Eine ethnobotanische Skizze von Florian Rubner
Vielleicht begegnet er uns auf einem Spaziergang an einem sonnigen Herbstnachmittag. Wir schenken ihm ein bewunderndes Lächeln, in das sich eine Spur Ehrfurcht mischt, denn wir erinnern uns an die seltsamen Geschichten, die wir über ihn gehört haben. Jedermann kennt ihn als augenfälligen, aber streng zu meidenden Waldbewohner, als Glücksbringer und Märchenillustration: den Fliegenpilz. Das charakteristische Merkmal von Amanita muscaria ist der rote, mit weißen Flecken oder „Warzen“ gesprenkelte Hut. Diese „Warzen“ sind eigentlich die zerrissenen Reste der Vulva, die äußere Hülle des „Eis“, aus dem er sich entwickelt. Vor seiner Entfaltung, die äußerst schnell vor sich gehen kann, sieht der Fruchtkörper aus wie ein im Erdboden vergrabenes Ei, und tatsächlich war „Ei“ einer der ältesten semitischen Namen für diesen Pilz. Seine Vulva war für die Menschen einer von vielen rätselhaften Wesenszügen des Pilzes. Er schien nicht auf normale Art und Weise befruchtet zu werden, denn er hatte scheinbar weder Samen noch Wurzeln und war in der Tat eine ganz einzigartige Spezies unter den Gewächsen der Natur. Viele Mythen und Geschichten entstanden um den Fliegenpilz. In der nordischen Mythologie wurde die Verbreitung des Pilzes mit dem Donnergott Thor, aber auch mit Odin/Wotan, dem Gott der Ekstase und der Erkenntnis, in Verbindung gebracht. Es hieß, dort, wo ein Blitz einschlägt, wächst ein Fliegenpilz. Eine andere Erklärung geht auf den Ritt Odins mit seinem Gefolge zur Wintersonnenwende zurück. Überall dort, wo der Geifer aus dem Maul von Odins Pferd auf die Erde tropft, werden im nächsten Herbst Fliegenpilze aus dem Boden schießen. Der Mönch und Botaniker Albertus Magnus beschrieb 1256 in seinem Werk „De vegetabilibus“ den „tuber muscarum“ bzw. „fungus muscarius“ als Giftpilz. Dieser Fliegenhöcker oder Fliegenpilz wurde als natürliche Fliegenfalle verwendet. Der Arzt Johannes Hartlieb bezeichnete den Fliegenpilz 1440 in seinem „Kräuterbuch“ als „mucken swamm, zu latein muscinery“, der die „mucken“ tötet. Die Pilze wurden dazu in Milch oder Zuckerlösung eingeweicht oder gekocht und dann aufgestellt, um die Fliegen anzulocken und außer Gefecht zu setzen. Diese Methode ist in manchen ländlichen Gegenden noch heute bekannt. Die Fliegen werden durch die Wirkung des Fliegenpilzes betäubt und müssen dann ertrinken. Der Volksmund gab diesem eigenartigen Geschöpf verschiedene Namen, unter anderem auch Krötenstuhl. Man brachte die Giftigkeit des Fliegenpilzes mit Schlangen, Kröten und Salamandern in Verbindung. Im Mittelalter existierte die Vorstellung, dass, wenn sich eine Kröte auf den Pilz setzt oder sich eine Schlange oder ein Salamander um den Fliegenpilz ringelt, ihre giftigen Sekrete an den Pilz „ausgeschwitzt“ werden. Wahrscheinlich kennen diese Tiere den betäubenden Effekt des Fliegenpilzes auf Insekten, und warten deshalb in Nähe des Pilzes auf leichte Beute? Einen weiteren Aspekt birgt die Bedeutung der Fliege im Mittelalter. Die Fliege war eine Gestalt der Krankheitsdämonen und wurde oft mit dem Teufel in Verbindung gebracht. Wenn man „Fliegen im Kopf“ hatte, war man wahnsinnig oder „ver-rückt“. Daher rührt vermutlich auch der Name Narrenschwamm. Doch lässt diese Bezeichnung noch eine andere Deutung zu, die mit den psychoaktiven Effekten des Pilzes auf den Menschen zusammenhängt. Denn was einerseits die Fliegen betäubt, kann dem Menschen auf der anderen Seite zum „Fliegen“ verhelfen. In anderen Kulturen finden sich Anzeichen für einen profanen, aber auch rituellen Gebrauch des Fliegenpilzes. Im traditionellen Schamanismus in Sibirien wurden Fliegenpilze zur Unterstützung der Trance und für Heilzeremonien verwendet. Nach der Überlieferung der Korjaken entstanden die Pilze aus dem Speichel des höchsten Gottes. Die getrockneten Pilze wurden eingenommen, um mit den Ahnen oder Geistern Kontakt aufzunehmen und in andere Welten zu reisen. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass der Fliegenpilz tödlich sei, wenn der Mensch dessen richtigen Gebrauch nicht kenne, doch wie steht es wirklich um seine Giftigkeit? Der Mediziner Ralph Cosack belegt, dass nur 1–2% aller Pilzvergiftungen auf die Amanitagifte zurückzuführen sind, wovon wiederum nur ca. 5% tödlich verlaufen. Die Ethnologin Alexandra Rosenbohm, die sich mit dem Gebrauch des Fliegenpilzes in Sibirien beschäftigt, weist auf die symbolische Bedeutung seiner „tödlichen“ Wirkung hin: Nicht der leibliche, sondern der geistige Tod eines Menschen ist gemeint, wenn die Schamanen sich die Wirkung des Pilzes bei ihren Ritualen zunutze machen. Die außergewöhnlichen Erfahrungen des Fliegenpilz-Rausches (um den Preis vorübergehend enormer körperlicher Beeinträchtigungen) sind es, die als geistige Wiedergeburt empfunden werden und deshalb den Pilz für den Menschen so interessant und gefährlich machen. Im mittel- und nordeuropäischen Volksglauben brachte man den Fliegenpilz oft mit geheimnisvollen Wesen, wie Elfen, Hexen, Kobolde oder Zwerge, in Verbindung. Elfen feiern ihre großen Feste unter Pilzhüten, Zwerge wohnen meist in Fliegenpilzen. Wachsen an einer Waldlichtung besonders viele Pilze im Kreis, so ist es ein Tanzplatz der Hexen. In Märchen wird oft davon berichtet, wie Menschen durch den Genuss von „Zwergen- oder Elfenwein“ starke Bewusstseinsveränderungen erfahren; man könne dadurch Kontakt zu den Naturgeistern bekommen und die Natur aus einem anderen Blickwinkel erleben. Tatsächlich biegt sich der Pilzhut im Endstadium seiner Entwicklung becherförmig nach oben. In diesem Kelch werden sowohl Tau als auch Regentropfen aufgefangen, und es entsteht ein natürlicher Kaltauszug aus dem Fliegenpilz. Ist man nun ein Glückspilz und findet auf seinem Spaziergang so einen Zwergenkelch, könnte man einen Schluck daraus zu sich nehmen. Der Effekt wird bestimmt nicht so stark sein, wie für eine Fliege, möglicherweise erfährt man jedoch eine sehr subtile Veränderung der Wahrnehmung. Wer mehr über den Fliegenpilz erfahren möchte, dem lege ich das Buch „Der Fliegenpilz – Traumkult, Märchenzauber, Mythenrausch“ von Wolfgang Bauer, Edzard Klapp und Alexandra Rosenbohm ans Herz (AT Verlag). Darin sind von Ethnologen, Kulturhistorikern, Medizinern, Religionsforschern und Pilzverehrern eine Menge Fakten und Theorien zusammengetragen, die dazu beitragen können, das Phänomen „Fliegenpilz“ genauer zu verstehen. ´
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