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Über uns
Impressum
Stadt desLichts- Ein Reisebericht von Antar Ketan, Teil I
erschienen in Ausgabe 123  PDF-Version (225.14 KB)
Damanhur – außergewöhnliches Experiment

Über Damanhur gibt es in den Medien immer wieder aufsehenerregende Berichte, die zum Staunen und Fragen Anlass geben. Wir wollten es genauer wissen und haben Antar Ketan gebeten, seine Erlebnisse, Erfahrungen und Reflexionen, die er bei zwei Besuchen in der „Stadt des Lichts“ sammeln konnte, für uns aufzuschreiben. Seine Berichte sind natürlich subjektiv, von seinen persönlichen Fragen und Interessen bestimmt – wie bei jedem von uns. Aber gerade das persönliche Erleben mit den Momenten von Begeisterung und Distanz, Angezogensein und Kritik scheint uns ein guter Weg, ein Phänomen wie Damanhur in aller Komplexität, Hoffnungsfreude und Widersprüchlichkeit nacherlebbar zu machen. In diesem ersten Bericht ist es der spirituelle Sucher, der uns seine Eindrücke mitteilt. In dem folgenden zweiten Bericht – in der nächsten Ausgabe – wird es der Working Guest sein,

Die Suche führt uns nach Damanhur. – Straßen-bau, Umleitungen – es ist nicht ganz leicht zu finden. Schließlich taucht in dem nicht unbelebten, aber doch rein ländlichen Vallchiusellatal in Nord-Italien ein Anwesen auf, an dessen Front die Fahnen diverser Staaten gehisst sind. Ein schmiedeeisernes Tor mit fremdartigem Design öffnet sich automatisch. Weiße Gebäude, farbenfroh mit riesigen Pflanzen und Blüten bemalt, werden sichtbar. Wir sind da.Herzklopfen hat sich eingestellt. Was wird uns hier blühen? Langsam nähern wir uns dem WelcomeOffice. Eine wunderschöne junge Italienerin begrüßt uns in bestem Englisch. Wir erinnern uns, dass wir vor wenigen Tagen miteinander telefoniert haben. Die Beklommenheit ist verschwunden.Die Übernachtung im Gästehaus kostet 38 Euro für zwei Personen. Da es kühl und regnerisch ist, lassen wir das Zelt im Sack und leisten sie uns. In einer Küche können wir eigene Lebensmittel zubereiten. Ansonsten gibt es – kommuneeigen – einen Naturkostladen sowie in einigen Kilometern Entfernung eine Pizzeria und woanders ein Restaurant, wo man sich allerdings anmelden muss. Für heute ziehen wir uns früh ins Zimmer zurück. Die dort bereitliegenden Räucherstäbchen verbreiten einen betörenden Duft, während wir Informationsmaterial sichten und uns über die ersten Eindrücke von Damanhur austauschen.Am nächsten Tag buchen wir für 20 Euro eine Führung. Zusammen mit 2 Engländern warten wir. Es erscheint eine junge, in Haltung und Bewegungsweise aristokratisch-würdevoll wirkende Italienerin. Seeanemone, so stellt sie sich vor und erklärt, dass die Bürger Damanhurs sich ein Tier als Namensvetter wählen. Man bringt dadurch zum Ausdruck, dass der Mensch sich nicht für wichtiger als andere Kreaturen halten sollte. Aus dem gleichen Grund sind auch die Pflanzendarstellungen auf den Gebäuden so überdimensional. Alles hat Bedeutung und tieferen Sinn.Bevor wir losgehen, erklärt uns Seeanemone den damanhurianischen Gruß: Man legt die Hände zusammen und sagt „con te“ (mit dir) bzw. „con voi“, wenn es mehrere sind. Als es Anlass zum Üben gibt, stelle ich fest, was für einen starken Energieaustausch dieses „mit dir“ herbeiführt: die gegrüßte Person ist in diesem Moment viel wichtiger als ich selbst, und umgekehrt erhalte ich ein entsprechendes Maß an Zuwendung von meinem Gegenüber.
Während wir den Fahrweg ins Innere des Geländes hinaufsteigen, erzählt Seeanemone ein wenig von der Geschichte Damanhurs: Der Name bedeutet „Stadt des Lichts“ und ist einem altägyptischen Platz entlehnt, wo Priester und Magier ausgebildet wurden. In den 70er-Jahren begann Oberto Airaudi, der Führer Damanhurs – sein spiritueller Name ist Falco – den Bau des unterirdischen Tempels, zunächst ohne Wissen der Öffentlichkeit. Erst im Jahr 1992 wurde der Tempel publik, nachdem er anonym verraten worden war. Daraufhin entschlossen sich die Damanhurianer, an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Menschen waren so beeindruckt, dass auch die Behörden ihr Plazet für die nicht genehmigte Baumaßnahme gaben, die dann sogar ins GuinessBuch der Rekorde aufgenommen wurde. Seitdem breitet sich Damanhur aus, erwirbt mehr und mehr Grundstücke im Valchiusella-Tal. Einige hundert Bürger wohnen hier, im Dorf Vidracco so viele, dass sie den Bürgermeister stellen. Die anfängliche Skepsis der Bevölkerung hat sich ins Gegenteil verkehrt. Vidracco hat sich mehrheitlich gegen die Gentechnologie ausgesprochen, worauf Schilder (Commune Antitransgeninito) an den Ortsausgängen hinweisen.

Eine spirituell-künstlerische Welt

Als wir den Abhang erstiegen haben, öffnet sich ein großes, ebenes Gelände. Es erinnert mich im ersten Moment an eine antike Ausgrabungsstätte: überall Säulen, Skulpturen, Mosaiken, Mauerreste. Wir stehen vor dem „0ffenen Tempel“: Zwei Säulenreihen streben mit dem Terrain aufwärts zum hoch aufragenden Altar, hinter dem sich das Halbrund eines ins dort wieder steile Gelände eingefügten Amphitheaters erhebt. Die Sitzreihen sind mit bräunlich gemusterten Steinplatten verkleidet. Stellenweise lässt man den gewachsenen Fels sie unterbrechen. Ich muss tief Luft holen, so beeindruckt bin ich. Dann betrete ich den Tempel. Obwohl die Säulen einzeln und unverbunden dastehen, fühle ich mich zwischen ihnen wie in einem Raum. Das Erlebnis vom Poseidon-Tempel in Sunion (unweit Athens) kommt hoch. Hatte ich mit all diesen Dingen schon mal intensiv zu tun? Mein Blick wandert über das Amphitheater hinaus bis nach oben zum Kamm der Piemonter Berge. Sonderbare Stein- und Felssilhouetten heben sich dort vom Himmel ab. Sie wirken so mystisch und ausdrucksstark, scheinen in einem inneren Zusammenhang mit den Schöpfungen der Damanhurianer zu stehen. Ein Eisengatter hält Besucher auf Abstand vom Altar. Die Mosaiken auf den Mauern rechts und links stellen Fabelwesen dar. Hier und andernorts taucht immer wieder das Einhorn auf. Seeanemone erzählt von den Ritualen, die im Offenen Tempel veranstaltet werden, und dass die Säulen aus „Neustein“ bestehen, einer in Damanhur entwickelten Mischung aus Marmorpulver und weißem Zement. Weitere Säulen flankieren den Weg, als wir weitergehen. An ihren Basen lehnen eigenartige Köpfe und Masken. Einige erscheinen mir wie eine Mischung aus Altägypten und Osterinsel. Andere stellen Gesichter vollkommener Harmonie und Ausgewogenheit dar und unterscheiden sich dennoch von antiken Werken. Bei all dem laufen wir über große, mosaikartig in die Wegpflasterung eingelassene Signaturen. Es handelt sich um Schriftzeichen aus der „Heiligen Sprache“, der „Ursprache der Menschheit“, die aus der Kultur vor Atlantis stammen soll. Ich frage, woher sie das wissen. Falco betreibe entsprechende Forschungen und habe bereits über 300 dieser Schriftzeichen samt Bedeutung und Wortklang entdeckt, erhalte ich zur Antwort. Ich vermute, dass es sich nicht um Forschungen im üblichen naturwissenschaftlichen oder historischen Sinn handelt. Seeanemone berichtet auch, dass Falco eine Zeitmaschine entwickelt habe, mit der bestimmte, dafür vorbereitete Personen in die Vergangenheit reisen könnten. Sie bietet an, einen Vortrag über diese Materie zu arrangieren. Ich sage: „Wenn an diesen Dingen etwas dran ist, dann gehen sie zwangsläufig über den normalen logischen Verstand hinaus. Dann hilft mir kein Vortrag, dann muss ich auf einer anderen Ebene etwas spüren oder erleben.“ Seeanemone meint, sich mit dem Verstand zu nähern, sei auch etwas wert. Auch in Anbetracht der vermutlich enormen Kosten eines extra arrangierten Vortrags verfolge ich das Thema nicht weiter. Wir besuchen nun die kunsthandwerklichen Studios, in denen Dinge für den Eigenbedarf, aber auch viele Auftragsarbeiten ausgeführt werden: Töpferei, Mosaik, Glasmosaik (Tiffany), Glasmalerei, Goldschmiede. Was wir sehen, versetzt uns in Verzückung: Erlesenster Geschmack, Farb-, Formreichtum und diese charaktervolle, eigenwillige damanhurianische Ornamentik, die sich auf die heiligen Schriftzeichen bezieht und vermutlich voller Bedeutung steckt. Künstlerpersönlichkeiten heben sich dem Anschein nach nicht hervor. Das Individuelle scheint eingebettet in eine große, in sich allerdings ungemein vielfältige Einheit – ein Zustand, der aus alten Kulturen (auch aus früheren Epochen des Abendlandes) bekannt ist.

Kunsthandwerk und geistige Beschützer

Seeanemone gibt ein paar Hinweise auf das Kursprogramm Damanhurs , die „OlamiUniversität“. Olami ist ein Ort aus der heiligen Sprache und bedeutet „fliegen“. Themenschwerpunkte sind esoterische Physik, Psychologie, Kunst und Kreativität.
Zum Schluss schauen wir in die Läden neben der Rezeption: Webarbeiten, die von bedeutenden Modeschöpfern verwendet werden, und dann die „Selfica“. Hierbei handelt es sich um Strukturen aus einem speziellen Kupferdraht, die an Handgelenk oder Hals getragen werden. Sie enthalten Spiralen, sehen sehr dekorativ aus, sind aber eigentlich keine Schmuckstücke: Selfica sind nach Ansicht der Damanhurianer lebendige und intelligente Wesenheiten außerhalb unserer Existenzebene. Nach ihrer Vorstellung halten sie sich in einer von Überlichtgeschwindigkeit geprägten Sphäre auf. Mit Hilfe der erwähnten Kupferstrukturen soll man sie in unsere langsamere und dichtere Welt hereinholen können. Für diese Wesenheiten ist dies eine Art Inkarnation, und uns sollen sie durch verschiedene positive Wirkungen auf psychischer Ebene weiterhelfen. So sollen sie je nach Form der Struktur z.B. die Aura stabilisieren, negative Energien fernhalten, die Nahrungsaufnahme regulieren etc. Selfica waren angeblich in Atlantis verbreitet und haben – so die Damanhurianer – auch im alten Ägypten, bei Etruskern, Kelten und Arabern Spuren hinterlassen. Ihre „Wiederentdeckung“ ist auch ein Forschungsgebiet Falcos. Die Exemplare, die hier zum Kauf angeboten werden, sind alle persönlich von ihm „aktiviert“.
Nebenan befindet sich die „Galerie“. Falco ist auch als Maler äußerst produktiv. Neben der ästhetischen Komponente dienen seine Bilder allerdings hauptsächlich dazu, die Selfica anzuziehen. Wenn man lange und meditativ schaut, soll man fühlen, dass es sich nicht eigentlich um Gemälde, sondern um lebendige Wesen handelt. Ich versuche es. Unterschiedliche Beleuchtungen lassen unterschiedliche Ebenen in den Bildern hervortreten. Es wimmelt von Farben, Linien, Spiralen und sonstigen Signaturen. In meinem Kopf beginnt es zu surren und zu schwirren, was ich nicht als angenehm empfinde. Am Abend genießen wir hervorragende Pizza und ökologischen Rotwein. Meine Freundin ist dann vor allem mit den Selfica beschäftigt. Sie haben es ihr angetan. Teils nach ästhetischen, teils nach psychischen Gesichtspunkten deckt sie sich am nächsten Tag für etliche Gemütszustände ein. Ich habe keinen Bedarf, ohne in Abrede stellen zu wollen, dass da „etwas dran sein“ könnte. Doch bin ich für mein Teil ausgezogen, weil ich das Fürchten lernen will. Ich bin gar nicht interessiert, „negative Energien“ oder was auch immer von mir fern zu halten. Im Gegenteil, ich möchte alles an mich ranlassen. Nur so kann ich es kennen lernen. Und bisher hat alles, was ich kennen lernte, mich bereichert, auch wenn es anfangs erschreckend aussah. Auch an Unterstützung aus anderen Regionen der Existenz bin ich nicht interessiert. Ich will sehen, was sich mit den Kräften machen lässt, die ich auf diese Erde mitbekommen habe. Dass die Welt, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, nicht alles ist, ist klar. Doch für diese Lebensspanne habe ich mich nun mal auf sie eingelassen. Ich sehe es wie ein Spiel, das seine Regeln hat. Anderweitige Energien anzuzapfen, empfinde ich gewissermaßen als unfair – wie wenn ein Radrennfahrer mit einem unsichtbaren Motor im Tretlager auf Strecke ginge.

Der Tempel der Menschheit

Wir bleiben noch einen Tag, um auch die unterirdischen Tempel zu besuchen. Per Kleinbus winden wir uns auf abenteuerlichen Sträßchen einen steilen Hang hinauf. Endlich eine Einfahrt und Stop. Ein riesiger Hund nähert sich freundlich und verlangt Streicheleinheiten. Seeanemone öffnet eine rohe Tür, die auch in einen Schuppen oder Keller führen könnte. Innen ist ein Aufzug, der uns ein paar Stockwerke tiefer bringt, – dann stehen wir in einer beschaulich schimmernden Halle. Der Boden über und über mosaikgestaltet, die Wände mit Malereien bedeckt. Über uns schwebt ein riesiges, kuppelförmiges Mandala in Tiffany-Arbeit. Das Licht, das den Raum beleuchtet, fällt durch seine Facetten. Der Eindruck ist überwältigend, verschlägt einem die Sprache. Der Tempio dell’ Uomo („Tempel der Menschheit“) ist eine Darstellung der Innenwelt des Menschen. Jeder der zahlreichen, nach bestimmten Gesichtspunkten im Bergmassiv platzierten Räume widmet sich einer bestimmten Thematik. Sie ist in allegorischen Darstellungen ausgedrückt: die Geschichte der Menschheit, die Erfahrungen der Psyche im Lauf der Epochen, die Stationen eines Menschenlebens, der Bogen vom Kleinkind zum Greis, der das, was wir als Zeitablauf erleben, fraglich erscheinen lässt. Ich erinnere mich an das Schlachtenbild: die Armee der Finsternis gegen die Kräfte des Lichts. Es bezieht sich ebenso auf historische Bewegungen wie Vorgänge in unserem Inneren. Woanders kämpft einer mit der Kette, die ihn in seiner Beweglichkeit behindert. Und je mehr er kämpft, umso mehr verwickelt er sich in sie.

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Ketan, Antar

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