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Wann wird die Welt zu sprechen beginnen?
erschienen in Ausgabe 121  PDF-Version (207.82 KB)
Eine Reise zu Friedensinitiativen in Israel und Palästina

Im Februar 2002 waren Ina Meyer-Stoll und Achim Ecker vier Wochen lang in Israel und in den von Israel besetzten Gebieten unterwegs. Sie besuchten in Kibbuzim lebende Freunde, nahmen an einer internationalen Friedensaktion der „Rabbiner für Menschenrechte“ teil und fanden Kontakt zu zahlreichen Gruppen und Personen, die sich für den Frieden einsetzen. Gemeinsam mit 500 Israelis besuchten sie Präsident Jassir Arafat in Ramallah. Das Anliegen der Autoren war und ist, mehr über die fast ausweglos erscheinende Krisensituation von Israelis und Palästinensern zu erfahren, den Konflikt besser zu verstehen und die stärker werdenden Friedensinitiativen bekannt zu machen.

Es braucht seine Zeit, in einem anderen Land so anzukommen, dass zu Land und Leuten eine Ver-bindung entsteht. Um mit diesem orientalischen Land, das auf israelischer Seite sehr europäisch oder gar amerikanisch ist, vertraut zu werden, besuchten wir Michael Livni im relativ jungen Kibbuz Lotan im Süden der Wüste Negev, dicht an der jordanischen Grenze. Kibbuz Lotan besteht seit 19 Jahren, hat rund 80 Mitglieder und gilt als „grüner“ Kibbuz aufgrund einer kleinen Bio-Landwirtschaft und einem Lehmbau-Handwerksbetrieb. Die Ökonomie von Lotan basiert hauptsächlich auf sanftem Tourismus und konventioneller Land- und Milchwirtschaft. Die ersten Kibbuzim entstanden in den Zwanziger-Jahren des vergangenen 20. Jahrhunderts im Zuge einer frühen Einwanderungswelle von Juden nach Palästina. Häufig hatten sie den Charakter von Wehrdörfern, sie waren aber auch Experimentierfelder für neue, zum Teil durch die sozialistische Bewegung inspirierte Formen des Zusammenlebens.
Zu den Idealen der Kibbuzniks, wie sich die Bewohner eines Kibbuz nennen, gehören z.B. der Verzicht auf Privateigentum oder rotierende Dienste: Wer als Bauer den Boden bearbeitet, kann auch Kanzler im Kibbuz werden und umgekehrt. Auch Lohnarbeit lehnen sie ab, weil sie mit Ausbeutung gleichgesetzt wurde. Eine gemeinsame Kasse ist für sie ein hoher Wert und gleichzeitig etwas völlig Alltägliches. Viele idealistische Vorstellungen verwässerten mit der Zeit. Wegen innerer Konflikte, wirtschaftlicher Probleme und der sich zuspitzenden politischen Situation steckt die Kibbuz-Bewegung schon seit längerer Zeit in einer Krise. In Jerusalem fanden wir im arabischen Viertel der Altstadt eine Herberge, kontaktierten verschiedene Menschen und machten dann für zehn Tage bei den „Rabbinern für Menschenrechte“ (RHR) bei einer Baumpflanzaktion mit. Wir trafen hier Vertreter zahlreicher Friedensgruppen aus Israel und aus den besetzten Gebieten, und es war gut zu sehen, dass sie nicht in Abgrenzung zueinander stehen, sondern sich ergänzen und miteinander kooperieren. Es war eine hochkarätige Gruppe von Friedensaktivisten, darunter viele Juden aus den USA, welche die gegenwärtige US-Politik sehr kritisch sehen. Mit den Rabbinern begaben wir uns auf eine Rundreise durch ganz Israel mit einem speziellen Blick auf Menschenrechtsverletzungen und besuchten einige Orte in den besetzten Gebieten. Wir sahen zerstörte Häuser bei Jerusalem und viele Stellen, an denen alte Olivenbäume einfach „aus Sicherheitsgründen“ gefällt wurden. Wir kamen an Orten vorbei, die durch Straßensperren von der Umwelt abgeschnitten sind, und erreichten im nördlichen Negev seit über 70 Jahren bestehende Beduinendörfer, die von der israelischen Regierung nicht als Siedlungsorte anerkannt werden. Deshalb sind die Menschen gezwungen, in einem dauerhaften Provisorium zu leben, ausgeschlossen von jeder sonst üblichen staatlichen Förderung für öffentliche Einrichtungen, von Wasserversorgung, Strom etc. Während dieser Rundreise statteten wir gemeinsam mit 500 Israelis Präsident Jassir Arafat einen Solidaritätsbesuch in Ramallah ab. Der Anlass war von der israelisch-palästinensischen Friedensaktionsgruppe „Ta’Ayush“ (arabisch: „Zusammenleben“) organisiert worden und sollte zeigen, dass sich nicht alle Israelis an der Terrorisierung von Arafat beteiligen. Die Fahrt in die von der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) kontrollierte so genannte A-Zone ist für Israelis ein Akt des zivilen Ungehorsams, denn sie dürfen nach israelischem Recht seit Beginn der zweiten Intifada nicht mehr dorthin einreisen. Diesmal wurden sie durchgelassen, vermutlich wegen ihrer großen Zahl. Arafat sagte: „Friede für die Friedfertigen ist das reale Ziel der Cousins (gemeint sind Juden und Araber). Sicher wird früher oder später dieser Frieden zwischen uns verwirklicht, für unsere Kinder im Land des Friedens und im Heiligen Land.“ Wir trafen auf unserer Reise viele Palästinenser und waren oft bewegt, wie stark sie für den Frieden sprechen, was in den öffentlichen Medien viel zu wenig gezeigt und unterstützt wird.

Das unsichtbare Palästina

Nach einer Woche Altstadt in Jerusalem zogen wir um auf den Ölberg zu Ibrahim Ahmad Abu El-Hawa, einem Palästinenser, dessen Familie seit tausend Jahren auf dieser Anhöhe am Rande von Jerusalem lebt. Er hat sein Haus für internationale Besucher immer geöffnet. „Was für ein Gefühl ist das“, sagte er zu uns, „eine Rakete, die 500000 US-Dollar kostet, auf ein Zelt abzuschießen und ein Kind darin zu töten? Was könnte man mit dem Geld alles tun! Wenn ich könnte, würde ich eine Rakete stehlen, an irgendwen verkaufen und von dem Geld eine Schule bauen. Man könnte viele Menschen ernähren und so Frieden schaffen. Warum verurteilt die Welt den Anschlag der israelischen Armee auf Palästinenser nicht genauso wie sie einen Anschlag von Palästinensern auf Israelis verurteilt? Wann wird die Welt anfangen zu sprechen?“ In den besetzten Gebieten besuchten wir das „Rapprochement Center“ in Beit Sahur bei Bethlehem, bekannt für gewaltfreie Aktionen gegen die Besetzung, gegründet 1988 in der ersten Intifada. Im Dezember 2001 haben Leute aus diesem Zentrum vier Wochen lang gewaltfreie Aktionen in den besetzten Gebieten mit internationaler Beteiligung durchgeführt. Ghassan Andori, Arzt, Lehrer an der palästinensischen Bir’zeit-Universität und Vertreter des Rapprochement Centers, erklärte uns: „Wir wollen eine gewaltfreie Bewegung unter den Palästinensern aufbauen, direkte Aktionen im Schutz und unter Begleitung von internationalen Aktivisten durchführen und den Gedanken des gewaltfreien Widerstands verbreiten. Wir suchen den Dialog und die Zusammenarbeit mit Israelis.“ Unser nächster Halt war eine große Friedensdemonstration in Tel Aviv mit dem Motto: „Die Besetzung tötet uns alle!“ Anschließend fuhren wir wieder nach Jerusalem für ein paar Abschiedsbesuche, etwa in Beit Jala, gegenüber der israelischen Siedlung Gilo, bei Faten Mukaker, einer in Deutschland aufgewachsenen Palästinenserin, Autorin und Mutter von vier Kindern. Sie sagte nach einem israelischen Attentat mit Raketen auf Palästinenser: „Sie wollen keinen Frieden. Heute die fünf Toten in Gaza, mit Raketen liquidiert. Ein paar Schüsse auf Gilo neulich, und als Antwort Panzer, Raketen, Besetzung, Helikopter. Häuser wurden beschossen, in denen Menschen waren. Hoher Sachschaden entstand, und es gab einige Tote. Wir mussten eine Woche lang im Treppenhaus wohnen, die Kinder waren in Panik. Wohin sollen wir gehen? Wir haben keine Keller, keine Bunker. Wir wissen nie, wo es einschlägt. Eine Nachbarin wurde erschossen, als sie sich während der Woche hinaus wagte, um Milch zu kaufen für die Kinder.“ Wir haben mit Faten einen Rundgang durch ihren Wohnort Beit Jala gemacht, wo sie uns die von Bomben zerschossenen Häuser gezeigt hat. Es gibt fast kein Haus ohne Einschüsse – Anblicke, bei denen wir unser Herz fest in die Hand nehmen mussten.

Nach Israel und Palästina reisen

Reisen in Israel und Palästina ist angesichts der zunehmenden Anschläge und militärischen Aktionen beider Seiten nie ohne Risiko. Dennoch haben wir uns sicher gefühlt und wurden bei Israelis wie bei Palästinensern als Deutsche immer sehr herzlich aufgenommen. Wir empfehlen, sich beim Reisen den vielfältigen Angeboten der Friedensgruppen anzuschließen, die auf deren Homepages zu finden sind (siehe Kasten). Was die Menschen in den besetzten Gebieten von uns als Ausländern brauchen, ist, dass wir als Zeitzeugen keinen Bogen um einen der zentralen Konflikte dieser Welt machen. Frieden und Verständigung entsteht nicht durch immer stärkere Ausgrenzung des „Fremden“, sondern durch gegenseitiges Sehen, indem man sich die verschiedenen Geschichten erzählt und den gegenseitigen Schmerz sieht – Frieden entsteht durch Kontakt. Die Sicherheit, die sich beide Nationen wünschen, kann nicht durch immer mehr Gewalt und Militär entstehen. Wir sind bestürzt über die in den letzten Wochen so stark zunehmende Gewalt und die unnachgiebige Politik Ariel Sharons. Wir verurteilen ebenso die Anschläge der Palästinenser, wir haben aber gesehen, wie in den besetzten Gebieten, so wie sie jetzt sind, Gewalt heranreift. Der Aufenthalt in diesem von Krisen erschütterten Gebiet hat uns bestärkt, unsere Arbeit im ZEGG, nämlich die Schaffung und Unterstützung gewaltfreier und solidarischer Formen des Zusammenlebens, mit voller Kraft weiterzuführen. Es braucht dringend experimentelle Räume, in denen wir das gewaltfreie Zusammenleben praktisch erforschen und die tieferen Ursachen der Gewalt verstehen können. Sonst bleibt die große Sehnsucht nach Frieden nur ein nebulöses Konstrukt, eine Seifenblase, die beim ersten heftigen Konflikt zerplatzt. Wir haben viele Dias gemacht (eine Auswahl wird bald auf unserer Homepage zu sehen sein) und bieten an, Diavorträge über die Reise zu halten. Was wir für die Menschen im Nahen Osten tun können, ist, so wahrheitsgemäß wie möglich über die Dinge zu berichten, die wir mit eigenen Augen gesehen haben. ´


  Autoren

Ecker, Achim

Meyer-Stoll, Ina

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