Matriarchale Lebensformen: Anregungen zur Feier des Lebens
Auf der Suche nach neuen Gesellschaftsformen müssen wir den Blick in alle Richtungen schweifen lassen. Alternativen zur patriarchal geprägten Lebenswirklichkeit sind erst im Keim zu erkennen. Es fällt schwer, Formen gemeinschaftlicher Lebensgestaltung zu finden, die nicht oberflächlich, sentimental oder synkretistisch sind, sondern die in unserer VorfahrInnen-Kultur wurzeln und ein balanciertes Verhältnis der Mitglieder der Gemeinschaft würdigen. Im zweiten Teil ihrer Beitragsreihe regt Heide Göttner-Abendroth die Umsetzung matriarchaler Spiritualität in einer neuen Festkultur an.
Zunächst war ich versucht, bei meinen nun folgenden Beiträgen für KursKontakte, in denen ich das Thema „Matriarchale Lebensformen“ entfalten möchte, mit der matriarchalen Ökonomie zu beginnen. Denn die Ökonomie gilt als Basis für alles und jedes, was ja einerseits richtig ist, andererseits aber nicht: Es ist nicht die Ökonomie, deretwegen Menschen aus alten Mustern und Verhältnissen aufbrechen und sich auf den Weg in neue Gemeinschaften begeben, sondern die Idee, die Vision von einer glücklicheren Welt. Diese Vision hat immer zutiefst spirituelle Wurzeln, und ihre Verwirklichung kann auch nur aus spirituellen Kräften geschehen. Auch der matriarchalen Gesellschaftsform werde ich am ehesten gerecht, wenn ich bei ihrer Spiritualität beginne. Denn Matriarchate waren sakrale Gesellschaften, im Gegensatz zu den nachfolgenden patriarchalen Gesellschaften verschiedenen Zuschnitts, in denen sich – nach dem ersten Einbruch des profanierenden, militärisch-strategischen Denkens – das Profane in allen Bereichen ausgebreitet hat. Heute ist es soweit gekommen, dass „nichts mehr heilig ist“, während in matriarchalen Gesellschaften buchstäblich alles heilig (gewesen) ist. Daher lassen sich ohne Kenntnis der matriarchalen Spiritualität weder ihre sozialen, noch ihre politischen und ökonomischen Muster angemessen verstehen.
Ein anderer Begriff vom Göttlichen
Der Grund dafür, alles als heilig zu betrachten, liegt im immanenten Begriff von Göttlichkeit, den matriarchale Kulturen haben. Für sie gibt es keine transzendente Gottheit außerhalb der Welt, sondern die Welt selbst ist göttlich, und zwar weiblich göttlich. Das belegt die weltweit verbreitete Vorstellung von den beiden Urgöttinnen Kosmos und Erde. Solche kosmischen Urgöttinnen als Schöpferinnen der Welt sind z.B. die ägyptische Nut, die alles aus sich gebar, die mittelmeerische Eurynome, die das Welt-Ei hervorbrachte, aus dem alle Dinge fielen, oder die tibetische Sa-trig er-sans, die „Mutter des leeren Raumes“. Auch die Erde gilt als ihre Tochter, aber diese ist als Urmutter von allem Lebendigen auch eine Urgöttin wie z.B. die prähellenische Gaia-Rhea, die indische Prithivi, die mittelmeerische Magna Mater, die alteuropäische Dana/Ana. Diese Urgöttinnen spiegeln die matriarchale Auffassung, dass das Weibliche das Umfassende ist, ein Gedanke, den wir auch in der altchinesischen Lehre vom Dao als dem umfassenden Weiblichen wiederfinden. In dieses umfassende Weibliche eingebettet, entwickelt sich alles Weitere in dynamischen Polaritäten. Solche polaren Paare sind z.B. Licht und Dunkel, Sommer und Winter, Bewegung und Ruhe, das konkrete Weibliche und Männliche, und wir können uns ihr Wirken wieder entsprechend der altchinesischen Yin-Yang-Polarität vorstellen. Im Matriarchat wird diesen komplementären Entsprechungen keine Wertung untergeschoben – wie es später in der patriarchalen Philosophie geschah – sondern die Welt wird nur dann als heil betrachtet, wenn die Polaritäten in perfekter Balance sind.
Alltag und Festtag in einer „heiligen Welt“
Da alle Elemente und Wesen göttlicher Herkunft sind, sind sie auch alle heilig. Was bedeutet dies nun im Alltag, wie lebt es sich in einer Gesellschaft, in der alles heilig ist? Es gibt hier keine derart scharfe Trennung zwischen „Alltag“, an dem gearbeitet, und „Festtag“, an dem gebetet wird – so wie wir es gewohnt sind. Im Matriarchat ist jede alltägliche Verrichtung, wie z.B. Säen, Ernten, Kochen, Weben, zugleich ein tiefsinniges Ritual, und jeder praktische Gegenstand, wie z.B. ein Pflug, eine Spindel, ein Vorratsgefäß, der häusliche Herd, hat zugleich symbolische Bedeutung. Arbeit ist deshalb zugleich Gebet und nicht „hart, schwer, entfremdend“, denn sie dient nicht dem Gelderwerb oder Mehrwert. Diese ständig stattfindenden rituellen Handlungen werden an den zahlreichen Festtagen zu großen Zeremonien und Kultdramen gesteigert, an denen das ganze Dorf, die ganze Stadt beteiligt ist. Auch jetzt wird nichts anderes gefeiert, als was im Alltag ohnehin präsent ist. Denn matriarchale Menschen feiern keine transzendenten Götter, keine Hierarchien von unsichtbaren Geistwesen und keine hoch über den normalen Menschen stehenden Heiligen, sondern sie feiern die Vielfalt der konkreten Welt und sich selbst mitten darin. Sie feiern, was sie umgibt und was sie selber sind und tun. Deshalb durchdringt ihr spirituelles Handeln Alltag und Festtag, nur dass es wie in einer Wellenbewegung manchmal Höhepunkte und manchmal Wellentäler hat.
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Lesen Sie den ganzen Artikel und auch die anderen fünf Beiträge von Heide Göttner-Abendroths Serie zu neuen matriarchalen Lebensentwürfen in ihrem neuen Buch „Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft – Prinzipien und Praxis der Matriarchatspolitik“ (Drachen Verlag Klein Jasedow 2008, ISBN 9783927369337, 112 Seiten, 12 Euro). Im Anschluss an die Beiträge ist hier auch die Diskussion über Göttner-Abendroths Vorschläge zwischen ihr und einer Reihe von LeserInnen wiedergegeben, unter anderem mit dem Verleger Johannes Heimrath, dem Philosophen Jochen Kirchhoff und der Matriarchatsforscherin Carola Meier-Seethaler.
Bestellen Sie das Buch bequem über die Seite des Drachen-Verlags:
http://www.drachenverlag.de/books/editions/books_483c0c7e0c534.html
Aus dem Klappentext:
„Die Philosophin Heide Göttner-Abendroth ist als profunde und scharfsichtige Kritikerin des Patriarchats bekannt. Ihre mehr als dreißigjährige Forschungsarbeit und zahlreiche Publikationen machten sie zur Begründerin der modernen Matriarchatsforschung. Sie organisierte die ersten Weltkongresse für Matriarchatsforschung: 2003 ‚Gesellschaft in Balance‘ in Luxemburg und 2005 ‚Societies of Peace‘ in Texas, USA. Heide Göttner-Abendroth wurde im Rahmen der weltweiten Initiative ‚1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005‘ nominiert.
‚Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft‘ ist ein matriarchaler Lebensentwurf, der helfen will, das patriarchale Gesellschaftsmodell abzulösen.
‚Am Anfang die Mütter‘ – so übersetzt Heide Göttner-Abendroth den Terminus ‚Matriarchat‘. Aus dem mütterlichen Prinzip des Lebensschenkens, dem Frauen und Männer gleichermaßen dienen, entwickelt sie das Bild einer Kultur, die Kreisläufe an die Stelle linearen Fortschritts setzt, die eine Ökonomie des Schenkens statt Ausbeutung und Gewinnmaximierung anstrebt und die von Würde, gegenseitigem Respekt der Geschlechter und Lebensalter sowie der Heiligung allen Lebens getragen ist. Die Besinnung auf die Weisheit matriarchaler Kulturen der Welt, von denen einige bis heute in Frieden und ausgeglichenem Wohlstand existieren, führt zu einer Gesellschaft in Balance, die auf die Kraft und Intelligenz von Gemeinschaften baut. Viele Menschen suchen heute nach Möglichkeiten, lebensfördernd zu wirken. Heide Göttner-Abendroths Entwurf einer matriarchalen Politik ist dafür ein wichtiger Wegweiser.“
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