Dieter Halbach sucht kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten einer möglichen Friedensvision „gemeinsam mit unseren amerikanischen Freunden“
Was ist der amerikanische Traum? Martin Luther King sagte: „Der amerikanische Traum erinnert uns daran, dass jeder Mensch Erbe eines Vermächtnisses an Würde ist. Seitdem die Gründungsväter unserer Nation diesen edlen Traum träumten, ist Amerika so etwas wie eine schizophrene Persönlichkeit gewesen, die in tragischer Weise in sich gespalten ist. Einerseits haben wir uns stolz zu den Prinzipien der Demokratie bekannt, andererseits haben wir traurigerweise genau das Gegenteil dieser Prinzipien praktiziert.“
Heute steht der amerikanische Kongress mit fast der gesamten Opposition alle 10 Sekunden applaudierend auf, wenn Präsident Bush zum Krieg in göttlichem Auftrag aufruft. Eine Sektenveranstaltung, verblendet von der Vision von Bomben für die Freiheit. Ein Präsident, der von nur knapp 25 Prozent der Wahlberechtigten gewählt wurde, erhält dadurch fast 60 Prozent Zustimmung: „Rallying around the flag“– sich um die Flagge scharen, nennt man das. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett erläutert die historischen Wurzeln dieses Kollektivismus: „Dieser Zwang zur Konformität hat die USA von Anfang an bestimmt, denn sie sind das Land der Kolonialisten, die die Eingeborenen töteten, sich gegen eine feindliche Natur behaupten mussten … Amerika ist eine Kultur, in der die Vorstellung, dass man prinzipiell alles tun kann, immer zusammengeht mit dem Bewusstsein, dass man nur das tun darf, was auch erlaubt ist. Die kleinsten Abweichungen im alltäglichen Leben geraten sofort unter einen enormen gesellschaftlichen Druck … Wenn ich die amerikanische Kultur auf einen Begriff bringen sollte, würde ich sagen, es ist der Begriff der Leere! Die Angst vor der Leere erzeugt dieses Bedürfnis nach der Community, diesen äußerst hässlichen Hang zur Selbstbeweihräucherung … Die Angst vor der Leere und der Einsamkeit lässt uns die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns verdrängen, die uns antreibt, alle möglichen Risiken einzugehen, Dinge zu tun, die sich rational nicht mehr begründen lassen. Das ist es auch, was die Menschen dazu bringt, dem Krieg im Irak zuzustimmen … Das Tolerieren der Verschiedenheit würde bedeuten, dass man als Einzelner unter vielen lebt. Das aber entsprach nie der tatsächlichen Erfahrung Amerikas.“ (Interview vom 27. Januar 2003 in „Das Parlament“) Wenn das stimmt, worin können dann noch die gemeinsamen kulturellen Grundlagen eines Dialogs liegen? Wo stehen dann die Kulturell Kreativen als kommende gesellschaftliche Kraft, die angeblich jetzt schon über 50 Millionen Amerikaner ausmachen soll? Für mich war es wie ein Akt geistiger Gesundung, die Stimmen eines anderen Amerika aufzuspüren, die Hoffnung auf eine innere Solidarität zu erfahren, die tatsächlich von gemeinsamen Gedanken und Gefühlen getragen ist. Ich war auf der Suche auch nach Perspektiven, die einen tiefgreifenden Wandel in den fundamentalen Fragen andeuten könnten, zum Beispiel in der Frage von Ökologie und Frieden. In der Allianz gegen den Irak-Krieg findet sich jetzt auch der Sierra Club, mit seinen 700000 Mitgliedern die älteste und etablierteste Umweltorganisation der USA. Die Vizepräsidentin Larry Fahn erläutert ihre Motive: „Wenn wir unsere Abhängigkeit vom Öl reduzieren, dann erhöhen wir nicht nur die Sicherheit der Vereinigten Staaten. Wir verringern damit die Gefahr eines Krieges, und wir begrenzen damit den Ausstoß von Treibhausgasen und die darauffolgende Erderwärmung.“ Auch in der elementaren Frage der neuen Weltvorherrschaft der USA sind die schärfsten „Anti-Amerikaner“ selbst Amerikaner. Zum Beispiel Scott Ritter, US-Offizier im ersten Golfkrieg und ehemaliger Waffeninspekteur: „Der Irak-Krieg ist die erste Fallstudie zur Umsetzung der neuen US-Sicherheitsstrategie, die eine Fortsetzung der Doktrin des Unilateralismus (Einseitigkeit) ist und die sich auf militärischer und ökonomischer Macht gründet, um die USA als einzige Supermacht in die Lage zu versetzen, dem Rest der Welt unseren Willen aufzuzwingen – auch mit präventiven militärischen Aktionen. Diese Strategie ist eine Abkehr von den Konzepten internationalen Rechts.“
Ein anderer amerikanischer Traum
„Der amerikanische Traum ist der Welt Alptraum. Jede Anstrengung, die wir unternehmen, um unsere Leben zu vereinfachen, hat einen großen Einfluss auf den Rest der Welt.“
„Ich glaube es ist wichtig, dass die Bewegung für Einfachheit in Amerika überall in der Welt bekannt wird, so dass die sich entwickelnden Länder realisieren, dass der Lebensstil, den wir hier in Amerika kreiert haben, nicht nachhaltig ist, und dass es keine gute Idee ist, uns zu kopieren.“ „Wenn ich einfach lebe, dann schaffe ich eine gerechtere, gleichgewichtige und mitfühlende Gemeinschaft, lokal und global.“ Das sind einige Stimmen aus der Bewegung „Seeds of Simplicity“ in den USA, die den Einzelnen anspricht, sein Leben neu zu gestalten. Nach den Terroranschlägen und ihren kriegerischen Folgen hat die Bewegung starken Zulauf bekommen. Jane Goodall, die berühmte Primaten-Forscherin, ist eine ihrer prominenten Vertreterinnen. Sie berichtet: „Noch nie war die Arbeit von Seeds of Simplicity so wichtig wie heute. Ich war in New York City am 11. September und begann, diesen betäubenden Schock, diesen Kummer und diesen Schmerz zu fühlen. Der einzige Weg, da hindurchzukommen, war dieses sich Verströmen in einer umfassenden Anteilnahme, das sich überall ereignete. Die Menschen geben ihrem Leben jetzt wieder einen Wert, indem sie erkennen, dass sie zuviel Zeit damit verbracht haben, sich um Wohlstand und materielle Dinge zu kümmern, und nicht genügend Zeit mit ihren Familien und Freunden. Der 11. September war ein Weckruf. All diese verlorenen Leben wären nicht verloren, wenn die Menschen jetzt begännen, über eine der Hauptursachen von Terrorismus nachzudenken: die schreckliche Ungleichheit von Wohlstand und Ressourcen in der Welt.“ Die folgenden beiden Beiträge sind Beispiele dafür, wie radikal die aktuellen Herausforderungen von Menschen in Amerika auf ihre eigene Lebensweise und ihren persönlichen Wandel bezogen werden.
Ein moralisches Gegengewicht zum Krieg
Von Cecile Andrews
Ich hörte letzte Nacht bei einer dummen TV-Nachrichten-Show zu. Einige „prominente“ Wirtschaftsfachleute diskutierten die aktuelle ökonomische Lage, und eine Frau (wo sind unsere feministischen Ideale hin?) sagte, „wenn wir Glück hätten, würde uns der Irak-Krieg einen wirtschaftlichen Aufschwung bringen.“
Wie bitte? Wir sind bereit, Tausende zu töten und einen Zusammenbruch des gesamten Mittleren Ostens zu riskieren, damit unsere Wirtschaft sich erholen kann? Damit wir weiter unsere Bikini-Unterwäsche kaufen können? Damit wir weiter „Reality TV“ gucken können, weil wir selbst kein wirkliches Leben mehr führen? Was für eine Herabsetzung unserer amerikanischen Ideale. Es gab einmal andere Visionen von Amerika: Als der Philosoph des neunzehnten Jahrhunderts William James über das „moralische Gegengewicht zum Krieg“ schrieb, bezog er sich auf das Konzept der „freiwilligen Armut“. Er meinte damit das, was wir heute mit „freiwilliger Einfachheit“ bezeichnen. Können Sie sich vorstellen, was heutige Amerikaner mit diesen Worten verbinden? Sie beklagen sich, dass „freiwillige Einfachheit“ bedeuten würde, ihnen den Kitzel und die Ablenkung in ihrem freudlosen Leben zu nehmen. William James fühlte, dass die Amerikaner eine Lebensweise bräuchten, die so begeisternd und herausfordernd ist, dass sie nicht länger in den Krieg ziehen würden, um ihrer inneren Leere und Langeweile zu entkommen, und das könnte die Einfachheit sein. Heute erkennen wir, wie vorausschauend James war. Wie leer muss das Leben sein, damit man den Krieg begrüßt. Was für ein Mangel an Inspiration und Herausforderung – „Shopping“ reicht offenbar nicht aus.
Natürlich gibt es auch diejenigen, die gegen den Krieg sind und keine Zeit haben, sich im politischen Widerstand voll zu engagieren. Unsere Arbeitszeiten sind zu lang, wir verbrauchen viel zu viel Zeit, um unsere Errungenschaften zu verwalten, und unsere Verpflichtungen ermüden uns. Wir fallen erschöpft vor den Fernseher und hoffen, dass die Wirtschaftsexperten wissen, wovon sie reden. Krieg ist möglich, weil die einen zu stumpfsinnig und die anderen zu beschäftigt sind. Freiwillige Einfachheit könnte beide Probleme lösen. Wir müssen alle aktiv den Kriegsbemühungen widerstehen, aber uns auch erinnern, dass unsere Arbeit für freiwillige Einfachheit Teil einer dauerhaften Anti-Kriegsbemühung ist. Nur ein fundamentaler Wandel kann helfen, die Motivation für Kriege zu überwinden.
(Aus dem Newsletter des Simple Living Network, Oktober 2002, www.simpleliving.net.)
Cecile Andrews, Gründer der „Ringe der Einfachheit“ zur Unterstützung des sozialen Wandels von Gruppen und Organisationen. Die „Ringe der Einfachheit“ gehören zur Bewegung „Seeds of Simplicity“, www.seedsofsimplicity.org.
Menschlich sein in dieser Welt
John Robbins
Ich bin jemand, der für den Weltfrieden betet und arbeitet, vielleicht wie Sie auch. Aber unsere Gesellschaft gibt jeden Tag Milliarden von Dollar aus, um einen Krieg vorzubereiten. Ich glaube, dass innerer Friede gefunden werden kann, wenn Sie die Welt so lieben, wie sie ist, statt ihr vorzuwerfen, nicht Ihren Erwartungen zu entsprechen. Ich glaube an Versöhnung. Ich glaube daran, andere als das zu akzeptieren, was sie sind. Aber ich bin Teil einer Gesellschaft, die weit mehr für Massenvernichtungswaffen und Giftmüllproduktion ausgibt als jede andere in der Geschichte der Welt. Ich glaube, dass Liebe stärker ist als Angst. Aber unser Land hat heute mehr Waffenläden als Tankstellen. Ich bin dagestanden mit den Händen über meinem Herzen und habe meinem Land mit den Worten „Freiheit und Gerechtigkeit für alle“ die Treue geschworen. Dieses Land soll die Heimat der Freien sein. Aber heute ist ein größerer Teil der Bürger dieses Landes hinter Gittern als in jedem anderen Land dieser Erde. Ich wurde in meinem Herzen berührt durch das Beispiel von Martin Luther King. Ich glaube an das Versprechen dieses Landes auf Chancengleichheit für Alle. Aber junge männliche Schwarze stellen nur 6 Prozent der Bevölkerung dieses Landes, jedoch 50 Prozent der Gefängnisinsassen. Ich glaube an die Geschwisterlichkeit aller Menschen. Ich glaube, wie wir den anderen behandeln, sagt viel über uns selbst aus. Aber wie halten wir die Würde des Menschen hoch, wenn Schuhfirmen einem Basketballspieler 20 Millionen Dollar zahlen, damit er ihre Schuhe trägt, der Arbeiter, der die Schuhe herstellt, aber nur 20 Cent die Stunde bekommt? Ich glaube daran, dass jedes Kind ein kostbarer Schatz ist. Ich bejahe es, dass alle Kinder es verdienen, geschützt und genährt zu werden. Aber in diesem reichen Land leben mehr als 25 Prozent der Kinder in Armut. Ich war einmal stolz auf mein Land. Aber heute ist unser Land unter den industrialisierten Nationen Nr. 1 in der Zahl der Milliardäre und Nr. 1 in Kinderarmut; Nr. 1 in Wohlstand und Nr. 1 in ungleicher Verteilung von Wohlstand; Nr. 1 in der Größe der Häuser und Nr. 1 in Obdachlosigkeit. Ich liebe die natürliche Welt und tue mein Bestes, sie zu pflegen. Aber auch wenn viele ihr Bestes geben, wird dennoch der Regenwald weiter zerstört, damit einige Leute mit zu hohem Cholesterinspiegel ihre Hamburger weiter ein paar Cent billiger haben können. Einige meiner besten Freunde haben vier Beine. Vielleicht haben auch Sie eine Beziehung zu Tieren, die ihr Leben bereichert. Aber große Teile unserer Nahrung kommen aus Tierfarmen wie Konzentrationslagern.
Es kann heute sehr schwer sein, in Kontakt mit der eigenen Seele zu bleiben, die eigene Liebe am Leben zu erhalten. Die Welt ist dabei, Hurrikane über deine kleine flackernde Kerze des Vertrauens zu blasen. Dies habe ich in diesem Moment der Geschichte zu sagen. Ich stehe hier im Angesicht der Schmerzen unserer Zeit – und ich glaube, es ist möglich, alles zu sehen, und doch nicht zu zerbrechen. Wir sind nicht hier, um aufzugeben. Unsere Träume und Gebete sind in etwas Größerem verwurzelt als im Tod. Unsere Verzweiflung und Wut über die Brutalität der Welt sind Teil unseres Erwachens. Da ereignet sich etwas Mysteriöses in dieser Welt, das Teil unserer Heilung ist. Dafür stehe ich. Diese Welt ist kein tragischer und schrecklicher Fehler. Mit all ihren Makeln ist sie ein heiliger Weg zu unserer Bestimmung als menschliche Wesen. Fürchterliche Winde heulen in einem fort. Lass sie heulen. Wir können uns schützen und unsere kleinen Flammen zusammentun. Vielleicht kann dann die Angst, die wir fühlen, uns nicht zerstören, sondern zum Leben erwecken. Wenn wir die Welt mit Augen sehen, die nicht zurückschrecken, und mit Herzen, die offen sind, werden wir das zu tun können, was gefragt ist. In unserer Verbindung miteinander sind wir mehr als stark und mutig. Wir sind demütig genug, menschlich in dieser Welt zu sein.
(Aus dem Newsletter des Simple Living Network August 2002, www.simpleliving.net.)
John Robbins, Bestseller-Autor, („The Food Revolution – Wie unsere Ernährung unser Leben und unsere Welt schützen kann“), Direktor verschiedener Nonprofit-Organisationen, z.B. EarthSave International und Youth for Enviromental Sanity (YES!); www.FoodRevolution.org. ´
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