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Qualität und Selbstverantwortung
erschienen in Ausgabe 123
Die Frankfurter Gespräche: Ethikrichtlinien für Lebensberatung und Gesundheitsförderung

Die lebensberatenden und gesundheitsfördernden Berufe sind aus unserer heutigen Gesellschaft, die zunehmend ein ganzheitliches Bild von Gesundheit entwickelt, nicht mehr wegzudenken. Trotzdem gelten sie aus Sicht der konventionellen Gesundheitsvorsorge als problematische Grauzone. Die „Frankfurter Gespräche“ geben diesem Bereich durch selbst entwickelte Qualitätsrichtlinien Rückendeckung.

Zur Vorgeschichte der so genannten Frankfurter Gespräche gehört das „Lebensbewältigungshilfe-gesetz“. Ende 1997 wurde vom Bundesrat auf Basis eines Entwurfs des Hamburger Senats das „Gesetz zur Regelung der Rechtsbeziehungen zwischen Anbieterinnen und Anbietern und Hilfesuchenden auf dem Gebiet der gewerblichen Lebensbewältigungshilfe“ (kurz: Lebensbewältigungshilfegesetz oder LBHG) als Gesetzesentwurf formuliert und der Bundesregierung zugeleitet. Das LBHG sollte laut seiner Urheber als Verbraucherschutzgesetzgebung verstanden werden. Bei näherer Betrachtung ließ sich jedoch hinter diesem Vorwand unschwer der Versuch einer erheblichen Diskriminierung derjenigen Anbieter erkennen, die weltanschaulich offen sind und sich nicht der Deutungshoheit von Kirche und Schulmedizin untergeordnet haben. Unter den Begriff „gewerbliche Lebensberatung“ fallen alle vom gegenwärtigen Gesundheitssystem bzw. den Krankenkassen nicht anerkannten Verfahren, die „die seelische Befindlichkeit oder geistig-seelische Fähigkeiten feststellen oder verbessern“ wollen. Dazu zählen z.B. Yoga, Körpertherapien, NLP, Atemtherapie, Taiji und alle weiteren ganzheitlich, methodisch und weltanschaulich alternativen Angebote (ob diese sich selbst dazu zählen oder nicht!). Die Interessengruppen der ÄrztInnen, PsychiaterInnen, HeilpraktikerInnen sowie die Angehörigen der Amtskirchen sollten jedoch ausdrücklich vom LBHG ausgenommen werden. Tatsächlich gerieten die Forderungen des Entwurfs so drastisch, dass sie es bei ihrer Umsetzung vielen Anbietern nahezu unmöglich gemacht hätten, sich eine selbständige Existenz aufzubauen und zu erhalten.

Die Reaktion der Lebenskunst-Szene

Die Drohung des LBHG sowie die parallel laufenden Sektenkampagnen vieler Medien führten im Sommer 1998 höchst unterschiedliche Organisationen und Gemeinschaften aus den Bereichen Lebensberatung und Lebenskunst zu einem bundesweiten Austausch in Frankfurt zusammen. Obwohl der umstrittene Regulierungsentwurf Ende 1998 auf zunächst unabsehbare Zeit in den Bundestagsrechtsauschuss abgeschoben wurde (und mit dem Ende der Legislaturperiode, formal gesehen, einstweilen „verfallen“ ist), sahen die Teilnehmer der von Rechtsanwalt Christian Gambke ins Leben gerufenen „Frankfurter Gespräche“ (FG) weiterhin Handlungsbedarf. Nach ihrer Einschätzung war es für die von Gesetz und Kampagne betroffenen Gruppierungen in jedem Fall höchste Zeit, angesichts einer regelmäßig wiederkehrenden und oft von Unkenntnis und Interessengebundenheit geprägten Therapie- und Spiritualitätsdiskussion eine zur Differenzierung beitragende und zum Teil auch selbstkritische Stellung zu beziehen. Die Vorschläge bei den ersten Treffen der Frankfurter Gespräche reichten von der Schaffung eigener Qualitäts- und Kontrollgremien bei den freien Therapie- und Lebenshilfeanbietern bis hin zur koordinierten Öffentlichkeitsarbeit und der Einrichtung einer staatlich unabhängigen, interdisziplinären Forschungsstiftung. Die rund 15 anwesenden Vertreter von Verbänden und Vereinen vereinbarten den Versuch, in Arbeitskreisen sowohl für die eigenen als auch für alle interessierten Verbände und Organisationen der Lebensberaterszene verbindliche und vergleichbare Definitionen, Qualitätskriterien und Vorgehensweisen zu erarbeiten. Mit ihrer Initiative wollten die Teilnehmer nicht zuletzt ihre in der Praxis vielfach bewiesene Bereitschaft verdeutlichen, selbst Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Gerade dies jedoch wurde (und wird) ihnen von politischer und gesellschaftlicher Seite abgesprochen: Dort wird die Szene pauschal in die Nähe von Scharlatanerie und Beutelschneiderei gerückt. Ende des Jahres 2000 beschlossen die FG-Teilnehmer, eine übergreifende Presse- und Koordinationsstelle zu errichten. Zweck der Einrichtung sollte sein, die zentralen und übergreifenden Konzeptinhalte sowohl der freien Therapie- und Lebensberatung als auch der ganzheitlichen Heilkunde herauszustellen und in der Öffentlichkeit zu vertreten. Zu den weiteren Aufgaben der in Berlin stationierten Koordinationsstelle gehörte die Beobachtung politischer bzw. gesetzgeberischer Entwicklungen, die den Lebensberatungs- und ganzheitlich heilkundlichen Bereich betreffen. Ein Info-Rundbrief stellte den Austausch zwischen den teilnehmenden Verbänden her und verwies auf neue Literatur und Veröffentlichungen zum Thema. Die Verabschiedung gemeinsam verfasster Ethikrichtlinien bildete ein weiteres Ergebnis der Frankfurter Gespräche. Die Teilnehmer richteten in dem Zusammenhang an Verbände die Einladung und Erwartung, sich an dem schulen- und systemübergreifenden Qualifizierungs- und Klärungsprozess zu beteiligen. Als letztendliches Ziel gelte es, in den entsprechenden politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Diskursen der bundesdeutschen Öffentlichkeit Anerkennung für das den Bereichen Lebenskunst und Lebenshilfe zugrundeliegende erweiterte Menschenbild zu schaffen. Anfang 2002 gründeten die Teilnehmer der Frankfurter Gespräche in Konsequenz der nur langfristig zu bewältigenden Aufgabe einer gesellschaftlichen Interessenvertretung die Organsiation „Frankfurter Gespräche – Dachverband für freie beratende und gesundheitsfördernde Berufe e.V.“

Selbstverständnis des Dachverbands

Eine repräsentative Umfrage des renommierten psychologischen Sachverständigen Dr. Walter Andritzky unter Nutzern alternativmedizinischer und unkonventioneller Therapieangebote bestätigt Umfragen aus England und Holland, nach denen bis zu 90 Prozent der Befragten alternative Methoden erneut anwenden bzw. weiterempfehlen würden. Trotzdem sehen sich die Anbieter dieser Behandlungsweisen häufig einem Legitimationsdruck seitens etablierter Gesundheitsfürsorge, Wissenschaft und Medien ausgesetzt. Woran es heute fehlt, ist eine stärkere politische, staatliche und gesellschaftliche Anerkennung und Wahrnehmung dieser Leistungen. Und damit einhergehend die Verfügbarkeit von übergreifenden Unterscheidungs- und Qualitätsmerkmalen, die es ratsuchenden VerbraucherInnen und KlientInnen leichter machen, die für sie geeignete Wahl zu treffen. Heilen gilt in Deutschland als geschützter Begriff und als Tätigkeit, die ausschließlich Ärzten, Heilpraktikern und einem definierten Feld von Psychologen vorbehalten ist. Eng verwandt mit der Heilungstätigkeit sind gesundheitsfördernde Angebote und ganzheitliche Beratung. Während Heiler in genannter Definition staatlich anerkannt und im etablierten Gesundheitssystem mehr oder minder integriert sind, sehen sich die vielfältigen Angebote von freien Beratern, Kursleitern und Gesundheitspraktikern noch weitgehend ungeregelt. Immer mehr Menschen möchten ihre Gesundheit nicht länger dem Zufall und – im Krankheitsfall – ausschließlich herkömmlichen Heilinstitutionen überlassen. Sie sehen sich nach Ratgebern und Methoden um, die ihnen helfen können, ihre Gesundheit nachhaltig zu fördern und langfristig zu erhalten. Deren Beitrag sowohl zur Verbesserung der allgemeinen Gesundheitsversorgung als auch zur individuellen und selbstbestimmten Lebensgestaltung ist heute kaum mehr wegzudenken. Der neue Dachverband hat sich deshalb satzungsgemäß folgende Ziele und Aufgaben gesetzt: Die gemeinsamen Inhalte und Interessen der freien Anbieter im Bereich Lebensberatung und Gesundheitsförderung sollen auf einer übergeordneten Plattform vertreten werden. Eine wesentliche Gemeinsamkeit der Anbieter ist z.B. ihr ganzheitlicher Entwicklungs- und Gesundheitsbegriff, der sowohl körperliche, seelische, geistige und soziale als auch spirituelle und ökologische Aspekte des Menschen anerkennt und integriert. Die FG entsprechen damit nicht zuletzt einer aktuellen Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO): „Gesundheitsförderung unterstützt die Entwicklung von Persönlichkeit und sozialen Fähigkeiten durch Information, gesundheitsbezogene Bildung sowie die Verbesserung sozialer Kompetenzen und lebenspraktischer Fertigkeiten. Sie will dadurch den Menschen helfen, mehr Einfluss auf ihre eigene Gesundheit und ihre Lebenswelt auszuüben und ihnen zugleich ermöglichen, Veränderungen in ihrem Lebensalltag zu treffen, die ihrer Gesundheit zugute kommen. Es gilt dabei, Menschen zu lebenslangem Lernen zu befähigen und ihnen zu helfen, mit den verschiedenen Phasen ihres Lebens sowie mit eventuellen chronischen Erkrankungen und Behinderungen umgehen zu können.“ (Ottawa 1986). Diese gemeinsame Ausrichtung mit dem zugrundeliegenden ganzheitlichen Menschenbild will der Dachverband in beruflich relevanten Bereichen und in der breiten Öffentlichkeit verdeutlichen.

Qualitäts- und Ethikrichtlinien

Die meisten Anbieter verfügen bereits über sorgfältig ausgearbeitete Ethik-, Ausbildungs- und Qualitätsrichtlinien. Der Dachverband hat – auf diesen basierend – methodenübergreifende Qualitäts- und Ethikkriterien erarbeitet. Mit diesen Richtlinien soll zum einen im gesellschaftlichen Maßstab verdeutlicht werden, dass Qualitätssicherung in hohem Maß einen festen Bestandteil gesundheitsfördernder und lebensberatender Leistungen darstellt. VerbraucherInnen erhalten damit zum anderen eine übergreifende Orientierungshilfe bei der Auswahl der jeweils für sie in Frage kommenden bzw. interessanten Angebote. Die Qualitätsrichtlinien der Frankfurter Gespräche lassen sich grundsätzlich auf alle gesundheitsfördernden und lebensberatenden Methoden übertragen. Die FG bieten interessierten Anbieterverbänden und -institutionen Hilfestellung bei der Anpassung ihrer bestehenden Qualitätsmaßstäbe. Der Dachverband will auch Forschungsprojekte fördern, die sich allgemein mit Bedingungen und Wirkungen freier Lebensberatung und Gesundheitsförderung befassen. Nicht zuletzt wollen die FG die Zusammenarbeit zwischen freien BeraterInnen und GesundheitsförderInnen sowie anderen in helfenden und pädagogischen Berufen tätigen Personen verbessern.

Zeit zum Handeln!

Die Bedürfnisse der Gesellschaft machen es heute mehr denn je notwendig, den Wert lebensberatender und gesundheitsfördernder Angebote für den Einzelnen und die Gesellschaft deutlich zu machen. An Verbände, Vereine, Institutionen und Gesellschaften auf dem Gebiet der freien Lebensberatung und Gesundheitsförderung richtet sich deshalb das Angebot des Verbands, Mitglied der Frankfurter Gespräche zu werden. Unter bestimmten Umständen können auch Einzelpersonen die Mitgliedschaft beantragen. Informationen zur Mitgliedschaft sind auf der Internetseite der FG unter „Mitmachen“ zu finden. Darüber hinaus wenden sich die Frankfurter Gespräche mit der Bitte an alle Interessierten, durch Spenden und Zuwendungen zur Arbeit des Dachverbands beizutragen. Unterstützung benötigen die FG vor allem, um die aktuellen und positiven Argumente und Ergebnisse aus der freien Lebensberatung und der Gesundheitsförderung in Politik und Medien einzubringen.


  Autoren

Schmidt-Reinecke, Wolfgang

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