Matriarchale Lebensformen
Neue Gemeinschaftsformen, die ohne Sentimentalität in unserer europäischen VorfahrInnen-Kultur wurzeln und ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Frauen und Männern der Gemeinschaft kennen, sind selten. Die Lebenswirklichkeit selbst kultur-kreativ „aufgeklärter“ Gemeinschaften ist häufig in vielen unreflektierten Details nach wie vor patriarchal geprägt – vor allem in ihrer Beziehung zur patriarchalen Umwelt. Im sechsten und letzten Teil ihrer Reihe über Impulse aus matriarchaler Spiritualität schildert Heide Göttner-Abendroth eine Politik der Einstimmigkeit, die auf der Kraft matriarchalen Strebens nach Balance gründet.
In den bisherigen Beiträgen dieser Serie habe ich die Spiritualität, die Sozialordnung, die Ökonomie und die Politik matriarchaler Gesellschaften vorgestellt. Ich habe beschrieben, wie sich diese Muster auf neue, kreative Gemeinschaften als Mikrostruktur übertragen lassen. Hier geht es nun darum, diese Gedanken von der Ebene der Gemeinschaft auf die Ebene der Gesellschaft als Makrostruktur zu erweitern; es ist die Skizze eines neuen Gesellschaftsentwurfs. Er ist nicht das Ergebnis eines abstrakten, philosophischen „Glasperlenspiels“, sondern beruht auf dem Wissen von einer über Jahrtausende gelebten Gesellschaftsform und knüpft an diese menschheitsgeschichtliche Erfahrung an. Gleichzeitig ist er bezogen auf die Probleme und die Not der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation. Denn täglich werden soziale Zusammenhänge und Kulturen zerstört, tragfähige Werte gehen verloren, und als Folge davon verelenden immer mehr Menschen.
Zur Größenordnung: die Rolle der Region
Bei den Gedanken zu einer matriarchalen Gesellschaft müssen wir uns von dem herrschenden Bild von Gesellschaft verabschieden. „Gesellschaft“ heißt für uns ein Sammelbecken von verschiedensten Personen, Interessengruppen und Institutionen, die sich fremd sind und miteinander um die Macht im Staat rivalisieren. Häufig wird „Gesellschaft“ auch mit „Staat“ gleichgesetzt, und Staaten haben heute die Größe von Nationalstaaten oder Supermächten. Dass Größe dabei bewundert wird, hat mit der patriarchalen Ideologie von Herrschaft, Expansion und (Welt-)Reichsbildung zu tun. Im matriarchalen Gesellschaftsentwurf ist jedoch Größe an sich kein Wert. Es werden kleinere Einheiten bevorzugt, denn sie müssen eine personennahe und transparente Politik ermöglichen. Sie dürfen nicht so groß sein, dass die Menschen sie nicht mehr durchschauen und nicht mehr mitbestimmen können, wie dies bei den heutigen Staaten und Superstaaten der Fall ist. Sie dürfen aber auch nicht so klein sein, dass die autarke Versorgung und die Vielfalt der Handwerke und Künste nicht mehr gewährleistet ist. Diese ideale Größenordnung hat die Region. Die Grenzen einer Region sind nicht willkürlich wie Staatsgrenzen, sondern sie bestimmen sich nach den landschaftlichen Gegebenheiten und den gewachsenen kulturellen Traditionen. Eine matriarchale Gesellschaft reicht nicht über ihre Region hinaus, sie ist ein Netz aus Dörfern und kleinen Städten. Dabei gibt es keinerlei Rangordnung zwischen den Dörfern und Städten, keinerlei Zentralisierung, denn jede Siedlung wirtschaftet autark und ist politisch autonom. Sie sind voneinander unabhängige Dorf- und Stadtrepubliken. Eine solche Dorfrepublik besteht aus einem einzigen oder einigen wenigen wahlverwandten Clans (kurz: Wahl-Clans), welche nach den Mustern organisiert sind, die ich beschrieben habe. Eine Stadtrepublik besteht aus mehreren Stadtvierteln, die sich ihrerseits wie ein „Dorf“ verhalten, denn sie bestehen auch aus einigen wenigen Wahl-Clans. Das garantiert die Transparenz. Und es begrenzt die Größe der Stadt, die nichts mehr gemeinsam hat mit unseren Riesenstädten, die eine wahllose Anhäufung von mehr oder weniger entwurzelten, untereinander fremden und aggressiven Individuen bis zum Millionenfachen sind. Eine matriarchale Stadt ist demgegenüber ein wohlgeordneten Gefüge, denn nicht nur die Wahl-Clans der einzelnen Stadtviertel beziehen sich politisch aufeinander, sondern auch die einzelnen Stadtviertel, und zwar nach den Mustern der Konsenspolitik.
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Lesen Sie den ganzen Artikel und auch die anderen fünf Beiträge von Heide Göttner-Abendroths Serie zu neuen matriarchalen Lebensentwürfen in ihrem neuen Buch „Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft – Prinzipien und Praxis der Matriarchatspolitik“ (Drachen Verlag Klein Jasedow 2008, ISBN 9783927369337, 112 Seiten, 12 Euro). Im Anschluss an die Beiträge ist hier auch die Diskussion über Göttner-Abendroths Vorschläge zwischen ihr und einer Reihe von LeserInnen wiedergegeben, unter anderem mit dem Verleger Johannes Heimrath, dem Philosophen Jochen Kirchhoff und der Matriarchatsforscherin Carola Meier-Seethaler.
Bestellen Sie das Buch bequem über die Seite des Drachen-Verlags:
http://www.drachenverlag.de/books/editions/books_483c0c7e0c534.html
Aus dem Klappentext:
„Die Philosophin Heide Göttner-Abendroth ist als profunde und scharfsichtige Kritikerin des Patriarchats bekannt. Ihre mehr als dreißigjährige Forschungsarbeit und zahlreiche Publikationen machten sie zur Begründerin der modernen Matriarchatsforschung. Sie organisierte die ersten Weltkongresse für Matriarchatsforschung: 2003 ‚Gesellschaft in Balance‘ in Luxemburg und 2005 ‚Societies of Peace‘ in Texas, USA. Heide Göttner-Abendroth wurde im Rahmen der weltweiten Initiative ‚1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005‘ nominiert.
‚Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft‘ ist ein matriarchaler Lebensentwurf, der helfen will, das patriarchale Gesellschaftsmodell abzulösen.
‚Am Anfang die Mütter‘ – so übersetzt Heide Göttner-Abendroth den Terminus ‚Matriarchat‘. Aus dem mütterlichen Prinzip des Lebensschenkens, dem Frauen und Männer gleichermaßen dienen, entwickelt sie das Bild einer Kultur, die Kreisläufe an die Stelle linearen Fortschritts setzt, die eine Ökonomie des Schenkens statt Ausbeutung und Gewinnmaximierung anstrebt und die von Würde, gegenseitigem Respekt der Geschlechter und Lebensalter sowie der Heiligung allen Lebens getragen ist. Die Besinnung auf die Weisheit matriarchaler Kulturen der Welt, von denen einige bis heute in Frieden und ausgeglichenem Wohlstand existieren, führt zu einer Gesellschaft in Balance, die auf die Kraft und Intelligenz von Gemeinschaften baut. Viele Menschen suchen heute nach Möglichkeiten, lebensfördernd zu wirken. Heide Göttner-Abendroths Entwurf einer matriarchalen Politik ist dafür ein wichtiger Wegweiser.“
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