... change the world – du kannst die Welt ändern! Jochen Schilk berichtet über den Club of Budapest und Ervin Laszlos kulturell-kreatives Arbeitsbuch
SPUREN EINER NEUEN KULTUR
In ganz Europa wird immer öfter von der neuen Bevölkerungsgruppe der „Kulturell Kreativen“ gesprochen – sie sollen ein Viertel der westlichen Gesellschaften ausmachen. Kulturell Kreative gibt es in allen Schichten. Ihr aktiver Kern schafft die Bausteine einer neuen, „integralen“ Kultur, die konsequent auf Nachhaltigkeit setzt. Rationale Vernunft und selbständiges Denken finden darin zur Synthese mit transmateriellen Dimensionen des Menschen wie Spiritualität, Hinwendung zur Gemeinschaft und Verbindung mit der Natur. Noch ist diese auftauchende Kultur keineswegs manifest. Mit dieser Artikelreihe gehe ich deshalb der Frage nach, wie eine Welt aussehen könnte, die von den Kulturell Kreativen mitgeprägt wird. Ich beschreibe Initiativen, die im Sinne dieses kulturellen Wandels handeln, und deute Spuren, die mir wegweisend erscheinen. (Mehr im Internet: http://www.kulturkreativ.net)
Einen wesentlichen Initialfunken für die Entstehung der internationalen Ökologiebewegung stellte die 1972 vom Club of Rome veröffentlichte, global angelegte Zukunftsstudie „Limits of Growth“ dar. Damals wurde anhand des von namhaften Wissenschaftlern erarbeiteten Berichts zum ersten Mal deutlich, dass in vielerlei Hinsicht der moderne, auf ständiges Wachstum ausgerichtete Weg in einer begrenzten Welt nicht bis in alle Ewigkeit begehbar sein würde. Einer der Gründungsmitglieder des Club of Rome, der Systemphilosoph und Pianist Ervin Laszlo, erkannte schon bald, nachdem sich der Wirbel um „Die Grenzen des Wachstums“ (so der deutsche Titel) etwas gelegt hatte, dass der von dem Bericht eingeforderte politische und wirtschaftliche Wandel nicht ohne ein neues globales Bewusstsein und letztlich auch nicht ohne die Etablierung einer neuen Kultur umsetzbar sein würde. Laszlos Idee war es deshalb, analog und ergänzend zu der Wissenschaftlerauswahl des Club of Rome, eine Reihe von herausragenden kulturschaffenden Persönlichkeiten sowie Politiker und spirituelle Führer zusammenzutrommeln, um fortan mit vereinten Kräften den notwendigen Bewusstseinswandel und die darauf aufbauende zukunftsfähige Kultur voranzutreiben. Von der Geburt dieser Idee bis zur tatsächlichen Gründung des Club of Budapest 1993 vergingen schließlich noch über anderthalb Jahrzehnte, dann jedoch hatte Ervin Laszlo eine illustre Runde von Ehrenmitgliedern für seine neue Organisation versammelt, darunter u.a. der Schriftsteller Tschingis Aitmatov, der Musiker Peter Gabriel, die Politiker Michael Gorbatschow und Václav Havel, der Dalai Lama, der Geiger Yehudi Menuhin und die Verhaltensforscherin Jane Goodall.
Brücken bauen
In einer Selbstdarstellung heißt es über die im Herzen Europas und an den beiden Donauufern liegende Gründungsstadt und Namensgeberin des Clubs: „Das markante Symbol dieser gelungenen Verbindung zwischen den Städten Buda und Pest ist die berühmte Kettenbrücke. Sie visualisiert unseren Anspruch als Brückenbauer zwischen Generationen und Kulturen. In diesem Sinne wurde sie als Logo und Signet für die Zielsetzung des Clubs erwählt. Die Dynamik unserer Arbeit wird dementsprechend durch die beiden tragenden Dialoggruppen gefördert – die Honorary und die Creative Members. Hier treffen Persönlichkeiten mit herausragenden Lebenswerken auf junge Talente und Visionäre. Sir Peter Ustinov, Václav Havel oder Peter Gabriel zum Beispiel begegnen talentreichen Filmemachern, Musikern oder Webdesignern. In der Initiierung des kulturellen Dialogs der Generationen liegt ein Schwerpunkt unserer globalen Bemühungen.“ Die Menschen, die sich im Club of Budapest zusammengeschlossen haben,verstehen ihr Engagement als Beitrag zu dem weitläufigen Geflecht aus mittlerweile mehr als 100000 lokal und global agierenden Organisationen und Netzwerken, die insgesamt – als Antwort auf das überall offenkundige Versagen von Politik und Wirtschaft – die so genannte globale Zivilgesellschaft bilden. Doch während die meisten dieser Nichtregierungsorganisationen (NGO) neben ihrer jeweiligen Mission immer auch um Anerkennung, Öffentlichkeit und ausreichende Finanzierung zu kämpfen haben, hat der Club of Budapest mit seinen in allen gesellschaftlichen Kreisen verkehrenden Mitgliedern eine vorteilhafte Ausgangsposition. So ist es eines der Ziele des Clubs, ein „World Council of Religious and Spiritual Leaders“ als Beratungsorgan der Vereinten Nationen zu etablieren –ein Unterfangen, das nicht mehr ganz so utopisch erscheint, wenn man mit Ervin Laszlo jemanden in den eigenen Reihen hat, der selbst jahrelang in verschiedenen UNO-Gremien tätig war. Ähnliches gilt wohl auch für das Sammeln von privaten Spenden und öffentlichen Geldern, mit denen der Club seine diversen Projekte bestreitet. Im Oktober letzten Jahres war es der Club-of-Budapest-Stiftung erstmals möglich, sozusagen als Ergänzung zum Alternativen Nobelpreis, die „Planetary Consciousness Awards“ (an Peter Ustinow und Paulo Coelho) sowie die „Change the World – Best Practice Awards“ an vier wegweisende humanitäre Projekte in Nepal, Brasilien, Kolumbien und den GUS-Staaten zu verleihen. (Einzelheiten zur Preisverleihung und den ausgezeichneten Projekten siehe www.club-of-budapest.org.)
Die europäische Studie
Kommen wir zu einem zentralen Anliegen des Clubs: die Verbreitung des Wissens über die wachsende kulturell-kreative Bevölkerungsschicht! Im Jahr 1996 – drei Jahre nach der offiziellen Gründung des Club of Budapest – veröffentlichte der US-amerikanische Soziologe Paul H. Ray die Ergebnisse seiner „American-Lifes“-Studie. Nach über einem Jahrzehnt der Forschung präsentierte er die Entdeckung einer bislang unbenannten, breiten gesellschaftlichen Strömung, der er den Namen „kulturell Kreative“ gab. Im Wesentlichen bedeutete diese Entdeckung, dass die Anliegen des Club of Budapest anscheinend bereits zu einem nicht unbeträchtlichen Teil Realität geworden oder zumindest auf dem Weg dorthin waren. In den USA hatte sich gezeigt, dass immerhin ein Viertel der Bevölkerung die gravierenden Probleme der Welt erkannt hat und offen für kreative Lösungsansätze sowie für eine globale Betrachtungsweise zu sein scheint. Gibt es einen Grund, anzunehmen, dass sich die Situation in den übrigen westlichen Gesellschaften und letztlich auf der ganzen Welt anders darstellt? Um herauszufinden, ob die hoffnungsvolle amerikanische Entwicklung des kulturell-kreativen Potenzials auf andere Gesellschaften übertragbar ist, koordiniert der Club of Budapest in derzeit sieben Ländern Europas eine groß angelegte Studie, die mit Paul Rays Studie vergleichbar sein wird. Weitere Untersuchungen in Ländern aller Kontinente sollen folgen.
In den letzten dreißig Jahren haben sich nach und nach Millionen von Menschen innerlich von den Werten der Moderne distanziert – vom einseitigen Rationalismus, Materialismus und Individualismus, von Technikfixierung, Karrierestreben, Profit- und Konkurrenzdenken. Sie haben Alternativen entwickelt oder sind noch auf der Suche nach neuen, authentischen Wegen, die aus der individuellen und globalen Krise herausführen. Warum sollte sich dieser Trend bei anhaltender Verschärfung der Krise nicht fortsetzen? Paul Ray, und mit ihm der Club of Budapest, ist sich sicher, dass gegenwärtig eine sehr große Zahl von Menschen bereit wäre, die Ideologie der Moderne als gescheitert zu betrachten, wenn sie nur von einer Alternative wüssten! Nicht zuletzt aus diesem Grund hat Ervin Laszlo gemeinsam mit dem Club of Budapest ein Buch herausgegeben, das klären soll, welche Möglichkeiten der Menschheit bleiben, und vor allem, welche Möglichkeiten der Einzelne hat, zum Gelingen der Wende beizutragen. Fazit und Titel des Werkes: „You Can Change the World! – Gemeinsam eine bessere Welt schaffen.“ Die deutsche Version des Buches ist erst seit wenigen Monaten erhältlich und stellt somit hierzulande die erste Monographie dar, die sich konkret mit den Folgen der Entdeckung der kulturell Kreativen auseinandersetzt; Paul Rays Buch „The Cultural Creatives – How 50 Million People are Changing the World“ wurde bislang nur ins Französische übertragen. Es existiert allerdings eine deutsche Version der Zusammenfassung seiner Arbeit, verfügbar auf der Internetseite www.kulturkreativ.net, in der er nicht nur die betreffenden Daten präsentiert, sondern vor allem auch einige Schlüsse für die Evolution der nunmehr greifbar scheinenden neuen, „integralen“ Kultur zieht. Zu Rays wesentlichen Thesen gehört, dass sich die Zukunft der Menschen und des Planeten am gegenwärtigen Scheidepunkt vor allem dadurch entscheiden wird, inwiefern es uns gelingt, die allgemein vorherrschende düstere Zukunftsvision durch eine (realistisch betrachtet, ebenso wahrscheinliche!) positive Perspektive zu ersetzen. An diesem Punkt setzt der Autor Ervin Laszlo an. Nachdem er an der Frage der Nachhaltigkeit noch einmal in bündiger Form die globale Problematik umreißt (Bevölkerungsdruck, Armut, ungleiche Ressourcenverteilung, religiöse Intoleranz, Wasserknappheit, Klimawandel, Umweltverschmutzung, Artenschwund etc.) zeichnet er zwei völlig unterschiedliche und dennoch gleichermaßen realistisch anmutende Zukunftsszenarien: Die erste Möglichkeit („Zusammenbruch“) erzählt vom fortschreitenden Niedergang der Natur und der menschlichen Kultur und mündet in immer ausufernderen Kriegen um religiöse Angelegenheiten und vor allem um die letzten Ressourcen – eine zugegebenermaßen nicht gerade unwahrscheinliche Endzeitvision, wie sie sich wohl jeder schon einmal vorgestellt hat.
Wie kommt es zum Durchbruch?
Warum fällt es uns eigentlich so schwer, konkret das zu visualisieren, was Laszlo den „Durchbruch“ nennt? Er beginnt diese Variante folgendermaßen: „Bevölkerungsdruck, Armut, Fanatismus und die unterschiedlichen ökologischen Bedrohungen und Katastrophen lösen positive Veränderungen in der Denkweise der Menschen aus …“ – was ja auch bereits im größeren Stil geschieht. „Ein Weltzukunftsrat der Nichtregierungsorganisationen wird etabliert …“ – auch hierfür gibt es bereits Ansätze, wenn man an das Weltsozialforum im brasilianischen Porto Alegre oder das europäische Sozialforum in Florenz denkt. Grundsätzlich baut Laszlo darauf, dass das neue Bewusstsein irgendwann „von unten nach oben“ in die Entscheidungsebenen von Politik und Wirtschaft „durchsickern“ wird. Dort, wo Regierungen und Unternehmen den Zeitgeist erkennen, erfahren sie schließlich auch eine breite Unterstützung durch den wachsenden kulturell-kreativen Bevölkerungsanteil. In einem nächsten Schritt werden immer weniger nationale Haushalte für militärische Zwecke, dafür endlich für drängende soziale und ökologische Projekte verwendet. Der einseitigen Entwicklung der wirtschaftlichen Globalisierung wird durch eine Förderung lokaler und regionaler Strukturen begegnet; die Weltbank wird demokratisch reformiert, und sie bringt eine auf Ausgleich ausgerichtete Weltwährung in Umlauf. Allerorten werden „Maßnahmen zur Sicherung der Umwelt, zur Schaffung eines effektiven Verteilsystems von Nahrung und Ressourcen, sowie zur Förderung von nachhaltiger Energie und nachhaltiger Landwirtschaft unternommen“. Diese wenigen – eher vernünftig als besonders radikal klingenden– Entwicklungen und Maßnahmen führen im Ergebnis u.a. zu einem weltweiten Programm regenerativer Energieformen. Dieses sollte in der Lage sein, dem Solarzeitalter, einer dritten industriellen Revolution der regenerativen Energieformen und somit einer weitreichenden Transformation der Weltwirtschaft den Weg zu bereiten, von der alle Erdenbürger gleichermaßen profitieren. Auf politischer Ebene kommt es schließlich zur Reformation der Regierungsstrukturen „in Richtung auf eine partizipative, weltumspannende Demokratie, welche die Stimmen der Menschen hört und ihre kreativen Energien nutzt.“ „Internationales und interkulturelles Misstrauen, ethnische Konflikte, rassistische Unterdrückung, ökonomische Ungleichheit und die Ungleichbehandlung der Geschlechter verschwinden zugunsten eines höheren Niveaus von Vertrauen und Respekt unter den Völkern und Kulturen.“
Persönliches Wachstum
Selbstverständlich liegt der Wert von Ervin Laszlos Vision der globalen Wende nicht so sehr in ihrem Vermögen, jeden Schritt im einzelnen genau vorherzusagen; wichtig ist im wesentlichen nur ihre Hauptbotschaft: Eine andere Welt ist möglich! Wir müssen allerdings jetzt handeln, um die Weichen gerade noch rechtzeitig in die richtige Richtung zu stellen. „You can Change the World“ betont ausdrücklich, dass wir auch und gerade als individuelle Menschen hierzu in einem nicht zu unterschätzenden Maß beitragen können, nämlich indem wir uns um unser persönliches ganzheitliches Wachstum kümmern. Essenzieller Bestandteil dieses Wachstumsprozesses ist die Ausbildung des vielbeschworenen globalen Bewusstseins, das auch eine bestimmte Art zu handeln impliziert. „Lebe in einer Weise, die es allen Menschen auf dem Planeten erlaubt, ein gutes Leben zu führen.“ – so fasst Ervin Laszlo die heute gültige ethische Maxime einer nachhaltigen Lebensführung zusammen. Zu dieser Frage einer realistischen nachhaltigen Lebensführung wurden bereits einige Bücher verfasst (z.B. „Genuss und Nachhaltigkeit, das Handbuch zur Veränderung des persönlichen Lebensstils“, herausgegeben von der Initiative „Aufbruch –anders besser leben“). Auch Laszlo versteht „You can Change the World“ als „praktischen Leitfaden“, belässt es im entsprechenden Kapitel jedoch bei einigen wenigen handfesten Beispielen und einem ansonsten eher allgemein gehaltenen Katalog an sinnvollen Handlungsmöglichkeiten für das Leben als Privatmensch, für das Wirtschaftsleben oder für den Bürger einer Demokratie.
Es ist gewiss lohnend, all diese Hintergrundinformationen, Appelle und Ratschläge einmal in gebündelter Form präsentiert zu bekommen. Dennoch taucht beim Lesen von „You can Change the World“ (wie auch bei der Lektüre des eben erwähnten „Handbuchs zur Veränderung des persönlichen Lebensstils“) des öfteren die Frage auf, ob ein solches Buch tatsächlich diejenigen Leser erreicht, die solcher Informationen (noch) bedürfen. Ist es nicht so, dass derartige Bücher fast ausschließlich von Leuten gelesen werden, die ihren Lebensstil ohnehin bereits in Richtung Nachhaltigkeit verändert haben? Deshalb sehe ich den wahren Wert von „You can Change the World“ vor allem darin, dass es den Lesern zu neuem Mut verhilft, indem es zur Bildung der so dringend benötigten positiven Vision beiträgt. Seine größte Wirkung entfaltet Ervin Laszlos Beitrag denn auch im letzten Kapitel, wo er noch einmal die schon zu Beginn vorgestellte Zukunftsvariante der globalen Wende aufgreift und weiterspinnt: In einer Art Science-Fiction (oder besser Eco-Fiction) begibt er sich in das Jahr 2020, wo er eine 20-jährige Frau die dann gegenwärtige globale Situation „nach der Krise“ mit derjenigen aus ihrer Kindheit vergleichen lässt. Dabei gelingt es Laszlo, das umfassende Bild einer wahrscheinlichen Zukunft zu zeichnen, das zum Teil mit seiner Nähe an unsere aktuellen Verhältnisse zu verblüffen weiß. Selbstverständlich unterscheiden sich viele Punkte der Vision von der heutigen Welt – wie sonst sollte die Krise überwunden worden sein. Doch es sind die Gemeinsamkeiten, die dem Bild den nötigen Realismus verleihen und den Leser fragen lassen: „Warum nicht? So könnte es werden. Für diese Zukunft lohnt es sich, einzutreten!“
"You Can Change the World"
Mit diesem Buch will der Club of Budapest einen praktischen Leitfaden für alle Menschen anbieten, die einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten möchten. Ervin Laszlo beantwortet die Frage, welche ethischen Werte der Realität einer zusammengewachsenen Menschheit gerecht werden können und schlägt sinnvolle Denk- und Handlungsweisen vor. Mit einer Einleitung von Michail Gorbatschow und einer „Einladung zum Mitmachen“ von Peter Spiegel.
Horizonte Verlag, ISBN 3-89483-058-1
Club of Budapest
Die Idee zur Gründung des Club of Budapest entstand im Jahr 1978 in einem Gespräch zwischen Aurelio Peccei, Gründer des Club of Rome, und dem Systemtheoretiker Ervin Laszlo. 1993 wurde der Club gegründet mit dem Ziel, den Dialog zwischen den Kulturen und Generationen zu fördern.
Kontakt:
The Club of Budapest, Morsestraße 35,
Morsestraße 35, D-70435 Stuttgart,
Tel. (0711) 8263550, Fax 8263558
http://www.club-of-budapest.org,
http://www.change-the-world.org
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