der moderne Mensch auf der Suche nach sich selbst ist und seine religiösen Wurzeln verloren hat, eine Menge mit dem Interesse an den Buschmännern zu tun, diesen kleinen nackten Menschen in der Wüste, die nichts besaßen. Ich sagte immer, der Unterschied zwischen ihnen und uns ist, dass sie sind und wir haben. Wir haben das Haben gegen das Sein eingetauscht. Ich fühlte, dass die Buschmänner mit ihren Geschichten und ihren Herzen für uns wichtig sind. In meinem Leben habe ich versucht – lediglich versucht –, davon wieder etwas zurückzubringen als Brücke zwischen der Welt des Anfangs, die für uns schon fast verloren ist, und dem Jetzt. ´
Übersetzung aus dem Englischen: Doris Bauriedel Erstveröffentlichung:
New Dimensions World Broadcasting Network,
http://www.newdimensions.org
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