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Impressum
Kunst und Lebenskunst im alten Gemäuer
erschienen in Ausgabe 126
Ein Schloss für alle Lebenslagen – das Schloss Hohenerxleben. Vorgestellt von Caroline Vongries

Was treibt Menschen an, das scheinbar Unmögliche zu versuchen? Mitte der 90er-Jahre machten sich Künstler und andere Kreative aus dem Berliner Kunst- und Gesundungshaus in den so fernen Osten auf, um neue Kultur und Unternehmertum in einer der strukturschwächsten Regionen Deutschlands zu entwickeln. Sie zogen in eine zerfallende Schlossruine und gründeten eine Stiftung. Dieser Artikel ist ein Bericht über das, was seitdem geschafft und geschaffen wurde, über einen Ort zwischen Poesie und Realität und über das kreative Zusammenwirken der 30 dort engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.



Schloss Hohenerxleben ist ein Ort, der die Besucher bald wieder mit blühenden Rosen empfängt, doch auch bei frostigen Temperaturen strahlt das alte Gemäuer Wärme aus. Auch wenn man ihr die Baustelle noch anmerkt – die burgähnliche Anlage wirkt gepflegt und lebendig. Mehr als die Hälfte des Wiederaufbaus ist nach fünfeinhalb Jahren geschafft. Das Schloss ist ein Ort, an dem Träume Wirklichkeit werden können. Jeder gewinnt hier seiner Vision Realität ab, und das ist harte Arbeit – beim Abreißen von überflüssigem Putz und Plastik, dem Verputzen von Lehmwänden oder dem geduldigen Aufarbeiten der alten Holzvertäfelungen aus der Gründerzeit, Türen und Fenster – alles mühsam und liebevoll mit der Hand. Es gibt Tage, da erscheint angesichts des Staubs das tägliche Putzen als aussichtslos. Es zu tun, kennzeichnet die Haltung, aus der dieser Impuls überhaupt geboren wurde, sich 1996/97 der Ruine anzunehmen. Diese Haltung wird heute auch bei der Gartenarbeit, dem Bügeln von Tischtüchern und all den anderen Tätigkeiten gepflegt, die dazugehören, ein einst herrschaftliches Anwesen ordentlich zu bewirtschaften. Träume werden erkämpft – in der Auseinandersetzung mit sich selbst, der Verpflichtung des eigenen Gewissens, in einer der strukturschwächsten Regionen Deutschlands, aus sich und seinen Fähigkeiten das Bestmögliche zu machen, menschlich und wirtschaftlich erfolgreich zu sein im lebhaften Miteinander von 30 eigenwilligen Persönlichkeiten im Alter von eins bis 71 und im Gegenüber zur alten Dame Schloss. Der Tag hat hier viele Arbeitsstunden – oft sind es 14 und mehr. Denn Träume und Visionen sind eine Sache, sie auf die Erde zu holen das Kapitel, das folgt und das die Persönlichkeit und die Fähigkeit zum Zusammenleben schult. Das kostet das Überwinden von Grenzen, inneren und äußeren Schweiß, verschwenderischen Einsatz, Mut und Disziplin, Bescheidenheit, Besinnung auf das Wesentliche, und immer wieder ist die eigene Entscheidung gefragt. „Schwere Arbeit stundenlang“, fand der ehemalige Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, Reinhard Höppner hier vor, „eine besondere Art der Kontemplation.“

Die Geschichte

Am 24. August 1997 wurde die „Schloss Theatrum Herberge Hohenerxleben Stiftung“ gegründet. Ihr Ziel ist die Pflege „zwischenmenschlich wertgebender Kultur und ganzheitlich gesunderhaltender Bildung und Erziehung von Kindern; Erwachsenen und Senioren“. Heute ist hier ein blühender Ort kreativer Unruhe, ein Gründerzentrum, das Selbstständigkeit als Lebenshaltung und Unternehmertum als Existenzgrundlage fördert, gegründet nicht auf Geld, sondern auf ein Wertbewusstsein und das moralische Empfinden des Einzelnen. Kultur wird hier mit Großbuchstaben geschrieben und: Sie wird gelebt. Im Schloss Hohenerxleben wird Kultur im Sinne Vaclav Havels praktiziert, dessen Verständnis von Politik auf der Überzeugung fußt: „Ich meine nicht eine bestimmte Kultur, sondern die Kultur von allem, vor allem aber die Kultur zwischen Menschen.“ 1996 stand die Turmuhr noch auf fünf nach zwölf. Einst eine stolze Burg, 1205 auf dem Kalkfelsen oberhalb der Bode errichtet, zu DDR-Zeiten Schulungsstätte für Landwirte, Lehrer, Bürgermeister und Ökonomen, war das Schloss nach der Wende schnell heruntergekommen: Eine Ruine, deren Ostflügel von einem rostigen Stahlgerüst abgestützt werden musste, der Innenhof überwuchert von wildem Holunder, davor weideten zwei Esel. Die Wende hatte dem jahrhundertelangen Familienstammsitz der von Krosigks fast den Garaus gemacht. „Entschieden zu spät“, befand auch Ingrid v. Krosigk, damals 65 Jahre alt, beim ersten Augenschein und machte auf dem Absatz kehrt. Ihre Begleiter ließen sich zum Glück nicht davon abhalten, das heruntergekommene Anwesen zu erkunden. Zufall? Abenteuerlust? Intuitives Wissen? Eine schicksalhafte Begegnung in jedem Fall. Oliver Tiesmeyer und Heinz-Dieter Funke waren zwei von einem guten Dutzend junger Menschen, mit denen Ingrid von Krosigk und ihre Tochter Friederike in Berlin ein Kunst- und Gesundungshaus gegründet hatten. Zimmer für Zimmer arbeiteten sich die beiden Männer durch die 105 Räume. Am Ende stand ihnen das Wasser in den Augen, war die Abenteuerlust der Betroffenheit über das Ausmaß an Verwahrlosung und Zerstörung gewichen. Der Zustand des Schlosses war unbeschreiblich: Keine Scheibe mehr heil, im Treppenhaus floss das Wasser vom undichten Dach die Stufen herab, alle Türen waren herausgerissen, dienten als Piste für Mountainbiking in den Treppenaufgängen, der Kachelofen lag zerschlagen in der ehemaligen Bibliothek, Dreck und Schutt ohne Ende – Trümmer einer vergangenen Kultur und wechselnder Gesellschaftsmodelle.

Ein Neubeginn

Zurück im Kunst- und Gesundungshaus in Berlin klangen die Berichte vom Schloss zwar absurd – „Hohenerxleben? Wo liegt denn das?“ – und erzeugten doch jene Unruhe, ein Prickeln, das stets mit dem Wissen einhergeht, etwas Entscheidendem, Neuem zu begegnen. Vor allem dem studierten Sportlehrer und Krankenpfleger Heinz-Dieter Funke ließ das Schloss keine Ruhe mehr. Er startete mit der Gemeinde Hohenerxleben ein Projekt für die Dorfjugendlichen und flickte mit der Feuerwehr notdürftig vor dem nächsten Winter das Schlossdach. So manche Ideen wurden entwickelt, wieder verworfen und neu formuliert, bevor im April 1997 die Kunst- und Gesundungshaus GbR das Schloss Hohenerxleben kaufte. Jeder Einzelne hatte seine Vision dazu gegeben. Kurz vor Pfingsten, im Mai, bereitete ein gemeinsames Seminar über neue Wirtschaftsstrukturen darauf vor, dass es kein Honigschlecken werden würde, aus eigenen Kräften zu wirtschaften, in einer Gegend, in der mindestens jeder vierte von Arbeitslosigkeit betroffen ist. In den ersten Tagen ohne Strom und Wasser, inmitten von Schutt und Scherben wurde, wie eine Zeitung titelte „einfach angefangen, etwas zu tun“: Aufräumen, wegfegen, Tapeten abreißen, Wasser schleppen, putzen, dazwischen Konzepte entwickeln. Mit den Künstlern zog Musik ein, eine Bühne wurde gebaut, der einstige Festsaal, der Weiße Saal, notdürftig hergerichtet. Die ersten Hohenerxlebener Kulturtage öffneten bereits nach einer Woche fieberhafter Tätigkeit mit Konzert und Theater das Haus für Gäste und Besucher. Das alte Gemäuer hatte angesichts der Frühlingssonne und der tätigen Menschen wieder zu atmen begonnen, die alte Dame Schloss erwachte. Es war, als wäre man plötzlich ein Stück erwachsener geworden. Heute zählt die Stiftung mehrere Zweckbetriebe, eine Akademie, das zwölfköpfige Ensemble Theatrum, die Spinn- und Werkstube, eine Künstlerwerkstatt und eine eigene Zeitung „Vision Sinnliche Vernunft“. Wirtschaftlich unabhängig ist die Schloss Herberge GmbH mit ihrem Restaurant-Café und einem kleinen Hotel. Als eigenständige Unternehmer arbeiten der Inhaber des Schlosslädchens, der Betreiber des Handelsunternehmens „Die Scheune“, die Maler-Künstlerin und Pädagogin, sowie die freie Journalistin im Hohenerxlebener Pressebüro. Eine stetige, unvorhersehbare Entwicklung mit einer immer wieder erstaunlichen Eigendynamik, die gerade wieder neue Blüten treibt und neue Existenzgründungen vorhersehen lässt … Restaurant und Küche sind über die Region hinaus bekannt, das Theater ist – mitten auf dem Land – so gut besucht, dass ohne Anmeldung kein Platz zu bekommen ist. Die Stiftung am Schloss Hohenerxleben hat sich als feste Größe in der Region etabliert. Politiker und Dorfbewohner, Kunstliebhaber und Handwerker gehen hier ein und aus, Firmen und Familien lieben den Ort für ihre Feierlichkeiten.

Motivation und innere Haltung – die Menschen

Was das Ganze lebendig hält? Es ist wie in der Liebe – es gibt kein Rezept, wie es auf Dauer funktionieren kann. Doch die Bereitschaft, sich in guten wie in schlechten Tagen ernsthaft auf sich, den anderen und die alte Dame Schloss einzulassen, ist unverzichtbare Voraussetzung und eine Kunst, die täglich neu erlernt und gepflegt werden will. „Das Kapital der Stiftung sind ihre Menschen.“ Ausschlaggebend für persönlichen und gesellschaftlichen Erfolg ist die innere Haltung des Einzelnen. Methode und Wegweiser in allen Lebenslagen die Selbstbildung. Im wechselnden Zusammenspiel mit anderen ist der Mensch in der Lage, seine Lernunwilligkeiten zu überwinden. Es kostet Disziplin, die eigene Persönlichkeitsentwicklung mit konkreten Aufgaben und Erfordernissen zu verknüpfen. Die dichte Atmosphäre mit ihrer eigenen Ästhetik lebt daraus, dass Gegensätze bewusst ausgehalten werden. Nur wo im Inneren integriert wird, entsteht nach außen Offenheit, die in einer Gastgeberkultur wirksam wird. Das Schloss ist für die Menschen da, und die Menschen wachsen im Dialog mit dieser alten, mitunter recht eigenwilligen Dame. In diesem Sinne liegt auch in der Situation knapper werdender staatlicher Zuwendungen Zukunft, weil sie Herausforderung und Chance ist, neue Wege zu erschließen, selbst noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Niemand hat einen selbstverständlichen Anspruch auf öffentliche Förderung. Ein Blick in die Welt und die Lebensverhältnisse der meisten Menschen kann uns hierzulande nur zu mehr Bescheidenheit mahnen – selbst wenn andere noch verschwenderischer sind. Etwas Bedeutendes zu erreichen, ist nie möglich, ohne an anderer Stelle Verzicht zu üben. Und es reicht nicht, das Herz nur einmal vorauszuwerfen, wie damals beim Kauf des Schlosses. Das Herz will im Alltag maßstäblich sein und weiter voraus ziehen. Im Schloss Hohenerxleben ist die Kunst, sind immer wieder die Künstler Pfadfinder, erahnen und gestalten Entwicklungen, bevor sie sich real manifestieren. In den Lebensentwürfen der Einzelnen spiegelt sich die Vielfalt: Der Mediziner ist heute als Chefkoch bis über die Region hinaus bekannt und singt zu besonderen Anlässen im Doppelquartett. Die Telekom-Fachfrau ist Hausdame im Schloss und managt die Veranstaltungen, die drei Geschäftsführer von Stiftung, Theatrum und GmbH haben Ausbildungen als Sportdozent, Tontechniker und Krankenschwester: Dazu geht der eine mitunter selbst auf die Bühne, der andere macht Bewegungsarbeit, und die Geschäftsführerin baut „nebenbei“ noch eine Spinn- und Werkstube auf. Der Bauleiter wiederum ist Sinologe, tritt mit seiner Querflöte auf und gründet gerade ein Handelsunternehmen, der Leiter des Service ist Heilpraktiker und baut die Zimmer und Bäder für die Gäste eigenhändig aus. Jeder im Schloss tut mindestens noch eine Sache über die gelernte und die aktuelle Profession hinaus: Der Schauspieler häckselt die Gartenabfälle, der Sänger nimmt Bodenplatten hoch oder reißt Wände ein … Stiftungspräsidentin Ingrid von Krosigk trifft man meist in Arbeitskleidung. Entweder sie bringt das alte Holz wieder auf Hochglanz oder den Rosengarten, den sie selbst angelegt hat.

Neue Pläne

Zu tun, was das eigene Wissen und Gewissen verlangt: Selbständigkeit und gesundende Wirtschaftsstrukturen heißen die selbstgesetzten Aufgaben für dieses Jahr, Räume für Salutearbeit werden ausgebaut, und die kreative Medizin bekommt ein Zuhause. Die frisch verputzten Lehmwände trocknen bereits, im Salon aus der Gründerzeit wird die Decke restauriert. Wieder ist jene kreative Unruhe geweckt, die eine Neuentwicklung ankündigt. Gesundung des Menschen und gesundende Wirtschaftsstrukturen haben ein gemeinsames Prinzip: Geben und Nehmen im Austausch. Alles, was hier im Schloss Hohenerxleben heute sichtbar, erlebbar und spürbar ist, ist aus der Bereitschaft zur Investition, zur Hingabe entstanden. Das ist auch weiterhin gefragt: „Immer ein bisschen überschüssige Fantasie, immer eine Vision, die etwas größer ist als die Realität, und dabei doch mit beiden Beinen auf dieser Erde.“ Diesen Satz gab der ehemalige Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, Autor und Theologe, Reinhard Höppner der jungen Stiftung nach mehreren Besuchen mit auf den Weg.




  Autoren

Vongries, Caroline

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