Das Institute of Noetic Sciences tritt für Nachhaltigkeit und Spiritualität ein
AUF DER SUCHE NACH DER INTEGRALEN KULTUR
Der amerikanische Soziologe Paul H. Ray hat in einer vielbeachteten Studie nachgewiesen, dass in Amerika unbemerkt die große soziologische Gruppe der „Kulturell Kreativen“ entstanden ist (rund 24% der Bevölkerung). Sie sei dazu in der Lage, die so genannte „integrale Kultur“ hervorzubringen, in der Errungenschaften der Aufklärung wie rationale Vernunft und selbständiges Denken mit den im Modernismus oft als „irrational“ abgelehnten Dimensionen des Menschen wie Spiritualität, Hinwendung zur Gemeinschaft und Verbindung mit der Natur zur Synthese finden ( www.kulturkreativ.net). Noch ist diese integrale Kultur nicht manifest, wir erkennen sie aber als Potenzial in allen gesellschaftlichen Schichten. Mit der Reihe „Andere Welten – Auf der Suche nach der integralen Kultur“ gehe ich der Frage nach, wie eine Welt aussehen könnte, die wesentlich von den Kulturell Kreativen mitgeprägt wird.
Im letzten Beitrag habe ich über die Auswirkung des Anblicks der Erde aus dem All auf das Bewusstsein der Menschheit berichtet. Diesmal geht es um ein weiteres Projekt, das wesentlich von dieser neuen Welt-Sicht inspiriert wurde. Mit dem „Institut für noetische Wissenschaften“ stelle ich zudem erstmals eine Organisation vor, die sich explizit als kulturell-kreative Wegbereiterin einer integralen Kultur sieht.
Die Vision, die zur Gründung des Institute of Noetic Sciences führte, liegt bereits mehr als 30 Jahre zurück: 1971 standen die Nationen der Welt im Bann der Weltraumforschung. Auch dem jungen Astronauten Edgar Mitchell schienen die Möglichkeiten für ein wissenschaftliches Verständnis der Welt unendlich. Mitchell war ein pragmatischer Testpilot, Techniker und Wissenschaftler; die Teilnahme an der amerikanischen Mondmission Apollo 14 war für ihn die Erfüllung seiner Träume. Für ihn wie für den Rest der Nation bedeutete die Raumfahrt einen in der Geschichte beispiellosen Triumph der Technik, eine nie dagewesene Beherrschung der Welt, in der wir leben, und nicht zuletzt ein außerordentliches Potenzial für weitere Entdeckungen.
Es ist jedoch der Rückflug zur Erde, an den Mitchell sich am liebsten erinnert. In der engen Kabine seiner Raumkapsel sitzend, beobachtete er, wie unser Heimatplanet frei durch die Weite des Alls schwebt. Plötzlich überwältigte ihn das starke Empfinden, mit dem gesamten Universum in Verbindung zu stehen. Er beschreibt diese Offenbarung: „Die Gegenwart des Göttlichen war fast schon greifbar, und ich wusste augenblicklich, dass das Leben im Universum nicht bloß ein Unfall ist, der auf zufällig stattgefundene Prozesse zurückzuführen ist … Dieses Wissen kam einfach direkt zu mir.“ (Siehe auch KursKontakte Nr. 122.) Mitchell sah sich einem inneren Zwiespalt ausgesetzt: Als Physiker war er gewohnt, seine Aufmerksamkeit auf die objektive Welt „da draußen“ zu richten. Doch die Erfahrung, die er im Weltraum machen durfte, führte ihn zu einer überraschenden Hypothese: Vielleicht war die Realität ja komplexer, subtiler und unerbittlich rätselhafter, als die konventionelle Physik ihn glauben machen wollte? Womöglich konnte ein tieferes Verständnis des Bewusstseins, des inneren Raums, zu einer neuen und erweiterten Sichtweise auf das Phänomen „Realität“ führen, in der objektiv und subjektiv, das Außen und das Innen gleichwertige Aspekte des Wunders und Mysteriums des Seins sind? Wohlbehalten wieder zurück auf der Erde, suchte und fand Mitchell gleichgesinnte Kollegen in der Wissenschaft, die, wie er, die Zeit für eine erweiterte, ganzheitliche Sicht auf die Realität gekommen sahen. Gemeinsam beschlossen sie, die innere Welt menschlicher Erfahrungen von nun an mit derselben Gewissenhaftigkeit und derselben kritischen Denkweise zu erkunden, die den Flug zum Mond und wieder zurück möglich gemacht hatte. 1973 gründete diese kleine Gruppe von Forschern das Institute of Noetic Sciences (IONS). Der angesehene Sozialwissenschaftler,Visionär und Mitbegründer des IONS Willis Harman († 1997), der sich unermüdlich für die Überschreitung der Grenzen alten Denkens einsetzte, prophezeite: „Eine neue Wissenschaft erobert die Welt, eine Wissenschaft vom menschlichen Mind, die viel umfassender ist als die heute bekannte Psychologie“. Die Gruppe nannte das neue Forschungsgebiet nach dem griechischen Wort für intuitives Wissen und Erkenntnis „Noetik“. Harman weiter: „Es ist keine gänzlich neue Wissenschaft; wir betonen vielmehr noetische Aspekte der Humanwissenschaften. Die radikale Natur dieser Entwicklung sollte allerdings nicht unterschätzt werden. Unser Ziel ist die Erschaffung eines den bisherigen Wissenschaften vergleichbar umfangreichen Wissensschatzes über das Reich der subjektiven Erfahrung, der ebenso auf Empirik und allgemein anerkannter Gültigkeit beruht. Zum ersten Mal in der Geschichte beginnen wir, einen immer weiter wachsenden, zunehmend fundierten Erfahrungsschatz vom inneren Leben der Menschheit anzulegen – insbesondere vom ewigen Wahrheits- und Weisheitskern aller großen religiösen Traditionen und gnostischen Gruppen. Zum ersten Mal besteht die begründete Hoffnung, dass dieses Wissen zum lebendigen Erbe der gesamten Menschheit werden könnte – und eben kein Geheimwissen bleibt, welches sich immer wieder in Dogmatisierung und Institutionalisierung verliert oder zu unterschiedlichsten Kulten und Okkultismen degeneriert.“
Auf der Homepage des IONS wird die vor fast drei Jahrzehnten definierte Mission der noetischen Wissenschaftler so zusammengefasst: „Wir wollen unser Verständnis von den menschlichen Möglichkeiten erweitern, indem wir solche Aspekte von Realität (Mind, Bewusstsein und Geist) erkunden, die physische Phänomene einschließen, potenziell aber auch darüber hinaus führen.“ Um dieses Ziel zu erreichen, soll versucht werden, „die innere Welt genauso gründlich zu verstehen, wie wir die äußere Welt verstanden haben –ausgehend von der Prämisse, dass das, was in der Welt Ausdruck im Großen findet, eine Reflexion unserer inneren Landschaft ist.“ Heute, 29 Jahre später, geht das IONS als weltweite Forschungs- und Bildungsorganisation mit mehr als 30000 Mitgliedern seiner Mission nach. Weit entfernt davon, sich in einen Elfenbeinturm von rein akademisch arbeitenden Wissenschaftlern zurückzuziehen, sind sich die noetischen Forscher bewusst, dass der Haupt-„Gegenstand“ ihrer Forschungsarbeit in der Wiederentdeckung uralter Weisheiten und Wahrheiten besteht, die heute zumindest teilweise noch (oder wieder) zum Wissensschatz der gesamten Bevölkerung gehören. Deshalb ist das IONS grundsätzlich auch für die Mitarbeit von Menschen offen, die sich zunächst kaum als Wissenschaftler bezeichnen würden. Ein gutes Beispiel für diese erstaunliche Offenheit ist das Diskussionsforum auf der IONS-Homepage, wo man Beiträge sowohl von akademischen „Experten“ als auch von ganz „normalen“ Menschen mit zumeist allgemeinem spirituellem Interesse findet. Die Themenpalette reicht von Fragen nach den verschiedenen Dimensionen des Bewusstseins, nach „transformativem Lernen“ oder nach möglichen Gesellschaftsformen in einer zukünftigen Kultur bis hin zu noetischen Einschätzungen der (Folge-)Ereignisse des 11.September. In der Einleitung zum Internetforum heißt es: „Wir sind eine Gemeinschaft aus Individuen und Organisationen, die weder durch Blutsverwandtschaft noch durch gemeinsame Werte zusammengeführt wurde (obwohl wir selbstverständlich auch den einen oder anderen Wert gemein haben). Vielmehr verbindet uns eine gemeinsame Forschungsarbeit und vor allem der Wille, eine Reihe von Fragen zu stellen, die unserer Ansicht nach gestellt werden müssen. Unsere Fragen sind genauso grundlegend wie zeitlos, Fragen, die sich jede Epoche neu stellen muss: Was ist Wirklichkeit? Was ist wirklich wichtig? Was ist wirklich möglich? Woher wissen wir, was wir wissen? Und: wie sollten wir also leben? Unsere Fragen machen uns empfänglich für individuelle und gemeinsame Visionen neuer Möglichkeiten, die bis jetzt bestenfalls undeutlich wahrgenommen wurden. Weniger durch die Antworten als vielmehr durch unser beständiges Fragen und unsere Bereitschaft, uns auch von Nicht-Wissen anregen zu lassen, schimmert etwas neu Entstehendes: Aus unserem Fragen wächst die Hoffnung auf eine nachhaltige, reiche, solidarische und gerechte integrale Gesellschaft.“ Das Konzept einer Zusammenführung der sich scheinbar widersprechenden Bereiche Wissenschaft und Spiritualität spiegelt sich thematisch auch im hauseigenen Sprachrohr, der „Noetic Sciences Review“. In diesem seit 1984 vierteljährlich erscheinenden, sehr ästhetisch aufgemachten Journal finden sich wissenschaftlich anspruchsvolle Artikel neben Beiträgen, die auch für den Laien leicht zu verstehen sind. Erklärter Zweck des Journals ist es, das Publikum „zu interessieren, herauszufordern und zu inspirieren“ und „die Wahrnehmung dessen, was wirklich und was möglich ist, im eigenen Leben wie auch in unseren Gemeinschaften zu erweitern.“ Beeindruckende Abbildungen von zeitgenössischer Kunst sprechen die Emotionen der Leserschaft an und gleichen die intellektuelle Beanspruchung auf ebenso hohem Niveau aus. Betrachtet man die insgesamt durchaus aufgeklärt bzw. wissenschaftlich-seriös einzuschätzende Leserschaft, drängt sich die Frage auf, ob eine solche Publikation auch in Europa Anklang finden würde. In den Vereinigten Staaten gibt es unter Wissenschaftlern traditionell weniger Berührungsängste vor spirituellen Themen; das mag an der traditionell progressiven Denkweise vieler Amerikaner liegen oder – auch die Kehrseite ist richtig – daran, dass das Religiöse in Amerika allgemein weniger an Bedeutung verloren hat, als dies in Europa der Fall war. Allerdings wird in noetischen Kreisen Spiritualität keineswegs mit Religion gleichgesetzt, sondern man beschreibt mit dem Wort die ganze Welt der nichtmateriellen Phänomene. Insofern steht der vom IONS unterstützte Diskurs in den USA weit weniger abseits vom wissenschaftlichen Mainstream, als wir das hier in Europa beobachten. Zum Konzept des Instituts gehört nicht zuletzt die Etablierung so genannter Community Groups. Weltweit gibt es bereits annähernd 300 solcher Zusammenschlüsse, in denen Mitglieder und Interessierte über die verschiedensten Dinge aus der Bandbreite der noetischen Themen philosophieren, um auf diese Weise voneinander und miteinander zu lernen. Der Großteil der deshalb auch Learning Communities betitelten (Basis-)Gruppen findet sich bisher in den USA und Kanada; doch treffen sich auch in mehreren europäischen Ländern sowie in Nigeria, Australien, Brasilien, Argentinien und Indien regelmäßig Menschen zum gegenseitigen Austausch auf lokaler Ebene; viele der Gruppen betreiben eigene Webseiten oder kommunizieren via E-Mail. Lassen sich nun besondere Erfolge oder Projekte aus der nunmehr dreißigjährigen Arbeit hervorheben, oder ist es nicht vielmehr die jahrzehntelange Diskussion einer ganzen Reihe von relevanten Themen und deren Platzierung im öffentlichen Diskurs, was die Bemühungen des IONS so wichtig erscheinen lässt? Die aktuelle Ausgabe der „Noetic Sciences Review“ behandelt politisch-philosophische Fragen genauso wie die Themen Nahtod-Erfahrung, ganzheitliche Medizin oder Psychologie – und zwar jeweils sowohl aus einem objektiv-wissenschaftlichen wie einem subjektiv-spirituellen Blickwinkel heraus. Das wichtigste Verdienst des Instituts liegt wohl darin, eine Plattform für solche Stimmen und Themen darzustellen, die ansonsten nicht gehört oder diskutiert würden. Somit ist es kein Zufall, dass in diesem Zusammenhang auch überdurchschnittlich viele kompetente Frauen, wie die Ärztin und Autorin Rachel Naomi Remen oder die Evolutionsbiologin Elisabeth Sahtouris zu Wort kommen. In einem ihrer Beiträge beschreibt die „Post-Darwinistin“ Sahtouris eindrucksvoll, wie „Fortschritte in Physik, Biologie und Komplexitätstheorie (ein Zweig der Informatik) die Wissenschaft in den letzten Jahren zu einer Weltsicht“ gedrängt hätten, „in der die Natur als Ergebnis selbstorganisierter Energie oder Information begriffen wird.“ (Deutsch in der Zeitschrift Hagia Chora Nr. 11, www.geomantie.net) Ein weiterer sympathischer Punkt betrifft die konsequent international bzw. global ausgerichtete Denkweise. Der offiziell und radikal verfochtene US-amerikanische Ethnozentrismus, der heutzutage – wie zuletzt beim Erdgipfel in Johannesburg, bei der Frage nach militärischen Alleingängen ohne UN-Mandat und bei der Frage nach dem Internationalen Strafgerichtshof – besonders anachronistisch wirkt, schockiert uns Europäer nicht nur in der amerikanischen Politik. Da tut es gut, zu sehen, dass eine Organisation mit Sitz in Kalifornien ganz konkret an einer Welt arbeitet, die keine Vormachtansprüche kennt, weil die Menschen wissen, dass sie auf vielfältigen materiellen und nicht-materiellen Ebenen miteinander verbunden und voneinander abhängig sind und schon deshalb gleichwertig sein müssen. Nicht zuletzt an der Link-Liste der IONS-Internetseiten lässt sich ablesen, dass sich das Institut für noetische Wissenschaften tatsächlich als ein Knotenpunkt im globalen Netz der Kräfte versteht, die diese Welt zum Guten verändern möchten.
Im Mittelpunkt der Arbeit des IONS scheint stets die Frage zu stehen, wie weit die Entdeckungen auf dem Feld der noetischen Wissenschaften imstande sind, konkrete Veränderungen im Hinblick auf die Schaffung einer integralen Kultur zu bewirken. Einige MitarbeiterInnen des Instituts haben kürzlich eine interne Wette abgeschlossen. Es geht um die Behauptung, dass uns die weltweite Anerkennung der drei folgenden Thesen in eine solidarischere, nachhaltigere und erfüllendere Zukunft führen könnte:
Die Wirklichkeit ist nicht nur physisch erklärbar.
Alles steht mit Allem in Verbindung.
Unser Bewusstsein ist in der Lage, unsere Evolution zu beeinflussen.
Es wäre viel erreicht, wenn solche Vorstellungen breit diskutiert würden. Doch wie wollen die Wettenden den Ausgang ihrer Wette eigentlich kontrollieren …? Dass die allgemeine Akzeptanz nicht-materieller Dimensionen die Welt verändern würde, steht wohl kaum zur Debatte. Die Frage ist jedoch nach wie vor, wie man möglichst vielen Menschen ein bestimmtes Bewusstsein vermittelt. Bedarf es dazu Institutionen wie das IONS, oder reicht die „Bewusstseinsarbeit“ einiger weniger aus (wie es der letzte Punkt der Wette impliziert)? Dank der Arbeit des Soziologen Paul H. Ray – dessen Studie übrigens vom IONS publiziert wurde – wissen wir heute, dass mit dem Auftauchen der kulturell-kreativen Bevölkerungsschicht das Basispotenzial für den weiteren Werte- und Bewusstseinswandel grundsätzlich vorhanden ist – angesichts der globalen Situation, die nach einem baldigen tiefgreifenden Wandel verlangt, eine hoffnungsvolle Tatsache! Und vielleicht vermögen die Kulturell Kreativen ja wirklich das Gesicht der Erde zu verändern, wenn sie sich in Organisationen wie dem IONS zusammenfinden und gemeinsam den notwendigen Bewusstseinswandel vorantreiben.
Was ist noetische Wissenschaft?
Von Willis Harman
Was eigentlich heißt „noetische” Wissenschaft, und worin liegt ihre Bedeutung? Es ist wichtig, dass wir uns von Zeit zu Zeit erinnern, worin die Signifikanz des Unterfangens liegt, auf das wir uns gemeinsam eingelassen haben, und dabei gleichzeitig einzuschätzen, an welcher Stelle wir uns im Moment befinden.
Eine neue Wissenschaft erobert die Welt, eine Wissenschaft des menschlichen Minds, die viel umfassender ist als die heute bekannte Psychologie. Wir sind übereingekommen, diese Wissenschaft nach dem griechischen Wort für intuitives Wissen und Erkenntnis „noetisch“ zu nennen. Vielleicht ist es zu einem gewissen Grad nicht ganz angemessen, von einer gänzlich neuen Wissenschaft zu sprechen; wir beziehen uns deshalb besser auf eine Betonung noetischer Aspekte innerhalb der menschlichen Wissenschaften. Dennoch sollte die radikale Natur dieser Entwicklung keinesfalls unterschätzt/unterbewertet werden. Sie stellt die zweite Stufe eines zweistufigen Prozesses dar.
Die erste Stufe - der Siegeszug der modernen, materiell ausgerichteten Wissenschaft - bedeutete einen sehr wichtigen evolutionären Sprung in der Geschichte des Menschen. In ihrer Essenz verkörpert die Wissenschaft den bemerkenswerten Vorschlag, dass das Wissen über die objektiv wahrgenommene Welt nicht auf religiösen oder traditionellen Glaubenssätzen basieren sollte und auch nicht ausschließlich einer elitären Priesterschaft zugänglich sein darf, sondern vielmehr auf der Grundlage der Empirik und der öffentlichen Verifizierung stehen und jederzeit jedermann zugänglich sein muss. Es gibt also nicht eine russische Chemie und eine amerikanische Chemie oder etwa hinduistische Physik und christliche Physik. Es gibt nur DIE EINE Wissenschaft - das ist der beste derzeit verfügbare Rahmen für empirische Beziehungen und konzeptuelle Modelle, der außerdem ständig der öffentlichen Prüfung durch allgemein vereinbarte (standardisierte) Verfahren (Kriterien) unterliegt.
Das Ziel der eben erst begonnenen zweiten Stufe ist die Erschaffung eines ähnlich umfangreichen Wissensschatzes über das Reich der subjektiven Erfahrung, der ebenso auf Empirik und allgemein anerkannter Gültigkeit beruht. Zum ersten Mal in der Geschichte fangen wir an, einen immer weiter wachsenden, progressiv fundierten Erfahrungsschatz vom inneren Leben der Menschheit anzulegen - insbesondere vom immerwährenden Wahrheits- und Weisheitskern aller großen religiösen Traditionen und gnostischen Gruppen. Zum ersten Mal besteht die begründete Hoffnung, dass dieses Wissen zu einem lebendigen Erbe der gesamten Menschheit werden könnte - und eben kein Geheimwissen bleibt, welches sich immer wieder in Dogmatisierung und Institutionalisierung verliert, oder in die verschiedensten Kulte und Okkultismen degeneriert ...
Diese Erweiterung der wissenschaftlichen Vorgehensweise, die wir mit dem Begriff „noetisch“ beschrieben haben, unterscheidet sich in einer Reihe von Punkten von der materialistischen Wissenschaft der Vergangenheit: In ihrem Kern befasst sie sich zunächst einmal mit der subjektiven Erfahrung, während die materialistische Wissenschaft fast ausnahmslos die objektive, sensorische Erfahrung beschrieb. Die reduktionistischen Modelle der materialistischen Wissenschaft ergänzt sie durch holistische, ganzheitliche Modelle; zu den deterministischen Erklärungsversuchen bestimmter Ereignisse (und Vorgänge) fügt sie teleologische Erklärungen, die versuchen, eventuell dahinterstehende Absichten zu berücksichtigen. Während die materialistische Wissenschaft Werte weitestgehend unbeachtet ließ, stellt die noetische Wissenschaft wertebezogene Themen in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Die materialistische Wissenschaft tendierte dazu, Wissen zu testen, indem sie beobachtete, ob es zu der Fähigkeit führte, bestimmte Ereignisse vorherzusagen und somit zu kontrollieren; während sich bisher zwar noch kein Konsens über die Bewertung der noetischen Wissenschaften herausbilden konnte, ist indes zumindest schon klar, dass dieser eher mit Verständnis als mit Vorhersagbarkeit und eher mit Verbindung als mit Kontrolle zu tun haben wird.
Des weiteren kann angenommen werden, dass die noetische Wissenschaft sich in vollkommen anderer Weise entwickeln wird, als die materialistische Wissenschaft dies getan hat. Letztere befasste sich mit wirklich neuartigen Entdeckungen, und so verwundert es nicht, dass der Grad der Veränderung in der Sichtweise der Kultur in der Regel immer hinter dem neu entstandenen Bewusstsein der Wissenschaftler hinterherhinkte. Im Falle der neuen Wissenschaft der subjektiven Erfahrungen ist das umgekehrt. Zumindest teilweise haben wir es hier mit der Wiederentdeckung bestimmter Wahrheiten zu tun, die in gewissem Sinne immer und immer wieder neu entdeckt worden sind, und die deshalb ihre Spuren viel schneller in der gesamten Kultur hinterlassen konnten als in der wissenschaftlichen Gemeinde. Veränderungen in der Weltsicht einer Kultur ziehen zumeist auch entsprechende Veränderungen in den Wissenschaften nach sich. Als Beispiele seien hier die Rolle psychologischer Einstellungen wie das Vertrauen in Heilung genannt, oder die Überzeugung von der Existenz einer spirituellen Realität, die mit bestimmten erweiterten Bewusstseinszuständen einhergeht.
Weil die noetische Wissenschaft zumindest teilweise aus einem Prozess der Wiederentdeckung besteht, ist es möglich, vorherzusagen, worin einige ihrer essentiellen Charakteristika liegen werden. Die neue Wissenschaft ist nicht wirklich neu. Sie besteht aus dem esoterischen Kern aller Weltreligionen - des Ostens wie des Westens, des Altertums (der Tradition) wie der Moderne - der nun „exoterisch“, d.h. öffentlich zugänglich wird. So wie Aldous Huxley die „ewigwährende Weisheit“ beschreibt, „anerkennt [diese] eine göttliche Realität, die sich in der Welt der Dinge, der Leben und des Minds verwirklicht ..., [sie] findet in der Seele eine ähnliche, oder sogar identische göttliche Realität ... und sieht das letztendliche Ziel der Menschheit im Wissen um den innewohnenden und transzendenten Gott aller Wesen.“
Ob es nun aus der Extrapolation von Biofeedback-Training, aus Phänomenen der Psyche und aus deutlichen Hinweisen auf einen psychosomatischen Ursprung von Krankheit hervorgeht, oder ob es sich aus einer plötzlich gemachten intuitiven Erfahrung erschließt - die fundamental tiefe Einsicht scheint jeweils in der Erkenntnis zu bestehen, dass man selbst in einem nicht unbedeutenden Sinne „Ursprung und Schöpfer“ ist: In einem gewissen Sinn, der viel fundamentaler ist, als die konventionelle Psychologie unterstellen mag, erschafft unser Glaubenssystem Realität.
Die Tatsache, dass die Schlüsselcharakteristika des aufkommenden Wissens vorhersagbar sind, ist von hoher Bedeutung. Das heißt nämlich, dass es keine Notwendigkeit gibt, erst jahrzehntelang warten zu müssen, bis die neue Wissenschaft langsam eine definitivere Form annimmt, bevor man endlich auf der Basis ihrer Prinzipien zu handeln vermag. Der Einfluss dieser Prinzipien kann nämlich bereits heute auf soziale oder wirtschaftliche Entscheidungen gelenkt werden.
Heute wird allseits die Tatsache eingestanden, dass die Industriegesellschaft sich in einer sich zuspitzenden Krise befindet. Die Wahlmöglichkeiten im Hinblick auf Energie, Umwelt, Technologiekontrolle, Wachstum, Beschäftigung, Landnutzung, ökonomische Anreize/Antriebe, oder die Rolle der Regierung und der Businesswelt scheinen zunehmend aus Kompromissen zu bestehen, die immer ungenießbarer wirken. Das scheint wiederum auf eine zugrundeliegende fundamentale Richtungsänderung hinzuweisen. Die westliche Politiktradition - die mit der jüdisch-christlichen Ethik auf einer Kraft basiert, die selbst im Niedergang begriffen ist, seitdem das Paradigma der Ära der Industrialisierung an Einfluss gewann - ist zerfressen von Selbstzweifeln. Immer weitere Nationen ziehen sich vom demokratischen Verständnis zurück. Die aktuellen politischen, ökonomischen, ökologischen und sozialen Krisen sind jedoch nur Reflexionen einer zugrundeliegenden moralischen und spirituellen Krise der industrialisierten Zivilisation. Die Überwindung dieser offen zutage tretenden Krisen hängt untrennbar mit der Überwindung der moralischen und spirituellen Krise zusammen.
Eine noetische Wissenschaft - eine Wissenschaft des Bewusstseins und der Welt der inneren Erfahrung - ist der derzeit vielversprechendste Rahmen, innerhalb dessen jene fundamentale moralische Forschung weiterverfolgt werden kann, die stabile menschliche Gesellschaften immer schon in den Mittelpunkt ihrer Angelegenheiten stellen mussten. Wir tun gut daran, uns in Erinnerung zu rufen, dass dieses Land jenem Wissen immer - von Anfang an - in deutlicher Weise einen zentralen Platz zugewiesen hat: symbolisiert in dem alles-sehenden Auge im Großen Siegel auf der Rückseite der Dollarnote.
In der öffentlichen Wahrnehmung zeichnet sich eine zunehmende Akzeptanz der Notwendigkeit einer noetischen Betonung in der menschlichen Wissenschaft ab. Wichtiger noch: es existiert eine weitverbreitete Anerkennung der Notwendigkeit eines tiefergehenden Verständnisses unserer spirituellen Natur und des Verständnisses von den essentiellen Zielen und Charakteristika einer wirklich menschlichen Gesellschaft.
Der Artikel erschien ursprünglich im noetic Sciences Review Nr. 48, Übersetzung von Jochen Schilk.
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Texte
Paul Rays Arbeit zur „Evolution der Integralen Kultur“: http://www.kulturkreativ.net
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