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Impressum
Vernetzte Herzen
erschienen in Ausgabe 126
Wolfram Schleske schlägt Entwicklungsaufgaben für das 21. Jahrhundert vor

Gesundheit und nachhaltige Entwicklung erfordern einen grundlegenden Bewusstseinswandel: über das analytische Denken hinaus eine Öffnung für das Netzwerk des Lebens, in das die Menschen eingebunden sind. Auf Basis seines jüngsten Buches „Logik des Herzens“ entwickelt der Erziehungswissenschaftler Wolfram Schleske ein vielschichtiges Vernetzungsmodell, das auf der Herzkraft aufbaut.


Wir stehen gegenwärtig auf der Schwelle zu einem neuen Zeitalter, das ein „neues Bewusstsein und eine neue Sicht der Welt“ erforderlich macht. Es geht dabei um ein breites Bezugssystem für eine „integrale Kultur“, eine Kultur, die die „alten Gegensätze zwischen Materie und dem Leben, Gehirn und Geist, dem Menschen und dem Rest der Natur“ überwindet und damit der Tatsache gerecht wird, dass wir in einem umfassend vernetzten, „in einem systemischen, holistischen Universum“ leben (Zitate nach Ervin Laszlo, Zeitschrift Hagia Chora Nr. 11, 2001/2002).
Die Erde, die Natur, Landschaft und Raum bilden eine beseelte und belebte geistige Einheit mit allen Wesen und mit allen Kulturen auf dieser Erde. Im „westlich“ orientierten Kulturraum stößt das Anliegen, über das eigene isolierte Ego zur eigenen Innenwelt vorzustoßen und sich den „kollektiven Innenraum“ zu erschließen, auf besondere Barrieren, weil die vielen einseitig materialistisch orientierten Zeitgenossen ihr Ich-Bewusstsein für die einzig legitime Bewusstseinsform halten. Das verschließt auch den Zugang zu den unbewussten Ebenen und damit zur Chance, die Herausforderung anzunehmen, uns aufrichtig und umsichtig mit den verdrängten und unerlösten (und den daraus erwachsenden chaotischen und destruktiven) Seiten unseres Unterbewusstseins auseinanderzusetzen, damit wir unseren „Schatten“ nicht gewohnheitsmäßig auf die Mitmenschen, auf die Mit-Welt oder auf andere Länder und andere Kulturen projizieren.
Von besonderer Bedeutung erscheint mir die Einsicht, dass wir vor der Aufgabe stehen, im Sinn einer aufgeklärten Androgynität Männliches und Weibliches, Verstand, Rationalität und Selbstbewusstsein mit dem Gefühl und dem empathisch vernetzenden Mitweltbewusstsein zu verbinden. Nur auf dieser Basis scheint es möglich zu sein, die Zukunftsvision eines Lebens in gegenseitiger Achtung in Harmonie, mit der Erde, zwischen den Geschlechtern, den Völkern, Religionen und Rassen tatsächlich zu verwirklichen.

Die verbindenden Herzenskräfte als geistig-emotionales Weltkulturerbe

Schon der französische Naturwissenschaftler und Religionsphilosoph Blaise Pascal, der Begründer der Logique du coeur (der Herzenslogik), hat in den „Pensées“ darauf hingewiesen, dass das menschliche „Herz“ nicht analytisch zerteilt und sich individualistisch abgrenzt, sondern spirituell vernetzend wahrnimmt und sich dann mit dem Ganzen identifiziert. Selbst in der ältesten uns erhaltenen Dichtung, dem sumerischen Epos vom Niederstieg der Liebesgöttin Ischtar in das Totenreich zu ihrer Schwester Erischkegal, das aus dem dritten Jahrtausend vor Christus stammt, wird dem menschlichen Herzen die Funktion von Mitgefühl und Lebensfreundlichkeit zugeordnet. Auch in der historischen religiösen Literatur Indiens nimmt das Herz einen markanten Platz ein. Das „bangende Herz“ kann durch Gebet, Anrufung und Opfer zum „reinen Herzen“ werden, und weil auch die Götter mit ihrem Herzen wahrzunehmen in der Lage sind, Liebe entwickeln und „im Herzen einverstanden sind“, kann der Fromme in seinen Nachkommen den Tod überdauern. In der altchinesischen Tradition wird dem Herzen als dem Ursprung des Bewusstseins die Funktion des Hochgemuten, des Bewusstseins, der Einsicht, der geistigen Kreativität und die Rolle des Herrschers über den Körper zugeordnet. Gesundheit ist allerdings erst durch eine Ausgewogenheit der „oberen“ geistigen Funktionen des Herzens mit den unteren Vitalfunktionen des Bauches, also z.B. mit der Leber als dem Sitz von Zorn und Traurigkeit und mit der Niere als dem Sitz von Sinnlichkeit möglich. In der altägyptischen Kultur (dem Totenbuch für einen Pharao um 1650 v.Chr.) erhält das Herz eine geistig-religiöse Bedeutung und wird zum Ansprechpartner von Fürbitte und Anbetung: Das eigene Herz wird gebeten, beim Totengericht und beim Abwägen von Gut und Böse nicht als Zeuge gegen den Verstorbenen auszusagen. Erst wenn das Herz als Verdoppelung des Ichs und zugleich als dessen Kernregion die Prüfung auf der Waage erfolgreich besteht, erwartet den Verstorbenen seine leibliche Auferstehung. Im alten Testament wird die Basis für die Bedeutungsvielfalt in der Gegenwart gelegt: Rund neunhundertmal ist dort das Herz erwähnt als das verhärtete, das lobpreisende, sich freuende, das traurige, das aufschreiende oder das sich verschenkende, das sich mitteilende oder anbetende Herz. Das alte Testament spiegelt jedoch auch ein stark pessimistisches Menschenbild wider. So erscheint vor der Sintflut „der Menschen Bosheit groß“ und „alles Dichten und Trachten ihres Herzens … böse von Jugend auf“. Über die Annäherung des menschlichen Herzens an das göttliche Herz kann jedoch eine positive Reifung der menschlichen Gefühlswelt und der menschlichen Geistigkeit erfolgen. Wenn die „Botschaft Jesu in das Herz gesät wird“, wird das menschliche Herz zum Organ für Gotteserfahrungen, zum Organ für mystische Erfahrungen von universaler Einheit. Im Überblick bleibt festzuhalten, dass das Herz auch im biblischen Sprachgebrauch als das Vernetzungs- und Integrationsorgan und Zentrum des Menschen aufscheint, das nicht nur die gefühlsbezogenen mit den geistigen Kräften verbindet, sondern zugleich Sinnlichkeit, Engagement, die Offenheit für Reifungsvorgänge, das Gewissen und das religiöse Bewusstsein umfasst, ebenso wie die „sündigen“, die dunklen und zerstörerischen Kräfte des menschlichen Geistes, die der Durchleuchtung und der Erlösung bedürfen. Die naturwissenschaftliche Forschung in der Aufklärungszeit führte dann allerdings zu einer dualistischen Abwertung des Herzens und des menschlichen Körpers. So argumentiert z.B. Descartes, dass nur über das Gehirn eine Verbindung zur materiellen Welt hergestellt werden kann und dass die Erfahrung von Gefühlen in der Herzgegend eine reine Illusion und Täuschung ist. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich in Physiologie und Medizin dann das materialistische und naturwissenschaftlich-positivistische Denkmodell auf breiter Basis durchgesetzt, so dass keinerlei Beziehung mehr zwischen dem Herzen und dem Seelenleben angenommen wird.

Alternative Menschenbilder

Ein grundlegender Wandel zeichnet sich in der Gegenwart jedoch z.B. mit Befunden der Herzinfarktforschung ab, die belegen, dass jene Menschen besonders infarktgefährdet sind, die das männliche Rollenbild einseitig und konsequent umsetzen und dabei ihre verbindenden Herzenskräfte vernachlässigen: durch Gefühlsferne und übermäßige Selbstbeherrschung und Disziplin, durch ein ausgeprägtes Wettbewerbsverhalten und besonderen Ehrgeiz, durch Distanz zu den Mitmenschen und das gleichzeitige Bestreben, Macht über sie auszuüben, oder durch ständigen Zeitdruck und hohe geistige und körperliche Anspannung. Ganzheitlich und vernetzend argumentierende GesellschaftskritikerInnen kommen zu dem Ergebnis, dass die entsprechenden einseitig „männlichen“ Verhaltensweisen das „Grundmuster der westlichen Zivilisation“ darstellen.
In dem Buch „Logik des Herzens“ habe ich eine Reihe von alternativen Menschenbildern und Zukunftsperspektiven aufgearbeitet, die Entwicklungswege offen legen, wie das Zusammenwirken von Geistigkeit und Gefühlsbezogenheit, von Verstandesdenken und spiritueller Verbundenheit umsichtig bewusst gemacht und z.B. durch aufgeklärte Formen der Bewegungsmeditation eingeübt werden kann. Als vielversprechend erscheint mir im gegebenen Kontext zunächst der Ansatz der Biophotonenforschung, wie er von Marco Bischof mit dem „Licht im Herzen der Wirklichkeit“ präsentiert wird. Unter Bezugnahme auf das schon in der Mystik postulierte göttliche „Lichtfünklein“ wird mit der geistigen Erhellung und sogar Messung von bewusstseinsabhängigen Lichtstrahlungen die Funktion der herznahen Kernregion des Bewusstseins so offen gelegt, dass der Weg in die Einheit und in die „Mitte des Seins“ wiedergefunden werden kann. Die aus solchen Erfahrungen erwachsenden Wertorientierungen habe ich z.B. mit Argumenten des Naturwissenschaftlers, Bewusstseinsforschers und Nobelpreisträgers Holger Sperry erhärtet. In seiner „Wissenschaft der Werte“ kommt er zu dem Ergebnis, dass die größte Hoffnung für die Welt von morgen nicht im Weltraum oder in einer verbesserten Technik liegt, sondern in einer „Veränderung der Wert- und Glaubenssysteme, nach denen wir leben“. Sperry fordert in diesem Zusammenhang wieder einen „transzendierenden Bezugsrahmen, der das langfristige Wohlergehen des gesamten Ökosystems einschließt“, so dass ein lebensethisch begründetes Gesamtsystem entsteht, das „quer durch alle Kulturen, Glaubensbekenntnisse und nationalen Interessen geht und auf das Wohl der Menschheit und der Biosphäre insgesamt ausgerichtet ist“, ein Wertsystem, das konsequent die Denktätigkeiten der linken und rechten Gehirnhälfte integriert. In eine ähnliche Richtung geht auch der Ansatz von Vaclav Havel, der die „Unentbehrlichkeit von Transzendenz in der post-modernen Welt“ begründet, weil gerade angesichts der „technischen Errungenschaften“ unsere Erfahrungswelten „chaotisch, zusammenhanglos und verwirrend“ geworden sind. Auf der Grundlage von „Selbsttranszendenz“, also der Überschreitung von egozentrischer Isolierung, können dagegen tröstliche Sinndimensionen von mitmenschlicher Solidarität und eine intensive Naturverbundenheit erwachsen, wenn wir wieder lernen, die Erde mit ihren Netzwerken als ein in sich einheitliches System, als belebt zu erfahren. Auch das „Projekt Weltethos“ wird präsentiert, das vom Parlament der Weltreligionen verabschiedet wurde und die Schattenseiten der westlich orientierten Technokultur aufdeckt. Vor allem hinsichtlich der Forderung über eine „geistige Neugeburt“ ein „interdependentes, vernetztes Denken“ zu entwickeln, das eine „Achtung der Gemeinschaft der Lebewesen“ ermöglicht, bestehen Berührungspunkte mit der „Logik des Herzens“. Abschließend stelle ich die „Erd-Charta“ zur Diskussion, die eine elementare Veränderung der Leitwerte auf der Ebene des persönlichen Lebensstils und auf den überpersönlichen Ebenen von Politik und Wirtschaft einfordert. Zur Grundlage sollen dabei systemisch vernetzende Lebenswerte werden, die von innen her durch „spirituelle Ressourcen“ gespeist sind und sich in ihrer Außenperspektive auf die evolutionsbedingte Abhängigkeit aller Lebewesen richten.

Vernetzter Lebensraum

Menschen- und Weltbilder formen unser Bewusstsein und bestimmen maßgeblich unsere Wahrnehmungsperspektiven und Handlungsmuster. Das technologische Weltbild wird von vielen KulturkritikerInnen auf das geistige Erbe eines patriarchalisch orientierten Christentums und auf die rein rationale Aufklärung zurückgeführt. Dieses technologische Menschen- und Weltbild mündete in ein Maschinenmodell von Mensch und Welt.
Das Maschinenmodell von Mensch und Welt führte bekanntlich auch zu dem nur analytisch zerteilenden und „wertfreien“ Vorgehen der zeitgenössischen Naturwissenschaften. Als eine der Folgen entstand das „post-moderne Wert-Vakuum“, das von KulturkritikerInnen in eine unmittelbare Wechselbeziehung zu dem gegenwärtig vorherrschenden Egoismus und „Wohlstandsnarzissmus“ gebracht wird. Dem daraus erwachsenden Verfall des Gemeinsinns und dem Bestreben nach Bedürfnisbefriedigung um jeden Preis sollten aus meiner Sicht jedoch nicht als deprimierendes Endstadium der Menschheitsentwicklung verstanden werden, sondern als ein Übergangsstadium zu neuen und zukunftsfähigen Werthorizonten, die konsequent in die individuelle und gesellschaftliche Praxis umgesetzt werden können. In diese Richtung weisen die zahlreichen systemisch vernetzenden Menschen- und Weltbilder, die schon in dem Lebensprinzip der „Selbstorganisation“ und in dem biotopartigen Zusammenwirken der Lebewesen immanente Lebenswerte verwirklicht sehen (Konrad Ott).
Das Menschenbild des Homo Oecologicus von Eckhart Meinberg liefert überzeugende Belege dafür, welchen Beitrag die Erfahrung des Naturschönen für die Ausbildung von lebensethisch motivierten „Grund“-Orientierungen leisten kann.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit kann nach Erich Jantsch „am Kreuzweg unserer Zeit“ ein innerer (meditativer) Entwicklungsweg zu einer „evolutionären Ethik“ führen. Die daraus erwachsende „evolutionäre Verbundenheit“ überschreitet das isolierte Ego und erweist sich als eine „Sinnebene“ bei der Gestaltung des individuellen Lebens und bei zukunftsfähigen Entwicklungslinien der Gesamtgesellschaft.
James Lovelock überträgt mit seiner vielzitierten Gaia-Theorie das systemisch vernetzende Weltbild auf die Summe aller irdischen Lebensvorgänge und erbringt den auch naturwissenschaftlich begründeten Nachweis, dass die Erde in ihrer Ganzheit mit allen Lebewesen vielfach rückgekoppelt ist und selbst so etwas wie ein großes Lebewesen darstellt.
Auch David Bohm stellt auf der Grundlage von Befunden der zeitgenössischen Physik die wahrnehmbare Wirklichkeit als eine ungeteilte Ganzheit dar, wobei eine „implizite“ (eingefaltete) Ordnung insbesondere die Lebensphänomene durchwaltet und über die Meditation erfahrbar wird. Demgegenüber haben die „explizite“, die objektivierende naturwissenschaftliche Ordnung und das (nur) materialistische Weltbild eine „Fragmentierung“ der Lebenswelt bewirkt. Nachdem die zeitgenössischen Menschen diese Fragmentierung auf ihr eigenes Ego übertrugen, ist auch ein fragmentierender Lebensstil entstanden, der solidarische Überlebensstrategien der gesamten Menschheit verhindert.
In vergleichbarer Weise baut auch die „ökologische Schöpfungslehre“ von Jürgen Moltmann konsequent auf dem systemisch vernetzenden Menschen- und Weltbild auf und entwickelt einen Gottesbegriff des „all-umfassenden“ Ordnungsprinzips und der letzten Wirkursache. Darüber hinaus akzentuiert Moltmann die Entfremdung der zeitgenössischen Menschen von ihrer eigenen leiblichen Existenz als „Innen-Seite“ der ökologischen Krise.
Auch Hans Deidenbach erweist sich mit seiner „Psychologie der Bergpredigt“ als ein Vertreter des biozentrisch orientierten christlichen Menschen- und Weltbildes. Der Autor belegt mit wissenschaftlich begründeten Argumenten, dass die meditative Ebene des menschlichen Bewusstseins und das „Herz“ einen Zugang zur personalen Wesensmitte eröffnen und dazu beitragen, die Einseitigkeiten von zeitgenössischen Ego-Orientierungen zu überwinden.
Was die meditative Ebene des menschlichen Bewusstseins anbetrifft, so habe ich schon auf die Herzmeditation in den Upanischaden verwiesen, die dem Menschen das Wissen um die universalen Zusammenhänge und um das ewig ungeteilte Eine zugänglich machen kann. Unter Bezugnahme auf Peter Reiter kann auch die Praxis des Yogaweges als ein Weg zur „Reinigung des Herzens“ diskutiert werden, um von den Widersprüchen und Polaritäten der Welt – vergleichbar mit der späten Tradition der christlichen Mystik – zum „Grund der Einheit“ im eigenen Herzen zu gelangen. Wenn Jantsch über die „Ebene der Stille“ und die resultierende meditative Ruhe und Entspannung sowohl den „Weg nach innen“ als auch ungeteilte Sinnerfahrungen und mystische Erfahrungen einer „Teilhabe am Bewusstsein des Universums“ erschließt, wenn Bohm davon ausgeht, dass Meditation dazu beiträgt, das „Selbst“ zu heilen, die Trennung zwischen den Menschen aufzuheben und ein „Wahrnehmungsorgan“ für die „eingefaltete Ordnung“ auszubilden, oder wenn Moltmann unter Rückgriff auf die kontemplativ meditative Tradition des Christentums eine Öffnung für die „Grund“-Erfahrung einer Teilhabe an der Geistigkeit Gottes verheißt, dann ergeben sich im Überblick zahlreiche Hypothesen für eine wissenschaftliche Erhellung des Meditationsphänomens. Vielfältige Befunde der aktuellen Bewusstseins- und Meditationsforschung lassen sich integrieren, um zu einem begründeten Übungsweg für die Ausbildung von lebensethisch wirksamen Werthaltungen und von nachhaltig wirksamen Verhaltensmustern zu gelangen.

Heilungspotenziale für die Gesellschaft

Egoüberschreitende und meditativ orientierte Reifungswege sind in den nicht christlichen Weltreligionen – im Schamanismus, Daoismus, Hinduismus und Buddhismus – seit Menschengedenken praxisbezogen erprobt worden. Hier liegt ein geistiges Weltkulturerbe bereit, das – auch auf der Basis von wissenschaftlichen Begründungen – einen Beitrag für lebensethisch orientierte und friedensethische Entwicklungswege bei der unausweichlichen Globalisierung leisten kann.
Bekräftigt wird dieses Anliegen durch Befunde der Meditationspsychologie, die u.a. Begründungen dafür liefert, dass durch das Meditieren eine Bewusstseinsarbeit geleistet werden kann, die nicht nur eine individuelle Wahrnehmungsveränderung und Wahrnehmungserweiterung ermöglicht, sondern auch eine aktive und selbst gesteuerte Veränderung von Selbst-, Menschen- und Weltbildern. Am Beispiel der nicht bewertenden und nicht einordnenden „Achtsamkeitsmeditation“ lässt sich begründen, dass die Menschen in der Lage sind, ein „Beobachterselbst“ und damit Fähigkeiten zur Nicht-Identifikation und zur nicht bewertenden Distanzierung auszubilden und damit auch dazu befähigt werden, die Bewusstseinsebene des ängstlichen oder aggressiven Alltagsegos zu überschreiten. Naturgegebene Instinktmuster liegen hier insofern vor, als unser Bewusstsein sich offenbar nur für egoüberschreitende Transzendenzerfahrungen öffnen kann, wenn die sympathicusgesteuerte Alarmreaktion abgebaut und eine parasympathisch gesteuerte Entspannungsreaktion eingeleitet wird. Die mit der Entspannungsreaktion korrespondierende Fähigkeit zur Angstbewältigung hat auch etwas mit einer gesteigerten Friedensfähigkeit zu tun, weil sich Aggressionen in vielen Fällen als „Masken der Angst“ erweisen. Darüber hinaus werden in Konfliktfällen umsichtige Problemlösungen deutlich dadurch begünstigt, dass wir einen „klaren Kopf“ bekommen, wenn die psychophysiologisch wirksamen Erregungspotenziale vermindert oder ganz abgebaut werden. Die körperliche Bewegung ist aus der Perspektive der Entspannungsfähigkeit und zugleich aus der Perspektive einer „spirituell“ naturbezogenen Bewusstseins- erweiterung von besonderer Bedeutung, weil sie das natürlichste Medium für einen Abbau der Alarmreaktion darstellt. Regelmäßige Bewegung ist auch aus der Perspektive von Herz-Kreislauferkrankungen „Gesundheitsverhalten im eigentlichen Sinne“ und erhöht deutlich die Lebensqualität durch geistige Frische und geistige Klarheit, durch Lebensfreude und emotionale Stabilität. Sogar ganzheitlich wirksame Reifungsvorgänge können durch ausdauernde Bewegungsgewohnheiten im allgemeinen und durch meditative Bewegungs- gewohnheiten im besonderen begünstigt werden. Es gibt begründete Belege dafür, dass durch entsprechende Bewegungsgewohnheiten „androgyne Charaktermerkmale“ gefestigt werden: Dass also die Menschen nicht nur ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln, sondern auch in die Lage versetzt werden, sensibler mit ihrer eigenen Gefühlswelt umzugehen und einseitig „männliche“ Verhärtungen von zwanghaftem Konkurrenzverhalten und den ständigen Leistungsstress und Beschleunigungsdruck abzubauen.

Licht und Schatten

Es ist jedoch unrealistisch, sich ein einseitig harmonistisches Bild von dem menschlichen Transzendenzbewusstsein zu machen. Die menschliche Psyche im allgemeinen und das menschliche Transzendenzbewusstsein im besonderen spiegeln die ganze Ambivalenz von Licht und Schatten, von Wachstum und Zerstörung, von Ordnung und Chaos wider. Das bedeutet für den meditativen Reifungsweg: Der aufgeklärte und umsichtige Umgang mit der Schattenregion unseres Bewusstseins muss auch innerhalb der westlich geprägten Kultur und innerhalb einer zukunftsfähigen globalen Weltkultur zu einer allgemein akzeptierten Entwicklungsaufgabe werden. Wer diese Forderung von C.G. Jung ernst nimmt, wird nicht nur bescheidener, ehrlicher und toleranter werden, sondern sich auch der Herausforderung stellen, die vielfältigen egobezogenen Verkleidungen und Projektionen seines Schattens ausfindig zu machen und geduldig zu integrieren bzw. zu überschreiten. Auf dieser Grundlage wird dann nicht nur eine aufgeklärte Selbstannahme möglich, sondern es öffnet sich auch ein Bewusstseinsraum für jenes „Urvertrauen“ und für jene humanen Entwicklungspotenziale, wie sie von Eric Erikson und von Abraham Maslow erforscht wurden. Vieles spricht andererseits für die Einsicht, dass eine kontaktarme frühkindliche Entwicklung eine Basis schafft für das Gegenteil von Urvertrauen, für jene existenzielle „Urangst“, die zu einer (verdrängten) Basis für einen einseitigen Materialismus und für die grundsätzliche Abwertung des menschlichen Transzendenzbewusstseins werden kann. Darüber hinaus erwachsen aus den Defiziten einer existenziellen Urangst auch Gefahren, der Drogensucht oder den vielfältigen „stoff-ungebundenen“ suchtartigen Abhängigkeiten zu verfallen. Positiv gewendet: Wenn verschiedene Entspannungs- und Meditationsformen suchttherapeutisch wirksam sind, dann werden auch in dieser Hinsicht die Heilungspotenziale des Transzendenzbewusstseins im allgemeinen und von den verbindenden Herzenskräften bzw. von spirituellen Erfahrungen von Naturverbundenheit und Einheit im besonderen unter Beweis gestellt.

Zukunftsfähiges Handeln

Die vielfältigen Ansätze und Entwicklungsperspektiven für zukunftsfähiges Handeln können hier nur in einem knappen Überblick dargestellt werden: Die Nachhaltigkeitsdiskussion, wie sie aus dem Bericht der Brundtlandkommission hervorgeht, kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Der zentrale Problemherd für die ökologische Krise ist das „industrielle Wachstumsmodell“. Eine „nachhaltige“ Gesamtentwicklung erfordert unausweichlich ein neues Entwicklungsstadium von Individuum und Gesellschaft mit einer Annahme der eigenen Grenzen, einer grundlegenden Veränderung des Denkens, Fühlens und Handelns und neue Moral- und Wertsysteme.
Um diese Sicht der Dinge mit den Grundforderungen der Agenda 21 noch mehr zu konkretisieren:
a) Equity und Sufficiency: Verteilungsgerechtigkeit und die Bereitschaft, selbst zu teilen;
b) Relationality und Adaptability: Das Bewusstsein um die weltweiten Vernetzungen auch mit der Armut in den entfernten Ländern und die Begrenztheit der irdischen Ressourcen;
c) Frugality: Genügsamkeit;
d) Biodiversity: Die Erhaltung der Lebensbedingungen für alle Lebewesen;
e) Humility: Demut, Bescheidenheit, die Annahme der eigenen Grenzen.
In vergleichbarer Weise umfasst das „neue Wohlstandsmodell“ des Toblacher Gesprächskreises u.a. folgende Leitlinien für das „gute Leben“: sparen, uns begrenzen (vor allem gegenüber der Natur), abgeben (vor allem der „Dritten Welt“); eine Zivilisation mit „Geschmack für langsamere Geschwindigkeiten, regionalisierten Märkten, lokalem Handwerk“; die Kultivierung einer Politik der Freundschaft mit der Wiederentdeckung von „Schätzen religiöser, kultureller und ästhetischer Überlieferung“ und auf dieser Basis die Erhaltung der Wälder, der Tier- und Pflanzenarten, der Gewässer und der Böden. Eine Voraussetzung für den Neuanfang angesichts der ökologischen Herausforderung ist u.a. eine Veränderung der bewusstseins- und gesellschaftsprägenden Leitbilder mit Grundorientierungen wie Entschleunigung, Entflechtung, Entkommerzialisierung und Einfachheit – Grundorientierungen, die in einem deutlichen Widerspruch zu den aktuellen Verhaltenstendenzen stehen, sich einem demonstrativen Luxuskonsum und dem technologischen Herrschaftsdenken zu unterwerfen. Ökosystemare „Grund“-Einsichten und eine entsprechende Persönlichkeitsbildung erfordern auch gezielte Formen einer Wahrnehmungsschulung, damit sich die elementaren Umorientierungen tatsächlich einstellen: von der distanzierten „Um-Welt“-Wahrnehmung zu einer lebensethisch orientierten „Mit-Welt“-Wahrnehmung. Auch ein „kreatürliches“ Verhältnis zur eigenen Leiblichkeit ist anzustreben, damit die „hautnahe“ Erfahrung aufkommen kann: Wir sind in ein sich selbst regulierendes Lebensnetz auf sinnvolle Weise eingebunden. Einsichten in Sinnzusammenhänge dieser Art können dann sowohl sensible Formen eines mitgeschöpflichen Umgangs mit der Natur öffnen als auch eine grundlegende Ehrfurchtshaltung erschließen.
Das lebensethisch motivierte Vernetzungsdenken erfordert unausweichlich auch eine „Ökologie der Zeit“, damit die Menschen wieder zu den von der Natur vorgegebenen Zeitrhythmen zurückfinden und in die Lage versetzt werden, die in der Technogesellschaft einseitig dominierenden Beschleunigungszwänge zu durchschauen und abzubauen. Als Konsequenz wird das gesamte Wirtschaftssystem umzuformen sein. Maßnahmen dazu sind beispielsweise eine konsequente Umsetzung der ökologischen Steuerreform, eine höhere Besteuerung von Kapitalerträgen, die Ermöglichung von mehr Teilzeitarbeit, die die Menschen in einer ausgewogenen Weise für informelle, selbstbestimmte und kreative Tätigkeiten freisetzt. Die Umweltbildung soll u.a. das im Bildungswesen vorherrschende Konkurrenzprinzip einschränken, kind- und jugendgemäße Wahrnehmungsfähigkeiten für die verschiedenen Naturformen schärfen und mündig aufgeklärte Zugänge zu den eigenen geistigen Entwicklungspotenzialen fördern. Innerhalb der Wissenschaft sollte als Innovationslinie gelten, sich an der grundlegenden Einsicht zu orientieren, dass die Biosphäre mit ihren Lebensbedingungen das umfassendere System ist und dass die Idee des unbegrenzten Wachstums revidiert werden muss, weil sie im Widerspruch zu den systemisch vernetzten Naturprozessen steht. Zusammenfassend im Überblick: Die „transpersonale“, „spirituelle“ oder „tiefe“ Ökologie hat richtungweisend ein lebensethisch orientiertes Vernetzungsdenken begründet und individuelle und gesellschaftliche Entwicklungswege aufgezeigt, die zu einer Ko-Evolution der menschlichen Gesellschaft mit den Ordnungsmustern innerhalb der Biosphäre führen können: Die Identifikation als „ökologisches Selbst“ begründet – auch auf der Grundlage von meditativen Erfahrungen der Verbundenheit, der Einheit und der Herzkraft – ein biophiles Menschen- und Weltbild und ermöglicht eine Identifikation mit der größeren Gemeinschaft der Lebewesen, so dass der menschliche Geist in die Lage versetzt wird, alle Ebenen des individuellen Lebens und die gesamte Gesellschafts- und Kulturentwicklung an den Gegebenheiten des Lebensnetzes auszurichten. ´


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