Matriarchale Lebensformen: Schenken statt kaufen
Neue Gemeinschaftsformen, die ohne Sentimentalität in unserer VorfahrInnen-Kultur wurzeln und ein balanciertes Verhältnis der Mitglieder der Gemeinschaft kennen, sind selten. Die Lebenswirklichkeit ist nach wie vor patriarchal geprägt. Im vierten Teil ihrer Beitragsreihe regt Heide Göttner-Abendroth die Umsetzung matriarchaler Spiritualität in einer neuen Ökonomie an.
Auf der ökonomischen Ebene sind Matriarchate Ausgleichsgesellschaften. Ihre Ausgleichsökono-mie lässt keine Unterschiede zwischen Arm und Reich aufkommen, stellt aber einen gemäßigten Wohlstand für alle her. Das Gegenteil der Ausgleichsökonomie ist die Akkumulationsökonomie in patriarchalen Gesellschaften. Darin behalten die durch Waffen, Geld und Wirtschaftsstrukturen wenigen Mächtigen den Großteil der vorhandenen Güter für sich, die sie durch direkten oder indirekten Zwang der Mehrheit der Menschen weggenommen haben. Gilt für die erstere der Grundsatz von „Nehmen und Geben“, so gilt für die letztere die räuberische Maxime von „Nehmen und Gehen“. Mich hat als Forscherin immer fasziniert, wie matriarchale Menschen die Ausgleichsökonomie herstellen, so dass ich deren Regeln herausfinden konnte. Sie gebrauchen ein bestimmtes System der Zirkulation von Gütern, das ein Horten oder Akkumulieren nicht zulässt. Davon ist keine Art von erworbenen Gütern ausgenommen, weder die Ackerbauprodukte, die handwerklichen Erzeugnisse, die Handelsgüter noch das Geld, das matriarchale Männer heute mit Gelegenheitsarbeiten außerhalb ihrer Heimatgesellschaft verdienen. Traditionellerweise ist die matriarchale Ökonomie geldfrei, weil sie Geld nicht braucht.
1. Zur inneren Ökonomie der Clans
Alle diese Güter, von den Mitgliedern eines Clans erworben, werden in die Hand der Matriarchin des Clans gegeben. Durch das Sammeln an einer Stelle ist der Überblick garantiert. Sie sind damit aber nicht der „Besitz“ der Matriarchin, sondern sie verwaltet sie nur, indem sie die zum Leben notwendigen Güter an alle Mitglieder des Clans gleichmäßig und gerecht wieder verteilt. Die Überschüsse werden, nach gemeinschaftlicher Beratung des Clanrats, von ihr für besondere Ausgaben eingesetzt. Die Matriarchin als erste Vertrauensperson ist damit sozusagen die ökonomische Koordinationsstelle. Zur Illustration erzähle ich hier die erlebte Anekdote, nach der ein matriarchaler Mann, der in einer Stadt außerhalb seiner Heimatregion als Tagelöhner Geld verdiente, von seinen patriarchalen Arbeitskollegen herabsetzend gefragt wurde: „Was! Du gibst dein ganzes Geld bei deiner Mutter ab?“ Worauf er erstaunt antwortete: „Beim wem soll ich es sonst abgeben?“ Diese Anekdote zeigt, dass er „sein“ Geld als das Gut des ganzen Clans betrachtete.
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Lesen Sie den ganzen Artikel und auch die anderen fünf Beiträge von Heide Göttner-Abendroths Serie zu neuen matriarchalen Lebensentwürfen in ihrem neuen Buch „Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft – Prinzipien und Praxis der Matriarchatspolitik“ (Drachen Verlag Klein Jasedow 2008, ISBN 9783927369337, 112 Seiten, 12 Euro). Im Anschluss an die Beiträge ist hier auch die Diskussion über Göttner-Abendroths Vorschläge zwischen ihr und einer Reihe von LeserInnen wiedergegeben, unter anderem mit dem Verleger Johannes Heimrath, dem Philosophen Jochen Kirchhoff und der Matriarchatsforscherin Carola Meier-Seethaler.
Bestellen Sie das Buch bequem über die Seite des Drachen-Verlags:
http://www.drachenverlag.de/books/editions/books_483c0c7e0c534.html
Aus dem Klappentext:
„Die Philosophin Heide Göttner-Abendroth ist als profunde und scharfsichtige Kritikerin des Patriarchats bekannt. Ihre mehr als dreißigjährige Forschungsarbeit und zahlreiche Publikationen machten sie zur Begründerin der modernen Matriarchatsforschung. Sie organisierte die ersten Weltkongresse für Matriarchatsforschung: 2003 ‚Gesellschaft in Balance‘ in Luxemburg und 2005 ‚Societies of Peace‘ in Texas, USA. Heide Göttner-Abendroth wurde im Rahmen der weltweiten Initiative ‚1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005‘ nominiert.
‚Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft‘ ist ein matriarchaler Lebensentwurf, der helfen will, das patriarchale Gesellschaftsmodell abzulösen.
‚Am Anfang die Mütter‘ – so übersetzt Heide Göttner-Abendroth den Terminus ‚Matriarchat‘. Aus dem mütterlichen Prinzip des Lebensschenkens, dem Frauen und Männer gleichermaßen dienen, entwickelt sie das Bild einer Kultur, die Kreisläufe an die Stelle linearen Fortschritts setzt, die eine Ökonomie des Schenkens statt Ausbeutung und Gewinnmaximierung anstrebt und die von Würde, gegenseitigem Respekt der Geschlechter und Lebensalter sowie der Heiligung allen Lebens getragen ist. Die Besinnung auf die Weisheit matriarchaler Kulturen der Welt, von denen einige bis heute in Frieden und ausgeglichenem Wohlstand existieren, führt zu einer Gesellschaft in Balance, die auf die Kraft und Intelligenz von Gemeinschaften baut. Viele Menschen suchen heute nach Möglichkeiten, lebensfördernd zu wirken. Heide Göttner-Abendroths Entwurf einer matriarchalen Politik ist dafür ein wichtiger Wegweiser.“
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