Wie der Anblick der Erde aus dem All die Welt veränderte
AUF DER SUCHE NACH DER INTEGRALEN KULTUR
Der amerikanische Soziologe Paul H. Ray hat in einer vielbeachteten und nun auch in Deutschland diskutierten Studie nachgewiesen, dass in Amerika unbemerkt die große soziologische Gruppe der „Kulturell Kreativen“ entstanden ist (rund 24% der Bevölkerung). Sie wäre dazu in der Lage, tatsächlich eine neue Kultur hervorzubringen, die so genannte integrale Kultur, in der zukunftsfähige Aspekte aus Traditionalismus und Modernismus ein neues Ganzes bilden. Die Errungenschaften der Aufklärung wie rationale Vernunft und selbständiges Denken finden darin zur Synthese mit den im Modernismus oft als „irrational“ abgelehnten Dimensionen des Menschen wie Spiritualität, Hinwendung zur Gemeinschaft und Verbindung mit der Natur. (Mehr dazu im Internet: www.kulturkreativ.net). Noch ist diese integrale Kultur keineswegs manifest, wir erkennen sie lediglich als Potenzial, das offenbar in allen gesellschaftlichen Schichten und Strömungen gleichermaßen vorhanden ist. Mit der Artikelreihe „Andere Welten – Auf der Suche nach der integralen Kultur“ gehe ich der Frage nach, wie eine Welt aussehen könnte, die wesentlich von den Kulturell Kreativen mitgeprägt wird. Da es als sicher gelten kann, dass die erwachende integrale Kultur ein wahrhaft planetares (wenn nicht gar kosmisches) Bewusstsein zur Grundlage haben muss, widme ich mich diesmal der Frage, welche besondere Rolle der Anblick der Erde vom All aus für die Schaffung dieses Bewusstseins haben könnte.
"Und plötzlich ergreift dich das bisher unbekannte und alles absorbierende Gefühl, dass du ein Erdenmensch bist."
Der Kosmonaut Oleg Makarow
(Sojus-Flüge 12/1973, 18-1/1975, 27/1978 und T-3/1980)
Diese Geschichte beginnt mit dem jungen Steward Brand, dem späteren Herausgeber des in Alternativkreisen legendären „Whole Earth Catalog“. An einem Nachmittag des Jahres 1966 fiel ihm anlässlich eines LSD-Trips auf, dass er noch nie eine Fotografie der ganzen Erde vom Weltall aus zu Gesicht bekommen hatte. „Es war doch sonderbar, dass wir in zehn Jahren [Weltraumerkundung und] mit der ganzen fotografischen Apparatur in der Welt niemals die Kamera um 180 Grad gedreht haben sollen, um zurückzuschauen. So als hätten wir wunderbare Kameras erfunden, aber keine Spiegel. Ziemlich merkwürdig.“(1) Als Steward Brand wieder im Hier angekommen war, ließ er Plakate und Ansteckbuttons mit der Frage drucken: „Warum haben wir noch keine Fotografie der ganzen Erde gesehen?“ Die Plakate zeigten zusätzlich noch ein Sternenfeld mit einem leeren Platz in der Mitte, das die fehlende Erdansicht symbolisierte. Nun begann er, angetan mit einem Umhängeschild und entsprechend „psychedelisch“ gekleidet, auf den Straßen und in den Universitäten Kaliforniens für sein Anliegen zu werben. Vor allem aber verschickte er die fragenden Ansteckbuttons an die Weltraumbehörden Amerikas und der Sowjetunion, ahnte er doch intuitiv, dass ihm und dem Rest der Welt etwas Großartiges vorenthalten wurde.
Tatsächlich berichten heimkehrende Raumfahrer in einstimmig begeisterten Tönen von dem erhabenen und bewusstseinserweiternden Anblick der Erde aus dem nahen und fernen All: „Du siehst aus dem Fenster [des Raumschiffs] und blickst durch 400 000 Kilometer schwarzen Weltraums, zurück auf den schönsten Stern am Firmament. Du bist anderen Planeten nicht nahe genug, um mehr als einen hellen Stern zu erkennen, aber Du kannst die Erde betrachten, von Pol zu Pol, und über die Weltmeere und Kontinente blicken. Du verfolgst, wie sie sich dreht, und siehst, dass sie nicht von Seilen gehalten wird, während sie sich in einer Finsternis bewegt, die nahezu unvorstellbar ist.“
In diesem Zitat des Astronauten Eugene Cernan (Gemini 9, 1966; Apollo 10, 1969 und Apollo 17, 1972) klingt bereits eine von drei typischen Erkenntnissen an, die jener außerirdische Anblick der Erde beim Betrachter auslösen kann: eine philosophisch-spirituelle, eine politische und eine ökologische. Hier ist es die fast kindliche Verwunderung darüber, dass die vermeintlich un-fassbar schwere Erde entgegen allen physikalischen Vorstellungen nicht „von Seilen gehalten“ wird. Es wirkt auch nicht so, als ob sie „um die Sonne herumfällt“ (wie die heutige Kosmologie behauptet), sondern tatsächlich so, als ob sie schwerelos durch den Raum schwebte.
Die schwebende, lebendige Erde
Der Philosoph Jochen Kirchhoff sieht in dieser Beobachtung des schwerelosen Schwebens – verbunden mit der Tatsache, dass die mechanistisch-materialistische Physik bis heute keine schlüssige Erklärung für die regelmäßige Bewegung der Planeten erbringen konnte – eine der Grundlagen dafür, den Planeten Erde als eine aus sich selbst heraus lebendige, spirituelle kosmische Entität zu begreifen – und entwickelt damit die Gedanken der Gaia-Hypothese2 weiter. Kirchhoff stellt die revolutionär anmutende These auf, dass unser Planet in seiner Gesamtheit keinerlei Schwere besitzt, da die Kraftvektoren der Erdanziehung sich im Erdmittelpunkt gegenseitig aufheben, „dass sich die Erde durch ihre tatsächliche Schwerelosigkeit ihrer „Materialität entkleidet und damit spiritualisiert“ wird.(3)
Freilich schließt ein Astronaut aus seiner erstaunt getroffenen Beobachtung nicht unbedingt sofort auf eine lebendige „Gaia“, auf eine „spiritualisierte“ Erde oder gar auf eine anbetungswürdige Erdgöttin, wie die Matriarchatsforschung sie bei unseren Vorfahren gefunden haben will und wie die Erde noch heute von einem großen Teil ihrer Bevölkerung empfunden wird – den indigenen Völkern, deren Weltbilder wir „Zivilisierten“ gerne verdrängen. Dennoch ist die ehrfürchtige Verwunderung über die sich drehende, leuchtende und schwebende Erde bei den „Weltraum-Homines Faberes“ bemerkenswert.
Das Erstaunen kommt in einer bewegenden Schilderung des amerikanischen Astronauten Russel Schweick-art (Apollo 9, 1969) besonders stark zum Ausdruck.(1) Angesichts des überwältigenden Ausblicks auf seinen Heimatplaneten fragte er sich und Gott, womit er dieses phantastische Erlebnis überhaupt verdient habe. Er kam schließlich zu dem Ergebnis, dass er als Individuum dieses Geschenks niemals würdig sein könne und dass mit dem privilegierten Blick vielmehr auch eine verantwortungsvolle Mission verbunden sei:
„Alle diese Leute da unten sind wie du, sind dir gleich, und du repräsentierst sie irgendwie. Du bist hier oben als der Messfühler, dieser Punkt am äußersten Ende, und das ist ein Gefühl, das dich demütig werden lässt. Es sagt, dass du eine Verantwortung trägst. Es ist nicht um deinetwillen. Ein Auge, das nicht sieht, dient seinem Körper nicht. Dazu ist es da, dazu befindest du dich dort draußen. Und irgendwie wird dir klar, dass du ein Teil dieses umfassenden Lebens bist. Und du bist hier in der vordersten Linie und musst deine Erfahrung an die Leute, zurück nach Hause bringen. Und das ist eine ganz besondere Verantwortung; sie sagt dir etwas über deine Beziehung zu dem, was wir Leben nennen. Darin liegt eine Veränderung. Es ist etwas Neues. Und wenn du nach Hause kommst, ist die Welt anders geworden. Geändert hat sich die Beziehung zwischen dir und diesem Planeten, zwischen dir und all den anderen Lebensformen auf dem Planeten. Denn du hast eine Erfahrung gemacht. Es ist ein Unterschied, und er ist unendlich wertvoll.“
Eine Welt
Russel Schweickarts All-Erlebnisse lösten neben dieser authentischen philosophischen Erkenntnis außerdem eine Art politische Erkenntnis aus. Er erkannte, dass jeder Mensch niemals nur Bürger eines (letztlich imaginären, künstlichen) Landes oder Staates ist, sondern vielmehr an erster Stelle immer ein Erdenbürger. Das mag für fortschrittliche Menschen durchaus kein neuer Gedanke sein, doch zeigen die unvermindert überall lodernden National-, Rassen- oder „Standort“-Konflikte, dass es um die Verbreitung eines globalen – oder besser planetaren – Bewusstseins noch nicht sonderlich gut bestellt ist. Übernehmen wir also nochmals die bewusst-seinserweiternde Perspektive aus Schweickarts Raumschiff-Fenster hinaus zum Raumschiff Erde:
„Da oben gehst du alle eineinhalb Stunden einmal [um die Erde] herum, immer wieder, immer wieder. Und je nachdem, wie deine Planetenbahn verläuft, erwachst Du über dem nahen Osten und Nordafrika. Während du frühstückst, schaust du aus dem Fenster und siehst den gesamten Mittelmeerraum, Griechenland, Rom, Nordafrika, den Sinai – alles. [...] Und du spazierst über Nordafrika und dem Indischen Ozean herum und schaust hoch zu dem großen Subkontinent Indien, der auf dich heruntersieht, während Du vorbeifliegst. [...] Und endlich kommst du über die Kalifornische Küste und suchst nach den freundlichen Dingen: Los Angeles, und Phoenix, und weiter nach El Paso. Und da ist Houston, das ist Zuhause. Und du guckst, und tatsächlich, da ist das Astrodome. Und du identifizierst dich damit, weißt du - da gibt es eine Bindung. [...] Und das machst du immer wieder, wieder und wieder … Und dieses Identifizieren mit Houston und dann mit Los Angeles und Phoenix und New Orleans … Und das nächste Mal bemerkst du, dass du dich mit Nordafrika identifizierst. Und du freust dich darauf und wartest darauf. Und da ist es. Der ganze Prozess, das, womit du dich identifizierst, beginnt sich zu verschieben. Wenn du in anderthalb Stunden einmal herumkommst, merkst du, dass du dich mit dem ganzen Ding identifizierst. Und das bewirkt eine Veränderung. Du schaust da runter und kannst dir nicht vorstellen, wieviele Grenzen du immer und immer wieder überquert hast. Du siehst sie nicht einmal. Wo du erwacht bist, über dem Nahen Osten, bringen sich – das weißt du – Hunderte von Menschen wegen einer imaginären Linie, die du nicht einmal siehst, gegenseitig um. Von dort, wo du schaust, ist das Ding ein Ganzes. Und es ist so schön. Und du wünschst dir, dass du einen von jeder Seite bei der Hand nehmen und sagen könntest: „Schau es dir aus dieser Perspektive an. Was ist wichtig?“
Schweickerts saudi-arabischer Kollege Sultan Ben Salman Al Saud (Discovery 5, 1985) berichtet von einem ähnlichen Bewusstseinswandel(4): „Am ersten Tag deutete jeder auf sein Land. Am dritten und vierten Tag deutete jeder auf seinen Kontinent. Ab dem fünften Tag achteten wir auch nicht mehr auf die Kontinente. Wir sahen nur noch die Erde als den einen, ganzen Planeten.“ Und der Deutsche Ulf Merbold (Mission STS-9, 1983) fügt hinzu: „Die Wahrheit ist: Auf der Erde kann die Menschheit nicht auf Dauer in einem Gegeneinander überleben.“
Auch diese Einsicht ist für fortschrittliche Köpfe nichts grundlegend Neues. Was ich jedoch unterstreichen möchte, ist die besondere Perspektive, die es einigen Menschen erlaubte, zu dieser profunden Erkenntnis zu gelangen, obwohl sie zuvor vielleicht das allgemein herrschende Konkurrenzprinzip nicht in Frage gestellt hatten. Noch einmal Ulf Merbold: „[Es ist] bemerkenswert, dass erst der Blick aus der Distanz zur richtigen [sic!] Sicht der Erde geführt hat [...] Kosmonauten und Astronauten haben seither immer wieder den Traum geträumt, die Weltenlenker, die kleinen wie die großen, ins All mitzunehmen. Scherzhaft wurde sogar vorgeschlagen, ihnen die Rückfahrkarte erst auszustellen, nachdem sie sich verständigt hätten.“ Ist dies nicht eine schöne Vorstellung, z.B. die amerikanische Regierung so lange um die Erde kreisen zu lassen, bis sie wirklich begreift, dass auch ihr Land sich z.B. an verbindlichen Klimaschutzmaßnahmen beteiligen muss?
Association of Space Explorerers
Die Astronauten des Westens und die Kosmonauten des Ostens haben nach ihren eindrucksvollen Erlebnissen im All bereits mitten in den Jahren des Kalten Krieges ein neues Miteinander begonnen. 1981 wurde von Kollegen aus beiden politischen Blöcken die Idee zur Gründung einer internationalen Raumfahrervereinigung geboren, die die Aufgabe haben sollte, der Menschheit das von ihnen erlebte Erdenbürger-Gefühl zu vermitteln. Zwei Jahre später wurde dann – gegen den Willen der US-amerikanischen und der sowjetischen Regierungen – die „Association of Space Explorers“ gegründet. Über deren Hauptziel finden sich interessanterweise unterschiedliche Aussagen; so ging es laut Ulf Merbold darum, „die Erde vor einer Katastrophe zu bewahren und zuvorderst den großen Krieg zu verhindern.“ Das russische Gründungsmitglied Oleg Makarow hingegen bezeichnet die ökologische Erkenntnis als die Hauptmotivation der Space Explorers: „Vor allem einte uns die grundlegende Sorge und persönliche Verantwortung für die Erhaltung und den Schutz der Natur der Erde.“ Denn auch diese Einsicht erlangt man durch den Fernblick: „Wie wundervoll, aber auch zerbrechlich unsere Erde ist.“ (Merbold) Oder mit den Worten Russel Schweic-karts: „Und jetzt [aus der großen Entfernung] wird dieser Kontrast zwischen der strahlend blau-weißen Weihnachtsbaumkugel und dem schwarzen Himmel, dem unendlichen Universum wirklich deutlich. Die Größe, die Bedeutung – es wird so klein und zart, und so ein wertvoller kleiner Platz im Universum.“ Man muss sich nur diese eigentlich unglaublich dünne Schicht aus Luft, Wasser und grünem Land vor Augen führen, die es uns wunder-samerweise erlaubt, zwischen der glühenden Hitze des Erdinneren und der Eiseskälte des Alls zu leben. Das Gleichgewicht dieses auf das irdische Leben zugeschnittenen Systems scheint sehr klug „ausbalanciert“, aber auch sehr labil zu sein.
Ein weiteres Mitglied der „Space Explorers“, der Amerikaner Edgar Michell (Apollo 14, 1971), hat später das „Institute of Noetic Sciences“ (IONS) ins Leben gerufen. Dieser Zusammenschluss von Wissenschaftlern hat sich das Ziel gesetzt, eine „globale Wissensgesellschaft“ zu erschaffen, in der „Bewusstsein, Spiritualität und Liebe im Mittelpunkt des Lebens stehen.“ Im Rahmen des Instituts soll der Wandel hauptsächlich durch Bewusstseinsforschung im grenzwissenschaftlichen Bereich, aber auch durch Selbststudium und Lernen in Gemeinschaft vorangetrieben werden. (Das IONS wird in einer nächsten Ausgabe Thema von „Andere Welten“ sein.)
Gaia-Ökologie
Zwar kann man aus dem nahen Weltraum keine Landesgrenzen, Längen- oder Breitengrade erkennen, doch zeigt sich von „oben“ durchaus hier und da die Auswirkung menschlicher Misswirtschaft. Jeder von uns hat schon einmal Satellitenaufnahmen gesehen, die z.B. die fortschreitende Verwüstung oder Gewässerverschmut-zung dokumentieren. Dieser Artikel will jedoch nicht die deprimierende, sondern die optimistische Auswirkung von Bildern hervorheben!
Wir westlichen Menschen haben genügend Bilder gesehen, die uns entmutigen, und dabei sind uns diejenigen Bilder verlorengegangen, die uns die positiven Visionen geben können, die wir so dringend benötigen. Auch das Bild von unserem Planeten ist über 30 Jahre nach der schließlichen Veröffentlichung der ersten „Whole Earth Photography“ noch immer von abstrakten, reduzierten, verfremdeten, verzerrten und profanierten Vorstellungen überlagert. Das mag an den hunderten von Landkarten liegen, die man verinnerlicht: Straßenkarten, politische Karten, Wetterkarten – nur im Ausnahmefall trifft man auf eine realitätsgetreue Abbildung unseres Planeten, auf der seine ehrwürdige Heiligkeit erkennbar ist. Kürzlich habe ich versucht, in München ein entsprechendes Poster zu erstehen, was sich als recht schwierig (aber nicht unmöglich) erwies. Einfacher wäre es noch gewesen, eine mit modernster Technik aus Dutzenden von Satellitenbildern zusammenmontierte „wolkenlose Vollerde“ zu bekommen.
Der Heimatplanet
Wir Menschen, die nicht das seltene Glück haben, zum Raumfahrer geboren zu sein, müssen uns sowieso im Klaren darüber sein, dass jedes noch so gute Foto doch nicht das Leuchten und erst recht nicht das Schweben und Drehen der Erde wiedergeben kann – das müssen wir uns bei der Betrachtung solcher Aufnahmen immer selbst dazudenken. Die bewusst-seins-verändernde Schau der Raumfahrer ist jedoch (wenn überhaupt) nur anhand von authentischen Abbildungen nachvollziehbar. Aus diesem Grund hat die „Association of Space Explorers“ die Publikation eines Buches mit den schönsten Weltraumfotos der Erde in Auftrag gegeben, das 1989 unter dem Titel „Der Heimatplanet“ gleichzeitig in verschiedenen Ländern in Ost und West erschienen ist. Neben atemberaubenden Aufnahmen finden sich dort noch zahlreiche weitere Zitate von Raumfahrern (Herausgegeben von Kevin W. Kelley, Zweitausendeins).
Braucht die im Erwachen begriffene weltweite integrale Kultur ein Symbol, ein Banner, ein gemeinsames Idol? Wenn ja, so kann es nur dieses eine sein: die durch den tiefschwarzen Raum schwebende Erde – unsere rätselhaft lebendige Heimat!
Epilog – Wie es mit der ersten Fotografie der ganzen Erde weiterging
Tatsächlich wurde das erste Foto der ganzen Erde erst im Winter 1967/68 von einem geostationären Satelliten aus aufgenommen. Ob nun Stewart Brands Ansteckbutton-kam-pagne von 1966 den Ausschlag dafür gegeben hatte, ist selbstverständlich nicht festzustellen – auf jeden Fall war es die NASA, die der Welt schließlich 1968 die lange erwartete Aufnahme präsentierte.
Brand und einige seiner Freunde, die zu jener Zeit aktiv in der amerikanischen Gegenkultur mitmischten, nahmen diesen Erfolg zum Anlass, ein neues Projekt ins Leben zu rufen. Um die einsetzende Zurück-aufs-Land- und Alternativbewegung mit dem nötigen Know-how zum Überstehen der – ihrer Meinung nach kurz bevorstehenden – Apokalypse zu versorgen, stellten sie in einer Garage ein umfangreiches Kompendium zusammen, das alle ihnen verfügbaren relevanten Hinweise auf nützliche Werkzeuge, Techniken, Bücher und Kontaktadressen vereinigte. Auf dem Cover druckten sie das neue Foto der Erde – der „Whole Earth Catalog“ war da. In mehreren überarbeiteten Fassungen bis zur 1994 erschienenen „Millenium“-Ausgabe entstand ein richtiger Wälzer, der insgesamt wohl maßgeblich die Entwicklung der westlichen Alternativkultur beeinflusste (und deren Erfahrungen seit den 60ern heute einen hohen Wert bei der Überwindung der nun unübersehbaren globalen Krise darstellen könnten). Der Katalog erhielt über die Jahrzehnte seines Bestehens folgende Schwerpunkte: das Verstehen ganzer Systeme, Landnutzung, sanfte Technologie, Gemeinschaft und Gesellschaft, Handwerk, Bewusstseinserweiterung, Selbstversorgung mit Lebensmitteln, medizinische Selbstversorgung, Politik, Fortbewegung, Kommunikation und Lernen.
Der „Whole Earth Catalog“ war vor allem ein Sammelsurium von Mailorder -Tipps, eine kommentierte Anschriften- und Bücherliste, der bestimmte Kriterien zugrunde lagen: Die BenutzerInnen sollten die besten Produkte kennen und darüber Bescheid wissen, wie sie diese beziehen könnten. Ein Objekt (Buch, Werkzeug oder Kontakt) wurde im Katalog dann aufgeführt, wenn es 1. als Werkzeug nützlich, 2. hilfreich zu einer unabhängigen Ausbildung, 3. qualitativ hochwertig und/oder billig und 4. leicht per Post erhältlich war.
Die Produkt-Erwähnungen wurden permanent durch eigene Erfahrungen und vor allem durch Vorschläge der KatalognutzerInnen auf den neuesten Stand gebracht. Der Katalog verkaufte nichts, er ließ sich auch nicht „kaufen“, sondern er wies nur auf Dinge und Anschriften hin. Er warb für nichts, er verriss nicht, er empfahl nur. Das Beste war gerade gut genug, wenn es darum ging, eine neue Welt aufzubauen (Buckminster Fuller hatte die Devise „Re-Designing the World“ ausgegeben).
Um dem unkommerziellen Anspruch des Katalogs zu genügen, wurde nach dem gigantischen Überraschungserfolg des Buches (der Katalog erreichte zeitweise eine Auflage von 1,6 Millionen) eine Stiftung gegründet, welche die Gewinne aus dem Unternehmen in diverse alternative Projekte investierte und gleichzeitig als Herausgeberin fungierte. Parallel zum Whole Earth Catalog entwickelte sich das Magazin „Co-Evolution Quarterly“, dessen Nachfolger, das „Whole Earth Magazine“ noch heute existiert (http://www.wholeearthmag.com).
Global denken
Zitate von Raumfahrern und anderen Außerirdischen
„Viele Astronauten und Kosmonauten berichten bei der Rückkehr von ihren Einsätzen von tiefgreifenden Veränderungen, die das ganze Leben prägen. Diese veränderte Lebenseinstellung führen sie auf die einfache Erfahrung zurück, unseren Heimatplaneten aus der großen Ferne des Weltraums betrachtet zu haben.“
Kevin W. Kelley, Herausgeber von „Der Heimatplanet“
„Durch den Anblick unseres faszinierenden Planeten aus dem Weltraum wächst diese Erkenntnis vom verstandesmäßigen Begreifen bis ins persönliche Fühlen hinein.“
Der Astronaut Russel 'Rusty' Schweickart (Apollo 9, 1969)
„Alle Kosmonauten – sowohl, nüchterne, zurückhaltende Ingenieure wie mehr emotionale Flieger- stoßen in den ersten Sekunden nach Eintritt des Schiffs in die Umlaufbahn ausnahmslos alle so ziemlich die gleichen, fast ungehörigen Ausrufe des Entzückens aus. [...] Niemand – kein einziger Mensch konnte bei dem faszinierenden Anblick der Erde aus dem Weltraum Freudenausbrüche zurückhalten, die aus der Tiefe des Herzens hervorbrachen. Diese emotionalen Ergüsse dauerten durchschnittlich 42 Sekunden.“
Der Kosmonaut Oleg Makarow (Sojus 12, 1973; Sojus 18-1, 1975; Sojus 27, 1978 und Sojus T-3, 1980), nach der Analyse mehrerer Tonbandprotokolle
"Far out in the uncharted backwaters of the unfashionable end of the Western spiralarm of the galaxy lies a small unregarded yellow sun. Orbiting this at a distance of roughly 92 million miles is an uterly unsignificant little blue green planet whose ape-descent life forms are so amazingly primitive that they still think, exploiting natur, neighbours and yourself leads to a happy life."
Douglas Adams in seiner ScienceFiction Satire "Per Anhalter durch die Galaxis"
"Wir sind nicht die Passagiere des Raumschiffes Erde, sondern die Mannschaft. Wir halten uns nicht nur auf diesem Planeten auf, wir leben hier. Der Unterschied in beiden Fällen ist: Wir haben die Verantwortung"
Der Astronaut Russel 'Rusty' Schweickart (Apollo 9, 1969)
"Wir müssen von 'Gott schütze Amerika' weggkommen und es durch 'Gott schütze diesen Planeten' ersetzen"
Der Rockmusiker Carlos Santana zum Selbstverständnis der ÜSÄ
„Die Bedeutung der Weltraumeroberung findet ihren Ausdruck in der wundervollen Reihe von Bildern, die vom Mond aus aufgenommen wurden und die Heraufkunft eines weltumspannenden Bewußtseins preisen, das ein Fundament beim Bau einer friedlichen Zukunft der Menschheit sein wird.“
Der Meeresforscher Jaques-Ives Cousteau in seinem Geleitwort zu „Der Heimatplanet“
"Warum steht auf einer Briefadresse immer Strasse, Ort und Land, nie jedoch der Planet?"
Yossi Shiloach
"Der Mensch schreitet in seiner normalen Entwicklung vom Ich zum Wir, von egozentrischen Gefühlen fort zu soziozentrischen, ethnozentrischen. Hier dürfen wir aber nicht stehenbleiben, denn nun kommt das weltzentrische Stadium, in dem man sich nicht mehr ausschließlich mit der eigenen Nation, Rasse oder Religion identifiziert, sondern wo einem schmerzlich auffällt, dass man mit der ganzen Welt verbunden ist."
Der Liedermacher Konstantin Wecker
„Plötzlich taucht hinter dem Rande des Mondes in langen, zeitlupenartigen Momenten von grenzenloser Majestät ein funkelndes blauweißes Juwel auf; ... umkränzt von langsam wirbelnden weißen Schleiern. Allmählich steigt sie wie eine kleine Perle aus einem tiefen Meer empor, unergründlich und geheimnisvoll.“
Edgar Mitchell (Apollo 14)
„Nehmen Sie einmal einen Globus zur Hand und legen Sie ein Blatt Papier darauf. Jetzt wissen Sie, wie dick die Luftschicht ist, in der Menschen atmen können. Schauen Sie sich nun an, auf welchen Teilen der Erdoberfläche menschliches Leben möglich ist. Wenn Sie alle Meere, Wüsten, Polarregionen, Karststeppen und Hochgebirgslandschaften schwarz einfärben würden, blieben nurmehr lächerlich schmale Randgebiete in grün und braun übrig. Stellen Sie sich als nächstes vor, daß sich auf diesem bißchen Platz ein Lebewesen namens Mensch derart zügig vermehrt, daß es alle paar Generationen seinen Bestand verdoppelt. Es frißt den Pflanzenbewuchs und den Tierbestand, reißt den Boden auf, verbrennt alles was brennbar ist und erzeugt dabei enorme Mengen giftiger Gase. Schon jetzt bekommt es Schwierigkeiten beim Luftholen. Dieses Lebewesen hat die Gabe zu denken, aber es denkt falsch. Seine wichtigste Philosophie scheint in einem Wort zu bestehen: Wachstum. Es ist dabei, sich auf dieselbe Art und Weise zu vernichten wie eine wildwuchernde Bakterienkultur in der Nährlösung eines abgeschlossenen Glastiegels.
Legen Sie nun einen Bleistift auf Ihren Globus. Würde um diese Weltkugel ein Satellit kreisen, müßte er in den Stift hineinrasen. Nun haben Sie einen Begriff von den Dimensionen, die der Mensch als »Vorstoß in den Weltraum« bezeichnet. Vielleicht besitzen Sie einen Leuchtglobus? Betrachten Sie ihn einmal in der Nacht aus so großer Entfernung, daß Sie ihn nur noch als kleinen, leuchtenden Punkt wahrnehmen. Nehmen Sie sich ruhig Zeit, und schauen Sie genau hin.
Nach all diesen Übungen haben Sie vielleicht die richtige Perspektive, um über die wichtigen Dinge des Lebens nachzudenken.“
Horst Stowasser in: Freiheit Pur – Die Idee der Anarchie, Geschichte und Gegenwart, Frankfurt/Main 1995
„Die Astronauten der Apollo-Missionen waren gestartet, um die fremde Welt des Mondes zu entdecken. Was sich ihnen zunächst präsentierte, aus einer bislang unbekannten Perspektive, war das Eigene: die Erde. Obwohl die Astronauten allesamt geschult waren in Techniken der Naturbeherrschung – einige von ihnen hatten sich als Kampfpiloten im Korea-Krieg für die Raumfahrtmission „qualifiziert“ – war die Konfrontation mit der Verletzbarkeit und der Ästhetik ihrer eigenen Existenzgrundlage eine offenbar tief bewegende Erfahrung.
Der Blick auf die Erde aus der Perspektive des Weltalls eröffnet unterschiedliche Wahrnehmungsmöglichkeiten – eine davon ist die Einsicht, wie notwendig es ist, den Planeten zu erhalten. Diese Erkenntnis ist universell nachvollziehbar, weil sie für das – vielleicht einzige – gemeinsame Interesse der ErdbewohnerInnen steht.“
Christa Müllerin in ihrer Einleitung zu: Wurzeln schlagen in der Fremde, oekom-Verlag München 2002
“Wenn gelegentlich von der Erde als "Raumschiff" gesprochen wird, so liegt dieser Vergleich etwas daneben. Als Raumschiff wäre besser das ganze Planetensystem zu bezeichnen, und die Erde wäre vielleicht die Passagierkabine."
Eric Biehl und Volker Freystedt in: Equilibrismus – Neue Konzepte statt Reformen für eine Welt im Gleichgewicht, Signum Verlag, Wien 2005
„Unsere Erde ist in der unermesslichen Weite des Alls ein kleiner, zerbrechlicher, zarter, blauer Lichtpunkt. Aus dieser kosmischen Perspektive schrumpfen unsere Gegensätze zwischen Nationen, Religionen und Rassen auf ein Nichts zusammen und das Gemeinsame überwiegt. Wir dürfen den Weg von Hass, Gewalt und Intoleranz nicht bis zur Selbstzerstörung weitergehen. Was hindert uns, jetzt einen Weg der Liebe, Achtsamkeit, der Toleranz und des Mitgefühls zu gehen?”
Die Umweltschutzorganisation David gegen Goliath in einer ganzseitigen Annonce in der Süddeutschen Zeitung anlässlich des 20. Jahrestages der Katastrophe von Tschernobyl
1) „Widersteh’ Dich – das Buch der Handlungen“, herausgegeben von Werner Pieper, Der Grüne Zweig 137
2) Die Gaia-Hypothese besagt, dass unser Planet ein Lebewesen mit Bewusstseinsqualitäten ist und sich wie jeder lebendige Körper selbst organisiert und reguliert. Buchhinweise: „Das Gaia- Prinzip. Die Biographie unseres Planeten“, James Lovelock, Insel-Verlag, „GAIA. Die Erde ist ein Lebewesen“, James Lovelock, Scherz-Verlag; „Gaia. Vergangenheit und Zukunft der Erde“ Elisabet Sahtouris, Insel Verlag.
3) Kirchhoffs Gaia-Meditation „Der Kosmos lebt, weil wir leben“ in Hagia Chora Nr. 7, www.geomantie.net.
4) Beide Zitate aus Ulf Merbolds Geleitwort „Fernblick schafft Einsicht“ zum Buch „Die Augen der Erde“, Hrsg. WWF Deutschland, PRO FUTURA Verlag.
TV-Tip: „Space Night“, nach dem offiziellen Programm sendet das Bayerische Fernsehen jede Nacht fünf Stunden lang sehr schöne Dokumentarfilme von Weltraumex-pedi-tionen. Dazu kommentiert die ZEIT: „Aufgerüscht mit elektronischer Musik ist Space Night die harmlose Variante eines Drogentrips – oder vielleicht der Einstieg.“ Von so etwas konnte Steward Brand 1966 nur träumen …
Surf-Tips:
http://www.space-explorers.org
http://www.noetic.org
http://www.kulturkreativ.net
http://www.wholeearthmag.com
Ergänzung des Autors vom 7. Juni 2005:
Die meisten Tageszeitungen enthielten gestern beeindruckende Satellitenaufnahmen, die einem Bildband entnommen waren, den der Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) kürzlich der Öffentlichkeit vorstellte. Darin sind 80 Photopaare wiedergegeben, die jeweils eine Erdenregion aus dem All betrachtet zeigen und zwar in einer aktuellen Aufnahme und einer etwa dreißig Jahre alten. Dabei wird das erschreckende Ausmaß sichtbar, mit dem der Mensch innerhalb weniger Jahrzehnte das Gesicht seines Heimatplaneten verändert.
Ich selbst habe anhand dieser Photos wieder einmal gemerkt, wie eindringlich die Weltraum-Perspektive auf die Erde sein kann! Vielleicht ist dem Buch namens „One Planet, Many People“ ja eine ähnliche Wirkung vergönnt, wie dem berühmten „Der Heimatplanet“…
http://www.unep.org/Documents.Multilingual/Default.asp?DocumentID=434&ArticleID=4806&l=en
http://www.epo.de/index.php?option=com_content&task=view&id=560&Itemid=33
|