Ein Versuch, Politik spirituell zu begründen
AUF DER SUCHE NACH DER INTEGRALEN KULTUR
Inzwischen wird in ganz Europa von der neuen Bevölkerungsgruppe der "Kulturell Kreativen" gesprochen, die etwa ein Viertel der westlichen Gesellschaften ausmachen sollen. Kulturell Kreative gibt es in allen Schichten. Die aktive Kerngruppe schafft die Bausteine einer neuen, "integralen Kultur", die konsequent auf Nachhaltigkeit setzt. Rationale Vernunft und selbständiges Denken finden darin zur Synthese mit transmateriellen Dimensionen des Menschen wie Spiritualität, Hinwendung zur Gemeinschaft und Verbindung mit der Natur (mehr im Internet: http://www.kulturkreativ.net). Noch ist diese auftauchende Kultur keineswegs manifest. Mit der Artikelreihe "Andere Welten – Auf der Suche nach der integralen Kultur" gehe ich deshalb der Frage nach, wie eine Welt aussehen könnte, die von den Kulturell Kreativen mitgeprägt wird, und suche nach Initiativen, die im Sinne dieses kulturellen Wandels handeln.
Neulich fielen mir nacheinander zwei Schriftstücke in die Hände. Eines erstand ich auf dem Flohmarkt: „Die grüne Wende“. In dieser mit Karikaturen reich illustrierten Science-Fiction-Satire stellt sich das Autoren/Zeichner-Paar mit viel Augenzwinkern vor, wie die damals noch junge grüne Partei im Zuge eines Atomunfalls an die Macht kommt und in dieser Position schnell das Gesicht der Nation verändert. (Das Buch erschien 1985 im Eichborn-Verlag, ein Jahr später ereignete sich der Super-GAU in Tschernobyl, doch sollte es weitere zwölf Jahre dauern, bis die Grünen tatsächlich zur Bundes-Regierungsverantwortung gelangten.) Wird man heute, nach fast vier Jahren Erfahrung mit rot-grüner Regierungspolitik, mit Dokumenten aus der Gründerzeit der Grünen Partei konfrontiert, die einem einen Einblick davon vermitteln, welcher Wille zur grundlegenden Veränderung des gesellschaftlichen Systems damals vorhanden war, so überkommt einen leicht eine gewisse Wehmut. Nach gerade einmal 20 Jahren scheint von der ehemaligen Systemkritik nichts mehr übriggeblieben zu sein. Bereits wenige Monate nach der Wahl 1998 ließen es die Grünen zu, dass amerikanische Flugzeuge von Deutschland aus der Gerechtigkeit in Serbien/Kosovo mit uranverseuchten Bomben auf die Sprünge halfen. Die Frage drängte sich auf, wie die Roten und „Oliv“-Grünen den Krieg wohl von der Oppositionsbank aus eingeschätzt hätten, ebenso den „Gegen-Terror- für-Öl-Krieg“ in Afghanistan zwei Jahre später. Dazwischen stand die Ratifizierung eines „Atomausstiegs“, der faktisch sämtliche Machenschaften der Atomindustrie, denen man jahrzehntelang Widerstand geleistet hatte, im Nachhinein legitimierte und der den reibungslosen Weiterbetrieb der AKWs für weitere dreißig Jahre festlegt. (Kein Wunder, dass die Atomlobby diesen „Ausstieg“ gegen die Drohung der Unionsparteien verteidigt, ihn nach einem Regierungswechsel wieder rückgängig machen zu wollen.) Weitere grüne Versuche, gegen den Willen großer Industriezweige das Dosenpfand oder eine minimale landwirtschaftliche Wende einzuführen, runden den Eindruck ab, dass eine tiefgreifende Veränderung der Verhältnisse auf parlamentarischem Weg nicht möglich zu sein scheint. Das wirtschaftlich-politische System hat offensichtlich die Macht, reformerische Strömungen binnen kurzem zu korrumpieren und sich „einzuverleiben“. Tucholski sagte vor vielen Jahren über die SPD: „Sie glaubten, sie seien an der Macht, dabei waren sie nur an der Regierung …“
Eine neue politische Initiative
Ich sagte, mir seien zwei Schriftstücke in die Hände gefallen. Nummer Zwei ist das Faltblatt einer Initiative, die eine europaweite spirituell-ökologisch-soziale Partei (SÖSPE bzw. „dynamik5“) gründen wollte. Ein Freund gab mir die Broschüre mit dem Hinweis, das Programm der Initiatoren weise eine erstaunliche Kongruenz mit den Werten und Zielen der „Kulturell Kreativen“ (nach Paul H. Ray) auf. Er hatte recht, doch war ich angesichts des angesprochenen Negativbeispiels der Grünen skeptisch, was den weiteren „Gang durch die Institutionen und Parlamente“ betrifft. Kann eine integrale Kultur auf rein politischem Weg erreicht werden, oder liegt die Stärke der noch undeutlichen kulturell-kreativen Bewegung nicht gerade in ihrem außerparlamentarischen Wirken? Sicherlich, die Veränderungen, welche die Welt dem Abgrund entreißen könnten, müssen letztlich (auch) auf der parlamentarischen Ebene stattfinden, und es erscheint durchaus sinnvoll, dass die Vertreter der integralen Kultur sich in einer Körperschaft zusammenfinden, um in der Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen zu werden. Doch ist die Zeit wirklich reif für eine Partei? Die der Bezeichung der geplanten Partei angehängte Ziffer 5 steht für die Quintessenz bzw. für die Spitze der Pyramide (Spiritualität), die das quadratische Fundament transzendiert, welches durch die Eckpunkte „solidarisch, politisch,ökologisch und europäisch“ gebildet wird. Initiator ist der Schweizer Gil Ducommun, der im Jahr 2000 dazu aufrief, die Partei dynamik5 zu gründen, sobald in mindestens drei europäischen Ländern eine relevante Mitgliederzahl prozentual zur Bevölkerung erreicht würde. Für die Schweiz wären dies rund tausend Mitglieder gewesen. Im Januar dieses Jahres machte nun eine Delegiertentagung in Innsbruck deutlich, dass der Mitgliederzuwachs in keinem Land den Erwartungen entsprach. So wurde das Projekt „Partei“ dynamik5 zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben. Die politischen Ziele aber sollen nun in einem „Gesellschaftsprojekt“ gleichen Namens angegangen werden. Bisher zählen die Ländergruppen Schweiz, Österreich, Deutschland und Italien zusammen knapp 500 Mitglieder. Die Abkehr vom Parteiprojekt wird jedoch nicht nur als strategischer Rückschlag, sondern vielmehr als Chance auf eine echte gesellschaftliche Relevanz interpretiert. Man habe nur das „Gefäß“ für die Inhalte gewechselt, die Inhalte selbst aber beibehalten.
Möglichkeiten der Politik
Was meint dynamik5 mit einer „auf spirituelle Ethik begründeten, liebevollen und solidarischen Kultur“? Am Anfang steht die Einschätzung, die gängige konventionelle Politik könne „die grundlegenden Probleme des 21.Jahrhunderts nicht mehr lösen. Sie ist zur blutleeren Verwalterin eines Systems geworden, das die Menschheit an den Rand des Abgrunds geführt hat.“ Viele Menschen fühlten sich angesichts einer Politik immer unwohler, die „zwar versucht, die Schäden in Grenzen zu halten und die schlimmsten Auswüchse des Systems zu kontrollieren, die aber letztlich der Entwicklung ständig nur hinterherläuft.“ Die Entkoppelung von Spiritualität und Politik durch die von Rationalität geprägte Aufklärung ist für dynamik5 Ursache der Probleme. Natürlich will man keine totalitäre politisch-religiöse Ideologie schaffen – dynamic5 steht vielmehr für das wertungsfreie Nebeneinander aller spirituellen Anschauungen. Der Mangel an spirituellen Aspekten in der Politik (und spirituell motivierter Politiker) gilt als Hauptgefahr eines Systems, das nicht mehr fragt, warum und für wen es existiert und produziert und das durch die Zerstörung der Lebensgrundlagen selbst irrational geworden ist. Spirituell motivierte Politik erscheint ultimativ humanistisch, da sie anerkennt, dass Mensch, Erde, Tier und Pflanze mehr als bloße Wirtschaftsfaktoren darstellen.
Dabei erscheint das Programm von dynamik5 keineswegs theoretisch „abgehoben“. Die Frage nach angemessener Wirtschaftsweise und sozialer Gerechtigkeit hat großes Gewicht. Es klingt heute schon radikal, wenn der europäische Sekretär Konrad Matter „eine lebensdienliche und nachhaltige Wirtschaftsordnung“ fordert, „in der nicht mehr Eigennutz und kurzfristige Profitmaximierung, sondern das langfristige Gesamtinteresse im Vordergrund stehen. (…) Ausgehend von einem Menschenbild, das den Menschen nicht bloß als Wirtschaftssubjekt und Konsumenten sieht, sondern als spirituelles Wesen, wird zwar die Notwendigkeit der materiellen Bedürfnisbefriedigung nicht geleugnet, aber gegenüber anderen, wesentlicheren Bedürfnissen relativiert. (…) Glück und Sinn werden letztlich auf einer anderen, nicht materiellen Ebene zuteil.“ Dynamic5 beruft sich nicht auf ein „New Age“, das sich quasi von alleine einstellt. Das Augenmerk gilt der immer größere Ungleichheit schaffenden kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die „überwunden“ werden müsse. Durch verschiedene gesetzgeberische Maßnahmen soll sich eine „regulierte, öko-soziale und transkapitalistische Marktwirtschaft“ durchsetzen: Die Konzentration des Besitzes bei einem Bruchteil der Bevölkerung soll abgebaut, die Einkommenslage langsam auf eine „ethisch vertretbare Proportion“ angeglichen werden. Durch schrittweise Vervielfachung der Rohstoff- und Energiepreise hofft man, dem Ideal einer ökologischen Kreislaufwirtschaft näherzukommen. Dynamik5 fordert für die Industriestaaten eine „materielle Gesundschrumpfung“ zugunsten eines „immateriellen Wachstums“. Freilich scheinen tiefgreifende Umverteilungsmaßnahmen nur dann sinnvoll, wenn sie in eine neue Kultur eingebettet sind, die „Solidarität viel mehr betont als Konkurrenz.“ Vorausgesetzt wird ein gesellschaftlicher Wandel, der u.a. auch eine „neue Technologie, Wirtschaft und Konsumweise hervorbringen wird“ und der auf den Werten einer spirituellen Ethik gründet. Konrad Matter: „Spirituell begründete Politik sieht jedoch nicht nur die Wirtschaftspolitik als Aktionsfeld. Die Wirtschaft steht im Vordergrund der Aufmerksamkeit, weil sie die moderne und globalisierte Gesellschaft durchdringt und prägt wie kein anderer gesellschaftlicher Bereich. Sie gibt den Takt der Entwicklung vor, ihre Logik zieht sich immer mehr durch alle Lebensbereiche. Deshalb muss die radikale Neuorientierung der Politik bei der Gestaltung einer neuen Wirtschaftsordnung ansetzen. Aber aus einer spirituell begründeten Ethik sind unter anderem auch Postulate zur Erneuerung der Bildungs-, Gesundheits- und Sozialpolitik abzuleiten, um nur drei innenpolitische Themen zu nennen. Auch eine spirituell begründete Außenpolitik, die vom Leitgedanken der Solidarität mit den Benachteiligten und des Weltföderalismus ausgeht, würde wesentlich andere Schwerpunkte setzen als die gängige Außenpolitik.“ Obwohl die Konzeptgruppen noch mit der Vervollständigung des Projektprogramms beschäftigt sind, liegen zu vielen Themen bereits konkrete Vorstellungen vor, u.a. zu Demokratie, Gleichberechtigung der Geschlechter, Energie, Umwelt, Frieden, Arbeit. Bei der Bildungs- und Gesundheitspolitik lautet der Schlüsselbegriff jeweils „Ganzheitlichkeit“. Ist es blauäugig, zu behaupten, dass zumindest in der Medizin bereits vielerorts ein Umdenken in Richtung eines ganzheitlichen Menschenbildes stattfindet? Vielleicht sollte grundsätzlich das „revolutionäre Potenzial“ von Krankheit nicht unterschätzt werden, bringt doch oft genug ein gesundheitliches Problem die Menschen erstmals dazu, einseitig materialistische Vorstellungen in Frage zu stellen. Auch in der Bildungspolitik existieren alternative Ansätze zum Lernen und zur gesellschaftlichen Wahrnehmung von Kindern.
Ein Punkt fällt bei dynamik5 besonders positiv auf: Die Mitglieder haben es sich zur Pflicht gemacht, die anvisierte „liebevolle Kultur“ bereits heute in der politischen Praxis vorwegzunehmen – in Umsetzung des Prinzips der „Anwesenheit des Ziels in den Mitteln“. In einem Papier heißt es: „Dynamik5 will auch eine neue politische Kultur pflegen, wo statt Konfrontation und Polarisierung Dialog und gegenseitiger Respekt geübt werden. Wir wollen nicht polemisieren und Feindbilder aufbauen, sondern durch bessere Argumente überzeugen. Es ist nicht die Absicht von dynamik5, gegen das heute vorherrschende System anzukämpfen, sondern es ausgehend von einer positiven Vision einer neuen, humanen und lebensdienlichen Ordnung umzugestalten.“ Hier wird deutlich, wie sehr dem konventionellen Politikbetrieb spirituell-psychologische Aspekte fehlen. Dynamik5 geht davon aus, dass eine Person, die durch Beobachtung der eigenen Psyche und der Prinzipien und Muster des Lebens zu einer grundsätzlichen Gelassenheit gelangt ist, in der Diskussion eher den Überblick bewahren und sein Gegenüber auch im Streit weiterhin als Menschen wahrnehmen kann. Die Vorstellung, dass in den Parlamenten einmal ein Geist herrschen könnte, wie er in den Leitgedanken zur Kommunikationskultur beschrieben wird, ist zu schön! Insofern ist es bedauerlich, dass das Parteiprojekt vorerst auf Eis gelegt wurde, denn die etablierten Parteien könnten sich in punkto Streitkultur einige Scheiben von dynamik5 abschneiden. (Das Grundsatzpapier zu Gruppenarbeit und Konfliktlösung ist, wie eine Reihe weiterer lesenswerter Materialien, im Internet unter der Adresse www.dynamic5.org/org/deutsch/ziele_d/frame_ziele_d.html abrufbar.)
Vision von einer menschlichen Politik
Folgen wir der Vision von dynamik5, so würden unsere Volksvertreter folgenden Kriterien entsprechen:
Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Kohärenz von Wort und Tat, Verlässlichkeit, Mut, Herzlichkeit und Humor;
Fachkompetenz, gute Kommunikationsfähigkeit;
spirituelle Praxis im Alltag; gereifte, nicht aggressive Person; dazu gehört auch, dass diese Menschen ihren Standpunkt aus Hingabe an die Sache und nicht aus Eigeninteresse vertreten;!Fähigkeit, zuzuhören;
Grundhaltung des Respekts und Mitgefühls.
Die Frage ist, ob und wann sich genügend Menschen finden, die diesem hohen Ideal genügen. Der Anspruch wird jedoch gleich relativiert: „Wir erwarten nicht Übermenschen, aber Persönlichkeiten, mit denen es gelingen kann, sich nicht in ‚endlose Diskussionen‘ zu verwickeln, in der Sache klar zu bleiben und im Konfliktfall den Weg der Versöhnung zu gehen.“
Besonders erwähnenswert erscheinen mir außerdem die folgenden Punkte:
„Zur Schau gestellte Spiritualität stört. Man trägt sie besser nicht nach außen, aufgesetzt wie ein Make-up oder ein Parfum. Spiritualität gehört in die gewöhnliche Welt, zum Alltag, fällt nicht auf.“
„Frieden: Der Krieg mit der Natur und den Mitmenschen hört erst auf, wenn wir mit uns selbst Frieden geschlossen haben. Achtung vor den/dem anderen ist verbunden mit Achtung vor sich selbst.“
„Wir meiden niemanden: Wir nehmen andere Menschen und Organisationen so wie sie sind. Wir nehmen auch mit Personen/Institutionen Kontakt auf, bei denen wir Ablehnung verspüren (in uns oder bei ihnen).“
Die im Internet zugänglichen persönlichen Berichte über die Atmosphäre auf Tagungen von dynamik5 erwecken den Eindruck, als würden die selbstauferlegten Prinzipien dort durchaus beachtet. Wen will dynamik5 ansprechen? Zunächst einmal wird Wert auf die Tatsache gelegt, dass das Projekt mit keiner „kirchlichen, religiösen Organisation, keiner Konfession oder Sekte verbunden“ ist. Noch einmal Konrad Matter: „Ziel ist es, dem sich ausbreitenden neuen Bewusstsein, das den trennenden und ausschließenden Denkmustern von gestern ein ganzheitliches Menschen- und Weltbild entgegensetzt, ein politisches Gefäß bereitzustellen.“ An anderer Stelle heißt es: „dynamik5 verbindet Menschen, welche zu dem Schluss gekommen sind, die großen sozialen, ökologischen und politischen Probleme ließen sich innerhalb dieser Denkweise und Wirtschaftsordnung nicht lösen, nach dem Motto von Einstein: ‚Man löst die Probleme nicht mit den Denkweisen, die zu ihnen geführt haben‘. Innerhalb dieses Stromes von suchenden Menschen möchte dynamik5 diejenigen ansprechen, welche eine tiefgreifende Erneuerung unserer materialistischen Kultur anstreben und dabei der spirituellen Dimension, der spirituellen Ethik großes Gewicht beimessen.“ Das Gesellschaftsprojekt dynamik5 soll so zu einer „breiten Koalition spiritueller Menschen werden, die sich politisch artikulieren wollen.“
Sind Spiritualität und Politik vereinbar?
Dabei wird durchaus auch laut über die Frage nachgedacht, inwieweit Spiritualität, „der stille Weg nach innen“, und Politik, „das laute Geschrei des Marktplatzes“ überhaupt miteinander vereinbar sind. Doch die Erfordernisse unserer Zeit führen eben zu dem Schluss, dass „nach der Befreiung der unterdrückten Vernunft“ im Zuge der Aufklärung „und der Übertreibung der Vernunft im einseitigen Rationalismus nun die Zeit der Integration gekommen ist: Die verdrängte Spiritualität soll auf einer höheren Bewusstseinsstufe, in einer Synthese zwischen Vernunft und Religion, wieder voll zur Geltung kommen.“ Tatsächlich scheint ein solcher Schritt unumgänglich zu sein, wenn wir die gegenwärtige globale Krise überstehen wollen. Ich habe erwähnt, dass dynamik5 offensichtlich weitgehend kulturell-kreative Vorstellungen vertritt; allerdings findet sich auf der Homepage nirgendwo ein Verweis auf die ermutigenden Ergebnisse der Studie von Paul H. Ray. Stattdessen wird an einer Stelle die Größe des potenziellen Zielpublikums „mit vielleicht 2 bis 5 Promille der europäischen Bevölkerung“ eingeschätzt. Dies erscheint angesichts der in Amerika ermittelten Quote an Kulturell Kreativen sehr gering. (Aufschluss über die tatsächliche Zahl der europäischen Kulturell Kreativen wird demnächst eine länderübergreifende soziologische Studie geben, die derzeit auf Initiative des Club of Budapest vorbereitet wird.) Gegen die eingangs angesprochene Gefahr, dass eine politisch tätige Gruppierung im Laufe der Zeit die ursprünglichen Prinzipien aus den Augen verliert oder gar zum Fundamentalismus tendiert, will sich dynamik5 so schützen: Eine aus bekannten Persönlichkeiten bestehende Kommission soll die Geschicke des Projektes über die Jahre „aus der Distanz“ heraus beobachten und gegebenenfalls intervenieren und den Alarmknopf drücken. Bleibt zu hoffen, dass das Gesellschaftsprojekt dynamik5 ein entsprechend kritisches Alter und die erhoffte gesellschaftliche Relevanz erreicht. Die Zeit scheint jedenfalls reif für eine neue Kultur! ´
dynamik5
Beweggründe und Ziele
1. Im Hinblick auf die Bedürfnisse der ganzen Welt und die Lebensqualität aller ihrer Bewohner strebt dynamik5 eine grundlegende Neuorientierung der Gesellschaft an. Der gegenwärtige Entwicklungspfad der Weltgesellschaft, in deren Zentrum die auf Eigennutz und exponentielles Wachstum ausgerichtete Wirtschaft steht, hat uns die gegenwärtigen sozialen und ökologischen Probleme unerhörten Ausmaßes beschert. Wenn der Trend nicht umgekehrt wird, führt diese Entwicklung zu noch schwerwiegenderen Zerstörungen an Menschen und Natur.
2. Dieser selbstzerstörerische Pfad kann durch bloße Korrekturmaßnahmen nicht umorientiert werden; die Eigendynamik der vom Primat der Politik befreiten Wirtschaft, die nur noch der Logik des maximalen Profits folgt, ist zu stark. Die bisherigen Bemühungen, die Missstände und Auswüchse des herrschenden Systems zu korrigieren, z.B. in der Entwicklungszusammenarbeit, in der Sozialarbeit oder in der Umweltpolitik, haben zwar einige der schwerwiegendsten Probleme gemildert, aber nicht nachhaltig beseitigt. Die Politik der nachträglichen Korrekturen und der Heilung von Wunden ist zweifellos ein Gebot der Menschlichkeit und in ihrer Notwendigkeit unbestritten; zur Beseitigung der Ursachen genügt sie jedoch nicht.
3. dynamik5 schlägt deshalb ein neues Gesellschaftsprojekt vor, das anstelle der Profitmaximierung und des Eigennutzes neue Werte setzt: das Gemeinwohl und eine lebensdienliche, auf qualitatives statt quantitatives Wachstum ausgerichtete Wirtschaft. Unter Gemeinwohl verstehen wir nicht nur das Wohl aller Menschen, sondern aller Lebewesen, der gesamten Natur. Alle haben sie das Recht auf Entfaltung. Das bedeutet aber in einer endlichen Welt Beschränkung der materiellen Ansprüche der Menschen vor allem in den reichen Industrieländern, die nicht auf Kosten der Mitmenschen, der Mitgeschöpfe und der ganzen Erde gehen kann. In einem endlichen System ist unendliches Wachstum unsinnig. Der globalen Bedrohung muss durch eine globale und ganzheitliche Ethik begegnet werden.
4. Die Lebensqualität der Menschen hängt nicht allein von der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse ab. Natürlich sind die materiellen Grundlagen der Gesellschaft, die Produktion und Verteilung von Gütern und Leistungen, unentbehrlich. Aber über die materielle Basis hinaus hat der Mensch wesentlich immaterielle Bedürfnisse: Geborgenheit, Anerkennung, Erfüllung in Beruf und Freizeit, Respektierung seiner Menschenrechte, Schönheit usw. Diese Werte sind zu einem erfüllten Leben genauso notwendig wie die materiellen Güter, aber sie sind nicht käuflich und deshalb nicht relevant für ein materialistisches Gesellschaftssystem, das alle Dinge und Beziehungen nur unter dem monetären Aspekt betrachtet.
5. Der Mensch ist nicht nur ein körperliches und psychisches, sondern auch ein geistiges Wesen. Zu seiner Erfüllung strebt er nach Transzendenz, nach der Ganzheit, die über sein individuelles Dasein hinausführt. Die Anerkennung der spirituellen Dimension als eines Wesenselementes der menschlichen Natur ist einer der Grundpfeiler der neuen Ethik, die dynamik5 als Richtschnur des Handelns, auch des politischen Handelns, gewählt hat. Unter Spiritualität verstehen wir nicht die Bindung an ein bestimmtes Bekenntnis, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft. Sie ist Ausdruck der ewigen Suche des Menschen nach der Findung seiner selbst, nach der Verwirklichung seines Wesens, die in den verschiedenen Religionen ihre jeweilige historische und kulturelle Ausprägung gefunden hat. Achtung jeden religiösen Ausdrucks und Toleranz gegenüber allen Bekenntnissen ist deshalb das Merkmal einer so verstandenen Spiritualität.
6. Die Verdrängung der Spiritualität - der religiösen Sphäre - durch die Ratio im Zuge der Aufklärung ist als Reaktion gegen die Bevormundung durch die damalige totalitäre Form der Religion verständlich, hat aber zu einer Verarmung der menschlichen Erfahrung geführt. Nach der Befreiung der unterdrückten Vernunft und der Übertreibung der Vernunft im einseitigen Rationalismus ist nun die Zeit der Integration gekommen: die verdrängte Spiritualität soll auf einer höheren Bewusstseinsstufe, in einer Synthese zwischen Vernunft und Religion, wieder voll zur Geltung kommen.
7. Wir anerkennen die zivilisatorischen Errungenschaften der Moderne: die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte, den demokratischen Rechtsstaat, die Emanzipation der Frau in einer gleichberechtigten partnerschaftlichen Beziehung der Geschlechter; auch die Fortschritte in Wissenschaft und Technik. Diese Errungenschaften stehen aber allen Menschen zu, nicht nur einem geringen Teil der Weltbevölkerung auf der nördlichen Halbkugel; und die Rechte und Ansprüche der Menschen als eines Teils des Planeten finden ihre Grenzen im Respekt vor allem Geschaffenen; der Anthropozentrismus, der den Menschen in den Mittelpunkt der Schöpfung stellt, ist eine historisch überholte Sichtweise. Die bisherigen zivilisatorischen Leistungen sollen übernommen werden im neuen Gesellschaftsprojekt, das jedoch seine Perspektive ausweitet zu einer umfassenden Sicht, die zur Solidarität mit allen Mitmenschen und allen Mitgeschöpfen verpflichtet.
8. Das heutige Wirtschaftssystem unterliegt einer unsinnigen und zerstörerischen Eigendynamik: Immer mehr und immer schneller. Sein Motor sind Eigennutz und Profitmaximierung ohne Rücksicht auf die sozialen und ökologischen Folgen. Im herrschenden Zinsmechanismus liegt der Zwang nach kontinuierlichem Wachstum. dynamik5 plädiert für eine neue lebensdienliche Wirtschaftsordnung, die unkontrollierte und ungehemmte private Besitzanhäufung und Machtkonzentration sowie das ungebremste Wirtschaftswachstum unterbindet. Wirtschaft ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zur Sicherung eines materiellen Mindeststandards für alle Menschen.
9. dynamik5 will die Neuorientierung auf demokratischem Weg durch Mehrheitsbeschlüsse erreichen. Nur wenn die Mehrheit der Menschen zur Einsicht gelangt, dass es so nicht mehr weitergehen kann wie bisher, und für sich selber die Konsequenzen zieht in ihrem Verhalten, kann auch eine politische Veränderung stattfinden. Das neue Bewusstsein und die neue Ethik müssen in jeder Frau und jedem Mann heranwachsen. dynamik5 will die öffentliche Diskussion dazu anregen; sie will den Menschen, die als Einzelne bereits die Notwendigkeit von Veränderungen erkannt haben und danach handeln, Mut machen und sie auffordern, ihre innere Überzeugung auch politisch zu artikulieren. dynamik5 will auch eine neue politische Kultur pflegen, wo statt Konfrontation und Polarisierung Dialog und gegenseitiger Respekt geübt werden. Wir wollen nicht polemisieren und Feindbilder aufbauen, sondern durch bessere Argumente überzeugen. Es ist nicht die Absicht von dynamik5, gegen das heute vorherrschende System anzukämpfen, sondern es ausgehend von einer positiven Vision einer neuen, humanen und lebensdienlichen Ordnung umzugestalten.
10. Zur Erreichung dieser Ziele will dynamik5 eine europaweite politisch-spirituelle Bewegung ins Leben rufen. Zur Zeit bestehen bereits Strukturen in der Schweiz, in Deutschland, Österreich und Italien. Die nationalen Vereine sind in der Europäischen Föderation dynamik5 zusammengeschlossen, die ein Sekretariat in Bern unterhält. Die Finanzierung wird aus Spenden und Mitgliederbeiträgen bestritten.
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