30 Jahre schräge Romane mit kulturell kreativen Themen: Jochen Schilk stellt Tom Robbins vor.
SPUREN EINER NEUEN KULTUR
In ganz Europa wird immer öfter von der neuen Bevölkerungsgruppe der „Kulturell Kreativen“ gesprochen – sie sollen ein Viertel der westlichen Gesellschaften ausmachen. Kulturell Kreative gibt es in allen Schichten. Ihr aktiver Kern schafft die Bausteine einer neuen, „integralen“ Kultur, die konsequent auf Nachhaltigkeit setzt. Rationale Vernunft und selbständiges Denken finden darin zur Synthese mit transmateriellen Dimensionen des Menschen wie Spiritualität, Hinwendung zur Gemeinschaft und Verbindung mit der Natur. Noch ist diese auftauchende Kultur keineswegs manifest. Mit dieser Artikelreihe gehe ich deshalb der Frage nach, wie eine Welt aussehen könnte, die von den Kulturell Kreativen mitgeprägt wird. Ich beschreibe Initiativen, die im Sinne dieses kulturellen Wandels handeln, und deute Spuren, die mir wegweisend erscheinen. (Mehr im Internet: http://www.kulturkreativ.net)
Robbins ist „der gefährlichste Schriftsteller der Welt“ (Il Corriere della Sera), „der wildeste Schriftsteller der Welt!“, (Financial Times) und überhaupt: „der beste Schriftsteller der Welt!“ (sein Kollege Thomas Pynchon)
Angesichts des in zunehmend weiteren Kreisen feststellbaren kulturell-kreativen Bewusstseins- und Wertewandels müsste dieser doch auch und besonders im Werk so manchen Künstlers auszumachen sein – sind es doch gerade künstlerisch tätige Menschen, die zumeist offen sind für gesellschaftliche Veränderungen, die diese mittragen und gelegentlich sogar initiieren.
Schon seit geraumer Zeit frage ich mich in diesem Zusammenhang, ob das Werk des Underground-Bestsellerautors Tom Robbins nicht ausgesprochen gut in unsere kulturell kreative Gedankenwelt hineinpasst. Mit der Lektüre von Robbins neuestem Roman „Völker dieser Welt, relaxt!“ hat sich diese Vermutung nun zur Gewissheit verdichtet. Bevor ich dies erläutere, zunächst ein Streiflicht zur Person Tom Robbins – schließlich ist kaum davon auszugehen, dass jeder mit diesem Namen vertraut ist, obschon er in vielen Ländern und in den verschiedensten Subkulturen bereits seit Jahren eine Art Kultstatus erlangt hat.
Es mag an meiner Wahrnehmung liegen, jedoch kann ich mich nicht entsinnen, je irgendwo einen Artikel oder Beitrag über Robbins oder auch nur eine Rezension von einem seiner Bücher gesehen zu haben, weder in den großen Feuilletons noch in den einschlägigen Pop- und Undergroundpublikationen. Dennoch finden sich seine mittlerweile sieben Romane in zahlreichen Bücherregalen, und ich kenne kaum jemand, der nicht nach der Lektüre eines davon geradezu süchtig geworden wäre (wenngleich es natürlich auch vorkommt, dass jemand nicht mit seiner „Zen-Punk-Prosa“ zurechtkommt).
Dass man so wenig über Robbins liest, mag auch an ihm selbst liegen. In den im Internet verfügbaren Interviews wird er nicht müde zu betonen, dass es, genau betrachtet, gar nicht nötig sei, viel über einen Schriftsteller zu wissen. Abgesehen davon, dass er einräumt, zu genießen, als ein etwas geheimnisumwitterter Mensch zu gelten, würde er sein Werk am liebsten für sich stehen sehen. Dementsprechend selten sind dann auch die Interviewtermine und Tourneen zur Bewerbung seiner Bücher, die sich offenbar auch ohne viel PR überall gut verkaufen. Seine reservierte Informationspolitik führte in der Zeit der Veröffentlichung seiner ersten beiden Romane zu Beginn der 70er-Jahre sogar dazu, dass allerorts gemutmaßt wurde, hinter dem vermeintlichen Pseudonym Tom Robbins verberge sich in Wirklichkeit eine Frau – was angesichts der nicht selten ausgesprochen weiblichen Perspektive seiner Erzählungen durchaus denkbar gewesen wäre.
Kultautor der Gegenkultur
Nach eigenen Angaben begann der in den Bergen und alten Wäldern von North Carolina aufgewachsene Autor bereits im Alter von fünf Jahren mit dem Schreiben. Seine Eltern, obwohl nicht der gebildeten Schicht angehörig, waren Vielleser und unterstützten auch die unbändige Leseleidenschaft ihres Sohnes nach Kräften. Nachdem er wegen Kekswerfens von der Uni geflogen war, trampte er jahrelang durch die Staaten und arbeitete auf Baustellen. Dann, mit 21, lehrte er während des Korea-Krieges bei der Air Force Meteorologie, wobei er nebenher einen schwunghaften Handel mit Zigaretten, Seife und Zahnpasta betrieb. Mitte der 60er-Jahre verschlug es ihn nach Seattle, wo er sich als Kunstkritiker und Radio-DJ verdingte und später seinen ersten Roman verfasste. Dessen Veröffentlichung im Jahr 1971 begründete seinen Ruf als Kultautor der amerikanischen Gegenkultur (neben solchen Namen wie Kurt Vonnegut, Hunter Thompson, Ken Kesey oder Richard Brautigan): „Another Roadside Attraction“ wurde von Timothy Leary bis zu den Hells Angels gelesen, und ein weiteres – allerdings bis heute unbestätigtes – Gerücht besagt, dass eine Kopie von Robbins’ Erstlingswerk auch neben dem toten Elvis aufgefunden ward …
Ist Tom Robbins also ein weiteres Pop-Relikt der wilden 60er- und 70er-Jahre, auch nach drei Jahrzehnten noch immer erfolgreich wie etwa die Rolling Stones? Ja, aber auch mehr als das. Auf seine Leserschaft angesprochen, vermutet der Autor, der im Sommer seinen 67. Geburtstag feiert, dass diese auch heutzutage noch zu 80 Prozent aus Teens und Twens besteht – eine Quote, die die Stones sicherlich nicht aufzuweisen haben, auch nicht in einer Generation, von der behauptet wird, sie habe die Bücher zugunsten von Computern und Musikvideos eingetauscht. (Ich persönlich würde den aktuellen Anteil der unter 30-Jährigen unter den Stones-Fans auf höchstens 20 Prozent schätzen.) Einmal unterstellt, dass die Robbins-Leserschaft nicht allein von seinem einmaligen Erzählstil sowie den an Zahl und Güte unübertroffenen Metaphern ( „leer wie eine transsylvanische Blutbank …“) begeistert ist – was ist es wohl außerdem, das einen Teil der heutigen Jugend veranlasst, die Bücher eines auf die Siebzig zugehenden Mannes zum Kult zu erheben? Ich vermute, dass es die – im kulturell-kreativen Sinn – zeitgemäße Mixtur seiner typischen Themenbandbreite ist, von der sich eine Generation angesprochen fühlt, die heute ebenso sehr wie die Generation der 68er auf der Suche nach authentischen Einflüssen ist, ahnt sie doch, dass sich die Welt verändern muss, wenn sie fortbestehen will.
Der Gebrauch des Adjektivs „typisch“ im Zusammenhang mit den mannigfaltigen Themen in Robbins’ Büchern ist insofern zutreffend, als sehr viele seiner Motive immer wiederkehren und sich auch die jeweiligen Protagonisten der sieben Romane in einer ganzen Reihe von Punkten stark ähneln. Deshalb ist es wohl nicht weit hergeholt zu behaupten, dass die folgende Auflistung der Interessen und Charaktereigenschaften des aktuellen Robbins-Protagonisten „Switters“ eine Menge Aufschluss über seinen Schöpfer gibt. Switters, der Held in „Völker dieser Welt …“, mit einem Hang zu blumiger Ausdrucksweise und einer Leidenschaft für alles Unschuldige und Schöne, ist ein waffentragender, pazifistischer Anarchist in Diensten der CIA; als derart personifizierter Widerspruch steht er in bester Tradition anderer Robbins-Figuren wie dem „Buntspecht“, dem (Ex-)König Alobar, Sissy Henkshaw oder John Paul Ziller. Mit jenen teilt Switters das Interesse am Reisen, an fernen Kulturkreisen, an Geschichte, Psychologie, Mythologie, Magie, Philosophie und Sprache, an befreiter Sexualität, an Meditation, an Abenteuern aller Art, an der Beschäftigung mit rational nicht erklärbaren Phänomenen und allgemein religiösen Themen im Sinn einer aufgeklärten Spiritualität.
Was die Protagonisten bewegt
Wie schon seine literarischen Vorgänger neigt Switters zu ausgeprägter Lebenslust, zu unbedingter Freiheitsliebe, zum wohlüberlegten Drogenkonsum, zu einer auf Humor und Selbstironie beruhenden, unerschütterlichen Gelassenheit, zur Betrachtung des Kosmos (inklusive des menschlichen Lebens) als einem göttlichen Spiel und nicht zuletzt zur Infragestellung gesellschaftlicher Konventionen bis hin zur inneren Abkehr von dem als verlogen und korrupt erkannten politisch-wirtschaftlichen System.
Switters Geschichtsbegriff orientiert sich daran, ob er eine Kultur als matriarchal oder patriarchal einschätzt, er achtet auf Synchronizitäten, beweist an mehreren Orten seine tiefe Beziehung zur Natur (wenngleich auch nicht in dem Maße wie Amanda, die zauberhafte Protagonistin aus Robbins’ Erstlingswerk) und an anderen Stellen wiederholt sein Desinteresse und seinen Überdruss an einem übersteigerten Materialismus („Je mehr Werbung ich zu sehen bekomme, desto weniger Lust habe ich, einzukaufen …“).
Klingt all das im Großen und Ganzen nicht wie die Beschreibung eines kulturell kreativen Musterbeispiels?
Ein göttliches Spiel
Klar, Tom Robbins schreibt Fiction, (trans-)moderne Märchen, und die handelnden Personen in diesem Genre sind erwartungsgemäß zum Teil recht überspitzt gezeichnet. Seine Bücher sind populäres Entertainment – und entbehren dennoch nicht einer bemerkenswerten philosophischen Tiefe, gerade weil sie die Welt und das Leben nicht ganz so ernst nehmen, wie politische und religiöse Autoritäten das vielleicht gerne sähen. Völker dieser Welt, relaxt! Robbins: „Wenn man erst einmal anfängt, es ernst zu nehmen, ist man verloren. [...] Zu sagen, dass das Leben nicht ernst genommen werden soll und nicht ernst genommen werden will, bedeutet andererseits wiederum auch nicht, dass es trivial oder gar leichtfertig wäre. Im Gegenteil! An der spielerischen Natur des Universums ist überhaupt nichts Leichtfertiges. Verspieltheit auf der vollständig bewussten Ebene ist etwas extrem Tiefgründiges. Tatsächlich gibt es wohl nichts, was tiefsinniger wäre. Witz und Verspieltheit transzendieren das Böse auf geradezu schrecklich ernste Art und Weise.“ – Paradox? „Die Wirklichkeit ist widersprüchlich. […] Wenn ich die Natur des Universums mit einem einzigen Wort beschreiben sollte, so wäre es wahrscheinlich ‚paradox‘.“
Hier zeigt sich ein weiterer Hinweis auf Tom Robbins’ Nähe zu einer Denkweise, die mit der kulturell-kreativen Kerngruppe in Verbindung gebracht wird. Die größte Herausforderung für eine integrale Kultur liegt in der Fähigkeit, bislang unvereinbar scheinende Gegensätze überwinden und verbinden zu können, um auf diese Weise etwas vollkommen Neues zu kreieren: eine ganzheitliche, friedliche und nachhaltige Gesellschaft. Voraussetzung für diese Fähigkeit und somit auch für die erhoffte Kultur ist somit zunächst eine neue – integrierende – integrale Denkweise, die bereit ist, beide Seiten jeder Medaille zu berücksichtigen und zu einer schöpferischen Synthese zu finden.
In obigem Zitat klingt es bereits an: Genau diese Überwindung bzw. Transzendierung von gegensätzlichen Polen, die Verwandlung des leicht zum Dogma oder zum Fundamentalismus tendierenden „Entweder-Oder“ in ein integrierendes „Sowohl-als-Auch“, ist Robbins’ Spezialität. Und nicht zufällig zieht sich eben die Auseinandersetzung mit fundamentalistischer Denkweise als roter Faden durch sein Werk, zumeist identifiziert in Vertretern patriarchal-monotheistischer Religionen. Quasi als Allheilmittel und Katalysator jedes transzendierenden Prozesses schlägt Robbins (in Kombination mit dem Einnehmen eines weitreichenderen geistigen Blickwinkels) eine gute Portion Humor vor, auch und gerade wenn dies die Fähigkeit verlangt, über sich selbst lachen zu können.
Wie nach einem Fellini-Film …
Ein Kritiker der New York Times riet ihm einmal, er möge sich doch endlich überlegen, ob er „funny“ oder „serious“ sein wolle, worauf Robbins entgegnete, er würde sich entscheiden, sobald Gott sich über diese Frage klar geworden sei. „Wie kann man täglich Zeitung lesen und die Nachrichten sehen und dabei nicht erkennen, dass die Welt zugleich auf absolut tragische Weise ernst und auf lächerliche Weise komisch ist?“
Ich selbst habe zum Beispiel, was die Hintergründe des Nahostkonflikts betrifft, niemals etwas derart Informatives und zugleich Tragikomisches gelesen, wie die Rahmenhandlung zu Robbins’ „Salomes siebter Schleier“. Auch dies ist typisch für Robbins’ Romane: Der oder die (mitunter zu Beginn gänzlich unvereinbar erscheinenden) fiktiven Handlungsstränge werden immer wieder unterbrochen von philosophischen Passagen und informativen Einsprengseln, die den wilden Märchen ihre realistische Würze und letzten Endes ihre Einzigartigkeit verleihen. Die Geschichten sind immer gut, ja über weite Strecken fesselnd und verblüffend – aber ohne Robbins’ ganz speziellen Erzählstil, seinen Sprachwitz, seinen intellektuellen Hintergrund und ohne seine zahlreichen Nebenmotive entbehrten sie wohl der Hälfte ihres Charmes.
Die angemessene Verfilmung eines Robbins’ scheint unmöglich, das Kino findet im Kopf statt: „Wenn meine Leser eines meiner Bücher beenden – gesetzt den Fall, sie lesen es tatsächlich zu Ende – so hoffe ich, dass sie sich in einem Zustand befinden wie nach einem Fellini-Film oder nach einem Konzert von Greatful Dead. Das heißt, ich hoffe, dass sie auf eindrucksvolle, unbezähmbare und unvorhersagbare Weise mit der ganzen Kraft des Lebens in Berührung gekommen sind und sich in der Folge ihre Sinne für das Wundersame geschärft und all ihre Möglichkeiten erweitert haben.“ ´
Bibliographie:
Another Roadside Attraction, 1971 (deutsch: „Ein Platz für Hot Dogs“)
Even Cowgirls Get the Blues, 1976 (deutsch: „Sissy, Schicksalsjahre einer Tramperin“)
Still-Life with Woodpecker, 1980 (deutsch: „Buntspecht“)
Jitterbug Perfume, 1984 (deutsch: „PanAroma“)
Skinny Legs and All, 1990 (deutsch: „Salomes siebter Schleier“)
Half Asleep In Frog Pajamas, 1994 (deutsch: „Halbschlaf im Froschpyjama“)
Fierce Invalids Home from Hot Climates, 2000 (deutsch: „Völker dieser Welt, relaxt!“)
Alle deutschen Titel im Rowohlt-Taschenbuch Verlag.
|