Die Schere zwischen Armut und Reichtum geht weiter auseinander. Die Flüchtlingsströme auf der Welt wachsen seit Jahren. Der Sockel der Arbeitslosigkeit weltweit ist in den letzten 20 Jahren kontinuierlich gestiegen. Die Ausbeutung von Mensch und Natur hat eine Größenordnung angenommen, die ich in meiner täglichen Geschäftigkeit kaum mehr wahrnehme. Die Hoffnungslosigkeit wird kompensiert durch Brutalität, Arbeitswut, Anerkennungssucht, Spaß und Konsum bzw. Lethargie und Frust.
Mir ist bewusst geworden: Wer an den herkömmlichen Denkmustern festhält, rettet sich nur von einer Reparatur zur anderen, ohne den drohenden Kollaps damit wirklich aufzuhalten. Beispiele sind u.a. unsere endlosen und ineffektiven Diskussionen um das Gesundheits-, das Rentensystem, die Verringerung der Arbeitslosigkeit und den Schutz der ökologischen Lebensgrundlagen. Ein ewiges Kreisen um veraltete Welt- und Menschenbilder. Ich musste mir eingestehen, dass die alten Systeme und Strukturen nicht mehr zu retten sind. Ich musste als Mensch und Unternehmer erkennen: Ich brauche ein neues Bewusstsein, eine Neuorientierung der Werte: Weg vom Kampf der Interessen und der Konkurrenz hin zur Integration und Kooperation.
Was ist falsch an der Welt, die wir sind?
Eine ganz wichtige Erkenntnis war: Ich bin zu einem ökonomisierten Menschen geworden, der brutal funktionalisiert worden ist, und dabei ist meine Identität verloren gegangen. Das bedeutet, dass ich den nötigen Abstand und den richtigen Blickwinkel zu den Dingen um mich herum und in der globalen Welt vielfach verloren habe und damit richtige und notwendige Entscheidungen kaum mehr treffen kann. Dabei ist es offensichtlich: Der Wert eines Menschen wurde zum Marktwert degradiert. Die Wirtschaft entscheidet, ob es mir gut geht oder nicht, ob ich viel Zeit für meine Familie habe oder nicht, ob ich „heimisch“ werden kann oder ständig auf der Wanderschaft von einer Arbeitsstelle zur anderen unterwegs sein muss.
Die meisten Menschen haben sich an diese Realität gewöhnt. Die Schmerz- bzw. die Beruhigungstablette heißt: Ablenkung in allen Variationen, Spaß haben, nur nicht über mich und die Welt bzw. über die eigene Verantwortung nachdenken! „Ihr seid das Salz der Erde.“ Dieser Satz der Bibel ist für mich Auftrag und Zusage zugleich: „Auf euch kommt es an, das Gebot der Liebe auf der Erde zu verwirklichen.“ In meiner tiefsten Sehnsucht spüre ich, dass ich ganzheitlich zu diesem Auftrag, dieser Liebe hin geschaffen bin. Ich soll die Menschen lieben und die Dinge (das Geld) gebrauchen, und nicht die Dinge lieben und die Menschen gebrauchen. Unsere gesellschaftlichen und besonders unsere wirtschaftlichen Strukturen haben diese Grundforderung auf den Kopf gestellt. Nicht Vollbeschäftigung und Verantwortung für die Mitarbeiter sind Unternehmensziel, sondern Befriedigung der Aktionäre, Machtkonzentration zur Abschöpfung der Weltmärkte und Gewinn-Maximierung. Der Mensch wurde hierbei zum Kostenfaktor und zum Konsumenten degradiert. Die Richtung muss geändert werden. Ich muss die Lösungen erster Ordnung (des egoistischen Privatinteresses) verlassen, wenn ich künftig Verantwortlichkeit für die Menschen und die Natur leben will. Die Schere zwischen dem, was ich weiß (und tun sollte), und dem, was ich konkret tue, muss sich schließen. Die Reparaturen der Schäden, deren Verursacher ich bin, können die künftigen Generationen nicht mehr bezahlen. Sie sind in vielen Bereichen jetzt schon irreparabel. Nicht die Erde braucht mich, sondern ich brauche die Erde, um zu überleben.
Entlohnung nach Bedürftigkeit
Aus dieser Erkenntnis heraus habe ich als Elpis- Mitarbeiter aufgehört, darüber zu lamentieren, was andere tun sollten oder hätten tun müssen. Elpis ist eine ganzheitliche Arbeitsgemeinschaft, die eine Alternative zu den herkömmlichen Unternehmen darstellt. Die Arbeitsgemeinschaft besteht zur Zeit aus einer Großhandelskauffrau, einem Schreiner und Holztechniker, einem Landschaftsgärtner, vier Ingenieuren (Elektrotechnik, Maschinenbau, Innenarchitektur und Bühnenbildner, Forstwirtschaft). Wir sind Sozialeinrichtung, Handwerksbetrieb und Ingenieurbüro und bieten in diesen Bereichen unsere Dienste an. Die Entlohnung richtet sich nach der Bedürftigkeit und nicht nach dem Marktwert. Wenn jemand bei Elpis mitarbeiten will, finden mehrere Gespräche statt. Wie möchte ich leben, was bringe ich selbst ein? Was brauche ich oder brauchen wir als Familie zum Leben: z.B. Miete, Auto, Urlaub, Lebensmittel pro Monat usw.? Was bekomme ich von der Arbeitsgemeinschaft außer Geld noch? Die Bedürftigkeit wird hierbei offen und nachvollziehbar für alle Beteiligten festgelegt. Wenn jemand zusätzliche Einnahmen von anderswo hat, braucht er weniger von Elpis, was unter Umständen einem anderen zugute kommt. Dabei gibt es Entlohnungsunterschiede bis zu 600 Euro. Bisher haben wir immer einen Konsens gefunden, zumal die Entlohnung sich im Lauf der Zeit ändern kann. Ich habe mich sehr gefreut, als ein ehemaliger Mitarbeiter, der zwei Jahre mit uns gearbeitet hat, mir gesagt hat, er habe mit Verwunderung festgestellt, dass er in der Arbeitsgemeinschaft keinen Neid habe beobachten können.
Mit Freude neue Fähigkeiten entdecken
Durch neue berufliche Herausforderungen entdecken wir viele Gaben, die sonst rein berufsspezifisch kaum oder gar nicht abverlangt würden. So wird bei uns handwerkliches, soziales und ingenieurmäßiges Arbeiten in der Wertigkeit gleichgesetzt. Jeder beginnt zunächst mit einem kleinen Projekt als Projektleiter. Fordern ist fördern. Das kann z.B. der Auftrag sein, jemandem ein Zimmer zu tapezieren und zu streichen, bis hin zur Erstellung eines Konzepts zur Trennung des Wasser- und Nährstoffkreislaufs auf einer Berghütte, von einem Heckenschnitt bis zur Organisation, Planung und Fällung von Großbäumen unter schwierigsten Bedingungen im Stadtzentrum, von der einfachen Beleuchtung eines Raums bis zur Illumination einer Burg oder einem Teil eines Gartenschaugeländes. Da jeweils immer ein Mitarbeiter die Projektleitung übernimmt und die anderen mithelfen, ist der Lernprozess im fachlichen und im sozialen Bereich für jeden enorm groß. Einer plant und organisiert, die anderen sind für diese Zeit Mitarbeiter. Ein Diplomingenieur als „Mitarbeiter“ tapeziert Wände und erfährt so im Gegensatz zur Spezialisierung in der normalen Wirtschaft die Fülle und Weite des Lebens. In diesem nicht einfachen Prozess ist jeder einbezogen. Der mir zugemessene Wert muss wieder erfahrbar werden. Weg von „ich bin, was ich leiste – ich bin, was ich verdiene, – ich bin, was ich konsumiere – ich bin, was andere von mir denken“. Hin zu „ich bin einmalig, letztmalig – ein guter Gedanke der Schöpfung in einem weiten Raum“! Formaljuristisch ist unser Dienstleistungsbetrieb eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR). Wir sind in der Handwerkskammer eingetragen und haben auch schon einen Behinderten ausgebildet. Wir arbeiten und wohnen zum Teil auf einem alten historischen Hof, wo wir unser Büro und unsere Werkstatt haben. Wir sind offen für Neues und für ein persönliches Reifen zu einem verantwortlichen Leben, wie Gott uns gemeint hat, damit Salz und Licht ihre eigentliche Bedeutung wieder bekommen. Da wir uns als Menschen ganzheitlich sehen, gehören Kreativität und Kulturelles ebenso dazu. Der Sozial- und Kultur-Verein Elpis e.V. hat im Rahmen des rheinland-pfälzischen Kultursommers bereits zum zweiten Mal das Projekt „Wolkenhain“ durchgeführt: Licht- und Rauminstallationen auf der und um die Burg Frankenstein, Konzerte auf der Burg und dem Münchhof, Ausstellungen auf dem Münchhof, Lesung und Tanzperformance auf der Burg etc. Außerdem veranstalten wir Workshops und Ausstellungen auf dem historischen Münchhof. Hierbei soll auch das Elpis-Projekt weiter vernetzt werden. Die Medien haben sehr positiv berichtet. Die Veranstaltungen waren außergewöhnlich, da wir viele Menschen und Örtlichkeiten einbezogen haben. Wir haben aber auch gespürt, dass die Menschen Zeit brauchen, um neu sehen und wahrnehmen zu können. Betriebswirtschaftlich rechnen sich solche Projekte deshalb noch nicht – trotz Unterstützung der Landesregierung. Trotz dieser Veranstaltungen ist das Elpis-Modell noch lange nicht bekannt genug. Wir müssen hier noch andere Wege suchen.
Angestellte der Schöpfung
Durch unsere kreative Praxis bekommen wir einen anderen Bezug zur Arbeit und zu uns selbst: Ich arbeite, damit ich bekomme, was ich zum Leben brauche, um mein Potenzial entfalten zu können. Ich öffne mich für Entdeckungen und Veränderungen und gebe der wirklichen Persönlichkeit, die sich verwirklichen will, Raum. Wenn ich wegkommen will von „ich bin, was ich leiste und was ich verdiene“, muss ich die Ursache dieses Musters entfernen: das von außen oktroyierte Leistungsprinzip. Es beginnt als Kleinkind schon auf dem „Töpfchen“ und endet mit dem vom Arbeitgeber geforderten Leistungsprofil bei der Bewerbung. Auch bei Elpis wird gute Arbeit gemacht; es wird gefordert und gefördert. Unser Motiv ist allerdings nicht das Geldverdienen, sondern die Freude, neue Gaben und Fähigkeiten zu entdecken und uns als wertvolle und geachtete Menschen zu erfahren. Wir sind auf dem Weg, uns als gleichwertige Angestellte des Arbeitgebers „Schöpfer“ zu verstehen, jeder mit verschiedenen Aufgaben. Das ist oft ein schmerzhafter Prozess, bei dem auch Unaufgearbeitetes und Mitgebrachtes nach Befriedung und Heilung ruft. Veränderungen geschehen wie alles Wachsen langsam. Wenn wir uns erinnern, wie wir vor acht Jahren begonnen haben oder wie oft wir erschrocken waren, wenn sich Situationen plötzlich verändert haben, und wenn wir dann sehen, was wir heute tun, dann lässt das die Hoffnung zu einer realen Kraft werden, von der wir leben und die wir weitergeben möchten. Dies alles verändert auch die Beziehung zu unseren Kunden, sie ist mehr als der Tausch Arbeit gegen Geld. Auch hier gilt: die Menschen lieben und die Dinge gebrauchen. So erkundigen wir uns auch nach dem Wohlbefinden eines Kunden, der sich im Krankenhaus befindet, oder die Kunden rufen auch an, wenn sie unseren Rat brauchen, wo wir als Menschen gefragt sind. Wir stellen unser Potenzial an Intelligenz, Kreativität, handwerklichen Fähigkeiten und vieles mehr unter höhere Zielvorgaben als Leistung und Gewinn. Uns leiten Werte wie Liebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, einander Hilfe sein, beziehungsfähig werden zu uns, zu den anderen, zu Gott und der Schöpfung. Wir haben eine gemeinsame christliche Basis, sind aber von politischen und kirchlichen Institutionen unabhängig. Unser Logo bedeutet: Aufstehen – Gehen – Wachsen. Wenn Sie unseren Weg als zukunftsweisend sehen, freuen wir uns, Sie kennen zu lernen. Wir sind besonders interessiert an Menschen, die ernsthaft suchen, offen und bereit sind, aus ihrem Quasi-Sicherheitskreis herauszutreten und verantwortlich für sich und andere das Leben zu gestalten.
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