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Welt-Heiler
erschienen in Ausgabe 124  PDF-Version (227.36 KB)
Jochen Schilk beobachtete die Weltkonferenz der Ethnotherapien

SPUREN EINER NEUEN KULTUR
In ganz Europa wird immer öfter von der neuen Bevölkerungsgruppe der „Kulturell Kreativen“ gesprochen – sie sollen ein Viertel der westlichen Gesellschaften ausmachen. Kulturell Kreative gibt es in allen Schichten. Ihr aktiver Kern schafft die Bausteine einer neuen, „integralen“ Kultur, die konsequent auf Nachhaltigkeit setzt. Rationale Vernunft und selbständiges Denken finden darin zur Synthese mit transmateriellen Dimensionen des Menschen wie Spiritualität, Hinwendung zur Gemeinschaft und Verbindung mit der Natur. Noch ist diese auftauchende Kultur keineswegs manifest. Mit dieser Artikelreihe gehe ich deshalb der Frage nach, wie eine Welt aussehen könnte, die von den Kulturell Kreativen mitgeprägt wird. Ich beschreibe Initiativen, die im Sinne dieses kulturellen Wandels handeln, und deute Spuren, die mir wegweisend erscheinen. (Mehr im Internet: http://www.kulturkreativ.net)


Paul Ray, der US-amerikanische Soziologe und Namensgeber der neu entstandenen kulturell-kreativen Bevölkerungsschicht, beschreibt die typischen Vertreter dieser Gruppe als u.a. sozial engagiert, interessiert an Psychologie, Spiritualität und Ökologie sowie als aufgeschlossen gegenüber Fremdem und Exotischem. Kulturell-kreative Menschen machen sich Gedanken über nachhaltige Wege aus der globalen Krise. Ist es möglich, dass der Schlüssel zur Lösung vieler sozialer, ökologischer oder gesundheitlicher Probleme der modernen Gesellschaften in der Hinwendung zu traditionell lebenden Kulturen und in der Integration einiger wichtiger dort gefundener Aspekte liegt?
In der kurzen Geschichte dieser Reihe ging es bereits zweimal um kulturell-kreative Organisationen, die sich direkt mit indigenen Kulturen beschäftigen: Der Auftaktartikel widmete sich dem Phänomen der globalen Rainbow-Family, die auf ihren Camps in freier Natur versucht, auf der Grundlage von stammeskulturellen Traditionen zusammenzuleben. Zuletzt ging es in „Andere Welten“ um eine Organisation, die den jährlichen Nuclear Free Future Award vergibt und die 1992 das World Uranium Hearing abhielt – eine Anhörung, bei der VertreterInnen indigener Völker aus aller Welt vor hunderten ausgewählter Zuhörer über die katastrophalen Folgen von Atomwaffentests und Uranabbau für Land und Menschen berichteten. Diese Vertreter waren zumeist die Heiler und/oder spirituellen Führer ihrer Völker. Einer der damaligen Zuhörer vermutet heute im Rückblick, dass bei dem Kongress „wohl zum ersten Mal auf einer von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommenen Veranstaltung die Vertreter der Ureinwohnerkulturen in Europa als vollwertige und ernst zu nehmende Gesprächspartner eingeladen worden waren und nicht bloß als naiv-folkloristisches Beiwerk“.

Eine herausfordernde Aufgabe

Die hierbei anklingende ethische Haltung findet sich ebenso in der Arbeit einer weiteren interkulturell ausgerichteten Organisation. Das in München ansässige Institut für Ethnomedizin „Ethnomed e.V.“ hat sich einer Aufgabe gewidmet, die auf den ersten Blick nicht leicht zu bewältigen scheint: traditionelle Heiler und westliche Mediziner in einen fruchtbaren Austausch treten zu lassen. Bekanntermaßen sind die Auffassungen über die Behandlung Kranker bei diesen Gruppierungen durchaus verschieden, und auf Seiten der Schulmedizin vermutet man ebenso große Vorbehalte gegenüber unbekannten traditionellen Heilungspraktiken (wie etwa dem Schamanismus) wie gegenüber den auch hierzulande bekannten komplementären Ansätzen. Auch die aus mitunter weit abgelegenen Gebieten stammenden indigenen Heilerinnen und Heiler sind womöglich eher vorsichtig mit neuen Einflüssen, sei es, weil sie vielleicht erst kaum oder bereits schlechte Erfahrungen mit westlichen Menschen im allgemeinen oder mit weißen Ärzten im besonderen gemacht haben. Wie muss sich ein Stammesbewohner aus dem südamerikanischen Urwald fühlen, der erstmals seine Leute und sein Dorf verlassen hat und nun als Referent in eine europäische Großstadt eingeflogen wird? Selbst wenn unter den TeilnehmerInnen solcher Treffen eine grundsätzliche Offenheit und Bereitwilligkeit zur Kooperation vorausgesetzt werden darf, sind derartige interkulturelle Begegnungen wohl selten ganz ohne Konflikte möglich. Unter der Bezeichnung „Ethnomed“ haben sich nicht nur studierte Mediziner und Psychologen zusammengefunden. Wie der Name andeutet, sind es in erster Linie EthnologInnen (Völkerkundler), die während ihrer Feldforschungstätigkeit mit dem Thema Heilung in Berührung kamen. Mit dem bekannten Autor ethnopharmakologischer Bücher, Dr. Christian Rätsch, hat Ethnomed eine schillernde Figur in seinen Reihen, die sich mittlerweile erklärtermaßen vom akademischen Betrieb abgewandt hat. So haben wir es also mit einer interkulturell und interdisziplinär angelegten Initiative zu tun, die trotz ihrer Verwurzelung im akademischen/universitären Betrieb stark durch das ganzheitliche Gedankengut ihres „Forschungsgegenstandes“ geprägt wurde. Für ein Verständnis der traditionellen Therapieformen kommt man nicht umhin, sich auf das entsprechende Weltbild einzulassen, wobei rational-wissenschaftliche Vorstellungen einem wirklichen Verständnis oftmals eher entgegenstehen. Wer heute eine Ethnomed-Veranstaltung besucht, dem wird deshalb nicht nur in Aussicht gestellt, „traditionelle Heilmethoden zu erlernen“, sondern eben auch in die „spirituellen Welten indigener Völker einzutauchen“.
Anfang Oktober fand in Räumen der Münchner Universität die „Weltkonferenz der Ethnotherapien“ statt. Während die seinerzeit stark beachtete Großveranstaltung „Wanderer zwischen den Welten – Schamanismus im neuen Jahrtausend“ im Jahr 2000 die Absicht verfolgt hatte, schamanisch arbeitende Menschen aus allen Kontinenten in Austausch treten zu lassen, war die diesjährige Konferenz eher der Fortbildung von Heilberufstätigen, Ethnologen und anderen an der ganzen Palette der Ethnotherapien Interessierten gewidmet. An drei Tagen hatten die 400 Teilnehmer die Gelegenheit, vormittags während je zehn halbstündiger Vorträge zumindest einen ersten Einblick in bestimmte Gebiete des überaus breiten und interessanten Themenspektrums zu erhalten. Jeder dieser Konferenzvormittage wurde durch eine „Früh-Demonstration“ einer der anwesenden indigenen Heilergruppen eingeläutet. Bevor es im Vorlesungsteil also etwa um „altorientalische Musiktherapie“, „mongolisches Schamanentum“, „Rausch- und Trancezustände“, „Ayurveda“ oder „schutzmagische Kräuter in der europäischen Volksmedizin“ ging, stimmten nepalesische Schamanen oder tanzende Azteken mit einem anschließend erläuterten Ritual in den Tag ein und „weihten“ auf ihre Weise den Saal zum besseren Gelingen der Konferenz aufs Neue.

Weltweite Vernetzung

Einer der wichtigen Schwerpunkte der öffentlichenTätigkeit von Ethnomed liegt in der Ausrichtung von Workshops. „Archaische Rituale und Heilverfahren“ sollen durch „authentische ethnische Lehrer und Heiler“ selbst erfahren werden. Das Institut arbeitet eng mit dem World-Wide-Healer-Forum zusammen, einem internationalen Netzwerk traditioneller Heiler und Heilerinnen; neben den persönlichen Kontakten vieler Mitarbeiter zu Medizinmännern, Schamanen und Pflanzenkundigen bietet dieses Netzwerk eine riesige Quelle kompetenter Workshopreferenten. So wurden an jedem der Konferenznachmittage zehn verschiedene Workshops angeboten, in denen die in den Lesungen und Demonstrationen ansatzweise vermittelten Kenntnisse vertieft werden konnten. Sämtliche Workshops waren ausnahmslos bis auf den letzten Platz ausgebucht, was zeigt, welchen Boom das Thema Ethnomedizin und vor allem der Schamanismus augenblicklich erfahren.

Das Bedürfnis nach Heilung

Ist es nur der kürzlich in den Kinos gezeigten Geistheiler-Dokumentation „Unterwegs in die nächste Dimension“ geschuldet, dass die Überzahl der anwesenden KonferenzteilnehmerInnen nicht aus ethnologischen oder heilberuflichen Fachbereichen stammte, sondern schlichtweg durch ein starkes persönliches Interesse motiviert war? Entspringt dieses Interesse einem gesellschaftlichen inneren Bedürfnis? Ganz offenbar stellt der Schamanismus als die globale Ur-Religion für viele Menschen eine faszinierende und vielversprechende Quelle auf der eigenen Suche nach authentischem spirituellem Erleben dar. Zudem erhoffen sich nicht wenige Kranke Hilfe und Heilsitzungen bei den anwesenden Heilern und Schamanen. Christine Gottschalk-Batschkus ist eine der OrganisatorInnen der Ethnomed-Veranstaltungen ist als solche regelmäßig mit derartigen Erwartungshaltungen konfrontiert:
„In ihren Ländern bieten diese Heiler selbstverständlich kompetente und adäquate Hilfe. Sie sind erfahrene, in ihren Kulturen ausgebildete und anerkannte Persönlichkeiten, die dort in ihrem eigenen Rhythmus und in ihrer eigenen Zeit eine Diagnose und Behandlung durchführen können. Zum einen erfahren wir von den eingeladenen Heilern großen Respekt und Bewunderung über das ernsthafte tiefgründige Interesse in Europa an ihren Heilweisen und Traditionen. Zum anderen sehen sie das übergroße Leid und die unzähligen verwirrten Geister und versuchen bis zur Selbstaufopferung, ihren europäischen Mitmenschen zu helfen. In ihrer Zeit in Deutschland liegt der Schwerpunkt auf Austausch, Selbsterfahrung und Fortbildung in traditionellem Heilwissen verschiedener Völker. Der wachsende Anspruch auf individuelle Hilfe jedoch, die in der kurzen Zeit und in dieser Menge gar nicht geleistet werden könnte und zudem gesetzlich nicht zulässig ist (ausländische Heiler haben hier weder Arbeits- noch Behandlungserlaubnis) erschwert die Arbeit. Es kommen Eltern mit schwerkranken Kindern, Tumor-, HIV- und psychiatrische Patienten und wollen durch sofortigen Zauber Abhilfe …“
Dass die divergierenden Vorstellungen der Teilnehmer mitunter auch die Atmosphäre eines Workshops beeinträchtigen, belegt der interessante Kommentar des Teilnehmers eines Hamburger Seminares, veröffentlicht im Ethnomed-Newsletter Nr. 2 dieses Jahres: „Die für unsere Kultur typische Zwiespältigkeit gegenüber dem Phänomen [Schamanismus], erst alles für Humbug zu erklären und bei den ersten emotionalen Herausforderungen entweder vor dem ‚Teufelszeug‘ davonzulaufen oder einem kritiklosen Wunderglauben anheimzufallen, war überall zu spüren. In Hamburg war nun genau wie damals [auf der Schamanismuskonferenz 2000] wieder sehr viel Publikum unterwegs, das keineswegs gekommen war, um etwas zu lernen, sondern die Lösung eigener Probleme erhoffte und auf mitunter dreiste Art einforderte. Die grundsätzliche Problematik, die sich hier für Ethnomed und die gesamte Schamanismus-Szene auftut, ist die Frage, was und wen man eigentlich erreichen möchte. Heilung? Natürlich, wer möchte das nicht. Aber das kann doch nur heißen, die Methoden und Rituale eingeladener Schamanen zu studieren und von ihnen zu lernen. Gerade dies ist in den letzten zwei Jahrzehnten intensiv geschehen, und und ich sehe Ethnomed als eine der wichtigsten Institutionen in diesem Prozess. […] In Hamburg war aber wie gesagt eine ungute Konsum-Mentalität – nach dem Motto, ich will Heilung, und zwar sofort, denn ich habe dafür bezahlt …“

Austausch statt Ausbeutung

Die Grunderfahrung vieler „Naturvölker“ mit Weißen ist ohne Zweifel die Erfahrung, kolonisiert und ausgebeutet zu werden. Was zum Beispiel das traditionelle Heilwissen betrifft, so entsenden einige große Pharmakonzerne Ethnologen zu den Heilkundigen im südamerikanischen Regenwald und anderswo. Sie tun dies in der Absicht, wissenschaftlich bislang unbekannte Heilpflanzen ausfindig zu machen, um die Wirkstoffe zu extrahieren und zu synthetisieren und diese dann patentieren zu lassen (!). Warum sollte also eine indigene Kräuterkundige ihr Wissen mit dem freundlichen Ethnologen teilen, wenn sie fürchten muss, später Patentrechte an eben denjenigen Pflanzen zu verletzen, die ihr Volk seit Urzeiten verehrt und gebraucht? Viele Heiler und Schamanen haben dennoch das Gefühl, angesichts des Zustands der Erde ihren Wissensschatz für die industrialisierte Welt öffnen zu müssen. Die Zusammenarbeit mit Institutionen wie Ethnomed bietet ihnen eine gute Möglichkeit, sich auf internationaler Ebene bei solchen Menschen Gehör zu verschaffen, die nicht nur an verwertbaren Informationen interessiert sind, sondern auch nach den Hintergründen fragen. Ethnomed ist daran gelegen, dass der Wissensaustausch wirklich gegenseitig stattfindet und ebenso, dass die indigenen Traditionen dort verankert bleiben, wo sie zu Hause sind. Mitarbeiter des Instituts haben in Kolumbien, Nepal und in der Mongolei praxisorientierte Projekte initiiert, um traditionelle ethnische Heilverfahren und andere Techniken und Riten zu revitalisieren und in das moderne Leben zu integrieren. Dabei praktizieren Stammesälteste und erfahrene traditionelle Heiler gemeinsam mit jüngeren Stammesangehörigen, internationalen Mitarbeitern und Besuchern die Rituale und Traditionen der Ureinwohner, wie z.B. Jagdmethoden, Gartenbau, Häuserbau, Handwerk und künstlerischer Ausdruck. In Kooperation mit einheimischen Mitarbeitern und europäischen Partnern werden neue Lösungen für die Bereiche, Ökologie, Fortschritt, Unabhängigkeit, Respekt, Spiritualität und Heilmethoden erarbeitet und in die Praxis umgesetzt – was zumindest teilweise durch die ehrenamtlich organisierten Veranstaltungen in Deutschland finanziert wird; auch Spenden tragen zur Realisierung dieser vorbildlichen, ganzheitlichen „Entwicklungshilfe“ bei. Ob die Arbeit von Ethnomed nun projektbezogen oder eher wissenschaftlicher Natur ist – einen grundlegenden Effekt hat sie wohl in den meisten Fällen: Für indigene Völker ist das wachsende westliche Interesse an ihren Traditionen ein wichtiger Anstoß dafür, sich deren Wert bewusst zu machen.




Ethnomed

Das Institut für Ethnomedizin e.V. (Ethnomed) ist ein Netzwerk von über 7000 internationalen Wissenschaftlern, Forschern, Praktizierenden, Vereinigungen, Interessenten, traditionellen Heilern und Schamanen sowie über 100 ehrenamtliche Mitarbeitern. Ethnomed arbeitet gemeinnützig zur Förderung der Wissenschaft, Forschung und Bildung, des öffentlichen Gesundheitswesens und der Weltgesundheit.
Ethnomed unterstützt Projekte zur Revitalisierung traditioneller ethnischer Heilverfahren und deren Integration, fördert die Arbeit des internationalen Heiler-Netzwerks World-Wide-Healer-Forum und koordiniert Veranstaltungen, Publikationen und Kontakte weltweit. Ethnomed unterhält ein eigenes ethnomedizinisches Archiv mit Bibliothek

Literatur:
„Wanderer zwischen den Welten – Schamanismus im neuen Jahrtausend“ ist eine Dokumentation des gleichnamigen Weltkongresses in Garmisch-Partenkirchen aus dem Jahr 2000. Das „Handbuch der Ethnotherapien“ entsteht anlässlich der diesjährigen Konferenz.
Der "Ethnomed-Info-Rundbrief" kann angefordert werden.

Kontakt:
Ethnomed Institut für Ethnomedizin e.V.Melusinenstraße 2,
D-81671 München, Telefon/Fax (089) 40 90 81 29
ethnomedizin@web.de
http://www.institut-ethnomed.de




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Schilk, Jochen

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