Plädoyer für die Familienschule
Selbstbestimmt lernen in den natürlichen Lebenszusammenhängen ist heute vielen Familien ein wichtiges Bedürfnis. Der neu gegründete Bundesverband Natürlich Lernen! e.V. möchte hier Hilfestellung bieten
Schule hat die Aufgabe, die jungen Menschen in un-serer Gesellschaft zu „Achtung vor der Würde des Menschen, Verantwortungsfreude, Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne“ zu erziehen. So heißt es im Volksschulgesetz des Freistaats Bayern. Im Schulgesetz von Sachsen-Anhalt wird weiter gefordert, „die Schülerinnen und Schüler sind zu verantwortlichem Handeln in einer von zunehmender Abhängigkeit und globalen Problemen geprägten Welt für die Bewahrung von Natur, Leben und die Gesundheit zu befähigen“. Gleiches gilt sinngemäß für die übrigen Bundesländer. Sicherlich fühlen sich unsere Schulen und wohl die meisten LehrerInnen diesem humanistischen Ethos verpflichtet und kommen ihrem Auftrag mit großem Bemühen nach. Dennoch machen nicht wenige Eltern die Erfahrung, dass das, was gut gemeint ist, in der Wirklichkeit nicht so ganz klappt. Gegenwärtig braucht rund ein Fünftel aller Schüler beruhigende oder aufputschende Medikamente, um dem Unterricht überhaupt folgen zu können (Hannoversche Allgemeine Zeitung, 22.4.02). Mindestens ebenso viele erhalten teuer bezahlten Nachhilfeunterricht. Viele scheitern, weil sie ihn sich nicht leisten können. Nachrichten über steigenden Bedarf an psychotherapeutischer Behandlung von Kindern, über die Zunahme von Verweigerungshaltung und Zerstörungswut, Unlust und Schulversagen und über eine steigende Anzahl von Kindern, welche die Schule teilweise oder ganz verweigern, erscheinen regelmäßig in den Medien. 83000 junge Menschen verlassen jährlich die Schule ohne den Abschluss einer Hauptschule (Studie „Fördern und Fordern“ des DJI und BMFSF, 1998).
Reizwörter wie PISA oder Erfurt bringen die Gemüter der Bürger in Wallung – bis dann der oben beschriebene Zustand als kaum veränderbar wieder hingenommen wird. Man versucht mit anderen Mitteln und Methoden, die Symptome zu bekämpfen. Das zugrundeliegende Problem bleibt unverstanden.
Ursache und Wirkung
Eine der Ursachen für eine derartige Resignation sehen die Gründerinnen und Gründer des Bundesverbands Natürlich Lernen! e.V. im Schulrecht, das in allen Bundesländern (Schule ist Ländersache) über die allgemeine Schulpflicht hinaus den Anwesenheitszwang für 6- bis 18-jährige Kinder und Jugendlich in einem „Schule“ genannten Gebäude vorschreibt. Zudem entrechtet das Gesetz die Eltern, indem es die Art von Unterricht ihrer Kinder ab dem 6. Lebensjahr bestimmt. Die zwangsweise Zuführung von Kindern zur Schule gar stammt noch aus der totalitären Gesetzgebung des Dritten Reichs (Netzwerk für Kinder, 18. 9.91). Das Grundgesetz hingegen, dem bekanntermaßen auch die Schulgesetze der Länder untergeordnet sind, weist hingegen dem Staat lediglich eine Aufsichtspflicht über „Schule“ zu.
Solch ein Umgang mit den Bürgern ist für unsere Partner in den westeuropäischen Ländern unverständlich. Sie kennen den Fatalismus nicht, dass nur der Staat in der Lage sein soll, für angemessene Bildung der Kinder zu sorgen. In allen europäischen Nachbarländern haben Eltern z.B. das Recht und die Freiheit, Kinder selbst zu unterrichten oder unabhängige Freie Schulen zu gründen. Diese Erkenntnis sollte Mut machen, das Vertrauen in die Fähigkeiten des Menschen und in sein Grundbedürfnis nach Bildung auch in Deutschland zurückzugewinnen, wie es bei unseren Nachbarn in Österreich, Italien, der Schweiz, Frankreich, Spanien, Portugal, England, Irland, Belgien, den Niederlanden, Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland gelebt wird. Auch unser Staat könnte den Mut haben, private Initiative zu fördern und den schöpferischen Kräften der Menschen zu trauen, die diesen Staat tragen. Menschen, die sich für die gesunde und kreative Entfaltung unserer Kinder engagieren wollen, dürfen nicht behindert oder gar kriminalisiert werden, wie es gegenwärtig immer noch geschieht: Wenn Eltern in Deutschland den Wunsch ihrer Kinder respektieren, im geborgenen familiären Umfeld selbstbestimmt zu lernen, droht nach wie vor der Sorgerechtsentzug.
Was ist zu tun?
Im Angesicht der gegenwärtigen globalen Probleme muss eine moderne Gesellschaft das enorme schöpferische Potenzial ihrer Mitglieder fördern und nutzen. Damit würden gleichzeitig vom Niedergang bedrohte Binnenstrukturen wie die Familie, familienähnliche Lebensformen und eine gesunde Nachbarschaft gestärkt. Eines der Grundbedürfnisse des Menschen ist die Bildung. Er braucht die Befriedigung dieses Bedürfnisses so dringend wie Geborgenheit. Bildungseinrichtungen, die von den Menschen eines überschaubaren sozialen Raumes getragen werden, können den destruktiven Tendenzen einer anonymen Gesellschaft bestens widerstehen. Dies hat der amerikanischen Home-Schooling-Bewegung, nachdem sie anfänglich von den staatlichen Behörden erbittert bekämpft wurde, inzwischen großen Respekt eingetragen, denn in solchen Einrichtungen ist die Rate an Kriminalität, Destruktivismus und vor allem Drogenmissbrauch verschwindend gering. Ein Land wie die Bundesrepublik Deutschland, das im europäischen Vergleich seit Jahren den stärksten Geburtenrückgang verzeichnet, kann es sich auch aus ökonomischer Sicht nicht leisten, junge Menschen ohne die jeweils erreichbare beste Qualifikation in das Berufsleben zu entlassen. Um die Begabungsreserven zu entdecken und vor allem auch auszuschöpfen, müssen neue und vielfältige Wege erschlossen werden.
Erkenntnisse der Lernforschung umsetzen
Von den rund 83000 Schülern, die Jahr für Jahr ohne Abschluss bleiben, könnten mit Sicherheit die meisten ein weitaus befriedigenderes Ergebnis erzielen, wenn die Möglichkeit zu individuellem Lernen bestünde. Die Nachfrage nach menschengerechter Bildung würde Angebote entstehen lassen, die sowohl die Entfaltung einer Person optimal unterstützen als auch spezielle Fähigkeiten mit lernbiologisch sinnvollen Methoden auszubilden helfen. Zuviel kostbarer Zeit muss heute noch in den Schulen für unangemessene Bildungsinhalte unter Erduldung von Methoden, die den Erkenntnissen der Lernforschung zuwider laufen, abgesessen werden. Mit der Begründung einer in diesem Sinne neuen Schulform wollen wir uns nicht nur dafür einsetzen, dass Kinder als vollwertige Menschen ihre Grundrechte auch in der Praxis leben können und dass Schule den Geboten einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft und den Bedürfnissen der darin lebenden Menschen gerecht werden kann. Wir möchten insbesondere auch Voraussetzungen schaffen, dass Kooperation als Lebensgrundlage der Zukunft aufblühen kann, als eine Qualität, die sich in Kindheit und Jugend entfaltet. Diese kann nur aufblühen, wenn wir Erwachsenen zur Partnerschaft untereinander und mit den jungen Menschen, die wir Kinder nennen, bereit sind. Denn eine lebenswerte Zukunft braucht Menschen, die zu wechselseitigem Austausch auf unmittelbarer und globaler Ebene, zur Erhaltung der sie umgebenden Natur und zur Kooperation mit allen Kräften, die das Leben gestalten, fähig und willens sind. ´
|