Modelle für zukunftsfähige Gemeinschaften
Auf der Suche nach neuen Gesellschaftsformen müssen wir den Blick in alle Richtungen hin schweifen lassen. Wir suchen Alternativen zur heutigen patriarchal geprägten Lebenswirklichkeit und sehen, wie deren Muster überall subtil wirken. Die Arbeit von Heide Göttner-Abendroth kann hier ein Wegweiser im Dickicht sein.
Mit Freude und Dank nehme ich die Einladung an, in KursKontakte/eurotopia eine Serie zu den Ergebnissen der modernen Matriarchatsforschung zu schreiben. Der Schwerpunkt dabei ist zu zeigen, dass dieses Wissen keine geringe Relevanz für die Bildung und Weiterentwicklung neuer Gemeinschaften hat und dass darin ein neuer Gesellschaftsentwurf steckt. Vielleicht mag es seltsam anmuten, dass ich dies als Außenstehende unternehme, denn ich bin derzeit kein Mitglied einer Gemeinschaft, denen ja diese Zeitschrift unter anderen als Austauschforum dient. Doch kann diese Situation auch ein Vorteil sein, denn ich bin auf diese Weise in keine spezielle Perspektive der einen oder anderen Gemeinschaft involviert. Ich darf jedoch sagen, dass ich mit großer Achtung und großem Respekt mitverfolge, wie Menschen heute das „Abenteuer Gemeinschaft“ wagen und mit allen Fasern ihres Herzens dabei neue Erfahrungen machen. Ich halte diese Erfahrungen grundsätzlich für zukunftsweisend, ob sie nun aus dem Gelingen oder dem Scheitern hervorgehen. Denn die Zerstörung der menschlichen Sozialformen, die heute insbesondere durch die so genannte Industrialisierung weltweit abläuft, bis hin zur Atomisierung der Gesellschaft in vereinzelte und vereinsamte Menschen jeden Alters, bietet keine Zukunft. Damit zerstört sich jede Gesellschaft ihre Lebensbasis tatsächlich selbst. Doch nicht nur aus theoretischen Gründen stehe ich den neuen Gemeinschaften nahe, sondern mir ist auch praktisch Freud und Leid von gemeinschaftlichem Leben bekannt. Aufgewachsen in einem traditionellen Clan, dessen Mitglieder sich über die ganze Kleinstadt verteilten, gründete ich später eine eigene Familie, die drei Generationen umfasste. Jenseits dieser blutsverwandten Muster wagte ich später das Experiment einer Frauengemeinschaft. Sie zerbrach nach einigen Jahren, doch die Erfahrungen, die ich daraus mitnahm, sind mir äußerst wertvoll.
Diese theoretischen Überlegungen und praktischen Erfahrungen lassen mich mit Spannung und Sympathie mitverfolgen, was neue Gemeinschaften heute an Ideen, Visionen und Praxismodellen entwickeln. Mit größtem Interesse begleite ich ihre Problemstellungen und Problemlösungen, versuche sie so genau wie möglich zu verstehen und bin dankbar dafür, wo mir Einblicke gewährt worden sind. Deshalb ist es mein Anliegen, mit dieser Serie in KursKontakten zu den Problemstellungen und Problemlösungen in Gemeinschaften beizutragen.
Warum Matriarchatsforschung?
Die moderne Matriarchatsforschung, deren Begründerin ich in dreißig Jahren Forschungs- und Öffentlichkeitsarbeit geworden bin, ist nicht irgendeine nebensächliche, exotische Erscheinung. Im Gegenteil: Sie fördert ein Wissen von nicht-patriarchalen, grundsätzlich egalitären gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Mustern ans Licht, das wir in dieser global destruktiven Phase des Spätpatriarchats dringend brauchen. Denn Matriarchate waren in ihrer langen geschichtlichen Epoche und sind in ihren letzten, heute noch existenten Beispielen Gesellschaften, die ohne Herrschaft, ohne Hierarchie und ohne kriegerische Veranstaltungen als organisiertes Töten ausgekommen sind. Sie kennen insbesondere keine Gewalt gegen Frauen und Kinder, von der die patriarchalen Gesellschaften auf der ganzen Erde randvoll sind. Ihre gesamte soziale und geistige Kultur beruht auf dem Grundsatz, dass die Menschheit aus Zwei besteht, aus zwei gleichwertigen Geschlechtern. Davon sind die patriarchalen Denker und leider auch die neuen Kulturphilosophen weit entfernt. Denn bei ihnen werden universelle Gedanken für die ganze Menschheit formuliert, die jedoch aus männlichen Lebensentwürfen und Weltvorstellungen stammen. Auf diese Weise wird die Frau unsichtbar gemacht, denn stillschweigend oder unbewusst setzt sich der Mann als Norm, demgegenüber die Frau – falls sie überhaupt vorkommt – nur als die Abweichung und angehängte Nebensache erscheint. Diese Fakten und Einsichten als Forschungsergebnisse haben mich – trotz aller Anfeindungen, die ich wegen dieses Themas ständig erlebe – meine Arbeit jahrzehntelang weiterführen lassen. Es war diese Forschung selbst, die mich mehr und mehr dahin führte, dem Wissen von matriarchalen Gesellschaftsmustern für uns heute und für die Zukunft einen hohen Stellenwert beizumessen. Die matriarchale Gesellschaftsform ist, im Gegensatz zu vielen Gesellschaftsentwürfen, keine abstrakte Utopie. Solche Utopien haben in der menschlichen Geschichte niemals funktioniert. Die matriarchale Gesellschftsform ist die über die längsten Zeiträume der Kulturgeschichte gelebte, praktische Erfahrung und gehört damit zum unverzichtbaren kulturellen Wissensschatz der Menschheit. Es gibt in ihr sehr konkrete und detaillierte Regeln, wie das Zusammenleben bedürfnisorientiert, friedlich, gewaltfrei, das heißt schlicht human, organisiert werden kann. Diese Regeln sind keineswegs ein naiv-naturwüchsiges Produkt, sondern stellen eine bewusste Kulturschöpfung dar. Ich präsentiere sie hier in aller Kürze.
Was ist ein Matriarchat?
Ich gebe nun die Definition, was matriarchale Muster auf den vier Ebenen der Gesellschaft sind: auf der ökonomischen Ebene, auf der sozialen Ebene, auf der politischen Ebene und auf der Ebene der Spiritualität und Kultur.
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Lesen Sie den ganzen Artikel und auch die anderen fünf Beiträge von Heide Göttner-Abendroths Serie zu neuen matriarchalen Lebensentwürfen in ihrem neuen Buch „Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft – Prinzipien und Praxis der Matriarchatspolitik“ (Drachen Verlag Klein Jasedow 2008, ISBN 9783927369337, 112 Seiten, 12 Euro). Im Anschluss an die Beiträge ist hier auch die Diskussion über Göttner-Abendroths Vorschläge zwischen ihr und einer Reihe von LeserInnen wiedergegeben, unter anderem mit dem Verleger Johannes Heimrath, dem Philosophen Jochen Kirchhoff und der Matriarchatsforscherin Carola Meier-Seethaler.
Bestellen Sie das Buch bequem über die Seite des Drachen-Verlags:
http://www.drachenverlag.de/books/editions/books_483c0c7e0c534.html
Aus dem Klappentext:
„Die Philosophin Heide Göttner-Abendroth ist als profunde und scharfsichtige Kritikerin des Patriarchats bekannt. Ihre mehr als dreißigjährige Forschungsarbeit und zahlreiche Publikationen machten sie zur Begründerin der modernen Matriarchatsforschung. Sie organisierte die ersten Weltkongresse für Matriarchatsforschung: 2003 ‚Gesellschaft in Balance‘ in Luxemburg und 2005 ‚Societies of Peace‘ in Texas, USA. Heide Göttner-Abendroth wurde im Rahmen der weltweiten Initiative ‚1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005‘ nominiert.
‚Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft‘ ist ein matriarchaler Lebensentwurf, der helfen will, das patriarchale Gesellschaftsmodell abzulösen.
‚Am Anfang die Mütter‘ – so übersetzt Heide Göttner-Abendroth den Terminus ‚Matriarchat‘. Aus dem mütterlichen Prinzip des Lebensschenkens, dem Frauen und Männer gleichermaßen dienen, entwickelt sie das Bild einer Kultur, die Kreisläufe an die Stelle linearen Fortschritts setzt, die eine Ökonomie des Schenkens statt Ausbeutung und Gewinnmaximierung anstrebt und die von Würde, gegenseitigem Respekt der Geschlechter und Lebensalter sowie der Heiligung allen Lebens getragen ist. Die Besinnung auf die Weisheit matriarchaler Kulturen der Welt, von denen einige bis heute in Frieden und ausgeglichenem Wohlstand existieren, führt zu einer Gesellschaft in Balance, die auf die Kraft und Intelligenz von Gemeinschaften baut. Viele Menschen suchen heute nach Möglichkeiten, lebensfördernd zu wirken. Heide Göttner-Abendroths Entwurf einer matriarchalen Politik ist dafür ein wichtiger Wegweiser.“
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