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Impressum
Hier kann man Leben
erschienen in Ausgabe 123
Die Lebe-Gemeinschaft eines Stadtviertels in Wuppertal

Es kommt nicht selten vor, dass man in unserer Stadt Wuppertal, ja sogar über deren Grenzen hinweg, von der Nordstadt – oder vom „ Ölberg“ – spricht. Man spricht über den Ölberg, man begeht ihn in Gruppen auf historischen Erkundungsgängen, Architekturstudenten sitzen an Straßenecken und betreiben ihre Studien, Videoclips über das Viertel entstehen, ja sogar internationale Filme werden hier gedreht.Die Elberfelder Nordstadt gehört nämlich zu den größten zusammenhängenden Altbaugebieten aus der Gründerzeit in Deutschland, und sie besitzt viel Flair. Den schönen Namen „Ölberg“ hat dieser Stadtteil aus Zeiten, in denen selbständige, freie Weber hier oben der „Fabrikkasernierung“ trotzten und ihre Lampen noch mit Öl betrieben, während die Stadt mit Gas versorgt wurde. Diese starke, autarke Weberkolonie schätzte den Wert der Verfügungsfreiheit über eigene Zeit und den eigenen Webstuhl hoch ein und nahm dafür manche Schwierigkeit in Kauf. Manchmal scheint es, als ob der starke Geist dieser Menschen hier oben hängengeblieben sei. Das Leben hier hat etwas Besonderes: kleine Läden, viele Nationen (etwa 60 verschiedene), kleine und große Plätze, Kindergärten, Schulen, Altenwohnhaus, jede Menge Kulturvereine, und – schaut man näher hin – Bewohner, die ihr Viertel lieben und seinen Dorfcharakter schätzen, Junge wie Alte.
Als ich ganz neu in Wuppertal war, suchte ich nach einer Nachbarschaft, in der es sich gut leben lässt, das heißt vor allem, wo Menschen fühlbar miteinander leben. Ich hatte einmal dieses Viertel durchstreift und es auf Anhieb gemocht. Dieser Eindruck hat sich nur bestätigt, in den mehr als zehn Jahren hier auf dem Berg. Ich lebte mit meiner damals kleinen Tochter richtig auf, als wir endlich eine der so raren Wohnungen bekommen hatten. Seither genießen wir beide die Vorzüge dieser Dorfgemeinschaft.
Gleich beim Einzug begrüßten Nachbarn uns am Fenster, stellten sich vor, luden uns zum Essen ein, boten Hilfe an. Täglich ergaben sich viele neue Möglichkeiten, mit Menschen in Kontakt zu kommen, sei es in einem der kleinen Läden, z.B. im Bioladen, sei es beim „Bergfrisör“ oder im Fahrradladen mit Werkstatt, im türkischen Supermarkt, im Weinladen beim Probieren auch mal nach halb sieben, abends in einem der „Berglokale“ zu Live-Musik, beim gemeinschaftlichen „Fußballschauen“ in der irischen Bar oder zum Billard bei Memet – nicht zuletzt in einem der vielen (Gemeinschafts-)Gärten, die viele mit Kind und Kegel nutzen. Nachbarn sind hier selten Fremde, denn man lernt sich schnell kennen.Da ich mit meiner Tochter allein lebe, hatte mir das von Anfang an besonders gefallen. Unsere kleine Familie wurde bald durch eine Menge „Schwipp-Verwandte“ bereichert. Meine Tochter hatte schon früh mehrere Bezugspersonen im Umfeld und bewegte sich so recht selbständig in der Umgebung. Für mich war das oft eine Entlastung und Beruhigung, vor allem in Zeiten, in denen ich arbeiten musste. Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren selbständig auf Kunsthandwerkermärkten und Festivals, betreibe da meinen recht vielseitigen und kulturbetonten Schmuckstand. Das bedeutet schon immer: ganze Wochenenden fort sein, raus aus Wuppertal. Anfangs nahm ich meine Tochter noch jedesmal mit, aber dort auf dem Berg bahnten sich schnell neue Möglichkeiten an. Durch das gute Verhältnis zu vielen Menschen, besonders Frauen, entwickelten wir eine Art Tausch-Börse für Hilfeleistung, z.B. „du nimmst am Wochenende meine Tochter, dann putze ich anschließend deine Wohnung“. In den meisten Fällen funktionierte das recht gut.
Später, als meine Tochter größer wurde, wollte sie gerne zu Hause bleiben, auch an den Wochenenden. Das war möglich, weil sie von den Nachbarn im Wechsel mit betreut oder auch mitbekocht wurde. Ja, abends sieht man auch wochentags Menschen mit dampfenden Töpfen oder Schüsseln voll herrlichem Salat die Straße entlanggehen. Es wird nämlich bei manchen reihum gekocht, so hat es jeder einmal leichter.
Auch gemeinschaftliche Unternehmungen finden häufig statt: „Willst du mit zur Talsperre?“ oder „Soll ich deine Tochter mitnehmen, wir gehen ins Kino?“ Die Telefonkette funktioniert. Ich bin auch sicherlich nicht die Einzige hier, die sich mit einem Nachbarn ein Auto teilt. Gemeinschaftliches Leben macht vieles leichter und natürlich auch schöner. Besonders stark spüre ich das, weil wir ja nur zu zweit wohnen, leben tun wir aber zu mehreren!
Es wird auch öfter gefeiert hier auf dem Berg. Auf dem zentralen Schusterplatz finden schon richtiggehend traditionelle Feste oder Veranstaltungen statt. So landet z.B. immer am 1. Mai der Kundgebungsmarsch hier und endet in einem Happening für alle bis in die Nacht. Jung und Alt feiern ein Fest für uns und von uns. Seit einem Jahr gibt es nun endlich auch ein Stadtteilbüro – einen Treffpunkt für alle, einen Anlaufpunkt für Fragen, Ideen, Pläne und Probleme, Informationen und Sitz vieler bekannter Vertreter, die gemeinsam mit dem „Ölberg“ etwas entwickeln wollen: Ein gemeinsames Verantwortungsgefühl für diesen unseren Berg, unser Umfeld, unseren Lebens-Raum. Es gibt eine offene Bürgersprechstunde dort, es gibt Anhörungen lokaler Politiker, Sprechstunden der AWO, des Bürgervereins, des Antidiskriminierungsbüros, der Schulen und Kindergärten, Podiums-Diskussionen sowie offene Frühstückszeiten und vieles mehr. Man kann auch Räume mieten, so dass also Einzelne oder Gruppen aufgerufen sind, selbst etwas zu initiieren.
Eine Broschüre wurde bereits herausgegeben, in der UnternehmerInnen aller Sparten vom „Ölberg“ vorgestellt werden (Handwerker, Künstler, Heiler, Reisefachmenschen, ect.). Deren Vorstellung und Angebot soll den Bewohnern hier ihren Berg wieder wirtschaftlich attraktiver machen. Denn die zunehmende Konzentrierung des Geschäftslebens in die Innenstadt hat auch diesen nicht verschont. „Die gesparte Wegzeit könnte“, so die Broschüre, „gut anders genutzt werden, und sei es, um mit der Nachbarin zu plaudern oder eine Tasse Tee zu trinken“. Ich kann nur beipflichten, wenn es bei mir auch oft an der gesparten Wegzeit hapert. Wie oft will ich „mal schnell noch“ etwas einkaufen, da treffe ich gleich draußen den Nachbarn und bekomme etwas erzählt. Ein paar Schritte weiter steht der Postbote und kramt nach meiner Post oder verkündet, dass es heute keine gibt. Etwas später betteln die Kinder vom Haus gegenüber auf dem Spielplatz um Hilfe beim Schaukeln, der Ladner von der Ecke ist aus dem Urlaub zurück und schwärmt mir von Griechenland vor. Dann treffe ich oben im Laden nochmal drei Bekannte. – Gib’s auf, man plaudert – wieder nix mit dem schnellen Einkauf …
Aber genau so gefällt es mir. Diese Art von Erlebnissen inspiriert mich, ein lebendiger und aktiver Teil dieses Ganzen zu sein.
Anfang des Jahres mussten wir wegen Eigenbedarfs zwangsweise umziehen. Nun wohnen wir auf der anderen Straßenseite. Auch von hier aus betrachte ich meinen Berg gerne. Das meiste sieht freundlich aus, lädt ein zum Verweilen – zum Leben. Mit den Töpfen auf dem Arm sind es jetzt ein paar Schritte mehr zum Nachbarsgarten, aber, wie meine Tochter schon sagte, „das ist voll o.k.!“



  Autoren

Goldstein, Eva

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