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Impressum
Matriarchale Sozialordnung (Folge III)
erschienen in Ausgabe 121
Matriarchale Lebensformen: Anregungen zur Feier des Lebens

Auf der Suche nach neuen Gesellschaftsformen müssen wir den Blick in alle Richtungen schweifen lassen. Alternativen zur patriarchal geprägten Lebenswirklichkeit sind erst im Keim zu erkennen. Es fällt schwer, Formen gemeinschaftlicher Lebensgestaltung zu finden, die nicht oberflächlich, sentimental oder synkretistisch sind, sondern die in unserer VorfahrInnen-Kultur wurzeln und ein balanciertes Verhältnis der Mitglieder der Gemeinschaft würdigen. Im dritten Teil ihrer Beitragsreihe regt Heide Göttner-Abendroth die Umsetzung matriarchaler Spiritualität in einer neuen Sozialkultur an.

Es sind die besonderen Merkmale der Sozialordnung, weshalb nicht-patriarchale Gesellschaften „matriarchal“ genannt werden. Diese Merkmale sind für uns, die wir patriarchale Sozialmuster wie die zweite Natur verinnerlicht haben, sehr brisant. Auf keinen Fall bestätigen sie die gängigen Vorurteile, dass in Matriarchaten „Frauen das Sagen haben“, gar „herrschen“. Keine der ernstzunehmenden Matriarchatsforscherinnen hat das jemals behauptet. Solche Vorurteile spiegeln lediglich patriarchale Muster, die nun in platter Umkehrung auf Frauen übertragen werden, und zeigt nur zu deutlich, dass Vorstellungen von Hierarchie und Herrschaft das Denken völlig besetzt haben, so dass Bilder von egalitären Lebensformen, wie Matriarchate es sind, gar nicht mehr in den Sinn kommen. Man muss sich auch nicht an dem Begriff „Matriarchat“ aufhängen, denn er ist nicht, gegen den Anschein, die Parallele zum Begriff „Patriarchat“. Das Wort „arché“ bedeutet im Griechischen sowohl „Herrschaft“ wie „Anfang“, wobei die zweite Bedeutung die ältere ist. „Patriarchat“ müssen wir klarerweise mit „Herrschaft der Väter“ übersetzen, während „Matriarchat“ eigentlich heißt „am Anfang die Mütter“. Und das trifft die Sache. Denn einmal sind Matriarchate kulturgeschichtlich wesentlich früher als Patriarchate aufgetreten. Zum anderen respektieren sie, dass die Mütter der Anfang jedes lebenden Wesens sind, und haben diese natürliche Tatsache in ein kulturelles Gefüge verwandelt.

Die Bedeutung der Mutterlinie

So ist für ein matriarchales Gefüge kennzeichnend, dass die Verwandtschaft in der Mutterlinie bestimmt wird, das heißt, es gilt „die symbolische Ordnung der Mutter“ (L. Muraro). Nicht, dass die Menschen so primitiv gewesen wären, dass sie die Vaterschaft nicht kannten (Jargon der Missionare). Die Vaterschaft war zum Teil bekannt, aber sie spielte keine Rolle, weil sie nicht das formgebende Prinzip der Gesellschaft bildete. Zum Teil war sie wegen der Mehrfachbeziehungen im Liebesleben auch unbekannt, denn dann ist Vaterschaft nicht bestimmbar, die Mutterschaft durch Geburt jedoch immer. Die Mutterlinie oder Matrilinearität ist ein grundlegendes Prinzip, denn nach ihr bilden sich die blutsverwandten Gemeinschaften der Clans, welche die soziale Lebenswelt matriarchaler Menschen sind. Nicht nur der Sippenname, sondern auch alle sozialen Würden werden in der Mutterlinie im Clan vererbt. Ein solcher Matri-Clan lebt in einem großen Sippenhaus zusammen. Hier wohnen die Clanmutter und ihre Schwestern, deren Töchter und Enkelinnen, sowie die direkt verwandten Männer: die Brüder, Söhne und Enkel der Clanmutter und ihrer Schwestern. Dabei leben die Frauen permanent hier, sie verlassen das mütterliche Clanhaus nicht, wenn sie heiraten. Man nennt dies Matrilokalität. Jeder Matri-Clan in Dorf oder Stadt ist eine autarke Wirtschaftseinheit. Um ein gesellschaftliches Gefüge mit den anderen Clans der Ortschaft zu erreichen, wurden komplexe Heiratsregeln entwickelt. So gibt es die Regel der wechselseitigen Heirat zwischen je zwei Clans, verbunden mit einer gewissen Wahlfreiheit noch in den anderen Clans. „Heirat“ darf dabei nicht als lebenslange Monogamie verstanden werden, sondern die Ehe dauert eher kurz. Sie ist nicht mehr als eine Liebesbeziehung, die ein paar Wochen, ein paar Monate oder ein paar Jahre anhält. Die Wirkung der Heiratsregeln ist jedoch, dass alle Bewohner in Dorf oder Stadt näher oder ferner miteinander verwandt sind. Auf diese Weise entsteht ein ausgebreitetes System matrilinearer Verwandtschaft – eine nicht-hierarchische, horizontale, egalitäre Verwandtschaftsgesellschaft, die sich als erweiterter Clan mit allen Hilfsverpflichtungen versteht. Das wird auch auf regionale Ebene ausgedehnt, und zwar durch das Prinzip der symbolischen Matrilinie. Denn in allen Dörfern und Städten der Region gibt es Clans mit demselben Clannamen, was bewusst so eingerichtet worden ist. Wenn nun eine Person auf Pilger-, Handels- oder Freundschaftreise in ein anderes Dorf kommt, in dem es einen Clan mit seinem Namen gibt, dann wird sie/er dort wie Schwester oder Bruder empfangen, obwohl keine Blutsverwandtschaft besteht. So wird eine ganze Region durch die symbolische Verwandtschaft verbunden, ein Prinzip, das manchmal sogar stämmeübergreifend gebraucht wird. In diesem Sinne ist die Matrilinearität das formgebende Prinzip der ganzen Gesellschaft.

Das Verhältnis der Geschlechter

Frauen verlassen das mütterliche Clanhaus und damit ihre wirtschaftliche und soziale Sicherheit niemals. Gerade diese Sicherheit, die ihnen der matrilineare Clan gibt, erlaubt ihnen die freie Liebeswahl. Denn sie hängen nicht von einem Mann als Versorger ab wie in der bürgerlich-patriarchalen Kleinfamilie. Sie müssen bei einer Trennung vom Partner auch nicht Sorge haben, dass sie verarmen und ihre Kinder das Zuhause oder den Vater verlieren. Denn auch bei wechselnden Ehen oder Liebesbeziehungen bleibt der eigene Clan das permanente Zuhause. Da die Kinder beständig von allen Clanmitgliedern mitbetreut werden, verlieren auch diese bei Trennungen ihre festen Bezugspersonen nicht, auch nicht ihren „sozialen Vater“, den Mutterbruder. Damit komme ich zur Rolle des Mannes im Matri-Clan: Junge Männer verlassen das Mutterhaus, wenn sie heiraten oder eine Liebesbeziehung eingehen. Aber sie müssen nicht allzu weit gehen, um ihre Geliebte oder Gattin zu treffen, denn diese wohnt in einem benachbarten Clanhaus und hat ihn zu sich in ihre Kammer eingeladen. Die Männer bleiben auch nicht allzu lange vom Mutterhaus fort, nur von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen. Man nennt diese klassisch-matriarchale Form Besuchsehe. Das heißt, matriarchale Männer leben nicht bei ihren Gattinnen oder Geliebten, in deren Clanhaus sind sie nur zu Gast. Ihr Zuhause ist das Clanhaus der Mutter, in dem sie die Rechte und Pflichten eines vollen Clanmitglieds haben. Die Kinder der Gattinnen und Geliebten gehören zu deren Clanhaus, denn sie tragen den Clannamen der Mutter. Männer betrachten diese Kinder nicht als „ihre Kinder“, hingegen haben ihre Schwesterkinder denselben Clannamen, daher betrachten Männer die Nichten und Neffen als „ihre Kinder“, für die sie Fürsorglichkeit und erzieherische Mitverantwortung übernehmen. Beide Geschlechter haben ihre je eigene Würde, die sehr geachtet wird. In der Folge gibt es auch keine Angleichung des unterlegenen an das herrschende Geschlecht, wie wir es heute in der westlichen Welt bei der teils freiwilligen, teils erzwungenen Angleichung von Frauen an Männer sehen. Beide Geschlechter besitzen ihre je eigene Sphäre, die je verschiedene wirtschaftliche, soziale wie spirituelle Elemente umfasst. Diese Sphären werden in allen Teilen aber reziprok aufeinander bezogen, nach dem Prinzip der Balance, so dass keine Macht über andere entstehen kann. Die allgemeine Verehrung der Frau im Matriarchat tut dem keinen Abbruch. Denn sie hat nicht mit ihr als Individuum, sondern generell als Wiedergebärerin der AhnInnen, als Schöpferin der Matrilinie und damit der ganzen Gesellschaft zu tun.



Lesen Sie den ganzen Artikel und auch die anderen fünf Beiträge von Heide Göttner-Abendroths Serie zu neuen matriarchalen Lebensentwürfen in ihrem neuen Buch „Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft – Prinzipien und Praxis der Matriarchatspolitik“ (Drachen Verlag Klein Jasedow 2008, ISBN 9783927369337, 112 Seiten, 12 Euro). Im Anschluss an die Beiträge ist hier auch die Diskussion über Göttner-Abendroths Vorschläge zwischen ihr und einer Reihe von LeserInnen wiedergegeben, unter anderem mit dem Verleger Johannes Heimrath, dem Philosophen Jochen Kirchhoff und der Matriarchatsforscherin Carola Meier-Seethaler.

Bestellen Sie das Buch bequem über die Seite des Drachen-Verlags:
http://www.drachenverlag.de/books/editions/books_483c0c7e0c534.html

Aus dem Klappentext:
„Die Philosophin Heide Göttner-Abendroth ist als profunde und scharfsichtige Kritikerin des Patriarchats bekannt. Ihre mehr als dreißigjährige Forschungsarbeit und zahlreiche Publikationen machten sie zur Begründerin der modernen Matriarchatsforschung. Sie organisierte die ersten Weltkongresse für Matriarchatsforschung: 2003 ‚Gesellschaft in Balance‘ in Luxemburg und 2005 ‚Societies of Peace‘ in Texas, USA. Heide Göttner-Abendroth wurde im Rahmen der weltweiten Initiative ‚1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005‘ nominiert.

‚Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft‘ ist ein matriarchaler Lebensentwurf, der helfen will, das patriarchale Gesellschaftsmodell abzulösen.
‚Am Anfang die Mütter‘ – so übersetzt Heide Göttner-Abendroth den Terminus ‚Matriarchat‘. Aus dem mütterlichen Prinzip des Lebensschenkens, dem Frauen und Männer gleichermaßen dienen, entwickelt sie das Bild einer Kultur, die Kreisläufe an die Stelle linearen Fortschritts setzt, die eine Ökonomie des Schenkens statt Ausbeutung und Gewinnmaximierung anstrebt und die von Würde, gegenseitigem Respekt der Geschlechter und Lebens­alter sowie der Heiligung allen Lebens getragen ist. Die Besinnung auf die Weisheit matriarchaler Kulturen der Welt, von denen einige bis heute in Frieden und ausgeglichenem Wohlstand existieren, führt zu einer Gesellschaft in Balance, die auf die Kraft und Intelligenz von Gemeinschaften baut. Viele Menschen suchen heute nach Möglichkeiten, lebensfördernd zu wirken. Heide Göttner-Abendroths Entwurf einer matriarchalen Politik ist dafür ein wichtiger Wegweiser.“



  Autoren

Göttner-Abendroth, Heide

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