Damanhur – außergewöhnliches Experiment für eine spirituelle und soziale Lebensweise
Über Damanhur kursieren erstaunliche Nachrichten. Wir wollten es genauer wissen. Antar Ketan berichtet von zwei Besuchen in der „Stadt des Lichts“: Im ersten Teil im letzten Heft war es der spirituelle Sucher, der uns seine Eindrücke mitteilte. Im zweiten Teil hinterfragt er als „Working Guest“ Ökologie und soziale Beziehungen. Zwiespältig bleiben seine Bewunderung für die spirituelle Schaffenskraft einerseits und die Unzufriedenheit mit dem sozialen und ökologischen Verhalten andererseits. Positiv ist die Erfahrung, dass konstruktiv geäußerte Kritik Nachdenken und Veränderung bewirken kann.
Wenige Monate später – im Frühsommer 2002 – passiere ich wieder das schmiedeeiserne Tor mit den eigentümlichen Ornamenten. Diesmal sind die Arbeitsklamotten mit im Gepäck. Wieder gehe ich klopfenden Herzens zum WelcomeOffice. Wieder erkennt man mich. Alles ist vorbereitet. Ich erhalte die Wegbeschreibung zu einem abgelegenen Haus, wo „Zikade“ (die Damanhurianer geben sich Tiernamen, die Namen im Artikel sind jedoch frei erfunden, Anm. d. Red.) mich erwartet. Sie ist gebürtige Deutsche, lebt aber schon seit Jahren in Damanhur. Sie bringt mich zu den Campingwagen, die schattig unter Bäumen stehen. Der Blick geht weit übers Land. Nachdem ich meine Sachen eingeräumt habe, lege ich mich ein bisschen hin. Wie still es hier oben ist! Die Vögel singen vielstimmig, doch die Verkehrsgeräusche kommen nur aus weiter Ferne. Hier oben bin ich am Rand des „Heiligen Waldes“, unter dem sich die Tempelanlage befindet. Er wurde von den Damanhurianern ausgedünnt, so dass sich einzelne Baumpersönlichkeiten entwickeln können. Eine riesige Hornisse inspiziert eingehend meinen Wagen. Mein erster Impuls ist: Mit welchem Gegenstand könnte ich sie vertreiben, notfalls auch erlegen? Dann aber sage ich mir: Nein, das ist nicht der Weg. Hier lebt man in Frieden und Freundschaft mit der Kreatur. Ich denke intensiv: „Du Hornisse, dieser Wagen ist kein Platz für dich. Flieg raus und such dir was anderes!“ Die Hornisse schert sich nicht um meine Gedanken. Dann äußere ich die gleichen Worte mit deutlicher Stimme. Umgehend fliegt sie zur Tür hinaus. „Aha, also sagen, was ich will, nicht nur denken“, lerne ich. Ich schließe die Augen und falle in Entspannung und Halbschlaf. Gegen 20.30 Uhr finde ich mich zum gemeinsamen Abendessen der etwa 20-köpfigen Familie ein. Die Damanhurianer sind keine Vegetarier. So gut wie bei jeder Malzeit gibt es auch Fleisch. Von der eigenen Farm kommt wohl der Salat, und das Brot wird hier im Haus gebacken, doch ansonsten deutet nichts darauf hin, dass man in einem Jahr ernährungsmäßig autark sein wird. „Zikade“ bestätigt dies, als ich sie frage. Man habe aber eine Vereinbarung mit einer anderen Gemeinschaft getroffen und werde von dort mit biologischdynamischen Nahrungsmitteln beliefert.
Spirituelle Überheblichkeit undökologische Defizite
Am Tisch lerne ich zwei weitere Arbeitsgäste kennen: Gerd und Pat aus den USA. Gerd reist morgen ab. Er war viele Wochen hier und kann sich gut vorstellen, einmal Damanhur-Bürger zu werden. „Ohne einen starken spirituellen Führer kann eine Gemeinschaft nicht funktionieren“, stellt er fest. Am nächsten Morgen um Neun finden Pat und ich uns zur Arbeit ein. „Zaunkönig“ macht sich freundlich mit mir bekannt und sagt uns, was wir tun sollen. Pat weiß schon Bescheid. Mit zwei Heurechen laufen wir durch den Heiligen Wald. Überall sind große Spiralen, Labyrinthe und sonstige Figuren aus gelb, rot oder blau gefärbten Flusskieseln ausgelegt. Pat möchte von mir wissen, ob die Italiener etwas gegen Amerikaner haben. Sie fühlt sich behandelt wie eine kleine Ameise. Ich kann sie schon verstehen. Die Herzlichkeit und Unbekümmertheit, die Italien für mich zum Lieblingsland Europas gemacht hat, vermisse ich in Damanhur auch etwas. Sie scheinen die Nasenspitze doch ein bisschen nach oben zu heben gegenüber uns nicht oder nochnichtspirituellen Leuten. Und dass sie oft mehr Englisch können, als sie zugeben, das Gefühl hatte ich auch schon. Doch warum sollen wir Amerikaner oder Deutsche, die wir im Ausland meistens hofiert werden, nicht auch mal ein bisschen unterprivilegiert sein? Zwischen bewaldeten Hügeln kommt eine Wiese zum Vorschein mit komplizierten Steinlinien, die der künstlerischen Inspiration dienen sollen. In den letzten Monaten wurde sie mit einer Motorsense gemäht – ich beginne zu ahnen, welcher Arbeitsaufwand mit den offenbar nur äußerst selten begangenen Steinkreisen verbunden ist. Mähmaschinen kann man hier nicht einsetzen. Auch soll das Gras bis unmittelbar an die Steine geschnitten werden, was nur mit der Motorsense geht. „Tagelang war hier Lärm und Gestank“ schimpft Pat, „warum bringen sie nicht die Pferde her?“ Ich stimme ihr zu und würde es vollkommen einsehen, die Pferdeäpfel regelmäßig einzusammeln.
Vom Sinn und Unsinn der Arbeiten
Wir beginnen mit dem Rechen. Blauer Himmel, Sonnenschein, die Luft ist noch angenehm frisch. Das Heu duftet, ringsum singen die Vögel – ist es nicht ein Geschenk, hier sein zu dürfen auf diesem wunderbaren Fleckchen Erde mit einer leichten, gesunden Tätigkeit? Warum soll ich mir über Sinn oder Unsinn der Arbeit Gedanken machen? Vielleicht geht es ja darum, etwas zu tun, ohne zu wissen, wofür es gut ist. Hat nicht noch jeder Meister seine Schüler in der einen oder anderen Weise in die Absurdität geschickt? „Vielleicht arbeiten wir hier ja gar nicht am Heu, sondern an uns selber!“ rufe ich Pat zu. Ihr Groll hat sich auch gelegt. Wir beschließen, unsere Aufgabe sorgfältig auszuführen und verwenden zum Schluss noch einige Mühe darauf, den Heuhaufen eine schöne Form zu geben. Am nächsten Tag wechselt Pat in ein anderes Haus, so dass „Zaunkönig“ mit mir allein auskommen muss. Ich soll die Schlaglöcher im Fahrweg auffüllen – an diesem heißen Tag eine angenehme, weil im Schatten stattfindende Arbeit, meint „Zaunkönig“. Ich kann jedoch nur widerwillig darangehen. Wieso fahren hier so viele Autos? Das hat uns schon im Gästehaus genervt: Sie können die Autos nicht unten auf dem Parkplatz lassen und die paar Schritte hochlaufen. Doch Autos und Handys kann man den Italienern offenbar nicht wegnehmen, auch wenn sie Damanhurianer sind. Ein sympathischer, englischsprechender Italiener trifft ein, um mir zu helfen. Später übersetzt er mir einige Fragen an „Zaunkönig”: Ob er das gut findet, dass so viele Autos durch den Heiligen Wald fahren? Nein, natürlich nicht. Bloß: der Weg ist öffentlich, kann von jedem benutzt werden. Die Ausrede zieht nicht, da der Weg ausschließlich zu Damanhur-Häusern führt. „Das wird selten vorkommen, dass sich auch mal ein NichtDamanhurianer hierher verirrt.“ „Zaunkönig“ gibt es zu. „Und wenn ihr schon so viel durch euren Heiligen Wald fahrt, warum könnt ihr dann nicht wenigstens etwas langsam machen, wäre das nicht besser für die Pflanzen – und für den Weg auch? Ihr aber rast mit 40 Sachen durch die Schlaglöcher.“ – „Zaunkönig“ findet das auch nicht gut, doch was kann man machen? Ich finde man kann eine Menge machen, z.B. ein Schild „10 km/h“ aufstellen. Entsetzt weicht „Zaunkönig“ zurück. Ich sehe ihm an, dass es eine Strafe für ihn wäre, mit 10 Stundenkilometern dahinschleichen zu müssen. „Noch besser wäre es, da vorne einen Parkplatz anzulegen und Autos im Heiligen Wald ganz zu verbieten“, lege ich nach. Ich frage, was er davon hielte, statt der Motorsense die Pferde einzusetzen. Nicht viel: Die Pferde würden über den Zaun springen und den Salat im Garten fressen. Bloß: Es gibt hier gar keinen Garten, und wenn Pferde eine gute Weide haben, kommen sie gar nicht auf die Idee, auszubüchsen. „Gelegentlich werde ich mal mit ‚Hyäne‘ über diese Dinge reden“, schließe ich das Gespräch ab. „Hyäne“ verwaltet das Work-ExchangeProgram, und „Zaunkönig“ zeigt deutlich Wirkung, als ihr Name fällt.
Menschlich mag ich „Zaunkönig“ sehr und fühle mich auch von ihm über alle spirituellen Schranken hinweg angenommen. Doch wieso kann man nicht klar über Sachen sprechen, wieso immer erst mal Ausreden? Und auch seine Reaktion auf „Hyäne“ wundert mich. Ist das hier eine Firma mit Angst vor Vorgesetzten?
Pflanzenmusik
Am Nachmittag habe ich Gelegenheit, einem „Pflanzenkonzert“ beizuwohnen. Pflanzen musizieren zu lassen ist eine weitere Spezialität Damanhurs. Einfache Kontaktklemmen an Blatt und Wurzel nehmen elektrische Impulse, die von der Pflanze ausgehen, auf. Per Computer werden sie in diatonische Synthesizer umgesetzt. An einer Stelle im Heiligen Wald sind Lautsprecher und alle Apparate aufgebaut. Kabel gehen zu zwei Bäumen und einen Farn. Ja, und dann wird es hörbar: Tonkaskaden, stehende Klänge, kurze Impulse. Wenn man die Pflanze berührt, hat es offenbar eine Auswirkung auf ihre Signale. Unter den Hörern verbreitet sich eine leichte und heitere Stimmung. Die Veranstaltung endet mit einer meditativen Übung, in der ich mich sehr zu Hause fühle. „Bei längerem Zuhören wäre ich wahrscheinlich in einen tranceartigen Zustand geraten“, sage ich später zu „Zikade“. „Ja, die Pflanzen haben uns viel zu sagen“, doziert sie und lacht dann selber über diese lehrbuchmäßig geratene Aussage. Ich bin ihr so dankbar! „Zikade“ ist die einzige Person in der Familie, mit der ich mich unterhalten kann, und sie stellt mir dafür auch immer wieder einen Teil ihrer offenbar knapp bemessenen Zeit zur Verfügung. Für Falco (spiritueller Leiter von Damanhur, Anm. d. Red.) sei Meditation Aktivität, und danach richtet sie sich. Ich frage nach der Hauptaufgabe ihrer Familie: Sie sind zuständig für die Pflege der Steinkreise auf ihrem Gebiet, und außerdem bauen sie ein Restaurant auf. Das wundert mich. Ein Restaurant aufzubauen ist doch viel Arbeit. Wieso sieht man nichts davon, wieso werden Arbeitsgäste nicht kräftig dazu herangezogen? Nun, die Sache befindet sich noch in der Planungsphase. Ach so.
Anspruch und Wirklichkeit
Am nächsten Tag ist Großreinemachen im Haus wegen der bevorstehenden SonnenwendFeierlichkeiten. Wir fassen uns im Kreis. Eine liest satzweise einen gebetsartigen Text vor. Die anderen wiederholen im Sprechchor. Es klingt ziemlich katholisch. Nicht alle scheinen bei der Sache zu sein, schauen umher oder sind durch die Kinder abgelenkt. Genauso war es bei uns zu Hause beim Tischgebet auch! Dennoch entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl und eine Ausrichtung auf die gemeinsame Arbeit. Danach werden TarotKarten ausgelegt. Ich ziehe „Der Ausländer“. Na ja, das haut ja hin! Nun erscheint „Zaunkönig“ auf der Suche nach Arbeitskräften. Ich gehe wieder mit ihm. Wir sind zu Dritt heute. Maja und Rolf sind eingetroffen. Sie waren schon in einer anderen Familie, wo sie eine interessante handwerkliche Arbeit hatten. Die Arbeit, die „Zaunkönig“ uns nun gibt, ist umso unattraktiver: Mit Schubkarren und Gabeln geht es zur Wiese. Wir sollen das Heu holen und – neben der Straße den Abhang hinunter ins Gebüsch werfen! Ich denke, ich höre nicht recht. „Zaunkönig“ behauptet, es habe schon angefangen zu fermentieren, die Pferde würden aufplatzen, wenn sie es fräßen, und außerdem sei der Transportweg zu weit. Wir machen, was er sagt. Aber dieses wunderbare, überaus artenreiche Heu zum Verrotten ins Gebüsch zu werfen, schneidet ins Herz. Wie steht das im Einklang mit Liebe zu den Pflanzen, Respekt vor der Natur? Maja und Rolf sehen es genauso. Sie sind schon ziemlich abgetörnt von den Damanhurianern. So viele Widersprüche: „Kein Recyclingpapier in den Toiletten, Zucker und Butter in PortionsPackungen, etc. Den heiligen Baum berühren sie jeden Tag mit der Stirn, weil er mit den Naturgeistern in Verbindung steht, doch elementare ökologische Verhaltensregeln sind ihnen schnurz. Und Unsereinen sehen sie von oben herab an, weil sie ja soo spirituell sind!“ Ich frage die beiden, ob sie Vorbereitungen zur energetischen Autarkie im Jahr 2003 mitbekommen haben. Sie lachen. „Ein paar Häuser haben thermische Solarpanels, das ist alles.“ – Schade. Dennoch will ich den Stab noch nicht brechen. Vielleicht gibt es Hintergründe und Zusammenhänge, die wir als Außenstehende nicht so leicht einsehen können.
Fragen an die spirituelle Führung
Jedenfalls möchte ich erst noch Falco erleben. Mittwochs und Donnerstagsabends antwortet Falco öffentlich auf Zuhörerfragen. Ich bin wirklich gespannt. Wird ein Funke überspringen? „Zikade“ nimmt mich mit hinunter. Es gibt Kopfhörer mit simultaner Englisch-Übersetzung. „Aber auch wenn man seine Worte nicht versteht, erreicht er einen auf einer anderen Ebene.“ Ja, das kenne ich von Osho auch. Frühzeitig treffe ich in der Halle ein. Außen ist sie bemalt, innen aber nicht gerade liebevoll hergerichtet. Es herrscht Lärm und Unruhe. Ich warte auf meinem Stuhl. Irgendwann steigt jemand aufs Podium, ein älterer Herr trägt eine längere Frage vor, dann fängt Falco an zu reden. Nie und nimmer hätte ich ihn erkannt. Das einzige Foto, das man von ihm zu sehen bekommt, zeigt jemanden mit weichem Blick und sanft zur Seite geneigtem Kopf. Der dort vorne blickt hart, zumindest bestimmt, und entsprechend klingt auch seine Stimme. Ein jugendlicher Fünfziger, klein, drahtig, beweglich. Sein Erscheinungsbild ist völlig unprätentiös: Hose, Hemd, am Gürtel baumelt der Schlüsselbund. Er spricht sehr schnell und temperamentvoll. Es geht um Zukunftstechnologie: beim Telefonieren den Partner nicht nur sehen, sondern auch noch fühlen! Im Saal ist es heiß, die Leute fächeln sich Luft zu. Ich denke, er spricht vom Fühl-Telefon, und hier gibt es nicht mal einen Ventilator. Später stellt er das nächste große Projekt vor: Baumhäuser! Brücken und Stege, um vom einen zum andern zu gelangen, eine ganze Stadt in den Wipfeln! „Mit den Tempeln sind wir unter die Erde gegangen, nun werden wir uns über sie erheben, die leichte Energie der Luft erkunden, Kontakt mit unserer Tiervergangenheit aufnehmen.“ Ich muss schmunzeln. Das Besetzerdorf von der Startbahn West des Frankfurter Flughafens fällt mir ein. Auch den Darmahurianern traue ich zu, etwas Phantasievolles auf Bäumen zu kreieren. Doch warum gehen sie nicht auch einmal ganz normal auf die Erde? Warum werden nicht erst die Plastikplanen in unserem Essraum durch Fenster ersetzt? Warum hat die Sanitäranlage keinen Abfluss im Boden? Und vor allem: Warum wird nicht das äußerst sinnvolle Projekt, das mich hierhergebracht hat, nämlich die eigene Energieversorgung, realisiert, bevor man auf die Bäume geht? Wäre ein ökologisch optimales Wohnen auf der Erde vielleicht nicht interessant genug, um neugierige Besucher anzuziehen und die Damanhurianer bei der Stange zu halten? Und ob die Stadt in den Wipfeln gut für die Bäume wäre? Nein, da springt nichts über bei mir. Ich habe nicht die Antenne für Falco. Ich lasse es „Zikade“ wissen, als wir zurückfahren. Sie erzählt von den gelegentlichen Wettbewerben: Jeder musste einen Stuhl bauen. Falco möchte, dass seine Leute sich handwerklich helfen können. Es kamen originelle Kreationen dabei heraus. Oder von dem gegenwärtig laufenden Reisespiel: Plötzlich und unerwartet werden Leute abgezogen und auf eine Reise mit unbekanntem Ziel geschickt. Vielleicht müssen sie in einer abgelegenen Gegend ein paar Tage auf sich gestellt überleben oder in einer Stadt irgendwelche Aufgaben vollbringen – sicherlich alles Aktionen mit einem hohen Unterhaltungs- und auch therapeutischem Wert.
Für den nächsten Abend bereite ich eine Frage vor. Ich möchte von Falco wissen, ob das Projekt der eigenen Energieversorgung aufgegeben wurde oder in irgendeiner Form weiterverfolgt wird. Ich schreibe alles schön in Englisch auf, um es vor Beginn der Veranstaltung der Übersetzerin zu geben. An der Halle erfahre ich jedoch, dass Falco heute im Amphitheater spricht. Dort herrscht denn auch ein religiös festliches Treiben. Kerzen und Fackeln brennen, Musiker stimmen sich ein. Übersetzung per Funkkopfhörer gibt es hier nicht. Ich verliere die Lust, in dieser Situation meine Frage anzuschneiden, deren Antwort ich ja weiß und die nur gestellt wäre, um die Redlichkeit Falcos zu überprüfen. Warum experimentiere ich nicht selber mit Energieversorgung, statt andere in die Kritik zu nehmen? Falcos Auftritt verläuft wie üblich. Danach betreten drei junge Menschen die Bühne. Sie wollen als Bürger aufgenommen werden und legen nun öffentlich den Eid auf Damanhurs Verfassung ab. Lauter Jubel bei den Anwesenden. Man legt die Roben an. Je nach erreichter spiritueller Entwicklungsstufe sind sie weiß, rot, gelb oder (ganz selten) blau. Die Sonne ist mittlerweile untergegangen. Die Tempelsäulen heben sich vom Sternenhimmel ab. Ein riesiger, fast voller Mond schwebt rötlich zwischen Wolkenstreifen. Unten strömen und quirlen die verschiedenfarbigen Roben im Schein der Feuer und Fackeln her, hin und durcheinander. – Eine Szenerie von einmaligem Zauber! Ist dies Falcos Antwort auf meine Frage?
Vom Umgang mit Kritik
Am nächsten Morgen geht jedoch der Alltag weiter. Meine kritischen Ideen haben sich ein bisschen herumgesprochen. Eine Bewohnerin Damanhurs animiert mich, sie „Hyäne“ vorzutragen. Ich mache einen Termin aus und beginne mit der Geschichte vom Heu. „Ich habe gegen die Pflanzen, gegen die Natur gearbeitet, und durch das Ausfüllen der Schlaglöcher habe ich es ermöglicht, dass die Autos jetzt noch schneller durch den Heiligen Wald rasen. Damit bin ich nicht zufrieden“, fasse ich zusammen. Mitleidig sagt sie, dass ich bloß am allerersten Anfang des spirituellen Weges stehe. So kann ich die Hintergründe meiner Erfahrungen unmöglich verstehen. Als ich gehe, kommt mir „Zaunkönig” entgegen. Ob er wohl bei seiner Vorgesetzten vorreiten muss? Ich lasse mir Zeit, nehme ein Bad im kristallklaren Fluss, dessen Sand wie Edelstein glitzert. Als ich oben am Haus ankomme, muss ich mir die Augen reiben: An die 20 Leute sind emsig dabei, die große Wiese zu mähen und die dort befindlichen Steinkreise freizulegen. Mit Schubkarren wird das abgeschnittene Gras zur Pferdeweide gebracht. Ob „Hyäne“ das veranlasst hat? Ich laufe zu „Zaunkönig“. Er ist herzlich wie immer, von dem Gespräch mit „Hyäne“ aber nicht angetan. Ich finde gut, dass sich nun überhaupt mal was tut. Freudig greife ich mir ein Gerät und klinke mich in die Arbeit ein. Später erhalte ich noch einen Einblick in das, was ich als „Rückseite“ Damanhurs bezeichnen möchte, die denn doch sehr ernüchternd wirkt. Mir scheint, dass Damanhur seine Energie vollständig in den Tempeln verausgabt hat, so dass für den Alltag nicht mehr viel bleibt. Demgegenüber fühle ich mich der Vision verbunden, die in der Erde insgesamt den Tempel und in der Gestaltung des Alltags das Ritual sieht. Dass ich noch zu den Sonnenwend-Feiern bleibe, geschieht daher mehr aus Neugierde. Zur vorbereitenden Reinigung dient ein Vortrag: Die Tradition der Sonnenwendfeiern sei seit über 6000 Jahren nie abgerissen. Würde sie es, hätte dies das Nicht-mehr-Aufgehen der Sonne zur Folge. Der respekteinflößend auftretende Referent bezieht sich auf intergalaktische Königreiche und Fürstentümer und ergänzt seine Ausführungen durch geometrische Zeichnungen auf der großen Wandttafel. Bei der Durchführung des Rituals ist u.a. darauf zu achten, dass menstruierende Frauen sich im Norden des Kreises und etwas abseits aufhalten. Während ich dem Geschehen folge, kreisen meine Gedanken um „Priestertum“ und spirituelle Hierarchie überhaupt. Buddha, Jesus, Osho und andere kommen mir in den Sinn, die gegen die Institutionalisierung von Religiosität zu Felde zogen.
Frühzeitiger Abschied
Am Abend begegnet mir „Hyäne“: So viele Gäste würden kommen, es gäbe Probleme mit der Unterbringung. Ich schlage vor, morgen vorzeitig abzureisen. Sie ist froh und erleichtert. Als ich am nächsten Tag meinen „Gast“Sticker an der Rezeption abgebe, treffe ich nochmals die Bewohnerin, die mich zu „Hyäne“ geschickt hatte. Sie betont, wie gut es gewesen sei, dass ich dieses Gespräch geführt hätte und bedauert, dass ich schon ginge. Ich sage: „Damanhur ist nicht mein Weg.“ Sie nickt und sagt: „Damanhur ist nur für ganz wenige.” – „Genau“, sage ich, „und für die anderen gibt es andere Wege. Die Existenz ist so vielfältig.“ Sie stimmt zu, und wir verabschieden uns herzlich. ´
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