Das Holma College besucht Gemeinschaftsprojekte
Das Holma College für holistische Studien aus Südschweden ist keine gewöhnliche Schule. Es wurde 1998 von der Non-Profit-Organisation CANHELP als Projekt der weltweit geplanten „University for Global Well-Being“ gegründet. Mit einer internationalen Gemeinschaft von Studenten und Dozenten soll an der Änderung der bestehenden Weltsicht gearbeitet werden. Durch die Begegnung mit alternativen Methoden und Gemeinschaften wird ein lebendiger Erfahrungsaustausch gesucht. Vor kurzem war eine Studiengruppe in Holland und Deutschland unterwegs, um einige Gemeinschaften zu besuchen.
Bei einer herrschenden Wissenschaft, die Men-schen, Natur und Universum rein mechanisch wahrnimmt, ist es kein Wunder, dass wir uns umgeben sehen von kalter Aggression, Zerstörung der Natur und vielen existenziellen Problemen. Andererseits entsteht gegenwärtig in vielen Gebieten von Wissenschaft und Gesellschaft eine neue Sichtweise, die das tiefere Verständnis einer neuen holistischen Weltanschauung auftauchen lässt und die spirituelle, kreative und ehrfurchtsgebietende Dimension des Seins betont. Wenn wir akzeptieren, dass unsere Weltsicht darüber entscheidet, welche Gesellschaftsform wir kreieren, dann wird offensichtlich, warum diese neue Sicht einen positiven Wandel bewirken kann. Diesen Wandel an sich selbst zu erfahren und in die Welt zu tragen ist die Aufgabe unserer Schule. Die Schule beherbergt in diesem Jahreskurs rund 20 StudentInnen aus Schweden, Finnland, Kanada, Mexiko, Nicaragua, Kamerun und Indien. Es fallen keine Kursgebühren an, sondern wir zahlen nur für Unterkunft und Verpflegung. Wir gestalten in großem Maßstab unsere Ausbildung selbst und teilen uns auch die täglichen Arbeiten wie Kochen und Putzen. Wir leben als Gemeinschaft und tauschen unsere Ideen, Meinungen und Motivationen untereinander aus. Die meisten LehrerInnen kommen für ein paar Tage oder eine Woche aus der ganzen Welt hierher, um ihr Wissen mit uns zu teilen. Eine weitere Grundlage dieser holistischen Ausbildung ist die Idee, dass der Mensch nicht nur aus Geist und Intellekt besteht. Yoga, Tanz, Körperarbeit, Meditation und andere kreative Ausdrucksmöglichkeiten gehören zu Ausbildung und Alltag dazu. Diese Erfahrungen zusammen mit den Herausforderungen des Gemeinschaftslebens ermöglichen jedem eine persönliche Entwicklungschance. Wenn du die Welt verbessern willst, geht es auch darum, mit dir selbst im Einklang zu sein. Ein anderer Aspekt des neuen Denkens ist der Umgang mit der Zeit. Dinge brauchen Zeit, um organisch wachsen zu können. Heute muss alles immer schneller und schneller gehen. Wenn sich in der Schule Frust breitmacht und irgendetwas nicht das gewünschte Resultat erbringt, sollten wir uns klarmachen, wie schnell wir in das alte Muster von „Zeit ist Geld“ zurückfallen können. Wenn wir einen grundsätzlichen Wandel unseres Lebensstils wollen, können wir unser jetziges Tempo nicht beibehalten. Wenn wir stattdessen auf den Rhythmus der Natur achten, entdecken wir vielleicht, dass eine hohe Lebensenergie besser ist als ein hohes Tempo.
Ankunft im Ökodorf
Ende März dieses Jahres vibrierte die Luft im Holma College förmlich. An diesem Tag machten wir uns nämlich auf die Fahrt nach Deutschland und Holland. Die Fahrt zum Ökodorf Sieben Linden hatten wir eingehend auf der Landkarte geplant. Unsere Kleinbusse mit der Aufschrift „You are alive“ und „Life is now“ rollten beide nach Süden. Darin saßen 17 StudentInnen und Ingemar Wärnström, der wichtigste Mann im Hintergrund unserer Schule. Ich erinnere mich vor allem an die Aral - Tankstellen in Norddeutschland, die in der Dunkelheit blau leuchteten, und an jene letzte verwirrende, halbwache Stunde, als wir fast schon am richtigen Ort angekommen waren – aber doch noch nicht ganz „angekommen“ … Dann plötzlich kamen uns in der Dunkelheit ein paar fröhliche, langhaarige Leute entgegengelaufen, um uns müde Reisende willkommen zu heißen. Nach einem Stündchen in der Kneipe am Platz war es uns nur zu recht, das wir nicht unser 20-Mannzelt aufbauen mussten, sondern uns drinnen im Gästehaus ausschlafen konnten. Am nächsten Tag arbeiteten wir gemeinsam mit den Bewohnern. Die meisten von uns halfen beim Einsammeln abgesägter Äste in der Kiefernmonokultur, die allmählich durch das Anpflanzen verschiedenartiger Bäume in einen Mischwald umgewandelt werden soll. Andere betätigten sich beim Schälen von Baumstämmen für den Hausbau, und der Rest machte sich in der Küche nützlich. Nach der körperlichen Arbeit im Wald schmeckte das Essen himmlisch, und wir fingen schon an, uns in Sieben Linden wie zu Hause zu fühlen – vor allem wohl durch die Entdeckung, dass Gemeinschaftsleben sich irgendwie überall zu ähneln scheint. Für vielen von uns war es der erste Besuch in einem Ökodorf. Während das Holma College in erster Linie eine Schule ist, handelt es sich bei Sieben Linden um einen Platz, an dem man lebt und arbeitet. Während wir etwa theoretischen Unterricht haben oder uns mit Themen von Yoga bis Philosophie beschäftigen, sind die Ökodörfler vielleicht dabei, Bäume zu pflanzen, sich um die Kinder zu kümmern oder den Garten zu besorgen. Auf einem Rundgang zeigte man uns den großen Garten, das neu gebaute Amphitheater und den künstlich angelegten, kleinen See. Auch die Wohngebiete mit ihren verschiedenen Behausungen, die von Bauwägen bis hin zu modernen ökologischen Appartmenthäusern reichen, bekamen wir zu sehen. In einer stark kommunitär ausgerichteten Nachbarschaftsgruppe entsteht zur Zeit ein Strohballenhaus, das ausschließlich aus lokalem Recycling-Material besteht und ganz ohne elektrischen Strom gebaut wird. Henning, der uns das alles zeigte, verbarg nicht seine Bewunderung für diese „radikale“ Gruppe innerhalb der Dorfgemeinschaft. Es war schön, zu sehen, dass Sieben Linden ein echtes Dorf werden will mit Räumen für verschiedenartige Menschen, die unterschiedliche Bedürfnisse haben und verschiedene Lebensstile pflegen. Aber gibt es hier auch eine gemeinsame Vision, die von allen geteilt wird? Eine Zeit für Fragen und Gedankenaustausch mit den Siebenlindenern war für uns eingeplant. Es tat uns gut, zu erfahren, dass einige von den Gemeinschaftsthemen, die uns während unseres Studiums am Holma College begegnet waren, auch hier in dieser „erfahrenen“ Gemeinschaft bekannte und aktuelle Themen sind: das Formulieren der Vision, die Beziehung zur Umgebung, Konfliktlösung oder die Frage, wodurch die gemeinsame Energie gehalten werden kann. Während der zwei vollen Tage in Sieben Linden blieb uns auch Zeit für Musik, Volleyball und ein paar Bier in der Kneipe mit den Bewohnern. Nach ausgiebigem Abschiednehmen mit vielen Umarmungen fuhren wir dann weiter. Wir fühlten uns bereichert um ein besseres Verständnis des Ökodorflebens, wie uns das durch Lesen und Studieren nicht möglich gewesen wäre. Wir hoffen, dass auch die Siebenlindener durch unsere Bekanntschaft bereichert worden sind. Es liegen Ideen für einen weiteren Austausch zwischen uns in der Luft.
Holländischer Frühling
Um von Sieben Linden zum ZEGG zu gelangen, war unsere Reiseroute über Holland nicht gerade logisch (denn diese Gemeinschaften liegen nur 200 km auseinander), doch keiner hatte behauptet, der kürzeste Weg wäre der beste. Es war interessant zu beobachten, wie die langwierigen Verfahren, mit denen wir in unserem Schulalltag Entscheidungen treffen, sich auf dieser Reise oft spontan in eine wortlose Form gegenseitiger Übereinstimmung verwandelten. Auf diese Art beschlossen wir, noch weiter westwärts zu reisen, um unsere „freie Zeit“ in Amsterdam zu verbringen. Jedenfalls fühlte es sich in jenen Augenblicken stimmig an, dass wir nicht, wie wir das ursprünglich vorhatten, nach Italien gefahren waren. Auf der Weiterfahrt nach Holland holte uns endlich der Frühling ein. Dort verbrachten wir anderthalb Tage in einem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert. Wir waren hierher zu einem tiefenökologischen Workshop mit Charlotte Korbee gekommen. Sie machte uns mit verschiedenen Werkzeugen bekannt, durch die man lernt, Herz und Verstand aufeinander einzustimmen, um diese Einheit dann gemeinsam zum „Singen“ zu bringen. Dabei erlebten wir vielleicht ganz besonders dieses „Fließen“, das uns schon auf der ganzen Reise begleitet hatte. Nach einem ganzen Studiensemester im Fach Nachhaltigkeit, und den Besuch in Sieben Linden noch in frischer Erinnerung, schauten wohl die meisten von uns mit neuen Augen auf das Stadtleben. Während die einen Ökodörfer bauen, verbringen andere ihre Samstagabende damit, nackte, in Vitrinen zur Schau gestellte Körper zu betrachten, um vielleicht einen davon zu kaufen – eine seltsame Welt. Da aber auch wir uns nicht zum perfekten „Homo nachhalticus“ zählen, beschlossen wir, uns nachts mit elektrischem Strom statt mit Holz warm zu halten und kauften zwei elektrische Öfen für unser Campingplatz. In unserem runden Zelt versammelten wir uns zum Schlafen in der Form einer Blume mit 18 Blütenblättern – ein Mandala aus Menschen – was uns als Symbol für unsere holistische Schule irgendwie passend erschien. Es war so gemütlich!
Im ZEGG – mehr Sex oder doch freie Liebe?
Nach einem Zwischenstopp mit Berliner Nachtleben war es zum ZEGG nicht weit, so dass wir um die Mittagszeit an einem Ort ankamen, der ganz anders ist als Sieben Linden. Alles schien eine Steigerung zu sein: mehr Menschen, mehr Häuser, gepflegter, zivilisierter, mehr Verbindung mit der Umgebung und der Außenwelt. Vielleicht einfach mehr ein Kurszentrum als ein Ökodorf. Und wir stellten uns vor: Mehr mögliche Partner für Sex pro Person. Das ZEGG ist vor allem für seine radikalen Ideen über die freie Liebe (und deren Praxis) bekannt. Als wir die Reise geplant hatten, war uns das gar nicht bewusst gewesen. Während wir unser Essen in einer Atmosphäre verzehrten, die uns eher an ein Kantinenrestaurant erinnerte (ganz anders als das rustikale Ökodorfgefühl in Sieben Linden), warfen mit Sicherheit alle von uns unauffällige Blicke um sich, in der Hoffnung, einen Hinweis auf das zu erhaschen, was freie Liebe eigentlich bedeutet: Kann man ihnen das vielleicht schon vom Gesicht ablesen? Während der zweieinhalb Tage im ZEGG wurde gut für uns gesorgt, und es waren verschiedene Themen für uns dran, wie: Kinder, Ökonomie, die Aktivitäten im gesellschaftspolitischen Umfeld. Wir bekamen auch eine Führung durch den Garten, die Kläranlagen wurden uns erklärt und man zeigte uns Beispiele alternativer Architektur und Kunst. Aber natürlich stand auch das Thema der freien Liebe an. In unserer Gruppe gibt es zu diesem Thema verschiedene Meinungen und Ideen, und unsere Gespräche darüber gehen auch noch weiter, nachdem wir das ZEGG längst wieder verlassen haben. Abgesehen von der radikalen Idee der freien Sexualität, hat diese Philosophie auch Konsequenzen für die Familienstruktur und das Aufwachsen der Kinder. Auf jeden Fall hatten sich während unseres Besuchs im ZEGG stereotype Vorurteile, die unsererseits bestanden haben mögen, in tiefere Einsichten und ein neues Verständnis verwandelt. Obgleich es zwischen dem ZEGG und Sieben Linden viele Unterschiede gibt, fingen wir an zu verstehen, dass es zwischen allen gemeinschaftlichen Lebensformen Gemeinsamkeiten geben muss. Uns fielen vor allem die gemeinsame Kindererziehung und andere Aufgaben auf, die gemeinschaftlich organisiert werden, und ganz besonders das „Forum“ als Werkzeug der Transparenz und Konfliktbewältigung. Unsere Gruppe hatte Gelegenheit, diese im ZEGG entwickelte Methode auszuprobieren. Dabei dient der Kreis der Gemeinschaft als „menschheitliche Bühne“, auf der der Einzelne seine Themen darstellen kann. Wir denken jetzt darüber nach, wie das Forum im Holma College eingesetzt werden könnte. Wie in Sieben Linden ging es abends auch hier in die Kneipe, und am letzten Abend stellten wir dort unsere Schule vor. Das gab uns wieder einmal das gute Gefühl der Verbundenheit mit einer weltweiten Bewegung. Unsere kleine Gemeinschaft im Holma College ist Glied eines wachsenden Netzwerks von Gemeinschaften. Viele sind dabei, neue Wege zu finden, um mit mehr Leichtigkeit und Freude auf unserem Planeten Mutter Erde zu leben.
Wieder zuhause...
Eine Stunde vor Mitternacht am 5. April passierten unsere beiden Kleinbusse wieder das kleine Holzschild mit der Inschrift Holma College. Nach der Ankunft saßen wir noch eine Weile zusammen bei einer Tasse Tee und frischem Gebäck. Dann war es endgültig Zeit, dass jeder von uns seine mit Erfahrungen angefüllte „Körper-Geist-Einheit“ aufs Kopfkissen und ins Reich der Träume gleiten ließ. ´
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