Leila Dregger berichtet über ein Nahost-Friedenscamp in Portugal
Nirgends sonst scheint die Situation so verfahren, geschichtlich so belastet zu sein wie im „Heiligen Land“. Selbst die Friedensinitiativen der beiden Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber. Wie sät man einen Samen des Friedens in einer Region, die im Kreuzfeuer so vieler widerstreitender Interessen liegt? Wie findet man Verständigung nach einer so langen Geschichte von Konflikt, Leid und Rache? Drei Wochen lang beherbergte das „Heilungsbiotop“ Tamera in Portugal ein Friedenscamp für den Nahen Osten. Hier wurden alle Ebenen des Konflikts sichtbar und spürbar, und ganz allmählich – weit weg vom Krisenherd – entstand untereinander etwas, das Friede am dringendsten braucht: eine menschliche Basis des Vertrauens.
Die Augustsonne hat die Wiesen zu einem goldenen Braun verbrannt; im Schatten der Olivenbäume drängen sich Schafe und hier und da ein Esel; nur in feuchten Talecken blühen üppige Gärten. Viele fühlen sich wehmütig erinnert – an ein freies Israel, ein freies Palästina. „Es ist wie nach Hause zu kommen“, sagt Nicola Mukaker aus Beit Jalar. „Das hier könnte auch der Weg zu unserem Garten sein.“ Diesen allerdings hat der Palästinenser seit zwei Jahren nicht gesehen. Seit Beginn der zweiten Intifada im Oktober 2000 ist Beit Jalar besetzt; Ausgangssperren und Abriegelungen verhindern die Mobilität der Palästinenser. Die Kinder können nicht auf den Spielplatz, die Arbeiter nicht in den Betrieb, die Familien nur selten einkaufen. Nicola und seine Frau Faten Mukaker, beide zur christlichen Minderheit gehörend, sind zwei Teilnehmer des Nahost-Friedenscamps im südportugiesischen „Heilungsbiotop 1 Tamera“, einer Modellsiedlung und Forschungsstätte der internationalen Friedensbewegung. Ihre Gastgeberin ist Sabine Lichtenfels, die Gründerin von Tamera, und das Institut für Globale Friedensarbeit (IGF). Etwa 50 Friedensaktivisten sind gekommen – aus Israel, Palästina, aber auch aus der Schweiz, Deutschland, Indien, den USA sowie die ansässigen Studenten der Friedensschule Mirja. Alle haben einen unterschiedlichem Hintergrund, teilen aber den gleichen Wunsch: Frieden im Nahen Osten und allen Gebieten der Erde. Die Liste der erwarteten Teilnehmer ändert sich täglich. Denn wer aus Palästina kommt, dessen Staatsangehörigkeit gilt als „ungeklärt“ – und entsprechend schwierig ist es, ein Visum zu erhalten.
Eine Basis des Vertrauens zu schaffen, beginnt damit, dass man einander zuhört. Wir, der Ring der internationalen Zeugen, geben den Menschen aus den betroffenen Regionen unser Ohr – und hören fast unerträgliche Geschichten des Schmerzes, Geschichten von Vertreibung und Heimatlosigkeit, von Tod und Leid, aber auch Geschichten von Tapferkeit und vom unzähmbaren menschlichen Willen zum Frieden.
Einander zuhören
Faten Mukaker spricht zum ersten Mal vor einem Publikum, in dem auch Israelis sitzen. „Nichts ist mehr heilig im Heiligen Land!“ berichtet die 48-jährige Mutter von vier Kindern. „Wir wissen nicht mehr, was wir den Kindern zu essen geben sollen. Die Jugend hat keine Gegenwart und keine Zukunft. Wir werden als Menschen zweiter Klasse behandelt, und die Öffentlichkeit schweigt. Monatelang wurden wir bombardiert, und die Friedensbewegung tut nichts.“ Sie zeigt die Karte Israels zur Zeit des Abkommens von Oslo: „Die Gebiete, die uns versprochen wurden, sind wie ein Schweizer Käse – und auch die werden jetzt noch bombardiert.“ Die Israelin Hagit Ranaan aus Jerusalem von der World Peace Prayer Society ist mit einer ganz anderen Landkarte aufgewachsen: „Sie hing an der Wand meines Vaters; da sah man das winzige Israel, umringt von riesigen arabischen Ländern, und nur dieses kleine Stück Land sollte die Heimat all der Juden auf der Welt sein?“ Dann verlor Hagit im Libanon-Krieg ihren Mann, der von einem Palästinenser erschossen wurde, und in Folge des Schocks erlitt sie eine Fehlgeburt. „In diesem Moment beschloss ich, mein weiteres Leben nicht der Rache zu widmen, sondern dem Frieden. Ich beschloss, in Zukunft Mutter für alle Kinder der Welt zu sein und mitzuhelfen, dass sie in Frieden aufwachsen können.“ Aus solchen persönlichen Entscheidungen entsteht eine Friedensarbeit abseits der zerstrittenen politischen Gruppierungen. Seit vielen Jahren führt die Israelin ihre Landsleute in palästinensische Flüchtlingslager, damit sie die Realität der Besetzung kennen lernen, und führt israelische und palästinensische Kinder und Jugendliche zum Austausch zusammen. Tag für Tag dringen wir tiefer vor zu den menschlichen, religiösen, politischen und kulturellen Wurzeln des Konflikts. Die erste Schicht der Fremdheit ist bald gewichen, aber in gleichem Maß kommen auch die unversöhnlichen Aspekte zu Wort. Es könnte Streit entstehen in diesen Diskussionen, wären da nicht die kleinen Begegnungen am Rande, die gemeinsame Musik, Tanz, gemeinsame Mahlzeiten, die langsam eine Atmosphäre der Gemeinsamkeit aufbauen. Langsam wird es zu einer Erfahrung für alle: Friedensverhandlungen kann es nur auf einer menschlichen Basis des Vertrauens geben.
Unterschiedliche Perspektiven
„Israel ist eine Kolonialmacht“, sagt der israelische Journalist Gideon Spiro. „Und wie alle Kolonialmächte unterdrückt es die besetzten Völker und missachtet die Menschenrechte.“ Innerhalb der israelischen Friedensbewegung nimmt Spiro eine radikale Außenseiterposition ein. Nachdem er als Kind aus Deutschland emigrierte, wuchs er im Kibbuz auf und war als Soldat im Sechstage-Krieg überzeugt von der Sache Israels. Erst die Begegnung mit arabischen Zivilisten und mit deren panischer Angst vor ihm erschütterte sein Weltbild. Schließlich, im Libanon-Krieg, verweigerte er den Militärdienst – in Israel steht darauf Gefängnis. „Wir Juden haben die Lektion aus dem Holocaust nicht richtig gelernt. Statt uns unter allen Umständen für die Menschenrechte einzusetzen, haben wir im eigenen Land ein System der Apartheid aufgebaut. Rassismus wird nicht schöner, wenn er jüdisch wird.“ Aber auch von der palästinensischen Autonomiebehörde ist er enttäuscht: „Sie hatten die Chance, erstmals in dieser Region eine arabische Demokratie aufzubauen. Statt dessen entstand eine absolutistische und korrupte Herrschaft. Ich fordere euch Palästinenser auf, eure eigene Regierung offensiver zu kritisieren.“ Der Palästinenser Noah Salameh verbittet sich jede Bevormundung von israelischer Seite. Allerdings war genau die Kritik an seiner Regierung der Grund, seinen Job als Public Relations Manager der Autonomiebehörde zu quittieren. Der 50-Jährige stammt aus einer Bauernfamilie, die kurz vor seiner Geburt vom israelischen Militär gewaltsam aus ihrem Heimatdorf vertrieben worden war. Die ersten 15 Jahre seines Lebens verbrachte er im Flüchtlingslager; dann schloss er sich einer Widerstandsbewegung an, wurde als 17-Jähriger verhaftet und verbrachte weitere 15 Jahre im Gefängnis. Er begann zu studieren, las westliche Philosophen, Kant, Hegel, Marx und Sartre, und kam mit einer ganz anderen Welt in Berührung. Er witterte Freiheit, verließ seinen muslimischen Glauben, aber nicht den Einsatz für sein Volk. Er fand heraus, dass es auch gewaltfreie Wege des Widerstands gibt, und wurde Berater für friedliche Konfliktlösung, wofür er auch ein Zentrum in Bethlehem betreibt. Vor einigen Wochen verkündigte seine zwölfjährige Tochter, ein Selbstmordattentat begehen zu wollen. Entsetzt fragte er nach. „Ich will etwas für mein Land tun. Welche Chance haben wir denn sonst noch?“ antwortete sie. „Die Selbstmordattentate unserer Jugendlichen sind letzte Verzweiflungsschreie“, meint Noah Salameh.
Einige der Israelis sind nicht einverstanden mit diesen Aussagen. „Es klingt so, als trage allein Israel Schuld an dem Konflikt. Niemand kann sagen, dass nur eine Seite Schuld an dem Konflikt hat. Und schließlich müssen wir auch die internationalen Verflechtungen sehen.“ Genau davon handelt ein ganzer Vormittag: von den Zusammenhängen der militärischen und wirtschaftlichen Globalisierung und den Interessen der Wirtschaftsgroßmächte am Nahen Osten. „Israel ist für die USA der Fuß in der Tür im Nahen Osten. Und die Palästinenser sind Geiseln im Krieg um Öl“, ist das Fazit der Friedensforscherin Ellen Diederich aus Oberhausen. Umfassende Zahlen über Militärbewegungen und Wirtschaftsabschlüsse belegen ihre Aussagen.
Das kollektive Unbewusste heilen
Eine ganz andere Herangehensweise, den Konflikt zu verstehen und zu lösen, haben die beiden katholischen Nonnen Marie-Christine Eggers und Regula Tanner vom Baseler Katharinenwerk. Die seelische Wurzel für den Konflikt liegt für sie im nicht geheilten Trauma des Holocaust. „Für mich als Deutsche ist der Holocaust ein immerwährender Schmerz“, berichtet Schwester Marie-Christine. „Nach einem Besuch in Auschwitz erkannte ich, dass ich das Schuldgefühl transformieren kann, indem ich mich für Heilung und Menschenrechte einsetze. Juden und Deutsche brauchen einander, um das Trauma zu heilen. Es gibt aber kein Verständnis für das Leiden der anderen Seite, solange das kollektive Unbewusste nicht geheilt ist.“ In Begegnungen von Juden, Deutschen und Palästinensern öffnen sie sich für die Heilung des kollektiven Traumas, das Menschen zu Marionetten für Hass und Rache macht. In den arabischen Geschichtsbüchern gibt es so etwas wie den Holocaust nicht. „Schon oft habe ich gedacht, woher kommt der Hass, mit dem z.B. Siedler auf Kinder schießen,“ sagt Faten Mukaker. „Ich konnte es erst verstehen, als ich das Holocaust-Mahnmal besucht habe. Aber was haben wir Palästinenser mit der Schuld der Deutschen zu tun?“ Immer wieder kommen bittere Gefühle an die Oberfläche; aber die internationalen Teilnehmer des Camps halten den Kreis, damit sich angestaute Wut und Verzweiflung nicht gegeneinander richten, sondern auf die gemeinsame Aufgabe der Verständigung. „Wenn hier Kräfte der Versöhnung frei werden, hat das Bedeutung für die Welt – mag dieses Camp noch so klein sein“, sagt Sabine Lichtenfels. Sichtlich bewegt von den Aussagen beider Seiten ist Brian Freund. Als jüdischer Amerikaner hat der 40-Jährige eine Militärkarriere in Amerika, Deutschland und Israel hinter sich. Erstmals setzt er sich direkt den Berichten der Opfer aus. „Das Leiden der jeweils anderen Seite zu sehen und sich der Tatsache zu stellen, dass auch sie Menschen sind – für mich ist dies der wichtigste Schritt zu tiefem Frieden.“ Eine Gruppe junger israelischer Araber steht mitten in dem Konflikt, ohne sich ganz der einen oder der anderen Seite zugehörig zu fühlen. Sie haben vor allem Interesse am Austausch mit anderen Jugendlichen, an den Zwischenräumen, an einem Leben ohne Krieg – gemeinsam Kochen, Musik machen, Malen und Sport, Gespräche über Lebensträume und die Liebe. Rabbi Jeremy Milgrom von den „Rabbis für Menschenrechte“ leistet Friedens- und Sozialarbeit in palästinensischen Flüchtlingslagern. Er berichtet von seiner Freundschaft mit einem Palästinenser im Flüchtlingslager Haida-Camp. Es dauerte lange, bis er mit ihm warm wurde. „Das Eis brach schließlich ganz unerwartet, und zwar als wir gemeinsam begannen, uns für eine Bevölkerungsgruppe einzusetzen, denen es noch schlechter ging, den Beduinen. Vielleicht brauchen wir etwas Drittes, was uns gleich viel wert ist, um Frieden zu schließen.“ Gemeinsam mit Sufi Sheikh Abdul Aziz Bukhari – ebenfalls Teilnehmer des Camps – tritt der Rabbi für einen interreligiösen Dialog ein. Sie möchten auf die Fundamentalisten beider Seiten Antworten geben und vertreten das Friedenswissen ihrer jeweiligen Religion.
Gemeinsame Gebete
Sheikh Bukhari hat als Sufi-Lehrer nicht nur islamische Schüler; der Sufismus steht auch Juden, Christen und Atheisten offen. Mit einfachen Worten zeigt der Scheich eine mögliche religiöse Alternative für fundamentalistische Religionsanhänger. Später leitet er eine Sufi-Meditation an. Die Worte „Es gibt keinen Gott außer Gott“ kommen nicht allen leicht von den Lippen. „Was ist denn mit dem heiligen Krieg?“ wird er gefragt. „Der gehört nicht zu den fünf Grundprinzipien des Islams“, betont der Sheikh. „Der Dschihad heißt: heilige Bemühung. Der wichtigste Dschihad ist der Kampf gegen das eigene Ego – Krieg ist damit nicht gemeint. Sich selbst oder andere umzubringen, wird von der überwältigenden Mehrheit der Moslems als Verbrechen betrachtet.“ An diesem Tag bleibt die Religion das zentrale Thema: Am Abend laden die Israelis zur Sabbat-Feier ein. Einige beteiligen sich voller Freude und Neugier, anderen sieht man den inneren Konflikt an. Für die Palästinenser war es das erste Mal, an einem jüdischen Gottesdienst teilzunehmen. „Wir respektieren euch und eure religiösen Gefühle“, sagt die Araberin Iptissam, „aber die Art der Gesänge und Tänze bringen wir automatisch in Verbindung mit den Siedlern, mit ihrem Hass uns gegenüber.“ Ein anderer der Palästinenser wundert sich: „So unschuldig sind sie in ihren religiösen Bräuchen? So schöne Gebete haben sie – fast wie Liebesgedichte.“ Rabbi Jeremy Milgrom ist ebenfalls bewegt: „Für mich war es ein Geschenk, wieder eine Sabbatfeier anzuleiten – ich danke Tamera für die friedliche Atmosphäre, in der das möglich war. In der belasteten Situation in Jerusalem tue ich das zur Zeit nicht.“ Nach einer Woche keimten die ersten Ideen für Zusammenarbeit. Eine Journalisten-Initiative für freien Informationsaustausch entsteht. Die Idee für ein Nahost-Woodstock mit arabischen und internationalen Pop-Künstlern mit dem Titel „Wir weigern uns, Feinde zu sein“ wird ausgeheckt. Und am Ende steht der Wunsch da, ein Friedensdorf aufzubauen, ein Dorf, in dem junge Menschen aus Israel, Palästina und verschiedenen Teilen der Welt zusammenleben wie hier in Tamera und eine gemeinsame Zukunft aufbauen. Um zu zeigen, dass es möglich ist: Das, was uns verbindet, ist größer als das, was uns trennt – der Hunger nach Frieden. ´
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