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Impressum
Warum nicht einfach das tun, was du wirklich willst? Und warum nicht sofort damit anfangen?
erschienen in Ausgabe 127
Andrea Zettel suchte wie so manche Jugendliche jahrelang und rastlos nach einer sinnvollen und erfüllenden Ausbildung und Aufgabe. Auslandsaufenthalte und verschiedene Jobs führten sie auf ihrer Suche schließlich zu dem unkonventionellen Holma-College in Schweden, wo sie mit einem neuen Denken und einer neuen Art zu lernen bekanntgemacht wurde. Das hat sie auf die Idee gebracht, mit einer reisenden „Schule des Lebens“ für Nachhaltigkeit und Frieden durch Europa zu ziehen. Sie schildert eine persönliche Entwicklungsgeschichte, die Schule machen sollte.


Irgendwann im Leben eines jungen Menschen kommt es plötzlich auf: das Thema „Studien- und Berufswahl“. Mancher weiß vielleicht schon, seit er laufen und sprechen kann, was er mal werden will, anderen (mir zum Beispiel) kann es jahrelang Kopfzerbrechen bereiten. Während der Schulzeit habe ich es immer vor mir hergeschoben, unfähig, irgendeine Entscheidung zu treffen, und nach dem Abi war ich immer noch nicht viel weiter. Studium? Physik, Biologie, Geologie, Umweltwissenschaften, Medizin, Fremdsprachen, Psychologie, Lehramt, Philosophie – oder doch Kapitänin, Schreinerin, Pilotin, Köchin, Gärtnerin, Tierpflegerin, Architektin, Schneiderin? Oder warum nicht einen Ökobauernhof gründen, mit Apfelbäumen und Schafen? In ein Ökodorf ziehen? Oder gar ein Ökodorf selbst mit aufbauen? Aber mit wem? Und wie? Und muss man dann nicht doch erst einmal etwas „Richtiges“ lernen? Aber um die Welt reisen will ich doch auch noch!? Und dann sind da ja noch all die Probleme in der Welt, wie Regenwaldabholzung, Umweltzerstörung, Krieg in vielen Teilen der Welt, Hunger und Armut, wachsende soziale Ungerechtigkeit weltweit. Wo kann ich da meinen Teil beitragen?
Fragen über Fragen, bis ich nicht mehr wusste, wo oben und unten ist. Unendliche Möglichkeiten, und eine davon interessanter als die andere. Aber keine davon war wirklich vollständig, wirklich erfüllend; und wenn sie es war, dann war sie „zu verrückt“ und „nicht realistisch“.

Eigene Wege des Lernens erweitern den Horizont

Nach der Schule musste ich feststellen, dass ich außer meinem Abiturzeugnis (= ein Stück Papier) nichts in der Hand hatte. Ich wusste weder, wer ich wirklich bin, noch was ich wirklich will, und hatte außerdem das Gefühl, all das Wissen – genannt Allgemeinbildung –, das ich aus der Schule unbedingt hatte mitnehmen sollen, Stück für Stück zu verlieren. Einen Großteil der Zeit, den ich dazu verwendet hatte, Fakten- und Detailwissen anzusammeln, das nie richtig verinnerlicht wurde und deshalb auch keinen Bestand hat, hätte ich auch gut für andere Dinge verwenden können, für praktisches Lernen über ökologischen Landbau zum Beispiel, oder wie ich meine eigene Kleidung herstellen kann; für die Entwicklung sozialer Fähigkeiten oder für eine Ausbildung in gewaltfreier Konfliktlösung. Ich hätte auch Erfahrungen sammeln können, wie Menschen in anderen Kulturen leben und praktisch erleben können, wie wenig unsere westliche Lebensweise die einzig mögliche und richtige Art zu leben ist – kurzum: Über die Grundlagen des Lebens, des menschlichen Zusammenlebens und des Lebens in und mit der Natur, hätte ich mehr lernen können, und zwar nicht nur aus Büchern, sondern aktiv und kreativ. Als ich also in meiner Suche nach der idealen Ausbildung auch nach dem Abitur erfolglos blieb, beschloss ich, nicht mehr auf Sprüche zu hören wie: „Je früher du einen Job hast, desto besser.“ „Du musst doch an deine Zukunft denken“ (was in Wahrheit heißt: an den materiellen Aspekt der Zukunft – was ja nicht falsch, aber viel zu wenig ist). Und seitdem ich meinen eigenen Weg gehe, läuft mein Leben wie am Schnürchen.
Während meines 6-monatigen Aufenthalts in Spanien im Rahmen des „Europäischen Freiwilligendienstes“ habe ich ein bisschen mehr Perspektive bekommen und vor allem Leute getroffen, die meine verrückten Ideen als nicht ganz so verrückt angesehen haben. Ich konnte erleben (nicht nur theoretisch wissen), dass Reisen wirklich den Horizont erweitert, und zwar sehr viel mehr als ich erwartet hatte. Anstatt danach endlich einen geeigneten Studiengang zu finden, entdeckte ich immer mehr interessante Möglichkeiten, mir meine eigene Ausbildung zusammenzustellen und zu lernen, was und wo ich wollte. Nach Spanien habe ich in verschiedenen Ferienjobs gearbeitet, auf einem Ökohof in Frankreich mitgeholfen, dann als Freiwillige im Walmuseum Husavik auf Island Wale fotografiert und bin letztendlich am „Holma College of Integral Studies“ in Schweden gelandet, wo ich den einjährigen Studiengang zum Thema „Erweiterung des wissenschaftlich-mechanistischen Weltbildes auf dem Weg zu einer friedlicheren, gerechteren und nachhaltigen Welt“ absolvierte (siehe Bericht über das Holma College in Kurskontakte 122). Hier habe ich einiges Nützliches gelernt – über die Welt und über mich selbst – und vieles, was ich vorher schon irgendwie ahnte und wusste, ist mir noch klarer geworden.

Die Grasshopper wollen Schule machen

Wenn jetzt die Frage über die Zukunft aufkommt („Und was kommt nach Holma College?“), dann bin ich nicht mehr ratlos: Während der Zeit im College haben sich durch gemeinsames Leben und Lernen feste Freundschaften gebildet, und durch ähnliche Ideen und Lebensziele ist eine Projektidee entstanden, die wir (drei bis fünf von uns) diesen Sommer umsetzen werden. Wir nennen uns „Grasshopper“, und unser Projekt ist Folgendes: Wir wollen mit Kunst und Kreativität, Fröhlichkeit, positiven Nachrichten und handfesten Informationen unterwegs sein in eine(r) bessere(n) Welt. Die Idee ist, eine reisende „Schule des Lebens“ zu gründen, in der alle Beteiligten „Schüler“ und „Lehrer“ zugleich sind: Wir (eine internationale Gruppe von Jugendlichen) werden mit wechselnden Transportmitteln (Fahrrad & Zug, Kleinbus, Segelboot …) durch die Welt reisen, Ökodörfer und Gemeinschaften besuchen und in kreativ-informativen Aktionen auf der Straße und in Schulen verschiedensten Menschen begegnen. Dabei werden wir jede Menge lernen über uns selbst, unsere Mitmenschen und die (Um-)Welt; und gleichzeitig können wir weitergeben und teilen, was wir gelernt haben. Unsere Botschaft, die wir verbreiten wollen, ist „Create your life“ („Nimm Dein Leben in die Hand“) und „Take part in creating a sustainable and peaceful world“ („Beteilige Dich, eine zukunftsfähige und friedliche Welt zu schaffen“). Kreativität ist eine starke Kraft, die jeder Mensch in sich hat, und mit der wir – wenn wir sie nur richtig einsetzen – die Welt, die wir wirklich wollen, und das Leben, das wir leben wollen, miterschaffen können, – friedlich, glücklich, gesund, ökologisch und solidarisch. Wir nennen uns Grasshopper, weil ein Grashüpfer ein lustiges, grünes Tierchen ist, das fröhlich von „Graswurzel“ zu „Graswurzel“ hüpft und dabei einen ganz guten Überblick bekommt, was auf der Wiese so los ist. Und noch dazu hat er (zumindest auf Englisch fast) „hope“ in seinem Namen …

Die reisende „Schule des Lebens“

Im Moment ist noch nicht ganz klar, ob wir mit Fahrrädern oder einem Kleinbus anfangen wollen. Die ursprüngliche Idee war ein Kleinbus, von dem wir aber (aus ökologischen Gründen) mehr und mehr abkommen. Der Start durch Europa ist für den 1. August im Ökodorf Sieben Linden geplant. Dann wollen wir einige Wochen oder Monate in Deutschland unterwegs sein, und danach geht’s nach Holland, Belgien und Frankreich. Anfang November wollen wir in Paris sein und am Europäischen Sozialforum teilnehmen, und den ersten Winter wollen wir in Spanien, Italien oder Griechenland verbringen. Die Reise wird so ablaufen, dass wir jeweils einige Tage oder Wochen in einem Ökodorf verbringen und am täglichen Leben teilnehmen, dabei jede Menge lernen und währenddessen unsere nächsten Straßen- und Schulaktionen vorbereiten. Diese Aktionen können alles mögliche sein: Zirkuskunststücke, Musik, Clownereien, Straßentheater, Spiele mit Kindern, Müll-Einsammel-Aktionen, Verkauf von Büchern oder Zeitschriften. Wir wollen die Initiative „Anders besser leben“ bekanntmachen und über die wachsende Anzahl der „Kulturell Kreativen“ informieren usw. Uns allen gemeinsam ist, dass es um Interaktion und Austausch geht. Wir wollen Leute wirklich erreichen und treffen, in einer für beide Seiten fruchtbaren Kommunikation.

Wer will uns helfen?

Finanzieren wollen wir unser Projekt unter anderem im Rahmen des EU-Programms „Future Capital“, in dem Jugendprojekte gefördert werden (der Antrag ist eingereicht und wird gerade bearbeitet), sowie durch Eigenkapital, das wir uns zwischen Semesterende und Projektstart verdienen. Nach weiteren Finanzierungsmöglichkeiten, Sponsoren und Spenden sind wir noch auf der Suche. Für Hilfe jeder Art, Anregungen und finanzielle Unterstützung von allen Seiten sind wir sehr dankbar.
Wichtig ist uns vor allem, gut geerdet und vernetzt zu sein und mit all den Kulturell Kreativen, verschiedenen Organisationen (Umwelt, Jugend, Soziales, Frieden, Entwicklung …) zusammenzuarbeiten und in Verbindung und im Austausch zu stehen. Wir wünschen uns Informationsaustausch, mögliche Besuche und gemeinsame Aktionen, Übernachtungsmöglichkeiten und so fort. Wer sich also angesprochen fühlt, möge uns bitte kontaktieren.


  Autoren

Zettel, Andrea

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