Elisabeth Gründler führt in das »Geldsystem der Zukunft« des Bank- und Geldfachmanns Bernard Lietaer ein
Angst ist ein Grundgefühl, das fast jeder moderne Mensch mit Geld verbindet – die Angst den Arbeitsplatz zu verlieren, die Raten für das Auto, den Urlaub oder den Lebensstandard nicht mehr bezahlen zu können. Innovative Projekte leiden fast immer unter Geldmangel. Zinslasten und Schuldendienste nötigen Individuen und Gemeinschaften zu Handlungen, die sie sonst nicht gutheißen würden. Geld ist hierzulande für die übergroße Mehrheit der Bevölkerung immer knapp. Und auch diejenigen, die über genug Geld verfügen, haben vielleicht gerade deswegen größere Ängste um ihr Geld.
Zinsen sind ein untrennbarer Bestandteil unseres heutigen Geldsystems. Eine Wirtschaft ohne Zinsen ist uns kaum vorstellbar. Zinsen haben immer destruktive Wirkung – ein Grund, warum alle Hochreligionen diese Erscheinungsform der Geldwirtschaft verurteilen. Das Bild vom „Josefspfennig“ verdeutlicht dies: Hätte Josef bei Christi Geburt einen einzigen Pfennig zum geringen Zinssatz von 5% angelegt, dann hätte die Geldanlage im Jahr 1749 einen Wert erreicht, der dem einer Kugel Gold von der Größe der Erde entspräche. 1990 hätten sich die Zinsen auf 134 Milliarden Kugeln Gold von der Größe unseres Planeten summiert. Ein absurdes Bild, das die Destruktivität des exponentiellen Wachstums der Zinsen deutlich macht. Jedes Zinssystem führt zu einem gesellschaftlichen Ungleichgewicht: Der größere Teil der Gesellschaft wird immer ärmer, ein kleiner Teil immer reicher. Aus diesem Grund kannten antike Gesellschaften regelmäßige Entschuldungsjahre. Damit wurde das gesellschaftliche Gleichgewicht wiederhergestellt.
Der Homo Oeconomicus ist eine Fiktion
Zinsen ermöglichen das Horten von Reichtum in Form von Geld und machen kurzfristiges Denken profitabel. 100 Euro heute, diskontiert mit 10% pro Jahr, sind in 100 Jahren – auch ohne den Faktor Inflation – nur noch sieben Cent wert, in 200 Jahren sogar nur noch 0,000003 Euro. Langfristiges Denken, Planen und Handeln rentiert sich nicht. Aus diesem Grund dominieren die in diesem System reich gewordenen Länder die weltweite Ökonomie und setzten wider besseres Wissen die Lebensgrundlage der künftigen Generationen aufs Spiel. Unser Geldsystem unterstützt die Werte des Habens, der Aneignung und des Besitzens. Der von Adam Smith postulierte Homo Oeconomicus, der rein rational handelnde Mensch, der bis heute allen wirtschaftswissenschaftlichen Theoremen zugrunde liegt, ist eine Fiktion. Das kann man regelmäßig an jedem Aktienmarkt mit seinen Boom-and-Bust-Zyklen studieren. Knappheit, Gier und Habenwollen schienen Adam Smith so normal, dass er sie zu natürlichen menschlichen Eigenschaften stilisierte und zum einzigen Motor wirtschaftlichen Handelns erhob. Die rationale Wissenschaft mit ihrer Leugnung von Gefühl und Intuition stützt diese Form des Wirtschaftens und bildet die Grundlage unseres herrschenden Geldsystems, das wir einzig und allein als „normal“ empfinden. Yang-Währungen nennt Bernhard Lietaer diese Zentralbankwährungen, zu denen auch der Euro und der Dollar gehören.
Geld als Vereinbarung
Geld ist kein Ding, sondern eine Vereinbarung, so die These Bernard Lietaers. Geld ist die Übereinkunft einer Gemeinschaft, „Etwas“ als Zahlungsmittel zu verwenden. Das können Banknoten sein, Getreide, Vieh, Edelmetall oder auch Tontäfelchen, wie im Ägypten der Pharaonenzeit. Für die Geldqualität dieses „Etwas“ ist entscheidend, dass die Beteiligten die Vereinbarung anerkennen. Dies tun sie, indem sie das Zahlungsmittel akzeptieren. Wird die Vereinbarung von einem Teil der Gesellschaft aufgekündigt, tritt ein anderes Zahlungsmittel an dessen Stelle. Das war das Schicksal der DDR-Mark längst vor der Wende, als die kapitalistische D-Mark zur begehrten Zweitwährung wurde.
Mit dieser Definition von Geld als Vereinbarung befinden wir uns auf der Ebene der gesellschaftlichen Beziehungen. Der Absturz ist jäh – aus den lichten Höhen der Rationalität, wo wir die Dinge machen, kontrollieren und mit Vernunft beherrschen, in die Abgründe menschlicher Emotionen. Geld ist nicht wertneutral, so die These von Bernard Lietaer, sondern hat immer etwas mit Macht und Herrschaft zu tun. Unser Geldsystem mit seinem Zinsmechanismus entscheidet darüber, ob viele Menschen in Armut leben und ob sich der Reichtum in den Händen Weniger sammelt.
Geldsysteme in matristischen und patriarchalen Gesellschaften
Die Entstehung des Geldes verliert sich im Dunkel der Vorgeschichte. Wir kennen nur die Artefakte, die die Jahrtausende überdauert haben, und die Symbole, die heute noch unsere Münzen und Geldscheine zieren. Geld ist vermutlich das älteste Informationssystem der Welt, älter als die Schrift, die zur Kommunikation im Fernhandel geschaffen wurde. Geld kam schon im steinzeitlichen Europa in Gebrauch – in Gesellschaften, die noch matrifokal, d.h. mutterzentriert organisiert waren und die der Großen Göttin in ihren zahlreichen Erscheinungsformen huldigten. Bernstein, wertvoller als Gold, diente als Zahlungsmittel im Fernhandel. Das fossile Harz galt als „Tränen der großen Mutter“ und wurde mit dem Urozean in Verbindung gebracht, aus dem alles Leben entstanden sei. Für die patriarchal organisierten Griechen wurden daraus die Tränen des Apoll. In diesen frühen Anfängen zeigte sich bereits der Archetyp der Großen Mutter, dieser Teil des kollektiven Unbewussten, der für Fülle, Reichtum, Fruchtbarkeit und Leben steht. Unter dem Tempel der Juno, mit Beinamen Moneta, wurden die römischen Münzen geprägt. Juno war eine alte italische Gottheit, die von den Römern – insbesondere den Römerinnen – als Göttin des Reichtums sowie aller Aspekte der Fortpflanzung verehrt wurde. Von dem Namen dieser Göttin leitet sich das englische Wort money ab, ebenso wie die deutschen „Moneten“ und „monetarisch“ und: monnaie (frz.), moneda (span.), moneta (ital.). Der Begriff pecus, lateinisch „das Vieh“, das vielen Gesellschaften weltweit als Zahlungsmittel und Verrechnungseinheit – eben als Geld – diente, und der noch in unserem Wort „pekuniär“ („Geld betreffend, geldlich“) steckt, ist kulturell weltweit mit dem Aspekt des weiblichen Archetyps verbunden: In Ägypten tritt von der ersten Dynastie an die Kuhgottheit Hathor auf; eine weiße Büffelfrau findet sich in amerikanischen Indianerkulturen, die Hindu-Gottheit des Reichtums und des Wohlstandes wird symbolisiert durch eine Kuh. Die griechische Sagengestalt Europa erreichte den neuen Kontinent, dem sie den Namen gab, auf dem Rücken eines Stiergottes – insofern steht auch der Euro, vom Namen her, mit dieser Symbolik in Verbindung. Wie erklärt sich der Wechsel von Reichtum, Fruchtbarkeit und Fülle des weiblichen Archetyps zur Angst vor Knappheit und Verlust und der Gier nach mehr – das in unserer Kultur vorherrschende Geldgefühl, das die westliche Kultur prägt? Archetypen, repräsentiert als Bilder, Gottheiten oder Symbole, sind die menschlichen Grundenergien, die jeweils bestimmten Gefühlskomplexen zugehörig sind. Die Archetypen des Magiers und des Kriegers, der Großen Mutter und des Liebhabers, des Herrschers und der Herrscherin sind fast jeder menschlichen Kultur eigen und finden ihren Ausdruck in Berufen, Rollen und gesellschaftlichen Organisationen. Je nachdem, in welchem Ausmaß sie gewürdigt und gelebt werden dürfen, prägen sie die Kultur. Ein Archetyp, der nicht geachtet, sondern ausgegrenzt und verdrängt wird, verschwindet von der Oberfläche, d.h. aus dem Wachbewusstsein und dem öffentlichen Raum. Er wird zum Schatten. Die Schatten eines Archetyps sind dessen entgegengesetzte Gefühle: Das Gegenteil von Fülle, Reichtum, Überfluss, Großzügigkeit – die Eigenschaften des Archetyps „Große Mutter“ – sind Knappheit und Gier. Der Schatten lebt fort im kollektiven Unbewussten, von wo aus er zerstörerisch in der jeweiligen Kultur wirkt.
Wohlstand durch Demurrage-Währung
Gesellschaften, die den Archetyp der Großen Mutter würdigten, lebten im Wohlstand. Sie entwickelten Geldsysteme, die unseren heutigen diametral entgegengesetzt sind. Das Ägypten der Pharaonenzeit zum Beispiel, kannte zwei Währungssysteme, die nebeneinander existierten und sich ergänzten. Eine knappe Währung aus Edelmetall (z.B. Goldringen) wurde ausschließlich für den Fernhandel benutzt, also für den Gütertausch mit anderen Gesellschaften. Außerdem gab es ein internes Zahlungsmittel, nämlich Getreide, das Hauptprodukt Ägyptens, von dem große Überschüsse erzeugt wurden. Da es als Zahlungsmittel schlecht zu transportieren und zu handhaben war, wurde es gelagert, und die deponierte Menge wurde durch Tontäfelchen symbolisiert. Diese zirkulierten als lokales Zahlungsmittel und waren nur in Ägypten als Währung akzeptiert. Sie dienten als Geld auf den örtlichen Märkten. Da Getreide als Naturprodukt vergänglich ist und Lagerkosten verursacht, war das Geld mit einer Demurrage belegt, einer „Schwundgebühr“: Wer seine Tontäfelchen in Getreide zurücktauschen wollte, erhielt etwas weniger, als er Monate zuvor geliefert hatte. Die Gebühr war abhängig von der Zeit, die seit der ersten Transaktion verstrichen war. Eine Demurrage macht es sinnlos, Geld zu horten. Vielmehr wird es wirtschaftlich, solches Geld in dauerhafte Produkte des täglichen Lebens, in Infrastruktur oder sogar Kunst zu investieren. Nur soviel wurde in Ägypten zurückgetauscht, wie agrarwirtschaftlich notwendig war. Reichtum wurde nicht in Geld oder Edelmetall gehortet, sondern in Bewässerungssystemen oder Bauten angelegt. Eine Währung, die mit Demurrage funktioniert statt mit Zins, ermöglicht langfristiges Denken. Gold diente im Ägypten der Pharaonenzeit überwiegend kultischen Zwecken. Seine Funktion als Geld in Form einer Fernhandelswährung war von untergeordneter Bedeutung. Die interne Demurrage-Währung sorgte für ein gesellschaftliches Gleichgewicht. Yin-Währung nennt Lietaer in Anlehnung an das daoistische Yin-Yang-Konzept solche Geldsysteme, die mit einer Demurrage funktionieren. Lietaer macht die patriarchale Brille der Forscher dafür verantwortlich, dass Yin-Währungen in unserer Geschichtsschreibung so selten erwähnt werden. Wer sich kein anderes Geldsystem als ein von Zinsen geprägtes vorstellen kann, kann auch nur die antiken Edelmetall-Münzen als Geld werten. Für die kretisch-minoische Kultur wird man wahrscheinlich in naher Zukunft den Gebrauch einer Yin-Währung, symbolisiert durch Tontäfelchen, nachweisen können. Unsere heutigen Zentralbankwährungen, die mit Zinsen funktionieren, sind demnach Yang-Währungen. Yin-Währungen hat es auch in Europa gegeben: Vom 10. bis zum 13. Jahrhundert war ein lokal geprägtes Münzgeld wegen der Demurrage in Form regelmäßiger „Münzverrufungen“, d.h. Einzug und Neuprägung des Geldes, in schnellem Umlauf. Damit wurde die wirtschaftliche Aktivität breiter Bevölkerungsschichten ermöglicht. Mit der Demurrage-Währung wurden die Kathedralen gebaut, architektonische Mittelpunkte der Städte, die den gemeinschaftlichen Bedürfnissen der Bürger dienten. Dazu gehörten neben Messen und Gottesdiensten auch die Märkte. Diese Menschen dachten und planten für Generationen. Sie schufen Kunstwerke, die bis heute die Wissenschaft beschäftigen und Touristenströme anziehen. Lokales Bürgergeld, keine Zentralmacht, hat eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte hervorgebracht sowie einen Wohlstand für breite Schichten in Europa geschaffen, der sich bis heute nicht wiederholt hat. Langfristiges Denken und Investitionen in die Zukunft kennzeichneten das hochmittelalterliche Denken und Handeln. Die Rechtsstellung der Frauen war ausgesprochen gut. Kein Zufall, sagt Lietaer, dass in dieser Zeit der Kult der Schwarzen Madonna auftauchte, von Rom heftig bekämpft, und der Aspekt des Weiblichen, der Großen Mutter also, auch in der christlichen Religion wieder an Stärke gewann. Die meisten Kathedralen waren demnach der Maria geweiht, nicht eine einzige Christus, immerhin dem Hauptprotagonisten der abendländischen Religion.
Yin-Währungen haben Zukunft
In der Weltwirtschaftskrise der 20er- und 30er-Jahre tauchten die die Demurrage-Währungen als „Arbeitszettel“ oder „Notgeld“ wieder auf und ließen Inseln lokaler Aktivität und Blüte entstehen: im österreichischen Wörgel ebenso wie im kalifornischen Petaluma, um nur zwei Beispiele von hunderten zu nennen. Beendet wurden diese Experimente durch den starken Arm der Zentralmacht, oft per Gesetz, weil diese das Monopol der Zentralbank-Währung bedroht sah: In den USA durch den New Deal, in Deutschland durch die Machtergreifung der Nazis. Die wirtschaftliche Lösung der Krise war diesseits wie jenseits des Atlantiks die Wiederaufrüstung, die direkt in den Zweiten Weltkrieg mündete. Bewährte, von vielen Kulturen entwickelte gesellschaftliche Vereinbarungen lassen sich auf Dauer nicht unterdrücken. Die Menschen kommen immer wieder darauf zurück, und so sind die lokalen Yin-Währungen wieder im Kommen. Es sind Geldschöpfungen der Bürger, die in diesem System am Rande stehen und für die die herrschende Zentralbank-Währung zu knapp ist, um damit wirtschaftlich zu überleben: Die LETS-Systemen, „Local Exchange Trading Systems“, wurden 1983 in Kanada erfunden. Heute gibt es weltweit mehr als 2000 solcher lokaler Währungen. Im krisengeschüttelten Argentinien gibt es hunderte Variationen selbstgeschöpften Geldes, das auf lokalen Märkten zirkuliert und von selbstorganisierten Institutionen ausgegeben wird. In den USA werden Komplementärwährungen bereits staatlich gefördert: Ein Bundesgesetz garantiert allen wirtschaftlichen Transaktionen in „Time Dollar“ Steuerfreiheit. In vielen US-Bundesstaaten werden kommunale Mittel eingesetzt, um Time-Dollar-Systeme einzurichten.
Vision einer gerechten Weltwährung: die globale Yin-Währung „Terra“
Bernard Lietaer will die von Zentrabanken gesteuerten Yang-Währungen nicht abschaffen, sondern nur deren Geldmonopol. Neben die Zentralbankwährungen sollen – so wie Yin und Yang gemeinsam das Ganze bilden –, komplementäre Yin-Währungen treten: LokaleWährungen, die ein wirksames Mittel gegen die Arbeitslosigkeit bilden könnten, sowie eine globale Währung, die Terra heißen soll. Die neue weltweite Yin-Währung Terra soll nicht wie im antiken Ägypten an ein Produkt gebunden sein, sondern an einen Warenkorb von gängigen Rohstoffen und Hauptprodukten – so wie es von namhaften Wirtschaftswissenschaftlern seit Jahrzehnten gefordert wird. Die Terra-Währung wäre mit einer Demurrage belastet und inflationssicher. Sie würde den internationalen Handel auf eine stabile, gerechte Grundlage stellen. Terra könnte elektronisch zirkulieren wie bereits heute 98 Prozent allen Geldes – technisch ist das kein Problem. An die Stelle des globalen Ungleichgewichts zwischen Arm und Reich könnte ein Gleichgewicht im Sinne des Dao treten. Lietaer ist Optimist. Er hält es für möglich, dass wir uns unserer tiefliegenden Gefühle, die mit unserem Geldsystem verbunden sind, bewusst werden und auch über unser Geldsystem die Zukunft menschenwürdiger gestalten können. ´
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